{"id":13243,"date":"2017-05-31T01:11:21","date_gmt":"2017-05-31T00:11:21","guid":{"rendered":"http:\/\/manipogo.de\/?p=13243"},"modified":"2024-11-11T22:48:22","modified_gmt":"2024-11-11T21:48:22","slug":"das-jahrhundertrennen-11","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/manipogo.de\/?p=13243","title":{"rendered":"Das Jahrhundertrennen (12)"},"content":{"rendered":"<p>Gleich Mitternacht: Das Finale n\u00e4hert sich, der Exorzismus. Ach, wie sch\u00f6n war es, das zu schreiben; das geschrieben zu haben. Ich kriege Hochachtung vor mir selbst. Tut Dinge, die man nicht von euch erwartet! mahnte G\u00fcnter Eich. Seid Sand, nicht das \u00d6l im Getriebe der Welt! Das Rennen jedoch, das am Ende angek\u00fcndigt ist, ersparen wir uns. Ich euch.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Mitternacht<\/em><\/p>\n<p>\u201eDer erste Mensch, den man auf einem Friedhof in die Erde senkt,<br \/>\nist, soweit Mann, Baron Simitje, der Herr der Toten; wer gedenkt,<br \/>\nin seiner Welt etwas zu r\u00e4chen, ruft ihn an, den Chef der Totenblassen.<br \/>\nHei\u00dft auch Baron Samedi, schickt einen b\u00f6sen m\u00f3, gew\u00e4hlt aus den Insassen.\u201c<br \/>\n\u201eAch, liebe Sue\u201c, sagt Rudi, \u201edie Seelen fliegen frei im Raum,<br \/>\nsind frei gleich nach dem Tod, besuchen dich im Traum.<br \/>\nSie lungern nicht sehr lang herum an diesem Jenseitsort,<br \/>\nzwar gibt es erdgebundne Geister, doch sie bleiben kleben dort,<br \/>\nwo sie gelebt. Und wir gewisserma\u00dfen importieren<br \/>\nmit unsren infizierten R\u00e4dern Geister, die ihr exorzieren<br \/>\nwollt, damit sie, ja \u2026 was tun und wohin gehen?<br \/>\nSie werden leiden und sie werden flehen.\u201c<\/p>\n<p>Sue l\u00e4chelt. \u201eEs ist der Monsignore unser gro\u00dfer Exorzist.<br \/>\nIch liebe meine Geister, hoffe sehr f\u00fcr sie, geb ihnen eine Frist,<br \/>\ndoch ihr mit eurer Strenge, eurer Wut<br \/>\nmacht B\u00f6ses b\u00f6ser, und das ist nicht gut.\u201c<br \/>\nRudi noch: \u201eDu wei\u00dft, o Sue, die b\u00f6sen Geister sind gef\u00e4hrlich.<br \/>\nMan muss sie fortschicken; sie therapieren ist beschwerlich.\u201c<br \/>\nSue richtet sich auf, blickt in seine Augen unverwandt.<br \/>\n\u201eDa du das sagst \u2026 du bist mir ja sch\u00f6n zugewandt,<br \/>\ndas liegt am Sommer, diesem Treffen, diesem Land.<br \/>\nDoch f\u00fchlt sich\u2019s manchmal an, als w\u00e4rest du gebannt<br \/>\nvon einem fremden Zauber, wie gel\u00e4hmt; ich sp\u00fcre eine Wand,<br \/>\ndahinter einen \u2026 Geist, ein Wesen, so etwas wie die unsichtbare Hand<br \/>\neines Gesch\u00f6pfs, das dich auszehrt und lebt von dir:<br \/>\nIch w\u00fcrde fast sagen: Es ist ein Vampir.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu machst mir Angst\u201c, erwidert Rudi leise.