{"id":12079,"date":"2016-10-12T00:59:51","date_gmt":"2016-10-11T22:59:51","guid":{"rendered":"http:\/\/manipogo.de\/?p=12079"},"modified":"2016-10-12T21:45:57","modified_gmt":"2016-10-12T19:45:57","slug":"harry-heine-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/manipogo.de\/?p=12079","title":{"rendered":"Harry Heine (2)"},"content":{"rendered":"<p>Der Auftritt in der Seniorenwohnanlage in Staufen mit Gedichten und Geschichten fiel aus. Man hatte vergessen, ihn im Monatsprogramm anzuk\u00fcndigen. Also schiebe ich Gedichte von Heinrich Heine hier ein, doch es sind nicht die, die ich vorgetragen h\u00e4tte. Denn Harry konnte ziemlich kritisch und auch b\u00f6se sein, und diese Seite seines Wirkens beleuchten wir hier. <!--more--><\/p>\n<p>Die letzten acht Jahre seines Lebens lag der arme Harry krank und fast gel\u00e4hmt im Bett, in seiner \u00bbMatratzengruft\u00ab, wie er sein Lager nannte. Klar, dass ihm dabei viele d\u00fcstere Gedanken kamen, denn der Tod wartete geduldig im Schatten auf ihn, jahrelang. Heine hat mit Humor und Verzweiflung mit ihm gerungen und ihm noch ein paar Jahre des Schreibens abgerungen. Nicht lang vor seinem Tod lernte er Camille Selden kennen, und es wurde eine z\u00e4rtliche Beziehung. Heine nannte sie seine \u00bbpetite mouche\u00ab, seine kleine Fliege. Sie hat sp\u00e4ter von dem Tag seines Todes erz\u00e4hlt:<\/p>\n<p><em>An jenem Sonntag, 17. Februar 1856, wurde ich auf ungew\u00f6hnliche Weise geweckt. Gegen acht Uhr h\u00f6rte ich in meinem Zimmer L\u00e4rm: eine Art von Schwirren, wie sie in Sommern\u00e4chten die Fl\u00fcgel von Schmetterlingen vollf\u00fchren, wenn sie ins Zimmer eingedrungen sind und einen Weg ins Freie suchen. Meine Augen \u00f6ffneten sich, aber sie schlossen sich sogleich wieder: Eine schwarze Form wand sich und schien im ersten Licht des Tages einem gigantischen Insekt zu gleichen, das auf irgendeine Weise versuchte, ins Freie zu kommen.<\/em><\/p>\n<p>Er hat es wohl geschafft, das ist lange her. Uns bleibt die Sammlung der <em>Lamentationen<\/em> und des <em>Lazarus<\/em>, in dem das Gedicht <em>Weltlauf<\/em> so klingt und auch heute noch gilt:<\/p>\n<p><em>Hat man viel, so wird man bald<\/em><br \/>\n<em>Noch viel mehr dazubekommen. <\/em><br \/>\n<em>Wer nur wenig hat, dem wird<\/em><br \/>\n<em>Auch das wenige genommen. <\/em><\/p>\n<p><em>Wenn du aber gar nichts hast, <\/em><br \/>\n<em>Ach, so lasse dich begraben \u2014<\/em><br \/>\n<em>Denn ein Recht zum Leben, Lump, <\/em><br \/>\n<em>Haben nur, die etwas haben.<\/em><\/p>\n<p>Verheiratet war Heine jedoch mit Mathilde, die 15 Jahre j\u00fcnger war als er, attraktiv und lebenslustig. Sie nach seinem Tod versorgt zu wissen, war ihm wichtig. In der <em>Ged\u00e4chtnisfeier<\/em> kommt sie vor.<\/p>\n<p><em>Keine Messe wird man singen, <\/em><br \/>\n<em>Keinen Kadosch wird man sagen.<\/em><br \/>\n<em>Nichts gesagt und nichts gesungen<\/em><br \/>\n<em>Wird an meinen Sterbetagen. <\/em><\/p>\n<p><em>Doch vielleicht an solchem Tage,<\/em><br \/>\n<em>Wenn das Wetter sch\u00f6n und milde,<\/em><br \/>\n<em>Geht spazieren auf Montmartre<\/em><br \/>\n<em>Mit Paulinen Frau Mathilde. <\/em><\/p>\n<p><em>Mit dem Kranz von Immortellen<\/em><br \/>\n<em>Kommt sie, mir das Grab zu schm\u00fccken,<\/em><br \/>\n<em>Und sie seufzet: \u00bbPauvre homme!\u00ab<\/em><br \/>\n<em>Feuchte Wehmut in den Blicken. <\/em><\/p>\n<p><em>S\u00fc\u00dfes, dickes Kind, du darfst<\/em><br \/>\n<em>Nicht zu Fu\u00df nach Hause gehen: <\/em><br \/>\n<em>An dem Barrieregitter<\/em><br \/>\n<em>Siehst du die Fiaker stehen.