{"id":13183,"date":"2017-05-18T01:01:33","date_gmt":"2017-05-18T00:01:33","guid":{"rendered":"http:\/\/manipogo.de\/?p=13183"},"modified":"2024-11-11T21:58:49","modified_gmt":"2024-11-11T20:58:49","slug":"das-jahrhundertrennen-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/manipogo.de\/?p=13183","title":{"rendered":"Das Jahrhundertrennen (1)"},"content":{"rendered":"<p>Wann, wenn nicht jetzt? Bislang hat sich niemand f\u00fcr meinen Versroman <em>Das Jahrhundertrennen<\/em> interessiert, das um die Karlsruher Veranstaltung geht, die vor der T\u00fcr steht (25.-28. Mai): die Feier 200 Jahre Laufrad von Drais. Also \u00bbqu\u00e4le\u00ab ich euch in 14 Ausgaben mit 80 Seiten meiner Geschichte, es muss sein!<!--more--><\/p>\n<p>Damit riskiere ich freilich, viele <em>manipogo<\/em>-Leserinnen und \u2013Leser zu verlieren. Aber da niemand (wie mir alle vorhersagten) das Epos drucken will, ver\u00f6ffentliche ich es auf meiner Seite. Gratis! Reinzulesen lohnt sich, und man vergisst bald, dass es in Versen geschrieben ist. Es handelt sich um einen veritablen Roman und ein unterhaltsames Werk, das schw\u00f6re ich. \u2014 Und \u00fcber 10.000 Abrufe (was jeden Monat mein Ziel ist) hatte <em>manipogo<\/em> bislang im Mai schon, alles Zus\u00e4tzliche ist also eine erfreuliche Zugabe.<\/p>\n<p>Neun Monate habe ich an dem langen Gedicht gearbeitet, von Juli 2015 bis April 2016. Es war erregend. Die Veranstaltung dauert in meinem Werk drei Tage; den letzten Tag \u2013 die Jenseitsreise \u2013 erspare ich euch; sollten die Abrufzahlen es rechtfertigen, liefere ich ihn nach. 80 gereimte Seiten sind ja schon genug. Es geht auch um die Liebe \u2013 zu Frauen auch (Rudi lernt die Zauberin Sue aus Haiti kennen), aber vor allem um die Liebe zum Fahrrad.<\/p>\n<p>In f\u00fcnf Ausgaben haben wir den ersten Tag absolviert. Jeder Tag endet mit dem Wort <em>Sterne<\/em>, weil Dante seine drei Abschnitte (H\u00f6lle, Purgatorium, Paradies) auch immer mit <em>stelle<\/em> (Sterne) enden l\u00e4sst. Dialoge sind mit <em>aabb<\/em> gereimt, die Handlung geht mit <em>abab<\/em> voran, damit es abwechslungsreich bleibt, und wenn das Jenseits auftritt, treffen wir <em>abba<\/em> an. Abba! Es lebe die Verskunst, und nun hinein in die Tanz, hinein in<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><strong>Das Jahrhundertrennen<\/strong><\/h3>\n<p>VORWORT IN DER LANDSCHAFT<\/p>\n<p><em>Der Fahrradhistoriker tritt auf und schiebt ein Laufrad vor sich her. <\/em><\/p>\n<p>Achtzehnhundertsiebzehn, Mitte Juni, war\u2019s, dass der Carl Drais<br \/>\ndie erste Laufrad-Fahrt in Mannheim unternahm, wie jeder wei\u00df.<br \/>\nOder wie jeder wissen sollte. Zweiundzwanzig Kilo wog das Ding,<br \/>\nwie heut ein Pedelec, der Vorteil vor dem Pferd war noch gering.<br \/>\nDas Jahr zuvor war kalt gewesen, teuer wurde das Getreide<br \/>\nund der Hafer, teuer fast wie Samt und Seide.<br \/>\nEin paar Vulkane waren ausgebrochen dort in Indonesien,<br \/>\nder Ascheschleier hielt die Sonne fern von Baden und von Schlesien,<br \/>\nvon ganz Europa! \u00dcberschwemmungen, Missernten! Menschen starben<br \/>\nvor Hunger, viele Pferde auch; es mussten alle schrecklich darben.