{"id":13192,"date":"2017-05-22T01:05:48","date_gmt":"2017-05-22T00:05:48","guid":{"rendered":"http:\/\/manipogo.de\/?p=13192"},"modified":"2024-11-11T22:02:06","modified_gmt":"2024-11-11T21:02:06","slug":"das-jahrhundertrennen-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/manipogo.de\/?p=13192","title":{"rendered":"Das Jahrhundertrennen (5)"},"content":{"rendered":"<p>Der letzte Teil des ersten Tages in Karlsruhe. Rudi und Steisbein unterreden sich \u00fcber das Fahrrad, das ist sehr poetisch, und dann wird es romantisch, weil Rudi von einer Verehrerin in das Begegnungszelt eingeladen wird, und zum Gl\u00fcck l\u00e4sst er sich darauf ein. Wir wollen ihm einmal etwas Ekstase g\u00f6nnen! Und am Ende funkeln alle Sterne. <!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Party<\/em><\/p>\n<p>Rudi dreht sich um: Da str\u00f6men schon vorbei die ungeheuer vielen<br \/>\njungen Leute, schieben sich vor\u00fcber an der B\u00fchne eins, die Raga-Meister<br \/>\naus Mumbai, die an Tabla und Sitar begeisternd spielen,<br \/>\nignorierend; bald stehn sie eng und z\u00e4h wie Kleister<br \/>\nvor B\u00fchne zwei, es k\u00f6nnen rund zweitausend Menschen sein.<br \/>\nDort oben steht, b\u00e4rtig mit Kopftuch, Deejay Pablo Burrito<br \/>\nvon der Philippinen und schaltet die Ger\u00e4te ein.<br \/>\n\u201eDie Show geht los, verr\u00fcckt und grenzenlos, capito!\u201c<br \/>\nbellt er, und schon flutet los und pumpt sich der Elektro-Wave<br \/>\n\u00fcber die Menge, die langsam sich in Schwingungen versetzt.<br \/>\nSie wiegen sich und sind in Trance, es ist ein guter Rave,<br \/>\ndie Inder nebenan schauen sich an, sie sind entsetzt<br \/>\nund packen kleinlaut ihre Instrumente ein, derweil<br \/>\nrote Lichterwellen \u00fcber alle K\u00f6pfe tasten,<br \/>\nblaue Laserstra\u00dfen blitzen wie ein vieldimensionaler Pfeil,<br \/>\nRauchs\u00e4ulen aufsteigen und als Nebel \u00fcber allen T\u00e4nzern lasten<br \/>\nund dabei tobt und pocht und klopft und r\u00f6hrt der Pablo-Speed,<br \/>\nder allen in die Glieder f\u00e4hrt und sie zum Tanzen zwingt.<br \/>\nDer Chef steht oben, schraubt und dreht an Schaltern, und er sieht<br \/>\nhinab zu seinen J\u00fcngern, l\u00e4chelt gro\u00df und wei\u00df, es klingt<br \/>\nmal wieder ganz grandios, und dieses Energieniveau<br \/>\nwird er noch halten k\u00f6nnen fast zwei Stunden, kann er blind.<br \/>\nGraugr\u00fcn ist nun das Licht der Show,<br \/>\ndie Masse schwankt und schwappt wie Meer, bewegt vom Wind.<\/p>\n<p>Ein kleiner Mann sitzt auf der andern Seite dieser Wasserfl\u00e4che<br \/>\nauf einer Bank, neben sich die Flasche mit dem roten Wein.<br \/>\nEin andrer kommt, ein Mann, der hat eine gewisse Schw\u00e4che<br \/>\nf\u00fcr den einsamen Fahrradwissenschaftler, Herrn Steisbein,<br \/>\nund setzt sich wortlos, l\u00e4chelt, hat ein Gl\u00e4slein mitgebracht<br \/>\nund schenkt sich, ohne erst zu fragen, aus der Flasche ein.