<br \/>\n\u201eIch wei\u00df es auch, das macht die Reise<br \/>\nZu einem gro\u00dfen Unterfangen.<br \/>\nEs ging mir stets darum, Erl\u00f6sung zu erlangen.<br \/>\nIch habe tausend schlimme Irrt\u00fcmer begangen<br \/>\nund dennoch \u00fcberlebt, mit Hoffen und mit Bangen,<br \/>\nund jemand gab mir Kraft, Zukunft und Verlangen,<br \/>\nbis alles dann vergl\u00fchte \u2026 so hat es angefangen.<br \/>\nBald kommt der Monsignore auf dem Rad.<br \/>\nNoch ist&#8217;s nicht Mitternacht, und noch ist Rat.\u201c<\/p>\n<p>Sue hebt pl\u00f6tzlich, inspiriert, an zu einem Gesang.<br \/>\nSie lehnt an einem Baum, blickt hoch zum Himmelszelt,<br \/>\nRudi setzt sich zu ihren F\u00fc\u00dfen und lauscht bang,<br \/>\nden Blick hinauf wie sie zur leicht glitzernden Sternenwelt.<\/p>\n<p>\u201eMaji wo, maji wo, maji pwen an.<br \/>\nBilolo l\u00e9 w&#8217;we m&#8217;nan simiti\u00e9 avek pwen an<br \/>\nL\u00e9 w&#8217;we m&#8217;nan devan Bawon<br \/>\nko sa l&#8217;danjere Men le w&#8217;we m&#8217;kon<br \/>\nL\u00e9 w&#8217;we m&#8217;nan devan Bawon an. Pwen sa l&#8217;danjere<br \/>\nPwen an asire. Pwen an danjere.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDanjere hei\u00dft wohl dan-schee, die Gefahr\u201c,<br \/>\nsagt Rudi in die Stille, \u201each, wie gut du singst, wie sch\u00f6n das war!<br \/>\nWir brauchen gleich viel Hilfe von einem Baron,<br \/>\ndem Samedi oder Drais, wem immer, einer hilft uns schon!\u201c<\/p>\n<p>Er h\u00f6rt ein Kratzen, Rauschen, wie Fahrradreifen rollen<br \/>\nauf Friedhofswegen. Sue hat die Augen fest geschlossen und erhoben<br \/>\nihre H\u00e4nde, und sie fl\u00fcstert \u201eLass mich! Die Geister wollen<br \/>\nsich zeigen, brauchen dazu meine Kraft und loben<br \/>\ndie Schamanin.\u201c Rudi starrt angestrengt in diese Dunkelheit.<br \/>\nDie R\u00e4der stoppen, grad vor ihm. Der Rennradfahrer, der Pirat,<br \/>\nist schwach zu sehn, mit Mercatone-uno-Trainingskleid.<br \/>\nNun spricht er, leise, Italienisch, im Romagna-Dialekt, gibt einen Rat.<br \/>\n\u201eViele meiner Freunde sind um mich.<br \/>\nWir haben eine \u00dcbermacht, nichts B\u00f6ses kann bestehen.<br \/>\nDie erdgebundnen Geister werden bald das Licht der Wahrheit sehen.<br \/>\nWenn ihr den Monsignore stoppt, gelingt es sicherlich.<br \/>\nDie grobe Art der Katholiken, Geister fortzujagen<br \/>\nschafft negative Wellen in unsrer feinstofflichen Lebenssph\u00e4re,<br \/>\nwirkt Aufruhr, st\u00f6rt die Atmosph\u00e4re.<br \/>\nMit G\u00fcte ist der \u00dcbergang viel leichter zu ertragen.<br \/>\nWir halten uns bereit und warten hinter dieser Stele.<br \/>\nDie Kandidaten und der Priester sind nicht weit von hier.