{"id":13232,"date":"2017-05-24T01:07:03","date_gmt":"2017-05-24T00:07:03","guid":{"rendered":"http:\/\/manipogo.de\/?p=13232"},"modified":"2024-11-11T22:04:04","modified_gmt":"2024-11-11T21:04:04","slug":"das-jahrhundertrennen-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/manipogo.de\/?p=13232","title":{"rendered":"Das Jahrhundertrennen (7)"},"content":{"rendered":"<p>Sch\u00f6n, dass es nun 14 Teile werden. Wir befinden uns vor dem Karlsruher Schloss, die B\u00fcrgermeisterin ist da, und das alles wird ganz sch\u00f6n verwickelt. <!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Karlsruhe, Schloss<\/em><\/p>\n<p>Die Stadt Karlsruhe wurde erst einhundert Jahr\u2018<br \/>\nvor dem badischen Patent f\u00fcr den Erfinder Drais gegr\u00fcndet,<br \/>\nund ist die \u201eF\u00e4cherstadt\u201c, weil von dem Schlosse geometrisch-klar<br \/>\nein Netz von vielen Stra\u00dfen &#8211; zweiunddrei\u00dfig sind\u2019s \u2013 wegm\u00fcndet.<br \/>\nDer Gr\u00fcnder war Markgraf Karl der Dritte Wilhelm, der regierte<br \/>\ndrei\u00dfig Jahre absolut die Grafschaft Baden-Durlach.<br \/>\nEr war der Karl, der hier auf seine Ruhe spekulierte,<br \/>\nund sie auch kriegte, seinen Ruhm mit \u201eKarlsruhe\u201c noch hintennach.<br \/>\nEs war die Zeit der Aufkl\u00e4rung, die noch des Sonnenk\u00f6nigs von Versailles,<br \/>\nLouis Quatorze, der Festungen lie\u00df baun und seine Soldaten<br \/>\nin Nachbarl\u00e4ndern w\u00fcten, an dessen Hof jedoch, o wei,<br \/>\nes gab kein Klo, daf\u00fcr zuhauf gepuderte Per\u00fccken, Stiefeletten, Golddukaten.<br \/>\nVon oben so betrachtet, zieht sich der Adenauerring<br \/>\nsch\u00f6n rund herum ums Schloss, die prunkvolle Zentrale<br \/>\nder Stadt, und weite G\u00e4rten, breite Avenuen geben Raum dem Ding<br \/>\nmit seinen beiden Fl\u00fcgeln, und so scheint das Schloss die ideale<br \/>\nVerk\u00f6rperung der Leere, die die F\u00fclle ist der Macht<br \/>\nwie in der Kaiserstadt Kyoto, Japan, wo des Tennos Gro\u00dfpalast<br \/>\nverborgen ist im Nichts der Stadt, in ihrer leeren Mitte, und so ausgedacht,<br \/>\ndamit das Jenseitige der Kaisermacht man ahnt und niemals sie erfasst.<br \/>\nDas klingt sehr sch\u00f6n; nur ist die Leere nicht blo\u00df Zeichen.<br \/>\nSie \u00fcberwinden musste, wer den K\u00f6nig fangen wollte.<br \/>\nDie freien Pl\u00e4tze konnte mit Kanonen man bequem bestreichen,<br \/>\nund Truppen sahen jeden, griffen jeden an, der nicht am Schloss sein sollte.<\/p>\n<p>Die dritte Radlergruppe bremst derweil, die Ampel steht auf Rot.<br \/>\nRudi neben Sue, dann Nur, Bellaire, Frau Tillingham.<br \/>\n\u201eDa schaut mal, wie sie fahren, wie sie rasen, ohne Not!\u201c<br \/>\nruft Rudi. \u201eFroh w\u00e4r ich, wenn ein Polizist nun k\u00e4m.<br \/>\nUnd \u00fcberhaupt, Frau Funktion\u00e4rin, hier ist eine W\u00fcste,<br \/>\nH\u00e4user und Parks sind von der Stadt die K\u00fcste,<br \/>\nwir sind so abgedr\u00e4ngt im Campingplatz am See,<br \/>\nals w\u00e4ren wir entrechtet, ausgesto\u00dfen, abgeschoben in den Klee.