<br \/>\nMan suchte eine L\u00f6sung f\u00fcr Transport und f\u00fcr die Fortbewegung,<br \/>\ndie individuell und einfach war, und Draisens \u00dcberlegung<br \/>\nf\u00fchrte zu der Laufmaschine, die man bald vielerorts verbot,<br \/>\nbis dann die neue Eisenbahn die Drais-Erfindung vollends machte tot.<br \/>\nSie war ja noch kein Fahrrad, doch sie war das Fundament,<br \/>\nwie Smartphone und das Internet, wie man sie heute kennt,<br \/>\nundenkbar sind ohne den ersten Gro\u00dfcomputer nach dem Krieg,<br \/>\nder einen ganzen Saal einnahm und ratterte und st\u00f6hnte, wieder schwieg.<br \/>\nFast f\u00fcnfzig Jahre dauerte es dann, Drais hat\u2019s nicht mehr erlebt,<br \/>\nbis jemand,ein Franzose, hat Kurbel und Pedale an das Vorderrad geklebt.<br \/>\nMon dieu! (Woanders steht, ein Schotte habe bereits siebzehn Jahre sp\u00e4ter<br \/>\neine Kurbel anmontiert. Wer war nun der T\u00e4ter?<br \/>\nDoch f\u00fcr Kirkpatrick Macmillan, das zeigen die Recherchen,<br \/>\nspricht nichts. Es war Michaux! Lasst Fakten herrschen!)<br \/>\nDas Vorderrad bl\u00e4hte sich sodann gewaltig auf,<br \/>\ndas Hochrad startete zehn Jahre seinen Siegeslauf,<br \/>\nbis dann aufkam die Kette, und zwei Pedale wurden mittig angebracht,<br \/>\num achtundsiebzig, revolution\u00e4r war das, so war es auch gedacht,<br \/>\nund half, dass achtzehnf\u00fcnfundachtzig unser Rover Safety kam<br \/>\nmit nun gleich gro\u00dfen R\u00e4dern; es war sicher, wenngleich etwas zahm,<br \/>\nund achtzehnachtundachtzig folgten Dunlops Reifen, voll mit Luft gepresst,<br \/>\nund nun gab es das Fahrrad, es ging los, es war ein Fest!<br \/>\nDer Fahrradpneu war wichtig auch f\u00fcrs sp\u00e4tere Automobil,<br \/>\nden \u201ePatentmotorenwagen\u201c von Carl Benz: aus Karlsruhe, wie Drais, und viel,<br \/>\nfast alles stammte aus der Fahrradproduktion. Das Auto g\u00e4b es ohne<br \/>\ndas Fahrrad nicht, wie dieses nicht ohne das Laufger\u00e4t, und belohne<br \/>\nuns, o Herr!\u00a0 Nein, diese Kisten, die die Welt verpesten und zerst\u00f6ren,<br \/>\nvermehrten sich ganz ungehemmt, wer will die Klagen h\u00f6ren?<br \/>\nWir trafen uns, um f\u00fcr ein Wochenende eine Fahrradwelt zu bauen,<br \/>\nwie sie denn w\u00e4re, ganz im Geist des Rads, man muss sich trauen.<br \/>\nDas ist schon lange her, und lang habe ich recherchieret<br \/>\nund, um herauszufinden, wie das war, hunderte Gespr\u00e4ch gef\u00fchret.<br \/>\nZweitausendsiebzehn war das Treffen, und nun sind wir gescheiter.<br \/>\nDas Treffen und das Rennen waren legend\u00e4r, vor allem heiter!<\/p>\n<p><em>Fahrradhistoriker ab. <\/em><\/p>\n<p>ABEND UND ERSTER TAG<\/p>\n<p><strong>P\u00e5l Janssen<\/strong> gibt noch einen Kuss der treuen Frau,<br \/>\ndann steigt er in den Volvo, der sein Hochrad und sein Kleinrad birgt.<br \/>\nDer Motor springt gleich an, klingt hungrig und auch etwas rau.<br \/>\nPal ruft etwas, das \u201eIch lieb dich\u201c hei\u00dfen k\u00f6nnte, und er wirkt<br \/>\ngel\u00f6st und konzentriert zugleich. Zweitausend Kilometer<br \/>\nWarten auf ihn, durch Schweden, D\u00e4nemark und deutsche Lande,<br \/>\nwas mit dem Rad, f\u00fcr einen eisernen Hochrad-Pedale\u2013Treter<br \/>\nwohl einen Monat dauernd w\u00fcrde, sag ich nur am Rande.