<br \/>\nMiranda und Mahindi ebenfalls. Und wir vertrauen dir,<br \/>\nSue, und dir Rudi, und damit ich mich nun empfehle.\u201c<br \/>\nMarco verschwindet, man h\u00f6rt noch seine und auch andre Fahrradreifen.<br \/>\nRudi st\u00f6\u00dft am Eingang weit die Friedhofstore auf.<br \/>\nEr sch\u00fcttelt seinen Kopf und kann\u2019s nicht recht begreifen.<br \/>\nUnd wartet, l\u00e4sst den Dingen ihren Lauf.<\/p>\n<p>Das Klappern alter R\u00e4der, nebst Gemurmel. Stimmen werden laut.<br \/>\nMahindi n\u00e4hert sich mit seiner Rikscha, wie als Bewachtrupp<br \/>\nSind um ihn die vier Geisterr\u00e4derfahrer. Der Monsignore schaut<br \/>\nVon weiter hinten zu. Und das Konzert von CL Drais im Nachtklub<br \/>\nIst anscheinend schon vorbei, denn Pluto \u00fcberholt und schie\u00dft herbei<br \/>\nmit seinem Cruiser, stoppt, winkt Rudi zu, geht in sein Domizil.<br \/>\nRudi, nun der Stellvertreter, Friedhofsverwalter Nummer zwei,<br \/>\nl\u00e4sst alle ein, schlie\u00dft dann die Tore. Bis Mitternacht fehlt nicht mehr viel.<br \/>\nDie R\u00e4der kommen, dirigiert vom Monsignore, auf der Wiese<br \/>\nhinter der Draisschen Stele halbkreisartig gut zum Stehen.<br \/>\nBeiseite treten Wunder, Hiller, Loggle und Leszek, der Riese,<br \/>\nverziehen sich ins weit fort ins Dunkel, sind nicht mehr zu sehen.<br \/>\nD\u00fcnn klingt nun das Gel\u00e4ut der nah gelegenen Friedhofskapelle<br \/>\nUnd viele Glocken in der Stadt fallen mit ein. Sie schlagen zw\u00f6lfe.<br \/>\nDie Geisterstunde. Banges Harren. Man erwartet gleich Gebelle<br \/>\nvon wilden Hunden oder ein Geknurre vieler W\u00f6lfe.<br \/>\nStatt dessen brummt am Weg der Motor einer Limousine, amerikanisch,<br \/>\nder aufheult, und dann heult noch schrill eine Sirene.<br \/>\nDazu Musik: \u201eGhost\/Busters\u201c, aus dem Film, verzerrt und \u00fcbersteuert, manisch.<br \/>\nDer Wagen, unsichtbar, ist gleich vorbei. Und wieder dunkel ist die Szene.<\/p>\n<p>Der Exorzist lehnt mit dem R\u00fccken an dem Draisschen Monument,<br \/>\nfasst an sein silbern Kreuz, indessen Rudi links, Sue rechts am Rand<br \/>\nder Wiese ihm zusehen gebannt, Sue betet, scheint es, und in dem Moment<br \/>\nbeginnt ein Corso nah bei ihnen, Rennradreifen, scheint\u2019s, auf Sand<br \/>\noder auf dem Kiesbelag der breiten Wege, es rauscht, es ist ein Peloton,<br \/>\nder weiterfegt und sich entfernt auf seinem H\u00f6llenritt. Nun Wind kommt auf<br \/>\nund bl\u00e4ht dem Monsignore die Soutane, fegt ihm auch sein Barrett davon.<br \/>\nDoch er h\u00e4lt stand und ruft: \u201eJesus verk\u00fcndete: Heilt Kranke, weckt die Toten auf,<br \/>\nmacht rein Auss\u00e4tzige und treibt D\u00e4monen aus! Das Rituale Romanorum<br \/>\ngibt mir die Macht \u2015\u201c Miranda, wei\u00df gekleidet, neben ihm. Er f\u00e4hrt zusammen.