{"id":13695,"date":"2017-08-14T01:00:51","date_gmt":"2017-08-13T23:00:51","guid":{"rendered":"http:\/\/manipogo.de\/?p=13695"},"modified":"2017-07-27T20:15:36","modified_gmt":"2017-07-27T18:15:36","slug":"liebesgedichte-von-tagore","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/manipogo.de\/?p=13695","title":{"rendered":"Liebesgedichte von Tagore"},"content":{"rendered":"<p>100 Jahre nach dem Nobelpreis f\u00fcr Literatur hatte ich <a href=\"https:\/\/manipogo.de\/?p=4547\" target=\"_blank\">\u00fcber Rabindranath Tagore <\/a>geschrieben, und jetzt will ich ein paar seiner <em>Liebesgedichte<\/em> zu Geh\u00f6r bringen. Der Inder war bis zu seinem Tod 1941 ein braver Botschafter des Subkontinents und der Literatur.<!--more--><\/p>\n<p>Schon das erste spricht mich pers\u00f6nlich an. \u00dcbersetzt wurden die Gedichte \u00fcbrigens von Martin K\u00e4mpchen. Tagore bringt oft Humor ins Spiel der Liebe. Da will einer pl\u00f6tzlich keine K\u00fcsse mehr.<\/p>\n<p><em>Der Gefangene<\/em><\/p>\n<p><em>Weg, Freundin, nimm deine Arme weg, die mich umzingeln.<br \/>\nDeiner K\u00fcsse reichen Wein trink ich nicht mehr.<br \/>\nDie Luft in diesem Bl\u00fctenkerker ist so dr\u00fcckend schwer.<br \/>\nNimm weg, nimm weg die Last von meiner Seele.<br \/>\nWo ist der grenzenlose Himmel, der Morgenr\u00f6te Licht?<br \/>\nDiese pausenlosen Vollmondn\u00e4chte \u2013 ich mag sie nicht!<br \/>\nDu willst mit deinen losen Haaren mich umschlingen \u2015<br \/>\nausbrechen will ich \u2013 wie kann\u2019s mir nur gelinen?<br \/>\nMit deiner H\u00e4nde aufgeregtem Suche, Tasten, Fassen<br \/>\nhast du mich tief in deine Falle sinken lassen.<br \/>\nNachts blick ich ins Leere hinein<br \/>\nund finde das starre L\u00e4cheln des Mondes allein.<br \/>\nAch, halte mich nicht fest. Freiheit ist mein Segen.<br \/>\nErst mein erl\u00f6stes Herz kann ich zu deinen F\u00fc\u00dfen legen.<\/em><\/p>\n<div id=\"attachment_13696\" style=\"width: 550px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/22224r.jpg\" rel=\"attachment wp-att-13696\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-13696\" class=\"size-full wp-image-13696\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/22224r.jpg\" alt=\"Tagore 1916 in Tokio. (Aufnahme von Bain News Service, zur Verf\u00fcgung gestelt von Library of Congress, Wash. D. C.)\" width=\"540\" height=\"395\" srcset=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/22224r.jpg 540w, https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/22224r-300x219.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-13696\" class=\"wp-caption-text\">Tagore 1916 in Tokio. (Aufnahme von Bain News Service, zur Verf\u00fcgung gestelt von Library of Congress, Wash. D. C.)<\/p><\/div>\n<p><em>Unendliche Liebe<\/em><\/p>\n<p><em>Dich hab ich, mir scheint, geliebt in vielen Gestalten so viele Male,<br \/>\nwieder und wieder in jedem Leben, wieder und wieder in jeder Epoche.<br \/>\nEwige Zeiten hat mein bet\u00f6rtes Herz die Lieder zu Kr\u00e4nzen gewunden,<br \/>\ndie du,Viel-Gestaltiger, als Gabe empfangen und um den Hals getragen hast,<br \/>\nwieder und wieder in jedem Leben, wieder und wieder in jeder Epoche.<\/em><\/p>\n<p><em>Nachdem ich diese uralte Geschichte von den Qualen langw\u00e4hrender Liebe<br \/>\nimmer wieder vernahm, diese Sage von Trennung und fr\u00fcher Verbindung,<br \/>\nund ich tief und tiefer in unendliche Vorzeit blickte, da erschien zuletzt,<br \/>\nwie das Licht des sich allerinnernden Polarsterns,<br \/>\nder das uranf\u00e4ngliche Dunkel durchdringt, dein Bild. <\/em><\/p>\n<p><em>In der Str\u00f6mung unserer gemeinsamen Liebe trieben wir,<br \/>\nentsprungen aus der Quelle anfangloser Zeit,<br \/>\nwir spielten inmitten hunderttausender Liebender unser Spiel der Liebe,<br \/>\nmit ihnen kosteten wir Tr\u00e4nen der Trennungsqual und den Honig<br \/>\nscheuer Verbindung. Uralt ist diese Liebe, die in stets neuer Verkleidung erscheint. <\/em><\/p>\n<p><em>Heute hat sich diese ewigw\u00e4hrende Liebe in dir erf\u00fcllt<br \/>\nund ergie\u00dft sich zu deinen F\u00fc\u00dfen in neuen Schw\u00e4llen.