<br \/>\nSie waren vielleicht ja nicht in D\u00e4nemark, zwotausendzehn,<br \/>\nin Ungarn, Frankreich, Schweden, Tschechien,<br \/>\nwo \u00fcberall wir in nem Dorf abseits der Welt uns trafen,<br \/>\nin Gegenden, die \u00f6de waren und verschlafen.<br \/>\nHaben wir das verdient, wir Radler mit den edlen R\u00f6ssern,<br \/>\ndie reiten und die k\u00e4mpfen, statt zu sitzen auf zugigen Schl\u00f6ssern.<br \/>\nMan muss uns sehn, wir m\u00fcssen da sein, erst die kritische Masse<br \/>\nvon R\u00e4dern f\u00fchrt den Autofahrer zum Respekt; die Rasse<br \/>\nRad, man muss sie pflegen, soll denn die Zivilisation<br \/>\nnicht untergehn, denn auf dem Weg dorthin ist sie ja schon.\u201c<br \/>\nZum Gl\u00fcck wird\u2019s gr\u00fcn, so kann die Antwort Dorothys noch warten,<br \/>\nweil f\u00fcnfzig Radler m\u00fchsam und in Zeitlupe \u00fcber die Stra\u00dfe rollen<br \/>\nvorbei an Mietskasernen, dann Parks, es gibt auch manchen Minigarten,<br \/>\nin dem die Katzen m\u00fcde zuschaun und sich dann auch trollen.<br \/>\nSue meint im Fahren: \u201eDiese Welt l\u00e4sst sich nicht umgestalten,<br \/>\nnur langsam, mit Magie, doch meistens bleibt&#8217;s beim Alten.<br \/>\nDie kritische Masse der kritischen B\u00fcrger mit Zivilcourage<br \/>\nist nirgendwo erreicht, es ist eine gro\u00dfe Blamage.<br \/>\nHab Spa\u00df, wir fahren doch, die Sonne scheint, ich freu mich schon<br \/>\nauf unsre n\u00e4chste Nacht, karibisch, explosiv, im Purpurton!\u201c<br \/>\nSie f\u00e4hrt auch gleich ein wenig schneller,<br \/>\nund von dort oben leuchtet unsre Sonne einen Ton noch heller.<\/p>\n<p>Die Wartenden haben in dieser Zeit auch was getrunken,<br \/>\ndie Kleider abgeklopft, und Sascha ist auch wieder an Deck.<br \/>\nDas Warten hat ihnen schon sehr gestunken,<br \/>\ndoch als der Rest um seine letzte Ecke biegt, ist aller \u00c4rger weg.<br \/>\n\u201eHelau!\u201c ruft Sascha, \u201eHoi\u201c ruft Claude, und \u201eHi\u201c ruft Larry.<br \/>\nDorothy entschuldigt sich. Die Rotte scheint nun ganz kompakt,<br \/>\nund alle sind nun froh, unsre Kanadier sind \u201emerry\u201c.<br \/>\nDer Pressereferent meint, es werde Zeit f\u00fcr den Kontakt,<br \/>\ndie B\u00fcrgermeisterin habe noch einen weiteren Termin.<br \/>\n\u201eWie schlimm\u201c, sagt Claude, \u201ewir aber kommen von so weit,<br \/>\nmit unsren R\u00e4dern, sagen Sie\u2019s der B\u00fcrgermeisterin.<br \/>\nUnd Radler haben meistens Zeit, sind stets bereit.\u201c<\/p>\n<p>Er hebt die Hand, gibt damit das Signal<br \/>\nZur Weiterfahrt, und alle sitzen auf und radeln ab.<br \/>\nDas Schloss im Blick, und voll drauf zu, s\u2018ist ein Fanal<br \/>\nder Vergangenheit, unterwegs im starken Trab \u2015<br \/>\nwie eine kriegerische entschlossene Schwadron<br \/>\nloszieht auf den Feind, auf die wehenden Fahnen,<br \/>\nangepeilt von gegnerischen Sch\u00fctzen schon,<br \/>\ndie atemlos den gleich folgenden Schussbefehl erahnen.