<br \/>\nDer Wind bl\u00e4st weiter. Jenseits der Wiese rauscht es wieder, alle lauschen drum:<br \/>\nGleich kommt der Rennradfahrerpulk. \u00dcber den Rasen huschen Flammen,<br \/>\nsich n\u00e4hernd, hin und wieder zuckend, hier und dort ein Klagelaut.<br \/>\nVon vorne n\u00e4hern sich die unsichtbaren Radler, und sie werden eingekreist<br \/>\nVom Rollen und vom Rauschen. Es klingt ohrenbet\u00e4ubend laut.<br \/>\nWird leiser. \u201eZum Ziel vier Kilometer!\u201c ruft eine Stimme; wohl ein Geist.<br \/>\n\u201eOh Herr!\u201c ruft da der Monsignore. \u201eWas f\u00fcr eine Pr\u00fcfung hast du mir bereitet!\u201c<br \/>\nDie Flammen jagen wilder auf der Wiese. Sue h\u00e4lt die H\u00e4nde hoch.<br \/>\nDa n\u00e4hert sich ein Adler von den B\u00e4umen fern, langsam er n\u00e4her gleitet<br \/>\nUnd setzt sich gravit\u00e4tisch auf die Statue. Der Priester \u00e4rgert sich jedoch<br \/>\nund schreit \u201eHinfort!\u201c, greift einen Stein und schleudert ihn nach oben.<br \/>\nDann greift er nach dem Kruzifix und steht hoch aufgereckt.<br \/>\n\u201eHerr, der Triumph ist unser, dich alle Geister loben!\u201c<br \/>\nEin dumpfer Klang. Er st\u00f6hnt, schwankt, f\u00e4llt, vom Stein, der fiel, niedergestreckt.<\/p>\n<p>\u201eDas war wie Gottes Antwort!\u201c sagt Rudi. \u201eSie kam ja rasch und trocken.<br \/>\nUnd den Monsignore haut es aus den Socken.<br \/>\nGef\u00e4llt hat er sich selbst. Das Urteil sich gesprochen.<br \/>\nDie Geister an den R\u00e4dern \u2015 oder, Sue? \u2015 haben doch nichts verbrochen,<br \/>\nsind keine Schurken und auch keine D\u00e4monen.<br \/>\nSind arme Wesen, die am falschen Platze wohnen.<br \/>\nKomm mit, Mahindi, wir tragen ihn zu Pluto, und da kann er rasten.<br \/>\nDa gibt es sicher einen gut sortierten Erste-Hilfe-Kasten.\u201c \u2015<br \/>\n\u201eWir fangen mittlerweile an mit unsrer heilgen Prozedur\u201c,<br \/>\nerkl\u00e4rt nun Sue. \u201eBleibt fern, wenn ihr zur\u00fcckkommt, ihr st\u00f6rt nur.\u201c<br \/>\nRudi und Mahindi greifen sich den ohnm\u00e4chtigen Monsignore<br \/>\nund schleppen ihn hinfort. Pluto taucht auf, kommt ihnen entgegen<br \/>\nund fasst mit an. Ge\u00f6ffnet sind die Friedhofstore.<br \/>\n\u201eSo ist er von der hei\u00dfen Zone weg\u201c, sagt Pluto. \u201eIst ein Segen.\u201c<br \/>\nSue greift sich Miranda, die an den Steinf\u00fc\u00dfen der Draisschen Staute gekauert,<br \/>\nund als sie zu den R\u00e4dern schreiten, h\u00f6rt man ringsum des Pelotons Rauschen<br \/>\nschon wieder. Es stoppt. Sie h\u00f6ren Atmen hundertfach, werden belauert.<br \/>\nSie knien sich hin, Miranda wei\u00df, Sue ja noch schwarz. Und alle lauschen.