<br \/>\n\u201eSo aus der Ferne sieht es aus wie eine gro\u00dfe Schlacht\u201c,<br \/>\nsagt Rudi, \u201ewie K\u00f6niggr\u00e4tz und Austerlitz, ich hab es mir gedacht,<br \/>\ndass Sie das wie ein Feldherr gern von einem H\u00fcgel sich beschauen,<br \/>\nund sich nicht unter die tausend T\u00e4nzer trauen.\u201c<br \/>\nSteisbein strahlt, sie prosten sich gleich zu,<br \/>\nund der Gelehrte meint: \u201eSagen wir du,<br \/>\nKarl Heinz bin ich, und wo ich bin, \u00fcber das Fahrrad denk ich nach,<br \/>\n\u00fcber das ich heute fast zuwenig sprach.\u201c<\/p>\n<p>\u201eNur zu\u201c, ermuntert Rudi, \u201eich lerne immer gern dazu,<br \/>\nauch mir l\u00e4sst unser Fahrrad keine Ruh.<br \/>\nHohe Gedanken sind immer vonn\u00f6ten;<br \/>\nwenn man sie nicht ausspricht oder aufschreibt, gehn sie fl\u00f6ten.<br \/>\nIch bin Rudi, hier ist meine Hand.<br \/>\nWie sch\u00f6n, der Pablo-Sound, wie sch\u00f6n, das ganze Land.\u201c<br \/>\nSteisbein z\u00f6gert, dann: \u201eZwei Laufr\u00e4der stehn f\u00fcr die beiden Zeilen,<br \/>\ndie im Gedicht bilden den Reim, das Rad ist nicht zu teilen,<br \/>\nist ein Duett, wie\u2019s sind im Menschen Seele und der Geist.\u201c<br \/>\nRudi nickt und \u00fcberlegt. \u201eDarum hat recht, wer preist<br \/>\ndas Fahren mit dem Rad; es ist ein selig Schweben,<br \/>\ndas \u00e4hnelt unsrer Fortbewegung in dem andern Leben,<br \/>\ndem nach dem Tod, in dem astrale K\u00f6rper gleiten<br \/>\nund Engel auf den Wolken, wie getragen schreiten.<br \/>\nWer\u2019s liest, wird eines Tags es sicherlich erfahren,<br \/>\ndrum k\u00f6nnen wir es uns ersparen,<br \/>\nBeweise aufzuf\u00fchren. Wer Rad f\u00e4hrt, ist bei sich,<br \/>\nerf\u00e4hrt die Welt, blickt weit, erwartet eigentlich<br \/>\ndie Ankunft, die Erl\u00f6sung, die er, fahrend auf dem Rad,<br \/>\nohne es zu wissen, schon erfahren hat.<br \/>\nDas sag ich nur zu dir, es klingt wie Religion<br \/>\nund ist es auch, in meinem Leben ist&#8217;s meine Mission,<br \/>\ndas Leben nach dem Tod in die Erinnerung zu rufen.<br \/>\nAuch hinterher geht\u2019s weiter, \u00fcber viele Stufen,<br \/>\ndoch bleiben wir f\u00fcr heute mal in unsrer Welt,<br \/>\nin der wir sind, ob uns das nun missf\u00e4llt oder gef\u00e4llt.<br \/>\nDas Fahrrad hat mir, ich bin\u2018s gewiss, das Leben schon gerettet,<br \/>\ndenn es kann Lebensinhalt sein, es viele Sorgen gl\u00e4ttet.\u201c<\/p>\n<p>Steinbeis f\u00fchrt aus: \u201eAlles das, was nach dem Fahrrad kam,<br \/>\nwar irrig oder sch\u00e4dlich, einfach schlecht; ich sag&#8217;s mit Scham:<br \/>\nWarum das Fahrrad wir fr\u00fcher nicht erfanden?