Ende und Anfang

Alles hat ein Ende – und doch nicht. Das Ende ist wieder der Anfang von etwas Neuem. Man könnte ein Buch nach einem Jahr (oder nach einem Tag) nochmals lesen und läse wieder ein neues Buch (wenn es ein gutes Buch ist): Weil man sich in der Zwischenzeit verändert hat. Weil ein gutes Buch eine Welt ist.

Ich möchte den letzten Absatz des Buches Zeit ist eine Illusion von Chris Griscom (1986) wiedergeben:

Wenn wir selbst miterleben, wie andere Menschen über Feuersglut laufen, entsteht in unserem Bewusstsein ein Bezugsrahmen, dass das „Unmögliche“ doch möglich ist. Unser Gehirn wird inspiriert und antwortet auf unsre Frage, ob auch wie über heiße Kohlen laufen könnten: „Ja, natürlich kannst du dies auch tun.“ Dieses Buch hat eine ähnliche Funktion: es soll deutlich machen, dass schon so viele andere Menschen über die Brücke in andere Dimensionen bzw. „ins Unbekannte“ gesprungen sind und sich afu der anderen Seite bewusst und liebevoll umarmen konnten, dass dies auch uns möglich ist! Das Buch will sagen: Alle Wirklichkeiten, nicht nur diese eine begrenzte irdische, gehören Dir. Du kannst mitten hinein springen! Du brauchst Dich nicht von äußeren Hilfen abhängig zu machen. Du brauchst Dir die Kraft dazu nicht von außen zu borgen. Du bist als Seele von göttlicher Vollkommenheit. Entdecke das in dir – jetzt!“

            Anfang!

Traum am Nachmittag – Bild von Rolf Hannes

Statt Ende steht da also als abschließendes Wort Anfang. Mit Ausrufezeichen. Das Ende des Buches soll für Leser und Leserin ein Anfang sein. Trotzdem kann man nicht leugnen, dass das Buch zu seinem Ende gekommen ist. Ich habe für die Kritische Ausgabe plus einmal letzte Sätze gesammelt: Wie Bücher enden. Jeden Roman könnte man weiterschreiben, das Ende ist ein willkürliches, und wenn es nach 1500 Seiten kommt. Denn es sterben ja nicht alle; die Übriggebliebenen machen weiter (die Verstorbenen auch, das wissen wir, in einer anderen, uns kaum zugänglichen Sphäre). Hat jemand versucht, den »Hamlet« weiterzuschreiben, »Romeo und Julia« oder Don Quijote? Das wäre ein Spaß und nicht unbedingt nötig, würde aber zeigen, dass es auch nach der Katastrophe oder dem Showdown weitergeht … wie es nach dem Bombenangriff und nach dem Krieg weiterging. Wir wissen, dass, wen wir einmal unseren Abschied genommen haben werden, weiter die Häuser stehen werden und Autos fahren, die Sonne auf- und untergeht. Alles steht in einer großen Kontinuität, das Leben ist zyklisch, und komisch, erst wenn man älter wird, hat man Zeit und nimmt sie sich; als junger Mensch sind zehn Jahre in einer Firma unerträglich, man eilt und fühlt sich gedrängt, warum nur? Man hat doch alles vor sich. In Tranceformers stand das Zitat eines Gurus: »Leben heißt, sich an die Ewigkeit zu gewöhnen.« Schön, dass wir hier sind und ewig (hier und dort, dann wieder hier und wieder dort) sein werden. Das ist doch eine Perspektive! Allerdings auch eine Verantwortung ist es.

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