{"id":12149,"date":"2016-11-05T01:16:03","date_gmt":"2016-11-04T23:16:03","guid":{"rendered":"http:\/\/manipogo.de\/?p=12149"},"modified":"2016-11-06T20:31:53","modified_gmt":"2016-11-06T19:31:53","slug":"farogh-farrochzad","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/manipogo.de\/?p=12149","title":{"rendered":"Farogh Farrochzad"},"content":{"rendered":"<p>Im <a href=\"https:\/\/manipogo.de\/?p=12030\" target=\"_blank\">Synagogen-Konzert im Sp\u00e4tsommer<\/a> sang eine Frau aus Teheran ein Gedicht von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Forugh_Farrochzad\" target=\"_blank\">Farogh Farrochz\u0101d<\/a>. Die Universit\u00e4tsbibliothek Freiburg hatte einen schmalen Band aus ihrem Werk, \u00fcbersetzt ins Englische. So erfuhr ich mehr von dieser lebenslustigen Iranerin, die bewundert wurde und fr\u00fch starb.<!--more--><\/p>\n<p>\u00bbWas vergeudest du deine Zeit mit den Gedichten dieser Hure?\u00ab sagte ein Familienmitglied der \u00dcbersetzerin Sholeh Wolp\u00e9. F\u00fcr die \u00e4lteren Perser war Farogh Farrochz\u0101d ein rotes Tuch, denn sie hatte viele Liaisonen, lie\u00df sich von ihrem Mann scheiden, obwohl sie ein Kind von ihm hatte und schrieb \u2026 Gedichte.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/farrokhzad.jpg\" rel=\"attachment wp-att-12150\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-12150\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/farrokhzad-261x300.jpg\" alt=\"farrokhzad\" width=\"261\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/farrokhzad-261x300.jpg 261w, https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/farrokhzad.jpg 540w\" sizes=\"auto, (max-width: 261px) 100vw, 261px\" \/><\/a>1958, sie ist 23 Jahre alt, verliebt sie sich in den Gesch\u00e4ftsmann Ebr\u0101him Golestan, der jedoch verheiratet ist. Er ist Regisseur und Produzent, und sie arbeitet in seinem Studio. Es wird eine Aff\u00e4re. Er baut ihr ein Haus. Forugh ist eine geachtete Dichterin geworden. Am 14. Februar 1967 besucht sie ihre Mutter. Sholeh Wolp\u00e9 beschreibt: \u00bbSie k\u00fcsst ihre Mutter auf die Lippen. Ihre Lippen sind kalt, sp\u00fcrt ihre Mutter, die sich an das alte Sprichwort erinnert, dass, wenn jemandes Lippen kalt sind, dieser sich an der Schwelle des Todes befindet.\u00ab \u00a0Sie bittet Forugh, vorsichtig zu sein, wenn sie mit ihrem Jeep ins Studio zur\u00fcckf\u00fchre. Die junge Dichterin antwortet: \u00bbMutter, wie du immer sagst: Was Gott will, geschieht.\u00ab Dann zischte sie ab. Ein Schulbus kam ihr entgegen, sie versuchte, ihm auszuweichen, ihr Jeep \u00fcberschlug sich, und sie fiel mit dem Kopf auf den Randstein. Farogh Farrochz\u0101d, 32 Jahre alt, war sofort tot.<\/p>\n<p>Die \u00dcbersetzerin erkl\u00e4rt im Nachwort, wie sie vorgegangen sei und schickt dann ein Gest\u00e4ndnis hinterher:<\/p>\n<p><em>Eines Nachts, nachdem ich lange Stunden mit einem ihrer Gedichte verbracht hatte, ging ich zu Bett, unzufrieden mit einer bestimmten Stanza. Ich konnte nicht ausdr\u00fccken, was Forugh gesagt haben wollte, ohne den Rhythmus zu st\u00f6ren, den ich m\u00fchevoll hergestellt hatte, um den ihres Gedichts nachzuahmen. Mitten in der Nacht h\u00f6rte ich eine Stimme. Es war eigentlich ein Fl\u00fcstern. Ich h\u00f6rte ihn mit meinen Ohren und mit meiner Haut. Die Stimme war wie das weiche Zischen sich bewegender Luft. Ich \u00f6ffnete die Augen und sah, wie Forugh neben mir sa\u00df. <\/em><\/p>\n<p><em>Ihr