<br \/>\nDas Rad war ja schon bald bekannt, wir standen<br \/>\nkurz vor dem Durchbruch \u2026 aber nein,<br \/>\nzwei R\u00e4der, plus die Muskelkraft: Es sollte wohl nicht sein.<br \/>\nGut, trotzdem w\u00e4ren wohl in Kriegen, wo wilde Horden<br \/>\naufeinander trafen, genauso viel Soldaten hingemordet worden,<br \/>\ndoch sicher w\u00e4ren keine Pferde auf Schlachtfeldern verendet,<br \/>\nh\u00e4tten Soldaten f\u00fcr den Kampf nur Fahrr\u00e4der verwendet.<br \/>\nMan h\u00e4tte ihnen schon sehr bald die sch\u00f6nsten Stra\u00dfen hingebaut<br \/>\nund auf den Fortschritt der Zivilisation vertraut &#8211;<br \/>\nder sich im Motor dann schrecklich erf\u00fcllte,<br \/>\nwelcher die Welt verunstaltet und sie in Qualm einh\u00fcllte.<br \/>\nEr half der Hausfrau und in vielen Dingen, das war gut,<br \/>\njedoch beschleunigt er das Wirtschaftstreiben bis zu wilder Wut.<br \/>\nMan hat etwas entfesselt, das bis heute weitergeht<br \/>\nund in dessen Banne heute auch das Fahrrad steht.<br \/>\nElektror\u00e4der! Wir haben froh ins Herz geschlossen<br \/>\nden Motor, unsren gr\u00f6\u00dften Feind, und so zerschossen,<br \/>\nwas uns von der Motorenwelt so gr\u00fcndlich unterschied.<br \/>\nNun sind wir schneller, fahren weiter, singen aber auch das Lied<br \/>\nderer, die immer schneller immer weiter wollen, das der Optimierer,<br \/>\nsind vornedran und zugestopft mit Technik \u2013 und irgendwie Verlierer.\u201c<\/p>\n<p>Das kann man so sehen, muss es aber nicht. Es ist ein Austausch.<br \/>\nRudi wei\u00df, dass es ist falsch, geht trotzdem eine zweite Flasche kaufen.<br \/>\nDazu ein Wasser, und so wird es nur ein Halbrausch,<br \/>\nden man kaum sp\u00fcrt. Sie sehn dort dr\u00fcben viele laufen,<br \/>\noder ist es mehr ein Str\u00f6men, ein Wegzug der Menge?<br \/>\nDie Musik ist versiegt, die Lichter sind verglommen,<br \/>\nviel Raum ist, wo vorher war drangvolle Enge,<br \/>\ndie sich verlagert ins Begegnungszelt, in das gekommen<br \/>\nsind die Paare, die beim Tanze sich gefunden,<br \/>\nund sich im Zelt umschlingen mit der Kraft, die ihnen blieb.<br \/>\nSue, die Magierin, achtet drauf, dass keines bleibt zwei Stunden<br \/>\nund dass nicht ungewohnte Ausma\u00dfe annimmt der Trieb.<br \/>\nDrau\u00dfen ist die Sommerwiese ganz zerstampft,<br \/>\nund Flaschen liegen rum und au\u00dferdem auch viele Schuhe,<br \/>\nder Discorauch und aller Schwei\u00df sind r\u00fcckstandslos verdampft,<br \/>\ndenn elf Uhr ist es, Schlafenszeit am See, es herrscht selige Ruhe,<br \/>\ndie die Wahrsagerin Miranda braucht zum Legen ihrer Karten,<br \/>\nund vorher hat sie mitgetanzt, wer wollt es ihr verwehren?<\/p>\n<p>Sie wusch sich dann und zog sich um, Klienten zu erwarten.