Leiden im Licht

Ende September erschien die Biografie der Schweizer Turnerin Ariella Kaeslin, die in ihrem Land als »Turnschätzli der Nation« bezeichnet wurde. Der Weg zum Star, zum nationalen Schatz war entbehrungsreich und qualvoll, und in Leiden im Licht hat sie das aufgerollt. Leider ist ihre Geschichte kein Einzelfall.

Mit 14 kam Kaeslin in das Sportförderzentrum Magglingen. Die Neue Zürcher Zeitung fasste zusammen: » Es gibt nur noch Schule und Training, die tausendfache Wiederholung der Übungen, das erdrückende Korsett der immergleichen Tage. Einen Trainer, der die Mädchen «fette Kuh» nennt, Hungern, Entwürdigung, die Routine des Leidens. Der Drill bricht die Identität von Kaeslin.« Sie erzielt Erfolge, zahlt aber mit Depressionen und Magersucht dafür. 2011, mit 24 Jahren, hörte sie mit dem Leistungssport auf.

Andere Sportlerinnen in Leichtathletik oder im Kanusport werden ähnliche Erfahrungen kennen. Es dauert Jahre, bis man sich an die Spitze vorgearbeitet hat. Sport ist ja schön, und gerade Turnen erinnert an den Tanz, der, wie etwa Isadora Duncan (1879-1929, im Bild rechts) gezeigt hat, etwas »nicht von dieser Welt« sein kann … doch die schematischen mechanischen Bewegungsabläufe im olympischen Turnen, die Wucht und Kraft ausdrücken, sind genau das Gegenteil. Die Leistungsgesellschaft hat triumphiert: Der Leistungssport ist ihr Spiegel, und der Fußball ihr Lieblingskind. Schon 1978 hielt Brigitte Berendonk einen Vortrag über die Brutalisierung im Frauensport und sagte: » Ein sehr viel schwerwiegenderes Problem ist natürlich der Kinder-Leistungssport, der besonders bei den Mädchen in einigen Disziplinen (Schwimmen, Turnen, Eiskunstlauf) die Regel geworden ist. Über die sozialen, psychischen und medizinischen Probleme dieser breitangelegten Drill-Aktionen, bei denen ja bestenfalls nur ein Mädchen von tausenden den Supererfolg erzielen kann, der solchen Kindheitsverlust und solchen Zwang – nach der Meinung vieler Leute – rechtfertigen könnte, ist schon viel geschrieben worden …«

Ein Aspekt dieser Kinderdrills sei die irreversible Manipulation von Mädchen, die darin bestehe, dass durch Gabe hoher Östrogendosen das pubertäre Größenwachstum gehemmt wird, was in den betreffenden Disziplinen eine Karriere verlängere, ja oft erst ermögliche. 10.000 Sportler wurden zwischen 1970 und 1989 in der DDR mit Anabolika gedopt. Bis Ende 2005 wurden 194 Sportlerinnen und Sportler nach dem Doping-Opfer-Hilfe-Gesetz von 2002 als Dopingopfer anerkannt.

Auf cycling4fans gibt es viel darüber zu lesen; diese verdienstvolle Internetseite hat sich dem Doping gewidmet und gibt auch den Opfern viel Raum. In unserer freien Gesellschaft ist der Leistungssport ein großes Ding. Fußball, Formel eins, Leichtathletik … wer in der ersten Garnitur steht und im Fernsehen ist, hat Jahre der Qualen hinter sich. Wofür das alles? Wozu Leistungssport? Geld und Ruhm für wenige Jahre, wenn überhaupt, ja, was soll das? 99 Prozent landen in der Anonymität und sind hinterher meist kränker als Leute, die nie Sport treiben.

Man sollte wie der NZZ-Redaktor handeln, der nach der Lektüre des Kaeslin-Buchs keine Sportsendungen mehr sehen will. Sport und Fußball galt einmal als die »schönste Nebensache der Welt«, aber in den letzten Jahren ist da etwas aus dem Ruder gelaufen.

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