<\/p>\n<p>Dann hinter ihnen Schritte. Drei M\u00e4nner baun sich um die Stele auf,<br \/>\nals R\u00fcckhalt: Pluto, Rudi und ein kr\u00e4ftiger Texaner. Er die Trommel schl\u00e4gt,<br \/>\nerst z\u00f6gernd, so als fielen Regentropfen, gebieterisch darauf,<br \/>\nbezwingend, und nun Sue begreift und singt, weit ihre Stimme tr\u00e4gt:<\/p>\n<p>\u201eLafanmi o, an n rasanble nan<br \/>\ndemanbre a, \u00a0n pral f\u00e8 seremoni an.<br \/>\nLimen balenn nan \u2013<br \/>\no an n rele lwa yo.<br \/>\nSonnen ason an \u2013 rele Papa Legba. .<br \/>\nNan kafou a, o nou angaje. Papa Legba \u2013<br \/>\nlouvri bary\u00e8 pou lwa yo.\u201d<\/p>\n<p>\u201e\u00d6ffne den Weg, o Papa Legba\u201d, so Pluto \u00fcbersetzt f\u00fcr Rudi leise.<br \/>\n\u201eEr ist der Chef der Geister, doch damit den Weg er weise,<br \/>\nbraucht er die Lua, seine heilgen Helfer, gro\u00dfe Seelen,<br \/>\ndie mitwirken, dass unsre arme Seelen ihren Weg auch nicht verfehlen.\u201c<br \/>\nMiranda steht nun auf und geht vor, ein paar Schritte.<br \/>\nSue folgt ihr, legt den Arm um sie, die Trommel schweigt.<br \/>\n\u201eIch sehe euch ganz klar\u201c, Miranda sagt, \u201eund habe eine Bitte:<br \/>\nSeht euch auch an, was seht ihr? Durch euch hindurch?\u201c Miranda zeigt<br \/>\nsich leicht verwirrt: \u201eIch hab Kontakt. Es gibt Bewegung, man sucht Rat.<br \/>\nSie st\u00f6hnen, fragen, bitten \u2026 Bleibt ruhig, jeder wird befragt.\u201c<br \/>\nSie h\u00f6rt lang zu. \u201ePjotr kam vom Lager, hat er nur gesagt,<br \/>\nsein Haus war fort, seine Familie tot, es blieb ihm nur sein Rad.\u201c<br \/>\nSie geht nach rechts. \u201eEin deutscher Junge, ich versteh den Namen nicht.<br \/>\nTieffliegerangriff, in den letzten Tagen jenes Kriegs Ende April.<br \/>\nDas ist\u2019s, woran er sich erinnert, mehr er nicht sagen will.<br \/>\nIhm fehlt die Mutter, schon seit vielen Jahren, ach, er braucht das Licht.\u201c<br \/>\nDer n\u00e4chste. \u201eTerence war ein hoch begabter Hochradk\u00fcnstler und \u2013athlet,<br \/>\nverlie\u00df Familie und Land, um im Vereinten K\u00f6nigreiche anzutreten<br \/>\nzu Rennen. Sein Hochrad liebt er so, doch gab es einen Sturz, sagt er betreten.<br \/>\nEr f\u00e4hrt nun Tandem, mit dem Engl\u00e4nder, meint er, das geht!\u201c<br \/>\nMiranda leiht dem vierten Geist ihr Ohr. \u201eHm. Eifersucht.<br \/>\nUnd Alkohol. In den Weiten Kanadas. Er t\u00f6tete die Frau,<br \/>\ndie untreu war, erinnert sich an sonst nichts mehr, nicht Bau,<br \/>\nnicht Hinrichtung, nur dass er sich schon oft verflucht.\u201c<\/p>\n<p>Pluto sagt zu Rudi: \u201eSie denken, dass sie noch am Leben sind.<br \/>\nDie erdgebundnen Geister spuken nicht, weil\u2019s ihnen Freude macht.<br \/>\nMan muss ihnen erkl\u00e4ren, dass sie tot sind, dass jedoch die Nacht<br \/>\nder Zwischenwelt mal endet. Wenn sie\u2019s wollen, geht\u2019s ins Licht geschwind!