<br \/>\nDas sind drei Kamerateams von Fernsehstationen,<br \/>\nlinks steht der S\u00fcdwestfunk, rechts da sind noch zweie, die privat,<br \/>\npostiert hinter drei Vans, die umringt von Personen,<br \/>\nbewacht von zehn Bewachern, bewaffnet und parat.<br \/>\nDie Sonne scheint freundlich und arglos, als wolle sie loben<br \/>\ndie Helden des Zweirads, die schon haben das Portal durchquert:<br \/>\nzwei hohe Podeste mit halbnackten Engeln ganz dort oben,<br \/>\nvon sich duckenden Tieren besch\u00fctzt, mit Standarten bewehrt.<br \/>\nDie einhundertf\u00fcnfzig rollen \u00fcber feink\u00f6rnigen Kies,<br \/>\nden ihre groben und harten R\u00e4der zermahlen<br \/>\nmit einem Ger\u00e4usch wie Ketten in einem Verlies,<br \/>\nund hinein geht\u2019s in den Schlosspark, diesen kahlen.<br \/>\n\u201eJodelidoo!\u201c jubelt W\u00e4lti, ein M\u00e4dchen mit rotem Rad winkt ihm zu.<br \/>\nGeh\u00f6rt zu Studenten, die sitzen in Sichtweite m\u00fc\u00dfig im Gras.<br \/>\nF\u00fcnf Touristen aus St. Peter Ording br\u00fcllen \u201ejuhuu\u201c!<br \/>\nUnd die Studenten staunen: \u201eIst schon krass!\u201c<\/p>\n<p>Die erste Kohorte n\u00e4hert sich stetig einem Rednerpult.<br \/>\nClaude, W\u00e4lti, Peter und Elsbeth stoppen f\u00fcnf Meter davor.<br \/>\nDie andern schwenken ab, gut wird die Truppe abgespult,<br \/>\nals h\u00e4tte sie\u2019s ge\u00fcbt, eins links, eins rechts, und keins verlor<br \/>\nden \u00dcberblick, bis dann ein Halbkreis sich formiert,<br \/>\nbestehend aus drei Reihen, irgendwie perfekt.<br \/>\nDa war nichts geplant, keiner war informiert,<br \/>\nman war ganz spontan, nichts war ausgeheckt.<br \/>\nDa stehn sie nun, die drei Mal f\u00fcnfzig Radpiloten<br \/>\nund schaun auf das Pult mit seinem kleinen Pulk<br \/>\naus Funktion\u00e4ren drumherum, die schaun wie die Idioten.<br \/>\nStille. Pause. Claude steigt nun ab, erlaubt sich einen Ulk.<br \/>\nTritt vor und macht drei Schritte, salutiert:<br \/>\n\u201eDas Bataillon ist angetreten und entbietet seinen Gru\u00df<br \/>\nDer Kommandeurin, untert\u00e4nigst, und es bittet, seinen Fu\u00df<br \/>\nr\u00fchren zu lassen nach der langen Fahrt, wenn\u2019s kommodiert.\u201c<\/p>\n<p>Ein Grinsen kommt \u00fcbers Gesicht der B\u00fcrgermeisterin,<br \/>\nder schmalen blassen Frau mit kurzem Haar und Brille.<br \/>\n\u201eJa, das war imposant und brav. Ich bitte Ihn,<br \/>\ndie Truppe sich nun r\u00fchren zu lassen, dieses ist mein Wille.\u201c<br \/>\n\u201eR\u00fchrt euch!\u201c ruft Claude, Entspannung tritt nun ein: verdient.<br \/>\nDie B\u00fcrgermeisterin entspannt sich auch, greift zu ihrem Manuskript.<br \/>\nSie wei\u00df ja hinter sich das Schloss, das als Museum Badens dient.<br \/>\nDie Fahnen wehn. Sie r\u00fcckt die Brille grad und liest, was steht getippt.