<br \/>\nPablo nebenan trinkt Rum und scherzt mit M\u00e4dels, die ihn sehr verehren,<br \/>\ndie Inder nehmen sich das letzte Wort und spielen eine Einschlaf-Raga,<br \/>\nbegleitet von einem Schattenspiel aus Bangla Desch:<br \/>\nGeschichten aus der Bhagawad-Gita-Saga,<br \/>\nMiranda sagt dem ersten Kunden: Ist nicht teuer, aber \u2013 bitte cash!<br \/>\nDem dritten Kunden sagt sie: Lass es sein, das kostet nichts.<br \/>\nWarum? Schon als Stan Teagarden hereinkam, war sie deprimiert<br \/>\nund sah ihn eingeh\u00fcllt in eine Spreu des grauen Lichts,<br \/>\nBeamter im mittleren England, gut, so war sie orientiert<br \/>\nund legte ihre Karten aus und hielt den Atem an:<br \/>\nDer Turm, in den der Blitz einschl\u00e4gt, der Tod, und der Geh\u00e4ngte,<br \/>\ngeballtes Elend, und das hie\u00df, dass man nur eines sagen kann,<br \/>\nund bleich wurde Miranda, ihr Ergebnis sie bedr\u00e4ngte.<br \/>\nSie sah Stan Teagarden und sah klar seinen Tod.<br \/>\nDa gab es keine Rettung mehr, so sehr sie einen Ausweg suchte.<br \/>\nAm Tag des Rennens w\u00fcrde es geschehn, das startet man im Morgenrot.<br \/>\nMiranda stammelte und redete sich raus. Die Karten sie verfluchte.<\/p>\n<p>Rudi und Steisbein schlendern um den Teich.<br \/>\n\u201eKomisch\u201c, sagt der Wissenschaftler, \u201eals damals ich war jung,<br \/>\nda hatt ich keine Zeit und f\u00fchlte mich gehetzt. Jetzt bin ich reich<br \/>\nan Zeit, alles ist offen, obgleich mich nur ein kleiner Sprung<br \/>\ntrennt von der Ewigkeit. Ich wei\u00df, das Leben ist absurd,<br \/>\ndoch lieb ich es, auch wenn ich einer bin, der schimpft und murrt.<br \/>\nEs gibt ja viele, die es nicht in Frage stellen,<br \/>\nund sollte ich \u00fcber mein ungeheuer langes Leben denn ein Urteil f\u00e4llen?<br \/>\nIch sage nichts; und euch wird jemand diese R\u00e4tsel bald erhellen,<br \/>\nwenn ihr im Licht steht und wenn wei\u00dfe Wolken quellen.\u201c<\/p>\n<p>Rudi sagt: \u201eDas B\u00f6se ist ein R\u00e4tsel. Heute wurd ein Attentat<br \/>\nmit knapper Not vermieden. Der Staat der Islamisten hat<br \/>\ndrei Leute hergeschickt, die Menschen wollten t\u00f6ten.<br \/>\nSie dachten, dass sehr viele Opfer b\u00f6ten<br \/>\neinen Beweis f\u00fcr Gottes Unterst\u00fctzung ihrer Sache.<br \/>\nGottes Wille! Gott! Dass ich nicht lache!<br \/>\nDa haben sie Ende September letzten Jahres,<br \/>\nich glaub in Dacca, Bangladesch, da war es,<br \/>\neinen Italiener, den alle mochten und der Armen half, und<br \/>\nals er im Diplomatenviertel joggte, erschossen wie nen Hund.<br \/>\nGott sieht uns zu, doch l\u00e4sst er uns die freie Wahl,<br \/>\nuns gegens B\u00f6se zu entscheiden ein f\u00fcr alle Mal.<br \/>\nDoch wie geht das, ohne nicht selbst b\u00f6se und gemein zu werden?<br \/>\nWie schaffen wir Verst\u00e4ndnis, Toleranz und Liebe auf der Erden?