<\/p>\n<p>In Bratislawa, Slowakei, bem\u00fcht der Ludwik Stich den \u0160koda<br \/>\nmit Anh\u00e4nger, zwei R\u00e4der drin, denn seine Frau f\u00e4hrt mit.<br \/>\nEr f\u00e4hrt dann gegen Westen, quer durch Bayern oder<br \/>\ngleich hoch, er hat ja Navi, und auch bei ihm gilt jeder Tritt<br \/>\ndem Gaspedal und nicht dem Pedal des Rades.<br \/>\nDas Wetter ist heut mild und k\u00fchl die Nacht, doch nicht bequem<br \/>\nder \u00f6de Campingplatz von Backnang, der gleicht fast einem Hades,<br \/>\nvon der die Navi-Stimme fort sie f\u00fchren soll: zun\u00e4chst nach Bethlehem.<\/p>\n<p>Auf vielen Flugh\u00e4fen in zehn L\u00e4ndern dieser Welt,<br \/>\nsitzen auf Plastikb\u00e4nken Veteranenradler, um die drei\u00dfig.<br \/>\nSie hocken rum wie andere, Durchsagen erwartend, hocken wie bestellt,<br \/>\naber nie abgeholt; dann geht\u2019s zum Gate, die Busse fahren flei\u00dfig.<br \/>\nHochr\u00e4der sind nie Handgep\u00e4ck, man muss sie gut verpacken.<br \/>\nUnd drei\u00dfig beten, dass die alten Fahrger\u00e4te bleiben ohne Schaden,<br \/>\nw\u00e4hrend sie dann in die Businessklasse-Flugzeugsitze sacken.<br \/>\nZielort ist immer Frankfurt, dann weiter Karlsruhe; nicht Baden-Baden.<\/p>\n<p>So kommen sie von Kiew, Wien, Tokio, New York, Djakarta, Abu Dhabi,<br \/>\nw\u00e4hrend, wer n\u00e4her wohnt, auf seine alte M\u00fchle steigt und f\u00e4hrt nach Plan;<br \/>\nein anderer sein Rad und das Gep\u00e4ck hineinpresst in den Trabi,<br \/>\nein Dritter alles einl\u00e4dt in den Zug und alles \u00fcberl\u00e4sst der Deutschen Bahn.<br \/>\nZweihundert Teilnehmer sind registriert, sagt ein ersch\u00f6pfter Terry Twain,<br \/>\nder Vorsitzende des Veteranen-Velo-Hauptverbandes, zu Siegfried Staller,<br \/>\nder dort in Karlsruhe ist mit der Organisationsarbeit versehn<br \/>\nseit einem Jahr und noch ersch\u00f6pfter wirkt, der Ansprechpartner aller.<\/p>\n<p>Es ist ein Gro\u00dfhotel am Rand der Stadt, in der die beiden wartend hoffen<br \/>\nUnd sp\u00e4hen nach den Ank\u00f6mmlingen, von 13 bis nach 19 ist Anmeldefrist.<br \/>\nEin Sponsor hat da mitgeholfen, und ein Buffet steht baldigst offen<br \/>\nden Veteranen. Und mit dem Vespa-Roller kommt ein Journalist.<br \/>\nEin Bentley f\u00e4hrt dann vor, Carl Reuss steigt aus, der Sponsor und M\u00e4zen<br \/>\nund sch\u00fcttelt Twain und Staller gleich die Hand, der Erbe vom Konzern<br \/>\nDelavre und Kapott, die machen was mit Digital, und kennt man den?<br \/>\nDrei Helferinnen tauchen auf, ja, Frauen, f\u00fcr die Arbeit: Sieht man gern.<\/p>\n<p>Der Blick geht weit ins Tal hinunter, das geometrisch sch\u00f6n gestaltet ist.<br \/>\nQuer geht ein Bachlauf, h\u00fcbsch ges\u00e4umt von Weiden, Waldst\u00fccke<br \/>\nstehen mittendrin im Tal wie kleine Inseln, man vermisst<br \/>\nnicht mal ein Dorf. Ein See liegt in der Ferne, und in der L\u00fccke<br \/>\nzwischen ihm und einem Wald sieht man so wei\u00dfe und auch gr\u00fcne Flecken<br \/>\nund Punkte, und das ist, zeigt Twain dem Sponsor Reuss mit seiner Hand<br \/>\nder Campingplatz vom Alten See, wo man schon kann entdecken,<br \/>\ndass andre \u00a0Punkte \u2013 Menschen sind\u2019s auf R\u00e4dern \u2013 sich n\u00e4hern \u00fcbers Land.