Der Ätna

Der Ätna ist mit 3323 Metern der höchste Vulkan Europas und ein mythischer Berg, dessen Verwandte der Teide auf Teneriffa und der Fuji auf Japan sind. Auf unserer Sizilien-Reise nahmen wir uns einen Leihwagen und fuhren auch hoch zum Ätna, aber er zeigte sich uns nicht richtig.

Der Blick nach unten auf das Land und die Küste war begeisternd, aber der Berg selbst hüllte sich in Wolken, und obzwar wir mit der Gondel bis auf 2500 Meter hochgefahren waren, wussten wir nicht, wie und wo der Ätna war; nur dichte Wolken trieben umher, immerhin schien die Sonne durch. 

Die Mütter, gefasst bei der Auffahrt

Wenn man den Ätna erwähnt oder Taormina, erinnern sich manche an ein Bild: das antike griechische Theater, dahinter der schneebedeckte Ätna, diese Mutter aller sikulischen Berge bei den Griechen, und im Vordergrund das blaue Meer. Diese Komposition ist überwältigend (wenn man sie sieht).  

Ich hatte zufällig den Heinrich von Ofterdingen von Novalis dabei gehabt, ein Romanfragment, das der junge Dichter bei seinem Tod 1800 hinterließ. Erst jetzt, nach der Rückkehr, las ich staunend die letzten beiden Seiten. Der Arzt Sylvester erzählt Heinrich, dem jungen Helden des Buches: 

Mich hat die Beschäftigung mit der Natur dahin geführt, wohin Euch die Lust und Begeisterung der Sprache gebracht hat. Kunst und Geschichte hat mich die Natur kennen gelehrt. Meine Eltern wohnten in Sizilien unweit dem weltberühmten Berge Aetna. Ein bequemes Haus von vormaliger Bauart, welches verdeckt von uralten Kastanienbäumen dicht an den felsigen Ufern des Meers, die Zierde eines mit mannigfaltigen Gewächen besetzten Gartens ausmachte, war ihre Wohnung. (…) Der Ruf meines Vaters, den er sich als ein geschickter Sterndeuter zuwege brachte, zog ihm zahlreiche Anfragen, und Besuche, selbst aus entlegenern Ländern, zu, und da das Vorwissen der Zukunft den Menschen eine sehr seltne und köstliche Gabe dünkt, so glaubten sie ihre Mitteilungen gut belohnen zu müssen, so dass mein Vater durch die erhaltnen Geschenke in den Stand gesetzt wurde, die Kosten seiner bequemen und genussreichen Lebensart hinreichend bestreiten zu können.

So endet das Fragment. Ein Traum, freilich: mit ein bisschen Zukunftsdeutung bequem in einer himmlischen Landschaft leben zu können. Die Deutschen waren immer auf der Suche nach ihrer Traumwelt, ob es Rom war, Athen, Capri oder Taormina. Novalis kam ja nicht aus Deutschland heraus, aber Goethe hatte vom Ätna berichtet, und ein paar Gemälde gab es. Die Pilgerzüge zum Ätna setzten erst später ein.

Tourismus am Ätna

Otto Friedrich Geleng, ein deutscher Maler, der von 1843 bis 1939 lebte, also ein biblisches Alter erreichte, machte mit seinen Bildern in Paris Taormina bekannt und legte den Grundstein zum Tourismus. Von 1772 bis 1782 war Geleng sogar Bürgermeister von Taormina, durch das sich heute von Mai bis Ende September wahre Heerscharen drängen. 

Bei La Repubblica war zu lesen, dass sich die Bewohner von Genua und umliegenden Dörfern beklagen, weil dort täglich 30 Busse 1500 Passagiere von Kreuzfahrtschiffen dort abladen, die sich in die Gassen und auf die Plätze der malerischen Orte ergießen. Gleiches war über Bamberg zu hören, das von Bussen mit amerikanischen Flusskreuzfahrttouristen heimgesucht wird. Dieser Tourismus ist eine Vorhölle.

Plötzlich steht man eingekeilt von Menschen in der Abflughalle von Catania, dann wird in großer Hektik das Handgepäck kontrolliert, und weiter geht es durch Gänge zum Gate, wieder warten, dann rein in die Maschine und später wieder raus aus der Maschine, in Rom (man muss glauben, in Rom zu sein, nichts erinnert daran, es könnte auch eine Fiktion sein, eine Kulisse, ein Flughafen sieht aus wie der andere, aber ist dieses Leben nicht ein seltsamer Traum?), und wieder kilometerweit durch Gänge zum nächsten Schalter, und so verpassten wir unser Flugzeug und saßen ein paar Stunden später, fast zu eigenen Überraschung, auf dem Flughafen Charles de Gaulle, Paris, herum (wo auch nichts an Paris erinnerte, ein Nicht-Ort, ein Umsteigebahnhof nach Nirgendwo). 

Poetisch war’s schon, als die Maschine hinausrollte zur Landbahn und wir die Markierungen sahen, Schnüre aus grün leuchtenden Perlen hin zum Horizont. Meine Mutter schimpfte: Wenn er (der Pilot) endlich starten würde, käme sie endlich ins Bett; wir mussten lachen, so grotesk war das, meine Mutter (im Bild: verärgert) im Flugzeug in Paris vor dem fünften Flug ihres Lebens, und diese Bemerkung, als säße sie in der Bahn von Staufen nach Bad Krozingen.

 

 

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