\u201c<\/p>\n<p>So gehend sind sie endlich angelangt am Zelt, in dem Miranda<br \/>\nGraciosa de Campos gerade Stan, der traurig wirkt, wegschickt.<br \/>\n\u201eIch werde eine Panne haben\u201c, sagt Stan. Sie sehn einander<br \/>\nan, Miranda hat sich unterdessen weggedreht und kurz genickt.<br \/>\nAuf der plattgetanzten Wiese ist es still: ein Moment der Ruhe.<br \/>\nEin Moment? Ach was, ein Monument der Ruhe und der Einkehr,<br \/>\nauf freiem Feld vor der Kopulations-Begegnungstruhe,<br \/>\nund anders als dort drinnen vor den B\u00fchnen: kein Verkehr.<br \/>\nVor dem Verkehrszelt stehen ruhig Bellaire, Nur und Sue,<br \/>\nwie die drei Schicksalsg\u00f6ttinnen, nicht ungef\u00e4hrlich<br \/>\nund plaudern, lachen, sehen zu,<br \/>\nwie sich mit Schritten leicht beschwerlich<br \/>\nTwain, Staller, Bykow und die Tillingham sich nahen,<br \/>\ndie haben viel Exotika, fl\u00fcssig und auch fest, genossen,<br \/>\nwie viele Multikultig\u00e4ste sahen.<\/p>\n<p>Rudi und Steisbein treffen sie, und letzter sagt unverdrossen<br \/>\ntrotz ihres vielen Weins: \u201eLiebe, Toleranz, Verst\u00e4ndnis \u2013 wie?<br \/>\nLernen die Menschen friedliches Zusammenleben nie?<br \/>\nWir sechs, ach nein, wir neun, und \u00fcberhaupt: wir alle<br \/>\nhaben das Rezept. Nicht wahr? In jedem Falle<br \/>\nbesitzen wir das Rad, das Wissen um den Geist<br \/>\nder muskul\u00e4ren Fortbewegung, die, so sag ich dreist,<br \/>\ndas einzige Konzept f\u00fcr Frieden ist, ein Leben ohne Waffen,<br \/>\nwof\u00fcr man einfach m\u00fcsste den Motor abschaffen.<br \/>\nIch war einmal mit einem Radlerfreund, nem guten Fahrer<br \/>\nin Europas Fahrradhauptstadt, in Ferrara,<br \/>\ngelegen von Venedig, der Geliebten, im S\u00fcdwesten:<br \/>\nder Stadt inmitten Mauern, voller Kirchen, mit Pal\u00e4sten<br \/>\nin der etwas verschlafenen, oft nebeligen Ebene des Po,<br \/>\nweswegen man gem\u00fctlich dort im Flachen f\u00e4hrt und wo<br \/>\nStudenten, Anw\u00e4lte, Hausfrauen, alte Fraun mit der bicicletta<br \/>\ngelassen und auch schnell die Stadt durchquern bei jedem Wetter.<br \/>\nMan h\u00e4lt, wenn auf der Piazza man den Freund ersp\u00e4ht,<br \/>\ngleich an und gr\u00fc\u00dft ihn, fragt, wie es ihm geht.<br \/>\nNirgendwo hab diesen Frieden sch\u00f6ner ich empfunden<br \/>\nals dort in der Romagna, langsam gehen hin die Stunden,<br \/>\nwenn du dich langsam mit dem Rade fortbewegst<br \/>\nund deine Ruhe stets auf andre \u00fcbertr\u00e4gst.<br \/>\nEntschuldigt meine lange Rede und die Wut: Tod unsrer Hektik!<br \/>\nVersto\u00dfen wir die Massenwelt, den Motor, die Elektrik.<br \/>\nEs wird nicht gehn, au\u00dfer wir werden alle Eremiten<br \/>\noder selbst Terroristen, Gott bewahr, maschinenst\u00fcrmende Banditen.<br \/>\nWir brauchen einfach ganz f\u00fcr uns die Republik<br \/>\ndes radfahrenden Volks, w\u00e4r das nicht schick?