\u201c<br \/>\nSue summt: \u201eLem retounin pral&#8217;l remercie lwa yo<br \/>\nParen Legba ouve barye pou mwem,<br \/>\nouve barye pou mwem Legba pou mwem<br \/>\nrantre lem&#8217;l retounin ma va remersie Lwa yo.\u201c<br \/>\n\u201e\u2018Ouver barye\u2018, verstehst du auch: mach auf alle Barrieren!<br \/>\nSo Pluto fl\u00fcstert, \u201eich werde danken, Legba, werde dich verehren!\u201c<\/p>\n<p>Sue wird nun lauter: \u201eEuer Leben war sehr schwer.<br \/>\nSchaut hin! Seht ihr denn wirklich eure Leiber?<br \/>\nIhr seht die Fahrradrahmen, Speichen, uns zwei Geisterweiber.<br \/>\nIndessen, seht es ein, das Leben mit dem K\u00f6rper ist nicht mehr.<br \/>\nVersucht mal, Rad zu fahren \u2015 das gelingt euch nicht!<br \/>\nIhr wollt den Lenker packen, eure Hand kann ihn nicht fassen,<br \/>\ngeht glatt hindurch, ihr seid blo\u00df Geister, seid die Leichenblassen.<br \/>\nWir retten euch, habt nur Vertraun und haltet Ausschau nach dem Licht.<br \/>\nWir brauchen Hilfe, betet nun mit uns, ich sag\u2019s euch, denn:<br \/>\nGede nan morn alon move guede guede nan morn.<br \/>\nGede nan morn alon move guede guede nan morn.<br \/>\nLa vie miyor miyor passe bien.\u201c<br \/>\n&#8222;Sie bittet hier um einen guten Tod\u201d, Pluto erkl\u00e4rt<br \/>\nIm Fl\u00fcsterton. \u201eSie sollen nicht mehr spuken und nicht an den R\u00e4dern kleben,<br \/>\nsondern sich sputen, um zu finden das wahrhafte Leben.<br \/>\nJetzt wird es ernst! Bete mit, Rudi, es ist\u2019s wert!\u201c<br \/>\nMiranda ist erregt. \u201eSie mustern sich und fragen, was sie k\u00f6nnen tun.<br \/>\nDie dumpfe Existenz, in der sie sich befinden, ist ihnen l\u00e4ngst klar.<br \/>\nSie sind bereit, sie schauen, wollen beten, es ist offenbar,<br \/>\ndass der Moment der Abl\u00f6sung sich n\u00e4hert nun.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDort dr\u00fcben warten voller Spannung alle, die euch lieben\u201c,<br \/>\nwirbt Sue, \u201eund dr\u00fcben hei\u00dft dort hinten, an dem Horizont,<br \/>\nder gleich, wenn Legbe hilft, von Strahlen wird besonnt.<br \/>\nEs ist der Weg zum Gl\u00fcck, der einz\u2019ge, der verblieben.\u201c<br \/>\nSie singt befl\u00fcgelt und begeistert, froh:<br \/>\n\u201eO Legba! Commande,<br \/>\nVie Legba! Commande!<br \/>\nCommande-yo!\u201c<\/p>\n<p>Das Atmen ringsumher wird intensiver<br \/>\nUnd klingt wie Fauchen. Aber pl\u00f6tzlich: Stille. Reglosigkeit.<br \/>\nAlles h\u00e4lt den Atem an. Das Ende? Die Unendlichkeit?<br \/>\nDie Dunkelheit wird dichter, schw\u00e4rzer, tiefer.<br \/>\nDas dauert zehn Minuten oder dauert ein Jahrhundert.<br \/>\nWer zusieht, wer mitschweigt und Zeuge ist,<br \/>\nsein Leben oder Dutzende der fr\u00fch\u2018ren Leben er durchmisst,<br \/>\ndurchmisst und sich nicht dr\u00fcber wundert.