Tod am Chomolungma

Der höchste Berg der Erde hieß bei den Engländern Peak XV (Gipfel 15), bis er 1857 nach dem Obersten Landvermesser Indiens, Sir George Everest (1790-1866), benannt wurde. Der neue Film Everest handelt aber nicht von dessen Leben, sondern vom Kampf zweier Expeditionen ums Überleben dort oben in der Todeszone.

Der Everest wird in Nepal Sagarmāthā genannt, in Tibet Chomolungma (oder Qomolangma), nach der Muttergöttin Erde. Schon um 1720 ist die erste Namensnennung bezeugt. Die Engländer, die damalige Kolonialmacht in Indien, verleibten sich den Berg durch ihre Namensgebung sozusagen ein.

Die Teilnehmer der Expeditionen in dem Film von Balthasar Kormákar  (Trailer hier) sind überwiegend weiße männliche Amerikaner, die sich in diese eingekauft haben (genannt wird die Summe von 65.000 Dollar). Dass Hollywood-Filme immer zu 80 Prozent mit weißen männlichen Amerikanern zwischen 20 und 40 Jahren besetzt sind, ist irgendwie normal. 10 Prozent sind Frauen, 10 Prozent Black Americans. Im Everest gibt es auch ein paar Einheimische. (Illustration: Blick auf die Bergwelt am Säntis, 2500 Meter)

Seit Rob Hall 1992 damit angefangen hatte, Klienten auf den Berg zu bringen und sicher herab, kam es zu einem Run zum Chomolungma mit Müllhalden, wo Basislager standen, und Staus am Hillary-Step. Tourismus ohne Gnade, auch da! Scott Fisher hatte eine zweite Amateur-Expedition hochgeführt. Seit der Erstbesteigung 1953 (durch Sir Edmund Hillary und Tensing Norgay) hatten sich nur Profis an den Berg gewagt.

Expedition am Moun Rainier, Washington. Stereobild von 1906 (Library of Congress, Washington D. C.)

Am 10. Mai 1996 sollte es zum Gipfelsturm kommen. Auf dem Everest gestanden zu sein, ist die höchste Weihe. Lebe deinen Traum, heißt es überall, tu das Unmögliche, du kanst alles, aber das sollte man tunlichst nicht wörtlich nehmen. Manchmal sind diese Träume nicht einmal eigene Träume, sondern man lässt sie sich von den Massenmedien einreden oder sie entsprechen dem Geist der Zeit, und den Geist dieser Zeit zeichnet aus, dass er geistlos ist.

Da gibt es immer Leute, die ein Sabbatjahr nehmen (ein Jahr unbezahlte Ferien) und dann mit dem Rad von Zürich in die Mongolei fahren möchten oder zu Fuß Grönland durchqueren. Nichts gegen so ein Projekt, aber sagt etwa jemand, er möchte die indischen Veden studieren oder die Werke von Kierkegaard und Wittgenstein verstehen? Dafür nimmt niemand ein Jahr Auszeit.

Die Frage nach dem Warum kommt in dem Film vor, wird gestellt – durch Jon Krakauer, den Autor (verkörpert durch einen Schauspieler), dessen Buch Into thin Air als Vorlage des Films diente und der damals dabei war. Doug, ein Postbote und Gelegenheitsarbeiter, sagt, ein durchschnittlicher Typ wie er könne damit etwas Ungeheures vollbringen und Vorbild für andere sein. Die Gesellschaft des Spektakels hieß 1967 ein einflussreiches Buch von Guy Debord, und 50 Jahre danach kann man dieses Schlagwort noch gut verwenden.

Krakauer sagte erst im August der Huffington Post, es sei ein Fehler gewesen, auf den Everest gestiegen zu sein. Noch Jahre danach habe er sich traumatisiert gefühlt und unter Panikattacken gelitten. Man solle sich sorgfältig überlegen, ob man das wolle (irrtümlich hatte ich gschrieben solle sich sorgfältig überleben …)  . Rob Hall sagt zu Beginn des Films in einer Ansprache an die Teilnehmer, der Mensch sei nicht dazu gemacht, »auf der Flughöhe einer Boeing 747« zu funktionieren; er sterbe dort oben Stück für Stück und müsse vom Gipfel wieder herunten sein, bevor er vollends stürbe.

Die Qualen werden deutlich. Man leidet mit. Die 3D-Aufnahmen lassen einem keinen Ausweg: Man ist mitten drin. Everest ist ein packender Film, der es wert ist, gesehen zu werden. Die letzte Einstellung zeigt einen erfrorenen Bergsteiger auf 8000 Metern Höhe, oberhalb der gleißenden weißen Bergwelt. Die Körper vieler Bergsteiger konnten nie geborgen werden. Sie liegen dort, vom Eis aufbewahrt für alle Zeiten.

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