<\/p>\n<p>\u201eDort sind bald alle\u201c, fl\u00fcstert Staller, \u201eIst f\u00fcr drei Tage unser Paradies.<br \/>\nSie kommen, um sich anzumelden. Hotel ist nichts f\u00fcr Fahrradfahrer,<br \/>\ndie wollen Freiheit, denn Nomaden sind sie, und die Stadt ist ihnen ein Verlies.<br \/>\nNur wer die Stra\u00dfe liebt und auch das freie Leben, ist ein wahrer<br \/>\nVeteran der Piste. Hinter dem Horizont geht\u2019s runter zum Rhein,<br \/>\nda ist sehr viel Gestr\u00fcpp, da sind gewundne Pfade, die wir mit gutem Tritt<br \/>\nf\u00fcr Ausfahrten nutzen k\u00f6nnen. Unser Century-Rennen, das wird sein<br \/>\nin diesem Tal, acht Runden zu je zwanzig Kilometer: Wird der Hit!\u201c<\/p>\n<p>Peter Rogoff ist beim Nordbadischen Kurier freier Journalist.<br \/>\nTr\u00e4gt Vollbart und ein B\u00e4uchlein, auf dem Kopf die Kappe mit dem Worte Kuba.<br \/>\nFuhr fr\u00fcher Ente. Er, der auch mal Hausbesetzer war, nun Hausbesitzer ist.<br \/>\nM\u00e4ht auch mal Rasen, redet mit dem Nachbarn und findet alles immer super.<br \/>\nEr macht die ersten Fotos, kriegt ein Gl\u00e4schen Rum, es lebe die Revolution!<br \/>\nDer erste Fahrer hat sich rangek\u00e4mpft, Teagarden Stanley mit dem Sunbeam<br \/>\nVon neunzehnsiebenundzwanzig, der Fahrer zwanzig Jahre j\u00fcnger, Sohn<br \/>\neines Minenarbeiters, Wales; Staller sagt: gebt gleich die Unterlagen ihm!<\/p>\n<p>Er kriegt die Startnummer, die einundachtzig, und auch ein gro\u00dfes Bier.<br \/>\nDutronc Jacques, nicht mal drei\u00dfig, Schnurrbart, ist der n\u00e4chste, mit Peugeot,<br \/>\nes ist ein Renner aus dem ersten Krieg, Twain streichelt seinen Sattel und sagt: \u201eWir<br \/>\nsind voller Hochachtung, ein sch\u00f6nes St\u00fcck\u201c, dann dreht er sich um und sagt hallo!<br \/>\nDas erste Hochrad, Louis Dreher, Appenzeller aus der Schweiz, und elegant<br \/>\nspringt er von seinem Fahrzeug ab und salutiert und steht wie ein Soldat.<br \/>\nAuch er nimmt seine Unterlagen, die Essensbons, das T-Shirt, und aus seinem Land<br \/>\nfolgen noch mehr, Frauen und M\u00e4nner, und jeder hat ein feines Rad.<\/p>\n<p>Doch lassen wir die Teilnehmer sich erstmal registrieren. Vor dem Hotel<br \/>\nda sammelt langsam sich ein ganzes Radmuseum an: hundert Jahre<br \/>\nRadgeschichte in hundert Exemplaren schon um vier, so schnell!<br \/>\nRostrot leuchtet dort das Haupt von Cranston Loggle, \u201eo bewahre\u201c,<br \/>\nst\u00f6hnt die Sibylle, denn sie kennt den alten eitlen Hochradcrack,<br \/>\nder zielsicher den Journalisten Rogoff anvisiert und ihm posiert,<br \/>\nviel auf- und abf\u00e4hrt, und Sybille fl\u00fcstert: \u201eSo ein Geck, er tut das zu dem Zweck,<br \/>\num morgen im Kurier der Star der Show zu sein, ja, garantiert!\u201c<\/p>\n<p>W\u00e4lti, Claude und Peter, alle b\u00e4rtig, aus dem Kanton Appenzell,<br \/>\ndoch Ausserrhoden, Halbkanton, betonen sie, stehen in Eintracht<br \/>\num einen Tisch, auf dem ragt auf als geistig-heller Quell<br \/>\ndie Flasche Wei\u00dfwein, dann kommt hinzu die Elsbeth, in der b\u00e4uerlichen Tracht.