<br \/>\n\u201eO Legbe!\u201c st\u00f6hnt vernehmlich Sue und weint.<br \/>\nMiranda streichelt sie und sagt: \u201eMacht euch bereit!\u201c<br \/>\nViel wei\u00dfer strahlt am K\u00f6rper nun ihr Kleid,<br \/>\ndenn aus der Ferne her, vom Horizont, ein Glanz erscheint.<br \/>\nAlles ergl\u00e4nzt, es leuchtet \u00fcberirdisch jede Faser, jede Stelle,<br \/>\njede Pore ihrer K\u00f6rper, die Draissche Stele strahlt wie golden,<br \/>\nund alle schlie\u00dfen ihre Augen vor dem Licht, dem holden,<br \/>\ndas nicht verg\u00f6nnt dem Sterblichen, fast unertr\u00e4glich ist die Helle.<br \/>\nDann heben von den R\u00e4dern sich vier Schatten<br \/>\nUnd fliegen fort, gem\u00e4chlich zwar, und doch wie Projektile<br \/>\nDorthin, wo gro\u00df das Licht, zum Horizont, dem Ziele<br \/>\nDes Wegs, um sich dort mit den Lieben zu begatten.<br \/>\nNeben Sue liegt auch Miranda auf der Erde,<br \/>\nals schlagartig das Licht erlosch. Wieder das Dunkel.<br \/>\nAm Himmel noch vermehrtes Sterngefunkel.<br \/>\n\u201ePh\u00e4nomenal, das Leben, dieses Stirb und Werde\u201c,<br \/>\nmurmelt noch Pluto, bevor er Rudi lang umarmt<br \/>\nund den Texaner dann; w\u00e4hrend Sue und Miranda wieder stehen<br \/>\nund and\u00e4chtig hinauf zum Sternenschauspiel sehen.<br \/>\nSue sagt: \u201eLegbe und Samedi haben sich unser erbarmt!\u201c<\/p>\n<p>Pluto umarmt nun beide Frauen. \u201eDas war sensationell!<br \/>\nIhr habt f\u00fcr unsren Friedhof Ehre eingelegt<br \/>\nUnd gut gehandelt, uns bezaubert, uns bewegt.<br \/>\nIhr habt die Geisterstunde gut genutzt, das ging ja schnell!\u201c<br \/>\nUnd wie als Antwort darauf kommt der Glockenschlag.<br \/>\nEinmal. \u201eSie sind nun schon in guten H\u00e4nden\u201c,<br \/>\nsagt Pluto. \u201eUnsre armen Geister k\u00f6nnen sich jetzt trennen<br \/>\nvon den Erinnerungen eines tristen Lebens und erkennen,<br \/>\ndass unser Leben ewig ist, doch Schlimmes auch wird enden.\u201c<br \/>\nMahindi, immer f\u00fcrsorglich, bem\u00fcht und unauff\u00e4llig,<br \/>\nbem\u00fcht sich um Miranda, will sie heimbringen zum See<br \/>\nin seiner Rikscha, wie er\u2019s immer macht, anstellig,<br \/>\nund sie wird sich erholen, wie auf Wolken fahren, wie auf Schnee.<br \/>\nSie sagt zum Abschied noch zu Sue: \u201eDu musst es wissen:<br \/>\nIch sah es gestern, du und Rudi und zwei andre werden bei dem Rennen<br \/>\nMorgen irgendwie \u2026 verschwinden, mehr konnt ich nicht erkennen.<br \/>\nOb ihr nun fahren wollt? Befragt euer Gewissen.\u201c<br \/>\nSue dr\u00fcckt ihr fest die Hand. \u201eMeinst du, dass wir \u2015 sterben?\u201c<br \/>\nMiranda antwortet: \u201eDu wei\u00dft, das ist nie klar, ihr schwebt,<br \/>\nihr seid vielleicht in einer andren Dimension, ihr lebt,<br \/>\njedoch nicht hier, die Seele bleibt, man kann sie nicht verderben.