\u201c<\/p>\n<p>Rudi erg\u00e4nzt: \u201eEin Land so wie die Schweiz, jedoch ohne Armee,<br \/>\nohne Automobile, ohne Industrie, touristisch schon, mit einem See<br \/>\noder, noch besser, liegend gleich an einem Meer.\u201c<br \/>\n\u201eIch hab die L\u00f6sung, Tansania!\u201c ruft da Rogoff, \u201ewer<br \/>\nmacht mit, geht hin, da habt ihr euer Traumland.<br \/>\nDenn Tr\u00e4umer seid ihr, ohne jeden Anstand.\u201c<br \/>\nRudi verteidigt sich: \u201eDas ist doch eine Utopie.<br \/>\nWer gar nicht wei\u00df, wonach er strebt, erlangt sie nie.<br \/>\nWir m\u00fcssen sp\u00e4ter, morgen, \u00fcbermorgen das er\u00f6rtern<br \/>\nund besser, kl\u00fcger, mit viel st\u00e4rkern W\u00f6rtern.\u201c<br \/>\nSein Blick geht zu den drei Erynnien, sie winken.<br \/>\n\u201eWir haben Betten frei und auch noch was zu trinken,\u201c<br \/>\nruft Bellaire. Oder rief es Sue? War\u2018s etwa Nur?<br \/>\nRudi reagiert sofort und n\u00e4hert sich dem Zelt<br \/>\nund \u00fcberl\u00e4sst den Rest sich selbst, der Nacht und ihrer Welt.<\/p>\n<p>Nur vor dem einen oder andren Wohnmobil<br \/>\nflackert noch auf einem Tisch ein kleines Licht,<br \/>\nund ein paar Leute sitzen noch und sind agil<br \/>\nDie sp\u00e4te Stunde st\u00f6rt sie nicht,<br \/>\ndenn morgen ist erst Fr\u00fchst\u00fcck, dann Kost\u00fcmausfahrt,<br \/>\num elf, ein Mittagessen mit der B\u00fcrgermeisterin,<br \/>\nBesuche von Museen, was man sich gern erspart,<br \/>\nstattdessen Sahnetorte isst und trinkt Kaffee dazu mit J\u00e4germeisterin.<br \/>\nDas Wetter h\u00e4lt, sagt Rogoff, der&#8217;s ja wissen muss.<br \/>\nDer ist ja von der Zeitung. Sitzt bei den Ungarn rum<br \/>\nund raucht und redet recht viel Stu\u00df.<br \/>\nUm zwei Uhr morgens ist das Heerlager dann stumm.<br \/>\nDoch nicht die Paare im Begegnungszelt; sie fl\u00fcstern,<br \/>\ngejagt und dr\u00e4ngend tun&#8217;s die einen, m\u00fcd und matt<br \/>\ndie andern; bei manchen klingt&#8217;s noch l\u00fcstern.<\/p>\n<p>Rudi krault Sue das Haar: \u201eDu warst beinah rabiat\u201c,<br \/>\nsagt er, \u201eso w\u00fctend, b\u00f6se, aber gut das tat.\u201c<br \/>\n(Sue Germaine, die Zauberin, Haiti, spricht<br \/>\nzwar nur Franz\u00f6sisch, was auch Rudi ist vertraut.<br \/>\nAmour, ch\u00e9rie, oui, je t\u2019adore, es klingt so licht,<br \/>\nso k\u00f6niglich, und man sagt mehr, weil man auftaut.)<br \/>\n\u201eEs war das Wahre\u201c, meint sie, \u201edas was ich empfand.<br \/>\nDu warst in meiner und auch ich in deiner Hand.<br \/>\nAber was ist richtig, was ist heut noch wahr?<br \/>\nMeine Magie und meine Wut es immer war.\u201c<br \/>\nRudi denkt nach. \u201eDer Wahre ist sich immer treu.