<br \/>\nDutronc, der Lustige, und seine Freundin Natalie, die Sch\u00f6ne aus Paris,<br \/>\nund Pierre Latigue und Sofia Komorowna sind derweil bei einer Flasche rotem Wein<br \/>\nam Tische nebenan, prosten auch den Schweizern zu, und bald sind alle sich gewiss,<br \/>\ndass diese Tische man zusammenschieben muss. Verbr\u00fcderung soll sein!<\/p>\n<p>Um 19 Uhr sind es zweihundert und noch ein paar weit\u2019re Recken,<br \/>\ndie gleich ihr Abendessen kriegen, und der Pr\u00e4sident sagt ein paar S\u00e4tze,<br \/>\ndass heut der Geist von fr\u00fcher unter ihnen sei, man muss sich nicht verstecken,<br \/>\ndas Fahrrad existierte und hat heute seinen Platz, ja, auf dieser Welt so viele Pl\u00e4tze.<br \/>\nMit Muskelkraft sich fortbewegen war der urspr\u00fcngliche hohe Plan,<br \/>\nden Menschen wohl getreulich h\u00e4tten umgesetzt, der Motor musste st\u00f6ren,<br \/>\nwir Radfahrer sind friedlich, freundlich, fr\u00f6hlich, und der Autowahn<br \/>\nwird einmal enden, und einst werden wir siegen, man wird uns erh\u00f6ren!<\/p>\n<p>\u266a \u266a \u266a \u266a \u266a<\/p>\n<p><em>Der Fahrradhistoriker untersucht sein Laufrad, als ein Mann mit Piratenhaube von links kommt und ein Rennrad mit sich bringt. Er stellt sich auf und spricht. <\/em><\/p>\n<p>Das ist ein sch\u00f6ner Traum, das sagt euch Marco, kommend von weit her,<br \/>\nder seltsam findet diesen Einsatz hier von Poesie,<br \/>\ngemessen an der H\u00e4rte unsrer Welt, die nie<br \/>\nsich reimt. Doch denkt an Dante! Darum spiel ich mit, ist nicht zu schwer.<br \/>\nIch habe euch ein paar harmlose Radler mitgebracht,<br \/>\nund wir sind alle hier, in einem gro\u00dfen Zelt<br \/>\nam Ende eures Platzes und am Ende eurer Welt.<br \/>\nDie Anreise war hart und hat uns dennoch Mut gemacht.<\/p>\n<p>Mahmud haben wir aus Kairo, der mit einem schlimm eiernden Zweirad<br \/>\nGetr\u00e4nke und auch S\u00fc\u00dfes an die Leute bringt, quer durch den Souk,<br \/>\nBellaire, Uganda, mit den bunten Kleidern und dem Z\u00f6pfchen-Look,<br \/>\ndie aus dem Dorf zur Schule f\u00e4hrt und stets ihr Schwesterchen dabeihat.<br \/>\nMahindi transportiert als Rikschafahrer in Jaipur,<br \/>\nzehn Stunden t\u00e4glich Leute, ihr m\u00fcsstet seine Schenkel sehn!<br \/>\nSein Herz ist stark , die Laune doch nicht immer gut, ihr m\u00fcsst verstehn,<br \/>\ndass er mit seiner Plackerei das N\u00f6tigste zum Essen sich verdienet nur.<br \/>\nWladimir, Lehrer aus Tscheljabinsk, kommt mit dem Rad zum Arbeitsort.<br \/>\nSteve, Fahrradkurier in New York, ist mit dem Fixie t\u00e4glich in Gefahr,<br \/>\nwas Sue, die Zauberin aus Tahiti, schon viele Mal durch Geister war.<br \/>\nSie f\u00e4hrt zum Friedhof mit dem Rad, und nicht zum Sport.<br \/>\nDie andern k\u00f6nnt ihr kennenlernen. Wir warn nicht eingeladen.<br \/>\nIhr fahrt zum Spa\u00df und nennt das Individual-Mobilit\u00e4t, wir sagen nur:<br \/>\nDas Fahrrad ist f\u00fcr uns die Rettung, die Bewegung, Leben, Freiheit pur.<br \/>\nIn Kairo und Karatschi, in Kuala Lumpur oder hier in Karlsruhe, Nordbaden.<\/p>\n<p>Volkswagen baut und verkauft im Jahr schon zehn Millionen Automobile,<br \/>\nToyota neun, da werden wir erdr\u00fcckt, es herrscht Gewalt,<br \/>\nAutomobil steht f\u00fcr die Macht, die niederf\u00e4hrt, was zierliche Gestalt<br \/>\nund bricht, was schw\u00e4cher ist. Es ist ein Krieg, es sterben viele.