{"id":13341,"date":"2017-11-12T01:30:53","date_gmt":"2017-11-11T23:30:53","guid":{"rendered":"http:\/\/manipogo.de\/?p=13341"},"modified":"2017-10-31T20:33:03","modified_gmt":"2017-10-31T18:33:03","slug":"juedischer-friedhof-marrakesch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/manipogo.de\/?p=13341","title":{"rendered":"J\u00fcdischer Friedhof Marrakesch"},"content":{"rendered":"<p>Der Monat November geh\u00f6rt den Toten. Mein Schwertpunktthema! Elias Canetti (1905-1994) war Literaturnobelpreistr\u00e4ger 1981 und lebte zuletzt in Z\u00fcrch. In seinem Buch \u00a0<em>Die Stimmen von Marrakesch<\/em> \u00fcber eine Reise nach Marokko 1954 erz\u00e4hlt er von seinem Besuch auf dem israelitischen Friedhof dort.<!--more--><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN3280-1.jpg\" rel=\"attachment wp-att-13343\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-thumbnail wp-image-13343\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN3280-1-150x150.jpg\" alt=\"DSCN3280\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Der j\u00fcdische Friedhof von Sulzburg, vier Kilometer von der <em>manipogo<\/em>-Basisstation, ist ein Ruheplatz, ein Kleinod; er ist nicht zu sehr gepflegt und verstr\u00f6mt die W\u00fcrde des Todes. J\u00fcdische Friedh\u00f6fe darf man als Mann nur mit einer Kopfbedeckung aufsuchen. Am Sabbat sind sie tabu. Und hinterher sollte man sich die H\u00e4nde waschen (das war mir neu).<\/p>\n<p>Friedh\u00f6fe sind wie ihre kulturelle Umgebung: sch\u00f6n gestaltet im Westen, vernachl\u00e4ssigt im Orient. Das denke ich mir, nachdem ich Canettis Bericht gelesen hatte. Denn seine Schilderung erinnerte mich an einen algerischen Friedhof, den ich 1978 fotografiert hatte. Ich lerne ja seit Anfang des Jahres Neuhebr\u00e4isch und bemerke auch, wie verwandt die Sprache dem Arabischen ist. Kein Wunder, es ist dieselbe Lebenszone.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/r001-004-1.jpg\" rel=\"attachment wp-att-13344\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-13344\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/r001-004-1.jpg\" alt=\"r001-004\" width=\"540\" height=\"367\" srcset=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/r001-004-1.jpg 540w, https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/r001-004-1-300x204.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ein junger Mann sagt zu Canetti <em>le cimeti\u00e8re isra\u00e9lite<\/em>, und er schl\u00fcpft durchs Tor.<\/p>\n<p><em>Ich fand mich auf einem ungeheuer kahlen Platz, wo nicht ein Halm wuchs. Die Grabsteine waren so nieder, dass man sie fast \u00fcbersah; im Gehen stie\u00df man daran wie an gew\u00f6hnliche Steine. Der Friedhof sah wie ein riesiger Schutthaufen aus; vielleicht war er es gewesen und man hatte ihn erst sp\u00e4ter seiner ernsteren Bestimmung zugef\u00fchrt. Nichts auf dem Platze erhob sich in die H\u00f6he. Die Steine, die man sah, und die Knochen, die man sich dachte, alle lagen. Es war nicht angenehm, hier aufrecht zu gehen, man konnte sich gar nichts darauf einbilden und kam sich nur l\u00e4cherlich vor. \u00a0<\/em><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN4862-1.jpg\" rel=\"attachment wp-att-13346\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-13346\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN4862-1-150x150.jpg\" alt=\"DSCN4862\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Ich habe in vielen St\u00e4dten die Friedh\u00f6fe besucht, und meine Mutter, oft meine Reisebegleiterin, musste wohl oder \u00fcbel mit, und ihr gefiel es auch. Bei <em>Tod am Tiber<\/em> spielt auch eine wichtige Szene auf dem <em>Campo verano<\/em>, dem riesigen Friedhof Roms. Nun stellt Elias Canetti einen Vergleich an:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Die Friedh\u00f6fe in anderen Teilen der Erde sind so eingerichtet, dass sie den Lebenden Freude gew\u00e4hren. Es lebt viel auf ihnen, Pflanzen und V\u00f6gel, und der Besucher, als einziger Mensch unter so vielen Toten, f\u00fchlt sich davon aufgemuntert und gest\u00e4rkt. Sein eigener Zustand erscheint ihm beneidenswert. Auf den Grabsteinen liest er die Namen von Leuten; jeden einzelnen von ihnen hat er \u00fcberlebt. Ohne dass er es sich gesteht, ist ihm ein wenig so zumute, als h\u00e4tte er jeden von ihnen im Zweikampf besiegt. Er ist auch traurig, gewiss, \u00fcber so viele, die nicht mehr sind, aber daf\u00fcr ist er selber un\u00fcberwindlich. Wo sonst kann er sich so vorkommen? Auf welchem Schlachtfeld der Welt bleibt er als einziger \u00fcbrig? Aufrecht steht er mitten unter ihnen, die alle liegen. Aber auch die B\u00e4ume und die Grabsteine stehen aufrecht. Sie sind hier gepflanzt und aufgestellt und umgeben ihn als eine Art von Hinterlassenschaft, die dazu da ist, ihm zu gefallen. <\/em><\/p>\n<p>So ist das. Seltsam muten einen die riesigen Grabpl\u00e4tze an, die Mausoleen, die verschwenderisch gestalteten Denkm\u00e4ler. Das alles f\u00fcr kleine Menschen, deren Asche in ein T\u00f6pflein passt? (Das denke ich mir auch, wenn ich alte Leute in riesigen Limousinen herumfahren sehe.) Daf\u00fcr Marrakesch \u2026<\/p>\n<p><em>Auf diesem w\u00fcsten Friedhof der Juden aber ist nichts. Er ist die Wahrheit selbst, die Mondlandschaft des Todes. Es ist dem Betrachter herzlich gleichg\u00fcltig, wer wo liegt. Er b\u00fcckt sich nicht und sucht es nicht zu entr\u00e4tseln. Sie sind alle da wie Schutt und man m\u00f6chte rasch wie ein Schakal dar\u00fcber weghuschen. Es ist die W\u00fcste aus Toten, auf der nichts mehr w\u00e4chst, die letzte, die allerletzte W\u00fcste. <\/em><\/p>\n<p>Die Wahrheit selbst. Da hilft kein Besch\u00f6nigen, da hilft kein Monument. Wir sind nach dem Tod, das was wir gelebt haben, und eine imposante Grabst\u00e4tte ist nichts. Sie ist ein gro\u00dfes Missverst\u00e4ndnis und zeigt, dass wir \u00fcber den Tod hinaus nicht denken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>(Elias Canetti, Die Stimmen von Marrakesch, Fischer Frankfurt 1992, S. 53\/54)<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Monat November geh\u00f6rt den Toten. Mein Schwertpunktthema! Elias Canetti (1905-1994) war Literaturnobelpreistr\u00e4ger 1981 und lebte zuletzt in Z\u00fcrch. 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