<\/em><\/p>\n<p>Eigentlich w\u00e4re das passend f\u00fcr den Tag der Toten Anfang November. Nun\u00a0 zum Abschluss Heines Gedicht <span style=\"text-decoration: underline;\"><em>Die Wanderratten<\/em><\/span>, das durch die \u00bbFl\u00fcchtlingskrise\u00ab vom vergangenen Jahr h\u00f6chst aktuell wirkt.<\/p>\n<p><em>Es gibt zwei Sorten Ratten:<\/em><br \/>\n<em>Die hungrigen und die satten.\u00a0<\/em><br \/>\n<em>Die satten bleiben vergn\u00fcgt zu Haus, <\/em><br \/>\n<em>Die Hungrigen aber wandern aus. <\/em><\/p>\n<p><em>Sie wandern viel tausend Meilen, <\/em><br \/>\n<em>Ganz ohne Rast und Weilen, <\/em><br \/>\n<em>Gradaus in ihrem grimmigen Lauf, <\/em><br \/>\n<em>Nicht Wind noch Wetter h\u00e4lt sie auf. <\/em><\/p>\n<p><em>Sie klimmen wohl \u00fcber die H\u00f6hen, <\/em><br \/>\n<em>Sie schwimmen wohl \u00fcber die Seen;<\/em><br \/>\n<em>Gar manche ers\u00e4uft oder bricht das Genick,<\/em><br \/>\n<em>Die lebenden lassen die Toten zur\u00fcck. <\/em><\/p>\n<p><em>Es haben diese K\u00e4uze<\/em><br \/>\n<em>Gar f\u00fcrchterliche Schn\u00e4uze:<\/em><br \/>\n<em>Sie tragen die K\u00f6pfe geschoren egal,<\/em><br \/>\n<em>Ganz radikal, ganz rattenkahl. <\/em><\/p>\n<p><em>Die radikale Rotte<\/em><br \/>\n<em>Wei\u00df nichts von einem Gotte. <\/em><br \/>\n<em>Sie lassen nicht taufen ihre Brut, <\/em><br \/>\n<em>Die Weiber sind Gemeindegut. <\/em><\/p>\n<p><em>Der sinnliche Rattenhaufen,<\/em><br \/>\n<em>Er will nur fressen und saufen,<\/em><br \/>\n<em>Er denkt nicht, w\u00e4hrend er s\u00e4uft und frisst,<\/em><br \/>\n<em>Dass unsere Seele unsterblich ist.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>So eine wilde Ratze, <\/em><br \/>\n<em>Die f\u00fcrchtet nicht H\u00f6lle, nicht Katze;<\/em><br \/>\n<em>Sie hat kein Gut, sie hat kein Geld<\/em><br \/>\n<em>Und w\u00fcnscht aufs neue zu teilen die Welt. <\/em><\/p>\n<p><em>Die Wanderratten, o wehe!<\/em><br \/>\n<em>Sie sind schon in der N\u00e4he. <\/em><br \/>\n<em>Sie r\u00fccken heran, ich h\u00f6re schon<\/em><br \/>\n<em>Ihr Pfeifen \u2212 die Zahl ist Legion. <\/em><\/p>\n<p><em>O wehe! wir sind schon verloren,<\/em><br \/>\n<em>Sie sind schon vor den Toren!<\/em><br \/>\n<em>Der B\u00fcrgermeister und Senat,<\/em><br \/>\n<em>Sie sch\u00fctteln die K\u00f6pfe, und keiner wei\u00df Rat.<\/em><\/p>\n<p><em>Die B\u00fcrgerschaft greift zu den Waffen,<\/em><br \/>\n<em>Die Glocken l\u00e4uten die Pfaffen. <\/em><br \/>\n<em>Gef\u00e4hrdet ist das Palladium<\/em><br \/>\n<em>Des sittlichen Staats, das Eigentum. <\/em><\/p>\n<p><em>Nicht Glockengel\u00e4ute, nicht Pfaffengebete,<\/em><br \/>\n<em>Nicht hochwohlweise Senatsdekrete, <\/em><br \/>\n<em>Auch nicht Kanonen, viel Hundertpf\u00fcnder. <\/em><br \/>\n<em>Sie helfen euch heute, ihr lieben Kinder!<\/em><\/p>\n<p><em>Heut helfen euch nicht die Wortgespinste<\/em><br \/>\n<em>Der abgelebten Redek\u00fcnste.<\/em><br \/>\n<em>Man f\u00e4ngt nicht Ratten mit Syllogismen,<\/em><br \/>\n<em>Sie springen \u00fcber die feinsten Sophismen. <\/em><\/p>\n<p><em>Im hungrigen Magen Eingang finden<\/em><br \/>\n<em>Nur Suppenlogik mit Kn\u00f6delgr\u00fcnden, <\/em><br \/>\n<em>Nur Argumente von Rinderbraten, <\/em><br \/>\n<em>Begleitet mit G\u00f6ttinger Wurstzitaten. <\/em><\/p>\n<p><em>Ein schweigender Stockfisch, in Butter gesotten,<\/em><br \/>\n<em>Behaget den radikalen Rotten<\/em><br \/>\n<em>Viel besser als ein Mirabeau<\/em><br \/>\n<em>Und alle Redner seit Cicero. <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Auftritt in der Seniorenwohnanlage in Staufen mit Gedichten und Geschichten fiel aus. 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