<br \/>\nEine Million Menschen sind\u2018s in einem Jahr, so teuer ist Motor-Mobilit\u00e4t<br \/>\nUnd ihr, ihr feiert seelenruhig die Geschichte, fahrt mit alten Kisten<br \/>\nund angetan mit uralten Klamotten auf abgesperrten Pisten,<br \/>\nund redet dauernd \u00fcber R\u00e4der in eurer sch\u00f6nen Soziet\u00e4t.<br \/>\nStellt euch doch mal auf eine Br\u00fccke \u00fcber einer deutschen Autobahn,<br \/>\nam Nachmittag um f\u00fcnf an eine Stra\u00dfe in Affoltern, in Nairobi,<br \/>\noder in Kassel auf den Parkplatz vor dem Baumarkt Obi,<br \/>\ndann lernt ihr was, was ihr nicht wisst, vom aktuellen Autowahn.<br \/>\nDas ist ein Wort von Marco: Manila, Bangkok, Tokio, Mexiko-Stadt,<br \/>\nsie zeigen euch, wer in diesem Spiel, in dieser Welt wohl triumphieret hat.<\/p>\n<p><em>Marco verabschiedet sich. <\/em><\/p>\n<p><em>Der Fahrradhistoriker reibt sich die Augen<\/em><\/p>\n<p>\u201eMir ist so komisch, war da nicht grad eine blasse Gestalt?<br \/>\nIch habe nicht genug getrunken, oder ich werd alt.<br \/>\nMir kamen da soeben Bilder, fast waren es Visionen<br \/>\nVon gro\u00dfen St\u00e4dten, wo ich niemals wollte wohnen.<br \/>\nDa dr\u00fcben ist schon das Hotel, ich muss mich sputen,<br \/>\ndenn alle sind schon registriert, muss ich vermuten.<br \/>\nLos, auf mein Laufrad, und ein k\u00fchles Bier<br \/>\nVerscheucht die b\u00f6sen Geister und hilft mir.\u201c<\/p>\n<p>Im Bankettsaal des Grand Hotels stehen wohl ein Dutzend Tische,<br \/>\ndie beiden Schlangen am B\u00fcffet, das Twain er\u00f6ffnet hat, ist lang,<br \/>\ndenn keiner will, dass ihm das gute Essen denn entwische.<br \/>\nZweihundert M\u00e4uler, und wer Hunger hat, ist bang!<br \/>\nFreddie Wouters, Chef der Belgier, spricht mit Dorothy Tillingham,<br \/>\nder Pr\u00e4sidentin kurz vor Twain und vielleicht wieder nach ihm,<br \/>\nnun kommt auch Bykow Fjodor, der englisch spricht und dem<br \/>\ndie Leute hier nichts sagen, da neu er ist im Veteranenteam.<\/p>\n<p><em>Eine Begegnung<\/em><\/p>\n<p>Dorothy sagt: \u201eHier herrscht ein Durcheinander, herrscht Chaos hoch drei,<br \/>\nund du, Fjodor, wirst die Leute kennenlernen, das hier geht vorbei.<br \/>\nDa vorn sitzen die Deutschen, zehn, wie immer ernst und eigentlich,<br \/>\ndahinter gleich Franzosen und auch Schweizer, ja, die kennen sich,<br \/>\ntrinken gern Wein, vergessen ihren Alltag und haben viel Spa\u00df.<br \/>\nDa links sitzen die Skandinavier, und Vladimir, ich sag dir was:<br \/>\nDer eine redet D\u00e4nisch, der andere antwortet Schwedisch,<br \/>\nder Norweger versteht sie beide, ein h\u00f6chst interessanter Sprachentisch.<br \/>\nEs gibt drei Balinesen und vier Teilnehmer vom fernen Orient,<br \/>\naus Abu Dhabi, Fahrrad statt Kamel, und dahinter, dort am End<br \/>\nder Tafel, sitzt Larry Wanton, Kanada, mit seiner Hochradgruppe,<br \/>\ngekommen in ner G\u00e4nsefahrt aus Frankfurt, eine edle, eingefleischte Truppe.<br \/>\nWer noch? Belgier und Holl\u00e4nder, die Ungarn sitzen stets f\u00fcr sich,<br \/>\nda gibt\u2019s ein Sprachproblem, doch morgen ist ein \u00dcbersetzer da, der dich<br \/>\nmit Radfahrern aus Buda und aus Pest zusammenbringen will.