<br \/>\n\u201eZweihundert Jahre sind\u2019s, dass hier in unsrer Mitte, unsrer Stadt,<br \/>\nein stiller Mann uns ein famoses Fahrger\u00e4t erfunden hat,<br \/>\ndas seither Fantasie und Muskeln wild bewegt,<br \/>\nund Professoren und Studenten, Hausfrauen und Ingenieure tr\u00e4gt,<br \/>\nIhr seid aus allen Ecken dieser Welt nach Karlsruhe gereist,<br \/>\num hochzuhalten diesen alten sch\u00f6nen Fahrradgeist.<br \/>\nIhr vom Veteranenradverein trefft euch seit vierzig Jahren<br \/>\nJe in nem anderen Land, und diese L\u00e4nder tut ihr euch erfahren.<br \/>\nDas Herz geht einem auf, wenn man euch Heldinnen und Recken<br \/>\nso sieht, stilvoll gekleidet, wenn man die feinen alten R\u00e4der kann entdecken.<br \/>\nIhr seid die Botschafter des Zweirads, wie es einmal war!<br \/>\nHistorisch hier am Schloss steht eure stolze Schar.<br \/>\nDie Stadt hei\u00dft euch willkommen! Ihr sollt es sch\u00f6n hier haben,<br \/>\neuch an Kultur und K\u00fcche in unsrem Nordbaden laben!<br \/>\nEs ist ein Mittagessen euch bereitet, in den R\u00e4umen hinter mir,<br \/>\nund dann besichtigt ihr eines von vier Museen (von vielen, die sind hier).<br \/>\nAm Abend gibt es auch Vortr\u00e4ge, Ausstellungen, Konzerte,<br \/>\ndie ich, verantwortlich daf\u00fcr, mit H\u00f6chstniveau bewerte.<br \/>\nMehr bleibt mir nicht zu sagen: sch\u00f6ne Karlsruher Tage!<br \/>\nDamit das Wort dem Pr\u00e4sidenten, damit er auch was sage.\u201c<\/p>\n<p>Vom Halbkreis brandet Beifall auf. Claude ruft: \u201eRespekt!<br \/>\nDas Bataillon ist sehr entz\u00fcckt, das haben Sie bezweckt.<br \/>\nDas \u201aZweirad, wie es einmal war\u2018 \u2013 das war einfach genial.<br \/>\nVielleicht auch vierfach. Sie sind ph\u00e4nomenal.\u201c<br \/>\nEine Liebeserkl\u00e4rung, ganz \u00f6ffentlich, oder nur fast?<br \/>\nAns Podium tritt Terry Twain, im Smoking und mit Fliege.<br \/>\nWas Claude sagte, das hat ihm nicht gepasst.<br \/>\nEr ist der Pr\u00e4sident. Erst Rudi, dann der Claude, riecht nach Intrige.<br \/>\nMan achtet ihn nicht mehr. Lame Duck? \u201eIch bin der Pr\u00e4sident\u201c,<br \/>\nsagt er. \u201eClaude ist der Chef des Bataillons, ich der vom Regiment.\u201c<br \/>\nDas ist nun klar. \u201eDer Veteranenradverband, er dankt.<br \/>\nDie Organisation hat allen sehr viel abverlangt.<br \/>\nSie ist grandios, das ist der weltbekannte deutsche Stil,<br \/>\nwo alles klappt. Hat Hand und Fu\u00df und hat ein Ziel.<br \/>\nWir haben Karlsruhe schon in dieses unser Herz geschlossen,<br \/>\nhaben die ersten beiden Tage bereits sehr genossen.<br \/>\nWir danken nochmals f\u00fcr die Gastfreundschaft,<br \/>\nf\u00fcr diese unsrem Zweirad ganz gewidmete St\u00e4dte-Patenschaft.<br \/>\nVor unsrem Mittagessen rate ich zu einem kleinen Defil\u00e9e<br \/>\nVor dieser Truppe, damit man sch\u00f6ne R\u00e4der, sch\u00f6ne Fahrer seh.\u201c<br \/>\nVerneigt sich g\u00fctig Twain. Kommt Beifall auf, nicht stark und auch nicht gleich.<br \/>\nDas Defil\u00e9e indes \u2026 muss warten, es wird erstmal viel gest\u00f6rt.