<br \/>\nDes Kosmos\u2018 Erg\u00f6tzen, des Kosmos\u2018 Betr\u00fcbnis, des Kosmos\u2018 tiefste Liebe<br \/>\nflie\u00dft ein in unserer einen Liebe, die aller Liebe Samen tr\u00e4gt,<br \/>\nund aller Zeiten, aller Dichter Lied. <\/em><\/p>\n<p>So wie jeder Mensch ein Kosmos ist und in allem das Entstehen und Vergehen eines Sterns repr\u00e4sentiert, ist in allen Liebesgeschichten die eine Geschichte verborgen; und doch mag es ein Wesen geben, das in allen unseren Verk\u00f6rperungen auftritt, das uns bedeutsam ist, und einmal gelingt die Vereinigung, dann wieder nicht, es ist ein kosmisches Spiel, und immer nimmt diese andere Seele den ihr geb\u00fchrenden Platz in uns ein. Dieses Sich-Verlieren und Sich-Finden, das aneinander Lernen geh\u00f6rt zum Plan. <em>In ewigen Verwandluungen begr\u00fc\u00dft \/ Uns des Gesangs geheime Macht hienieden, <\/em>schrieb Novalis<em>. <\/em>In allen Gestalten tritt uns eine Gestalt entgegen &#8211; und in einer Gestalt alle. Wir sind G\u00e4ste, und das f\u00fchrt Tagore in einem weiteren Gedicht aus.<\/p>\n<p><em>Gast<\/em><\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/vo-y-tagore-1.jpg\" rel=\"attachment wp-att-13699\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-13699\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/vo-y-tagore-1-225x300.jpg\" alt=\"vo-y-tagore\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/vo-y-tagore-1-225x300.jpg 225w, https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/vo-y-tagore-1.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a>Meine Zeit des Exils hast du ausgef\u00fcllt, o Frau,<br \/>\nmit Nektar; wie schlicht hast du<br \/>\ndein eigen gemacht den fremden Wandrer,<br \/>\nso schlicht wie vom Abendhimmel mich<br \/>\nunbekannte Sterne stetug, milde l\u00e4chelnd<br \/>\nwillkommen gehei\u00dfen. Als ich am Fenster stand,<br \/>\nallein dem s\u00fcdlichen Himmel betrachtend,<br \/>\nkamen aus der H\u00f6he in mein Herz Harmonien<br \/>\nlichtvoller Worte; ich habe der Sterne<br \/>\nernste Melodie geh\u00f6rt: \u00bbDich kennen wir,<br \/>\nwir kennen dich. VomTag, als du aus dem Dunkel<br \/>\nzur Erde kamst, bist unser Gast du,<br \/>\newig unsres Lichtes Gast.\u00ab<br \/>\nSterngleich blicktest auch du, g\u00fctige Frau,<br \/>\nmich an und sprachlos in jener Melodie: \u00bbDich<br \/>\nkenn ich doch, ich kenne dich.\u00ab<br \/>\nDeine Sprache versteh ich nicht, Frau,<br \/>\ndoch h\u00f6rte ich deine Lieder:<br \/>\n\u00bbDer Dichter ist der Gast der Liebe \u2015<br \/>\nein Leben lang mein Gast bist du.\u00ab<\/em><\/p>\n<p>Das Erkennen. <em>Sie erkannten sich im Fleische<\/em>. Man kennt niemanden, bevor man nicht eng beieinanderliegt. Tagore hatte 1925 als 64-J\u00e4hriger in Buenos Aires Victoria Ocampo kennengelernt, an die er dieses Gedicht richtete. Er blieb, da er krank war, einige Wochen in deren Villa San Isidro. (<em>Das Foto stammt von der Seite lecturas summergidas.<\/em>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>100 Jahre nach dem Nobelpreis f\u00fcr Literatur hatte ich \u00fcber Rabindranath Tagore geschrieben, und jetzt will ich ein paar seiner Liebesgedichte zu Geh\u00f6r bringen. 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