<br \/>\nEs gibt auch ein paar Engl\u00e4nder, die sind sehr vornehm und sehr still,<br \/>\nsolange sie bei Tee sind, doch nach dem ersten Quantum Bier<br \/>\nwerden sie lebhaft, ich bin sicher, sie gefallen dir!<br \/>\nWas f\u00fcr ein L\u00e4rm, kaum kann ich hier verstehn mein eignes Wort,<br \/>\nkomm, Fjodor, ja, wir trinken auch, aber nicht hier, wir gehen fort.<br \/>\nSiegfried holt uns eine Flasche Wodka, und in meiner Suite,<br \/>\naus der man sch\u00f6n \u00fcber das ganze Land hinsieht,<br \/>\nda k\u00f6nnen wir in alle Ruhe zechen.<br \/>\nIch glaube auch, wir haben vieles zu besprechen.\u201c<\/p>\n<p>Alle haben vieles zu besprechen, sie schreien und krakeelen.<br \/>\nMan hat sich lange nicht gesehn, und man freut sich \u00fcberm\u00e4\u00dfig.<br \/>\nRadfahrer sind, wenn man so sagen kann, sehr nette Leute, gute Seelen,<br \/>\nWer R\u00e4der liebt, liebt auch das Leben, die Natur, hat Hunger, ist gefr\u00e4\u00dfig.<br \/>\nAm deutschen Tisch spricht Sascha Karmann \u00fcbers Wetter.<br \/>\nGerlinde, seine Frau, liegt ihm im Arm, h\u00e4lt sich die Ohren zu,<br \/>\nweil es so laut ist. Gottlieb Stellmach hat vor sich die Bl\u00e4tter<br \/>\nmit Rennstatistiken und liest daraus und wei\u00df partout,<br \/>\ndass sich die Strategie von Sky auch bei der n\u00e4chsten Tour erf\u00fcllt.<br \/>\nDer achtzigj\u00e4hrige Ernst Wunder wankt hinaus zum Rauchen,<br \/>\nwo der Zigarrenqualm schon Jacques Dutronc einh\u00fcllt,<br \/>\nund neben ihm steht Natalie, bereit, auch was zu schmauchen.<br \/>\nDie Luft tut gut, ein Holl\u00e4nder meint, das sei sehr ungesund,<br \/>\nworauf Dutronc ihm vortr\u00e4gt, dass Maurice Garin (er sagt: Gar\u00e4n)<br \/>\nauf seiner Frankreichrunde neunzehnhundertundf\u00fcnf in jeder Stund<br \/>\nbeim Radeln die Zigarre rauchte; und er trank viel Vin (so sagt er: V\u00e4n),<br \/>\nden roten vom Burgund, von dem hatte er stets ne Flasche<br \/>\ndabei, und er fuhr schnell, der Rauch zeigt\u2018 an, wo Maurice war,<br \/>\nmit der Bouteille in seiner linken Jackentasche,<br \/>\nund war das Doping? Er gewann, obgleich in jenem Jahr<br \/>\ndie junge Tour, zwei Jahre alt, unter vielen Betr\u00fcgern litt,<br \/>\ndie viele Kilometer, was verboten, fuhren mit der Eisenbahn,<br \/>\nund andre gab\u2018s, die streuten Glas, Rei\u00dfzwecken und Splitt,<br \/>\num Kontrahenten b\u00f6s zu stoppen, die Tour schien fast am Ende dann.<\/p>\n<p>Wer wieder reingeht in den Saal, vergeht fast in dem L\u00e4rm.<br \/>\nJacques sagt zu Natalie: Das ist kaum zu ertragen,<br \/>\nwie gern w\u00e4r ich mit dir nun in Auxonne auf unsrer Ferme,<br \/>\ndem Bauernhof, wo nur zehn H\u00fchner mit den Fl\u00fcgeln schlagen.<br \/>\nDoch es herrscht Freude, herrscht Begeisterung,<br \/>\nbefl\u00fcgelt durch den Alkohol, hoch ist der Pegel<br \/>\nder Kommunikation, schon gibt\u2019s vorschnelle Einigung<br \/>\nund Augen, die sehr gl\u00e4nzen, Wunder zitiert Hegel,<br \/>\ndoch niemand versteht: das Zitat rasch untergeht<br \/>\nim Brausen vieler vieler Stimmen.<br \/>\nDoch langsam sinkt die Glut, der Rausch verweht,<br \/>\nder Abend muss langsam verglimmen.