<br \/>\nZwei Polizisten gehen zur B\u00fcrgermeisterin, man fl\u00fcstert, sie wird bleich.<br \/>\nSie sagt, und alle h\u00f6ren es: \u201eDas ist doch unerh\u00f6rt.\u201c<\/p>\n<p>Rudi und Sue haben sich w\u00e4hrend Twains Rede leise weggestohlen.<br \/>\nSie haben sich ein Event \u00fcberlegt, um die Geladnen aufzur\u00fctteln.<br \/>\nMahindi, Mahmud und Bellaire und Steve wollten erst die anderen holen<br \/>\nund sehr schnell fahren, um die Polizisten abzusch\u00fctteln.<br \/>\nDa n\u00e4hert sich schon ihre bunte internationale Garnitur:<br \/>\nwehende Saris, grelle R\u00f6cke, hellblaue Turbane, Leinenhosen,<br \/>\nvon Leuten, die auf alten, angerosteten R\u00e4dern sitzen nur<br \/>\nund nun anhalten, lachen, scherzen, sich liebkosen.<br \/>\nSogar die Raga-Meister aus Mumbai haben wieder Mut gefasst<br \/>\nUnd sich drei Kinderr\u00e4der, rosa, organisiert<br \/>\nUnd eins zieht noch den Sarg von Sue Germaine als Last,<br \/>\nin den sind Tabla, Sitar und die Tampura reinplatziert,<br \/>\n(dieweil der vorherige Insasse sitzt auf einer Bank am See,<br \/>\nwir hoffen, dass durch ihn niemand seinen Verstand verliert!)<br \/>\nnun raus mit ihnen, frisch ans Werk, ohe!<br \/>\nEin Mittags-Raga wird zur Einstimmung gleich absolviert.<br \/>\nAnd\u00e4chtig lauschen alle, die Gespr\u00e4che sind verstummt,<br \/>\ndie T\u00f6ne drehen sich gen Himmel wie in Serpentinen,<br \/>\ndie B\u00fcrgermeisterin und auch mancher Radler leis mitsummt,<br \/>\nbis dann Bellaire die Hand hebt und Einhalt gebietet ihnen.<\/p>\n<p><em>Unterbrechung<\/em><\/p>\n<p>Sie tritt nun vor und sagt: \u201eWir sind die Armen dieser Welt,<br \/>\nim Alltags-Outfit, ist bequem und kostet wenig Geld.<br \/>\nNicht sind wir so wie ihr herausgeputzt,<br \/>\nder Kampf ums \u00dcberleben ist schon schwer, es nutzt<br \/>\nuns dabei unser Rad, ein Auto k\u00f6nnen wir uns gar nicht leisten.<br \/>\nDas Fortkommen mit Muskelkraft ist Alltag bei den meisten.\u201c<br \/>\nRudi erg\u00e4nzt: \u201eDas Rad, das wir hier feiern, bedeutet Freisein<br \/>\nf\u00fcr Milliarden Erdbewohner, es heisst Dabeisein,<br \/>\nwo man dabei sein will, darum erneut ein Hoch auf Drais!<br \/>\nEin Hoch auf Karlsruhe, auf diese Einladung, das Fest; ich wei\u00df,<br \/>\nwir wurden nicht erwartet, doch wir bitten,<br \/>\nmit euch heute zusammen sein zu d\u00fcrfen als die Dritten,<br \/>\nneben den Stadtv\u00e4tern und unsrer Polizei,<br \/>\ndas Rad ist international, ein Heiligtum, und stets dabei.\u201c<\/p>\n<p>Der B\u00fcrgermeisterin, verwirrt: \u201eIhr seid nicht ausgeschlossen,<br \/>\nwir haben die Musik und, wie man sagt, ein Fest, das gestrige, genossen.<br \/>\nDas Rad, da sind wir einig, ist international und geh\u00f6rt allen,<br \/>\nauch wenn das Chaos und der Trubel allen nicht gefallen.<br \/>\nWas euch bewegt, kl\u00e4rt ihr am besten doch vereinsintern.<br \/>\nIhr k\u00f6nnt ja mit uns essen und die Museen sehen, gern.