<br \/>\nIhn treibt an sein Gewissen, an ihm misst er t\u00e4glich neu,<br \/>\nwie er zu handeln habe. So etwa schreibt der Journalist,<br \/>\nwas er wo mit seinen Augen sieht, wie&#8217;s einfach ist,<br \/>\ndas nennt man dann die Objektivit\u00e4t.<br \/>\nIn Wahrheit schreibt er nur, was man gern lesen t\u00e4t.<br \/>\nDer Schriftsteller will nicht verstecken,<br \/>\nwas er empfindet, und Lesende sollen entdecken,<br \/>\nwas er geschickt verbirgt, jedoch schreiben auch viele,<br \/>\nwas andere erwarten, nett und lustig ist, die Spiele<br \/>\nkennen wir; wahre Autoren stecken ihre Kraft<br \/>\nin ihre Werke, sie leitet die Leidenschaft,<br \/>\ndie \u00fcberhaupt, in der Erotik und im Leben<br \/>\nTriebkraft und Vehikel ist f\u00fcr wahres Streben.<br \/>\nIn unsrer Welt, die der Konsum regiert,<br \/>\nwird Leidenschaft nur von der Werbung noch zitiert,<br \/>\nzuweilen man erlebt in Filmen und in B\u00fcchern sie,<br \/>\ndoch was hei\u00dft da erleben? Nie<br \/>\nist es das Wahre, es ist sch\u00f6n verlogen, dekadent,<br \/>\nwer ehrlich und bewusst ist, das recht schnell erkennt.<br \/>\nDarum brauchen wir einen geheimen Orden<br \/>\nf\u00fcrs wahre Tun, wie sie stets sind gegr\u00fcndet worden:<br \/>\ndie wahren Radfahrer, die wahren Journalisten,<br \/>\ndie wahren Parapsychologen, die wahren Touristen.\u201c<br \/>\n\u201eDen gr\u00fcnden wir nicht heute, aber \u00fcbermorgen\u201c,<br \/>\nsagt schl\u00e4frig Sue, \u201emach dir da keine Sorgen.\u201c<\/p>\n<p>Rudi fragt: \u201eWie bin ich denn an dich geraten?<br \/>\nEs war so dunkel, wer mich wollte, konnt ich nicht erraten.\u201c<br \/>\nSue sagt: \u201eNur stand abseits, Bellaire habe ich abgelenkt,<br \/>\nund dich geschoben ins erste Abteil, hineingedr\u00e4ngt,<br \/>\nder Rest ging ohne Magie und ohne Voodoo ganz:<br \/>\nSchnell hab ich dich entkleidet und los ging der Tanz.<br \/>\nJetzt k\u00fcss mich, und wir schlafen ruhig ein,<br \/>\nals w\u00e4ren wir schon Tote, wie ein Stein.<br \/>\nDu hast mich anvisiert, die Magierin hast du mit Magie<br \/>\nVerhext; mit deiner Lauterkeit; und nun sagt sie<br \/>\neinfach, dass sie dich hat gerne.<br \/>\nDas wei\u00dft du nun; drum funkeln drau\u00dfen auch alle die Sterne.\u201c<\/p>\n<p><em>Ende erster Tag. Nun eine wohlverdiente Pause, bis der zweite Tag anhebt mit der Konst\u00fcmausfahrt nach Karlsruhe, einem Besuch am Grab von Drais und einer Geisteraustreibung. Bleibt dran!\u00a0<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der letzte Teil des ersten Tages in Karlsruhe. Rudi und Steisbein unterreden sich \u00fcber das Fahrrad, das ist sehr poetisch, und dann wird es romantisch, weil Rudi von einer Verehrerin in das Begegnungszelt eingeladen wird, und zum Gl\u00fcck l\u00e4sst er sich darauf ein. Wir wollen ihm einmal etwas Ekstase g\u00f6nnen! 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