Gesicht leuchtete, ihr Haar war kurz und schwarz. Ich h\u00e4tte eigentlich schreien m\u00fcssen. Ich h\u00e4tte mich aufraffen und zur entfernten Seite des Bettes kriechen m\u00fcssen. Ich h\u00e4tte terrorisiert sein m\u00fcssen. Stattdessen schaute ich sie ruhig an und war verz\u00fcckt von ihrer unglaublichen Sch\u00f6nheit und Pr\u00e4senz. Ich versuchte, meinen Arm zu heben, sie zu ber\u00fchren, um herauszufinden, ob sie real war, doch mein K\u00f6rper f\u00fchlte sich wie ein Stein an. <\/em><\/p>\n<p><em>Sie beugte sich \u00fcber mich und fl\u00fcsterte: \u201eSteh auf und ver\u00e4ndere diese schrecklich konstruierte Stanza.\u201c Das war nicht, was ich erwartet hatte zu h\u00f6ren. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Dann verriet sie mir ruhig und entschieden genau die W\u00f6rter, die ich verwenden sollte, um die fraglichen Stellen zu reparieren. Dann wachte ich auf. Zum Gl\u00fcck erinnerte ich mich an ihre Anweisung und konnte sie verwenden. Es passte. Es passte! Kamen sie aus meinem eigenen Geist, aus dem Geist des Gedichts oder von der Dichterin selbst? Ich kann es nicht sagen. <\/em><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/farrochsad2-1.jpg\" rel=\"attachment wp-att-12153\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-12153\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/farrochsad2-1-208x300.jpg\" alt=\"farrochsad2\" width=\"208\" height=\"300\" \/><\/a>Ach, diese modernen Menschen, skeptisch bis zuletzt! Warum soll Farogh sich nicht darum gek\u00fcmmert haben, dass die \u00dcbersetzung gut wird? <a href=\"https:\/\/manipogo.de\/?p=9049\" target=\"_blank\">Auch Dante Alighieri hat sich daf\u00fcr eingesetzt,<\/a> dass die fehlenden Teile seines Paradieses aus der <em>G\u00f6ttlichen Kom\u00f6die<\/em> gefunden wurden. Bringen wir von Farogh Farrochz\u0101d das lange Gedicht <em>Reborn<\/em> (<em>Wiedergeboren<\/em>; passt ja auch zum \u00dcbergang aus dem Tod in ein neues Leben), das in dem sch\u00f6nen kleinen Buch (himmelblau eingebunden) so abgebildet ist, wie Farogh es geschrieben hat \u2015 in arabischen Schriftzeichen, wie das Persische geschrieben wird.<\/p>\n<p>Der Gedichtband hei\u00dft <em>Sin (<\/em>S\u00fcnde) und wurde <a href=\"https:\/\/www.amazon.com\/Sin-Selected-Poems-Forugh-Farrokhzad\/dp\/1557289484\" target=\"_blank\">2010 von der University of Arkansas Press <\/a>herausgegeben. Sholeh Wolp\u00e9s n\u00e4chstes Buch <a href=\"http:\/\/books.wwnorton.com\/books\/detail.aspx?ID=4294992721\" target=\"_blank\">wird im M\u00e4rz erscheinen<\/a>: Sie hat die <em>Konferenz der V\u00f6gel<\/em> von Farid-Ud Din Attar neu \u00fcbersetzt. Im Internet Sacred Text Archive gibt es die <a href=\"http:\/\/sacred-texts.com\/isl\/bp\/index.htm\" target=\"_blank\">\u00dcbersetzung von FitzGerald<\/a> aus dem Jahr 1889 unter dem Titel Bird Parliament.<\/p>\n<p>Nun also ein persisches Gedicht, das jemand ins Englische und ein anderer ins Deutsche \u00fcbersetzt hat. Aber besser, als das Gedicht gar nicht zu kennen.<\/p>\n<p>Wiedergeboren<\/p>\n<p><em>All mein Wesen ist ein dunkler Vers,<br \/>\nder dich wiederholt, bis zur D\u00e4mmerung<br \/>\nunverg\u00e4nglichen Bl\u00fchens und Wachstums.<br \/>\nIch beschwor dich in meinem Gedicht mit einem Seufzen herauf<br \/>\nund schrieb dich ein in Wasser, Feuer und in die B\u00e4ume.