<br \/>\nWas war nun unser n\u00e4chster Punkt? Einen Augenblick,<br \/>\nich frage den Kommunikationsassessor \u2026 War es das Picknick?\u201c<\/p>\n<p>Claude l\u00f6st sich aus dem Halbkreis und spricht Rudi an.<br \/>\n\u201eDa stehst du, mutig, wie ein Appenzeller Mann.<br \/>\nDein Rad, die Stella Veneta, hast du von uns bekommen.<br \/>\nDamit ist neunzehneinundsechzig ein Giuseppe in die Schweiz gekommen<br \/>\naus Norditalien, zur Arbeit; er blieb vierzig Jahre.<br \/>\nAls er dann starb, blieb nur die Frage, wer sein Rad nun fahre.<br \/>\nIch habe immer klar gesagt: Das Rad half stets den Armen,<br \/>\nwar sinnvoller als Almosen und Beten und Erbarmen.<br \/>\nWenn ich hier f\u00fcr alle andern sprechen darf,<br \/>\nso hei\u00df ich euch willkommen; ich seh, dass scharf<br \/>\nsind manche Blicke, dennoch sag ich: Reiht euch ein,<br \/>\nwir gehen Mittagessen, wir sind Freunde, wir sind ein Verein.\u201c<br \/>\nTerry Twain runzelt die Stirn. Der Appenzeller tut das kund!<br \/>\n<em>Ihm<\/em> h\u00e4tt es angestanden, pr\u00e4sidentielle S\u00e4tze anzubringen.<br \/>\nNimmt ihm doch dieser Appenzeller seine Worte aus dem Mund!<br \/>\nEr l\u00e4chelt h\u00f6flich. Die Einigung w\u00e4r trotzdem gut, so kann man sie vollbringen.<\/p>\n<p>Applaus bricht los von allen Seiten; Vertreter<br \/>\nder Stadt klatschen nach kurzem Z\u00f6gern ebenfalls,<br \/>\nund viele Fotos macht der Rogoff Peter,<br \/>\nChronist des Treffens, springt fr\u00f6hlich dort umher, als<br \/>\nauch der Pr\u00e4sident bedeutend nickt und zu sich winkt<br \/>\ndie zwanzig aus Arabien, aus Afrika und Asien;<br \/>\nEssensgutscheine hat er in der Hand, und es gelingt<br \/>\nihm, sie zu verteilen, als w\u00e4ren es Mercedes-Aktien.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Ein Kriminalfall <\/em><\/p>\n<p>Die bunte Truppe links vom Halbkreis steht,<br \/>\nvom Podium und den Funktion\u00e4ren aus gesehn.<br \/>\nErneut ein hoher Polizist zu unserer B\u00fcrgermeistrin geht<br \/>\nUnd redet auf sie ein, man h\u00f6rt ihn beinah flehn.<br \/>\nPl\u00f6tzlich sagt laut ins Mikrofon die B\u00fcrgermeisterin: \u201eNun halt!<br \/>\nIch habe hier Informationen von unsrer Staatsgewalt,<br \/>\nder Polizei, wie traurig, ich muss es verk\u00fcnden:<br \/>\nDas Rad verhindert nicht jedwede S\u00fcnden.<br \/>\nMan hat auf einer Bank am See einen Toten gefunden,<br \/>\nschon skelettiert, seit Jahren, nicht erst tot seit Stunden.\u201c<br \/>\nDer Polizist sagt eifrig: \u201eWer etwas wei\u00df, der spreche nun!<br \/>\nDie Aufkl\u00e4rung hat Vorrang, und wir m\u00fcssen etwas tun.\u201c<\/p>\n<p>Rudi hat da mitgeh\u00f6rt, und er tritt vor die Menge.<br \/>\n\u201eDas ist nun unsre Schuld, seid nicht mit uns zu strenge.<br \/>\nDie ganze Sache ist recht einfach euch erkl\u00e4rt<br \/>\nUnd nicht die Aufregung in h\u00f6chsten Kreisen wert.<br \/>\nSue Germaine wurde ins Zaubern und ins Heilen eingeweiht<br \/>\nVon ihrem Gro\u00dfvater, gr\u00f6sster Schamane weit und breit.