Das Große Geheimnis

Das wunderbare Buch Zen in der Kunst, ein Motorrad zu warten, regt mich zu weiteren Ausflügen an: zu geistigen, wohlgemerkt. Trotzdem festhalten! Robert M. Pirsig hat Quality mit dem Tao identifiziert, wodurch er jedoch nur eine Unbekannte mit einer anderen erklärt. Denn Tao ist ein Geheimnis; das Wort ist nur ein Wort für etwas, das »(wie) die Leere eines Gefäßes« ist (Tao-te king, Abschnitt 4).

Der Anfang des Buches Tao-te king lautet so: »Das Tao, das man festhalten kann, ist nicht das dauerhafte und unabänderliche Tao. Der Name, der genannt werden kann, ist nicht der dauerhafte und unabänderliche Name.« Das Buch aus dem sechsten Jahrhundert vor Christus, verfasst von Lao-Tse (geboren 604 v. Chr., mehr weiß man nicht), spricht in Rätseln, Metaphern und Gedichten von den Eigenschaften von Tao.

 

In Abschnitt 10 finden wir eine Stelle, die Pirsig nahekommt: »(Das Tao) erschafft alle Dinge und nährt sie; es erschafft sie und beansprucht sie nicht für sich; es tut alles und rühmt sich nicht dessen; es regiert über alles und kontrolliert doch nicht dies alles. Das ist es, was man die ›mysteriöse Eigenschaft (Quality) von Tao‹ nennt.« 

In dem erwähnten Indianer-Buch des Herder-Verlags heißt es, die Indianer vom Stamm der Dakota hätten geglaubt, dass die ganze Natur von der göttlichen Kraft »Wakan« durchdrungen sei. Die Schöpferkraft heiße »Wakonda« oder »Wakan tanka«: das Große Geheimnis. Die Bezeichnung Großer Geist sei eine fragwürdige Übersetzung der eingewanderten Europäer. Manche Vorstellungen von Indianerstämmen erinnern tatsächlich an fernöstliche oder auch ägyptische Lehren, und auch das bleibt ein Rätsel.    

Bei den mandäischen Gnostikern, die bis ins Jahr 600 mit einer düsteren, komplizierten Lehre dem Christentum das Leben schwer machten, heißt die höchste Gottheit »Große Mana«, und das hieß vermutlich ursprünglich Gefäß oder Behälter.

 

Konfuzius (551−478 v. Chr.), der neben dem Taoismus eine eigene Glaubensrichtung schuf, ging dann mehr in die Details; er war ziemlich konkret. Hören wir uns das noch an, auch wenn es nun komplizierter wird: »Was jenseits der Form ist, heißt Tao. Alles, was Form erhalten hat, wird Gefäß oder Instrument (ki) genannt.«  

Dazu erläutert der japanische Autor Jasuo Yuasa: »Tao ist ein Gesetz, das die Muster der Veränderungen von Jin und Yang bestimmt. Wenn seine Aktivität Form annimmt als klares Phänomen, ist es ein Gefäß und ein Instrument. Deshalb ist alles im Kosmos ein Gefäß, das die Aktivität von Tao aufnimmt … Es gibt kein Gefäß außerhalb von Tao und ebensowenig gibt es eine Aktivität von Tao außerhalb des Gefäßes. Beide sind von Anbeginn an eins. (…) Die ursprüngliche Natur des Menschen ist Tao.« Alles ist Tao.

Das Große Geheimnis ist in uns allen. Jemand, den ich gut kenne, schwärmt von dem Lied Gracias a la vida, das Violeta Parra (1917−1967) kurz vor ihrem Tod komponierte. Man kann auch das Leben ehren, es ist auch ein Name für das Große Geheimnis oder Das Große Rätsel, den store gåtan, wie der schwedische Lyriker Tomas Tranströmer geschrieben hat.    

Ein Kommentar zu “Das Große Geheimnis”

  1. Regina

    genau! Auch Hölderlin sagt, dass die oft paradiesisch im Himmel dargestellte Verschmelzung – dieses Glück, das wir über die Sterne hinauf entfernen, bereits auf Erden erfahrbar sei. Er hat es gegenwärtig gefühlt. Aus einer anderen guten Urlaubslektüre, übrigens auch von jemand, den ich kenne, schreibt Blixen: in den gottesfürchtigen Büchern finde ich keinen Trost. Sie verzichten auf alles Schöne im irdischen Leben, um den Himmel zu erwarten. Aber der Himmel ist auf Erden. Stimmt – Gracias a la vida! ciao, Regina