<\/em><\/p>\n<p><em>Vielleicht ist das Leben eine lange Stra\u00dfe,<br \/>\ndie eine Frau mit einem Korb jeden Tag \u00fcberquert;<br \/>\nvielleicht ist das Leben ein Strick,<br \/>\nmit dem sich ein Mann an einem Baum aufh\u00e4ngt<br \/>\noder es ist ein Kind, das von der Schule heimkommt.<\/em><\/p>\n<p><em>Vielleicht ist das Leben wie eine Zigarette anz\u00fcnden<br \/>\nin der lustlosen Pause zwischen dem Sichlieben<br \/>\noder der leere Blick des Vorbeigehenden, der die Hand<br \/>\nan seinen Hut legt und sagt Guten Morgen!<br \/>\nmit einem bedeutungslosen L\u00e4cheln. <\/em><\/p>\n<p><em>Vielleicht ist das Leben ein ged\u00e4mpfter Moment, wenn mein Blick<br \/>\nsich in deinen Pupillen selber ausl\u00f6scht \u2014<br \/>\nIch will diese Empfindung vermischen mit meinem Griff<br \/>\nnach dem Mond und dem Verstehen der Dunkelheit.<\/em><\/p>\n<p><em>In einem Raum von der Gr\u00f6\u00dfe der Einsamkeit<br \/>\nhat mein Herz die Gr\u00f6\u00dfe der Liebe.<br \/>\nEs betrachtet seine einfachen Vorw\u00e4nde f\u00fcrs Gl\u00fccklichsein:<br \/>\ndie Sch\u00f6nheit der Blumen, die in ihrer Vase welken,<br \/>\nden Spross, den du in den Garten pflanztest<br \/>\nund den Gesang der Kanarienv\u00f6gel\u00a0 \u2015 von der Gr\u00f6\u00dfe eines Fensters.<\/em><\/p>\n<p><em>Leider ist das mein Schicksal.<br \/>\nDies ist mein Schicksal.<br \/>\nMein Schicksal ist ein Himmel, der weggeschlossen werden kann,<br \/>\nindem man einfach einen Vorhang aufh\u00e4ngt.<br \/>\nMein Schicksal ist es, eine einsame Treppe hinabzusteigen<br \/>\nzu etwas, das verrottet und in seinem Exil zerf\u00e4llt.<br \/>\nMein Schicksal ist tr\u00fcbsinniges Wandern im Geh\u00f6lz der Erinnerungen<br \/>\nund Sterben aus Sehnsucht nach einer Stimme,<br \/>\ndie sagt: Ich liebe deine H\u00e4nde. <\/em><\/p>\n<p><em>Ich pflanze meine H\u00e4nde in die Gartenerde \u2014<br \/>\nIch werde gedeihen.<br \/>\nIch wei\u00df, ich wei\u00df, ich wei\u00df.<br \/>\nUnd in der hohlen Fl\u00e4che meiner tintenbeschmutzten H\u00e4nde<br \/>\nwerden Schwalben ihre Nester bauen.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich werde meine Ohren mit Zwillingskirschen schm\u00fccken<br \/>\nund Dahlia-Bl\u00fcten auf meinen N\u00e4geln tragen.<br \/>\nEs gibt eine Allee, in der noch Jungs stehen, die mich einst liebten<br \/>\nmit demselben zerzausten Haar, d\u00fcnnen H\u00e4lsen und Beinen,<br \/>\ndie das unschuldige L\u00e4cheln eines jungen M\u00e4dchens betrachten,<br \/>\ndas eines Nachts fortgewischt wurde durch den Wind.<\/em><\/p>\n<p><em>Es gibt eine Allee, die mein Herz weggestohlen hat<br \/>\nvom Rasen meiner Kindheit.<\/em><\/p>\n<p><em>Ein K\u00f6rper, der entlang der Zeitlinie reist,<br \/>\nimpr\u00e4gniert die herbe Schnur der Zeit<br \/>\nund kehrt zur\u00fcck vom Fest der Spiegel<br \/>\nund ist vertraut mit seinem eigenen Bild. <\/em><\/p>\n<p><em>Kein Suchender wird je Perlen in einem Strom finden,<br \/>\nder in einen Abfluss m\u00fcndet.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich kenne eine traurige kleine Fee, die im Meer lebt<br \/>\nund z\u00e4rtlich die h\u00f6lzerne Fl\u00f6te ihres Herzens spielt,<br \/>\nz\u00e4rtlich \u2026<br \/>\nEine traurige kleine Fee, die des Nachts mit einem Kuss stirbt<br \/>\nund wiedergeboren wird mit einem Kuss zur D\u00e4mmerung. \u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Synagogen-Konzert im Sp\u00e4tsommer sang eine Frau aus Teheran ein Gedicht von Farogh Farrochz\u0101d. 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