<br \/>\nDer Urgro\u00dfvater war vielleicht noch wirkungsvoller,<br \/>\nund als er starb, da sagte er zu seinem Sohn \u201aSoll er<br \/>\nund sp\u00e4ter seine Tochter meine Knochen ehren;<br \/>\nsie werden helfen, euch Magie und Gl\u00fcck zu lehren.\u2018<br \/>\nSue kam mit dem Skelett von Papa Dibangwe Kalumanin her,<br \/>\nin ihrem Sarg. Kein Zollbeamter wollte wissen, wo ein Beleg denn daf\u00fcr w\u00e4r.<br \/>\nDer Uropa, der hundert Jahre tot, lebt l\u00e4ngst in einer andren Welt.<br \/>\nDie Knochen haben auf der Bank wir l\u00e4ssig abgestellt.<br \/>\nEs ist ein \u201aCold Case\u2018, passend vielleicht f\u00fcr ein Tatort-Team<br \/>\naus Karlsruhe, und gibt es das? Wir sagen ihm,<br \/>\nwas es da wissen muss. Warum? Wir brauchten Platz<br \/>\nf\u00fcr die Instrumente unsrer Freunde, und noch ein Satz:<br \/>\nDarunter haben wir ein paar automatische Gewehre.<br \/>\nWarum? Sie hatten ein paar Revolution\u00e4re,<br \/>\ndie bei dem gestrigen Fest ein Attentat versuchten,<br \/>\ndie Islamisten, diese Gottverfluchten.<br \/>\nSie liegen nun gebunden im Begegnungszelt.<br \/>\nEs kann sie holen, wem das nun gef\u00e4llt.\u201c<\/p>\n<p>Gro\u00dfe Augen \u00fcberall. Der Polizist muss alles erst begreifen,<br \/>\ndie B\u00fcrgermeisterin denkt nach, der Pr\u00e4sident ist ganz entsetzt.<br \/>\nEin paar der Radfahrer fangen nun an zu keifen,<br \/>\nsogar die sanfte Dorothy Tillingham f\u00fchlt sich verletzt.<br \/>\n\u201eGut\u201c, sagt der Polizist, \u201eich schicke einen Wagen an den Ort.<br \/>\nSie halten sich nun in Bereitschaft, gehen Sie nicht fort!\u201c<br \/>\nDann haben alle sich gefasst. Claude sagt: \u201eVergesst den See,<br \/>\nwir sind nun hier, was warten wir, denkt an das Defil\u00e9e!\u201c<br \/>\n\u201eDa haben wir ja einen Sumpf des B\u00f6sen, zehn Delikte!\u201c<br \/>\nRuft aus der Polizist. \u201eDie Radfahrer der Teufel zu uns schickte!\u201c<br \/>\nDa f\u00e4hrt der Monsignore mit dem Dreirad vor den halben Kreis<br \/>\nUnd f\u00e4hrt ihn ab und segnet alle, die die H\u00e4upter neigen.<br \/>\nDer Polizist, er dreht halb durch: \u201eDas macht mir keiner weis,<br \/>\ndass das ein echter Priester; ob er es ist, das wird sich zeigen!<br \/>\nVielleicht noch Blasphemie, wir sind in Teufels K\u00fcche.<br \/>\nIch glaube nichts mehr, geb nichts mehr auf eure Spr\u00fcche.\u201c<br \/>\nDes Monsignores Gegner, der Bretone, sekundiert:<br \/>\n\u201eJa, richtig\u201c, schreit er, \u201eMeister, \u00fcberpr\u00fcfen Sie,<br \/>\nder Gottesmann ist nicht real, und sein Ornat nur Alibi!\u201c<br \/>\nDer Polizist winkt ab: \u201eIch geb am besten gleich um meine Rente ein.<br \/>\nMacht ihr doch, \u00fcberpr\u00fcft es selber, ich bin ein armes Schwein.\u201c<\/p>\n<p>Bellaire springt gleich hinzu, sie sieht des Polizisten tiefe Depression<br \/>\nund h\u00e4ngt ihm um den altbekannten Bl\u00fctenkranz<br \/>\nund k\u00fcsst ihn zwei Mal auf den Mund wie einstmals Nobel schon<br \/>\nund zwingt ihn, da da zaghaft eine Raga l\u00e4uft, zu einem kleinen Tanz.