<\/p>\n<p>Und leerger\u00e4umt ist nun das einst so stattlich aufget\u00fcrmte Festb\u00fcffet.<br \/>\nDie leeren Flaschen stehen planlos ratlos massenhaft herum,<br \/>\ndie G\u00e4ste wanken langsam raus, in Gruppen, schnappen sich die R\u00e4der, eh<br \/>\nsie die zwei Kilometer fahren, d\u00fcnn beleuchtet, lachend, drum<br \/>\ndauert es l\u00e4nger, bis sie im Camping am See anlangen,<br \/>\nTwain und Reuss, Staller und Rogoff schauen gebannt<br \/>\nVon oben zu gleich Erzengeln, wie zwei zittrige konfuse Schlangen<br \/>\nSich schwankend vorw\u00e4rtswinden, langsam \u00fcbers stille Land,<br \/>\nbegleitet wie von Gl\u00fchw\u00fcrmchen: den Lichtern, die mal glimmen,<br \/>\ndann strahlen, blinken, schwanken, und man h\u00f6rt ihr Lachen durch den Raum,<br \/>\nh\u00f6rt S\u00e4tze dumpf in vielen Sprachen, viele fremde Stimmen \u2026<br \/>\nTwain wischt sich eine Tr\u00e4ne fort und sagt: \u201eAch, ist das nicht ein Traum?\u201c<\/p>\n<p>Der Campingplatz am See kann, wenn er leer ist, traurig sein.<br \/>\nEr ist zwar voll, quillt \u00fcber fast von Wohnmobilen und von Zelten,<br \/>\naber so still und dumpf! Das Bier und auch der s\u00fc\u00dfe Wein<br \/>\nlassen die Platzbewohner l\u00e4nger weilen in des Schlafes Welten.<br \/>\nUm neun geht\u2019s in den Waschr\u00e4umen dann zu wie in nem Taubenschlag,<br \/>\nwie Schlafwandler machen sie ihre Toilette, trinken dann Kaffee,<br \/>\nallm\u00e4hlich \u00f6ffnet sich ihnen der zweite (oder erste) Tag,<br \/>\nden kr\u00f6nen soll der fr\u00fchmitt\u00e4gliche Teilemarkt am See.<\/p>\n<p>Hotel: Am fr\u00fchen Morgen, gegen sechs, sieht ein verschlafener Rezeptionist,<br \/>\ndie Dame, die die Suite f\u00fcnfhundertzehn bewohnt, am K\u00f6rper leichte Sachen,<br \/>\naus dem Hotel sich schleichen, barfu\u00df, gehn ums Eck, das laute Klirren dann ist<br \/>\nwie ein Weckruf, und sie kommt zur\u00fcck, ist ja ein Gast, was kann man machen.<br \/>\nFjodor oben dreht sich um, sieht sie wild an und breitet aus die Arme.<br \/>\n\u201eWas fiel dir ein, nun Flasche weg, komm doch ins Bett, ins warme.<br \/>\nIch dachte, nur die Deutschen sind von Ordnung so besessen.<br \/>\nLass uns den Glascontainer f\u00fcr die n\u00e4chste Runde mal vergessen.\u201c<br \/>\nDorothy schmachtet: \u201eSch\u00f6n war das, ja, du kannst vielleicht noch mehr.<br \/>\nIch brauchte etwas Abk\u00fchlung, mir fehlt das Meer.\u201c<br \/>\nEr fl\u00fcstert: \u201eDu warst drau\u00dfen, bringst die Morgenluft herbei,<br \/>\nund das Beweisst\u00fcck, diese Flasche Wodka, ist ja nun entzwei.<br \/>\nDein K\u00f6rper bebt, und ich muss sagen, das erregt mich sehr,<br \/>\nmehr als ein altes Hochrad, mehr als die Nabe von Vermeer,<br \/>\nmehr als das ber\u00fchmte Rover Safety, John Kemp Starley,<br \/>\nmehr als die Federung der achtundvierz\u2019ger Harley.<br \/>\nGeradezu verliebt und schmachtend ich hier vor dir liege,<br \/>\nan deine Rundungen ich mich nun woll\u00fcstig schmiege!\u201c<\/p>\n<p><em>Fortsetzung morgen mit dem Teilemarkt.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wann, wenn nicht jetzt? 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