\u201c<br \/>\nDie vier Besitzer der vier ehemals bespukten R\u00e4der<br \/>\nSind hergekommen aus dem Schatten ihrer B\u00e4ume.<br \/>\n\u201eDie Geister flogen fort wie die Raketen, durch den \u00c4ther!\u201c<br \/>\nSo staunen sie. \u201eUnglaublich. Stoff f\u00fcr zehn Alptr\u00e4ume.\u201c<\/p>\n<p>Als letztes f\u00fchrt Friedhofsverwalter Pluto Rudi und auch Sue<br \/>\nHinaus zu ihren R\u00e4dern. \u201eDie Cruiser sind, leider, f\u00fcr mich und Proserpina,<br \/>\ndie hier die Toten mit verwaltet. Ihr habt ja eure eigenen. Seht zu,<br \/>\ndass ihr beim Rennen ruhig bleibt, und keine Panik, denn im Nu<br \/>\nseid ihr, wo man euch braucht. Fragt gerne mich, bin euch ein ergebner Diener.\u201c<br \/>\nPluto verneigt sich, hebt die Hand und schlie\u00dft die Tore zu.<br \/>\nRudi sagt: \u201eDamit sind wir ausgeschlossen vom gro\u00dfen Reich der Toten,<br \/>\ndas zu betreten Lebenden angeblich ist \u201aausnahmslos verboten\u2018,<br \/>\nsang Wolfgang Ambros im \u201aZentralfriedhof\u2018. Das Leben hat uns wieder.<br \/>\nDu warst so toll. Ich bin begeistert. Die Zukunft scheint mir bieder,<br \/>\nnach allem, was wir hier erlebten. Ich habe keine Lust zu schlafen,<br \/>\nwill \u00fcber alles reden, was wir taten, \u00fcber alle, die wir trafen<br \/>\nund \u00fcber dieses Rennen, das, wie man uns glaubhaft hat versichert,<br \/>\nein Ende bringt, wenn wir es fahren, oder einen Neubeginn.<br \/>\nEs ist ein Risiko, doch auch ein Reiz, gibt einen neuen Sinn.\u201c<br \/>\nSue l\u00f6st die Kette ihrer R\u00e4der. \u201eWas ist mit deinem Energievampir?<br \/>\nEr ist kein Geist, sondern eine Erinnerung \u2026 von ihr.\u201c<br \/>\nRudi erblasst. \u201eSie \u2026 lebt in mir, es stimmt, ich bin von ihr besessen,<br \/>\nnach all den Jahren; will\u2019s so sehr, doch kann sie nicht vergessen.\u201c<br \/>\nSue k\u00fcsst ihn. \u201eDoch, du kannst es. Du denkst nur an mich<br \/>\nUnd an niemanden anders. Und nur auf diese Weise wandelt sich<br \/>\nder Schatten, der auf unheilvolle Weise auf dir liegt<br \/>\nin einen Hauch, der sich erhebt und leicht verfliegt.\u201c<br \/>\nRudi k\u00fcsst nun Sue. \u201eAch, w\u00fcrd\u2018 er sich entfernen!\u201c<br \/>\n\u201eHab Mut!\u201c singt Sue. \u201eUnd bete zu den Sternen!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gleich Mitternacht: Das Finale n\u00e4hert sich, der Exorzismus. Ach, wie sch\u00f6n war es, das zu schreiben; das geschrieben zu haben. Ich kriege Hochachtung vor mir selbst. Tut Dinge, die man nicht von euch erwartet! mahnte G\u00fcnter Eich. Seid Sand, nicht das \u00d6l im Getriebe der Welt! 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