<br \/>\nWogegen aus dem Halbkreis b\u00f6se Blicke sich auf Rudi heften,<br \/>\nder vor dem Podium. Man sieht erregt den Bachleitner nach vorne springen.<br \/>\n\u201eWo steckst du drin, Chaot, in welchen undurchsichtigen Gesch\u00e4ften?<br \/>\nSchickt ihn nach Haus, das muss ich mir nun ausbedingen!\u201c<br \/>\nP\u00e5l Janssen legt ihm ruhig auf die Schulter eine Hand.<br \/>\n\u201eWarum denn? Chaos ist doch Leben, l\u00e4uft nicht alles immer klar.<br \/>\nEr hat die wilde Welt hereingeholt in unsre Welt, in dieses Land,<br \/>\nwas uns belebt, auch wenn es f\u00fcr Probleme sorgt ganz offenbar.\u201c<br \/>\nBachleitner tobt: \u201eDem Ruf des Veteranenhauptverbands hat er geschadet.<br \/>\nWer seid ihr denn, dass solche Leute ihr einladet,<br \/>\nRudi hat uns hier vor aller Welt gr\u00fcndlich blamiert.<br \/>\nWenn er nicht geht, geh ich. Auf diese Weise alles man verliert.\u201c<br \/>\nNun sieht der Pr\u00e4sident die Chance, sich endlich zu beweisen.<br \/>\n\u201eWir sprechen dr\u00fcber bei der Hauptversammlung sp\u00e4ter.<br \/>\nWir haben Hunger, starten nun das Defil\u00e9e, denn sch\u00f6ne R\u00e4der<br \/>\nzu pr\u00e4sentiern, das tut dem Ruf des Veteranenklubs nur gut.<br \/>\nMan sorge hier nicht \u00f6ffentlich f\u00fcr b\u00f6ses Blut.\u201c<\/p>\n<p>Die B\u00fcrgermeisterin schien ungeduldig, schaute auf die Uhr.<br \/>\nJetzt folgt sie Terry Twain, von links marschieren sie entlang der Formation.<br \/>\n\u201eDe \u201aGroene Leeuw\u2018, der gr\u00fcne L\u00f6we, der in Belgien fuhr<br \/>\nseit schon fast hundert Jahren, geh\u00f6rt Freddy Wouters, und schon<br \/>\nseit achtzehnf\u00fcnfundachtzig gibt es das Rudge Ordinary, gelenkt<br \/>\nvon Ken Herliffe, ein Hochrad wie dort hinten jener alte \u201eStar\u201c,<br \/>\nAmerika \u2026 Twains Hand geht nun wild umher, er denkt,<br \/>\nder B\u00fcrgermeisterin die Fahrradwelt zu zeigen, wie sie war:<br \/>\n\u201eMesitschek, Lutetia, Victoria, De Muynck, Comet, Sunbeam,<br \/>\nein Hercules, ein Singer Ordinary, Willan, Clement und Micheaux,<br \/>\nsehr alt, von achtzehnzweiundsechzig, it\u2019s a dream!<br \/>\nEin Wanderer, ein Adler, und ein Singer Ladies Tricycle, oho!\u201c<br \/>\nDie B\u00fcrgermeisterin l\u00e4chelt, aber es wirkt sehr gequ\u00e4lt.<br \/>\nIhr Referent gibt Zeichen, und sie f\u00e4llt dem Pr\u00e4sidenten in den Arm.<br \/>\n\u201eDas war sehr instruktiv, es war sehr sch\u00f6n, die R\u00e4der, doch was z\u00e4hlt,<br \/>\nist, dass es Essen gibt. Ich sage Ihnen Dank.\u201c Das war\u2019s, mit Charme.<\/p>\n<p><em>Und morgen dann: die Geister. Haben sich doch welche an die R\u00e4der geheftet!<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sch\u00f6n, dass es nun 14 Teile werden. 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