{"id":13708,"date":"2017-08-16T00:24:09","date_gmt":"2017-08-15T22:24:09","guid":{"rendered":"http:\/\/manipogo.de\/?p=13708"},"modified":"2017-08-16T22:07:51","modified_gmt":"2017-08-16T20:07:51","slug":"lenfant-noir","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/manipogo.de\/?p=13708","title":{"rendered":"L&#8217;enfant noir"},"content":{"rendered":"<p><em>L\u2019enfant noir<\/em> (Das schwarze Kind) ist ein Roman des Guineers Laye Camara und erschien 1953. Er beschreibt, wie Laye (er selbst) in Koroussa heranw\u00e4chst, die h\u00f6here Schule in Conakry besucht und beschlie\u00dft, nach Frankreich zu gehen. Es ist ein ruhiges, intimes, aber intensives Buch.\u00a0 <!--more--><\/p>\n<p>Der senegalesische Pfleger Hadji, den im Heim alle \u00bbPapa\u00ab nennen, obwohl er erst 35 ist, empfahl mir dieses Buch. Es zu lesen, hat Freude gemacht. Normalerweise habe ich nichts \u00fcbrig f\u00fcr Geschichten, in denen Autoren ihre Kindheit beschreiben, doch hier war ich gefesselt. Camara schreibt klar, fast kristallin, und dann \u00bberdet\u00ab er seine Erfahrungen gern mit einem eing\u00e4ngigen Satz; mit einer Frage oder einer Erkenntnis, die bleibt.<\/p>\n<p>In Geschichten \u00fcber das Heranwachsen geht es immer um Initiationen (Einweihungen), die von Angst begleitet sind. Das f\u00e4ngt an, als der kleine Laye mit einer Schlange spielt. Sie sei der Geist seiner Sippe, erf\u00e4hrt er, er d\u00fcrfe ihr nichts tun. Sp\u00e4ter muss er sich der Angriffe \u00e4lterer Sch\u00fcler erwehren (eine h\u00e4ufige Erfahrung, die auch ich machte) und muss die Angst ertragen, die den Jugendlichen vor ihrer Beschneidung bereitet wird: Sie sind gezwungen, in den Busch zu wandern und sich von vermeintlichen L\u00f6wen anbr\u00fcllen und bedrohen zu lassen.<\/p>\n<div id=\"attachment_13709\" style=\"width: 550px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/nigeria.jpg\" rel=\"attachment wp-att-13709\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-13709\" class=\"wp-image-13709 size-full\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/nigeria.jpg\" alt=\"nigeria\" width=\"540\" height=\"390\" srcset=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/nigeria.jpg 540w, https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/nigeria-300x217.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-13709\" class=\"wp-caption-text\">Haus in Nigeria. Layes Vater war Schmied und arbeitete auch mit Gold<\/p><\/div>\n<p>Layes Eltern sind gro\u00dfartig. Immer wieder kann er zum Vater gehen, der ihm die Hand h\u00e4lt und ihm sagt: \u00bbDu musst keine Angst haben.\u00ab Wieviele \u00c4ngste uns beim Erwachsenwerden begleiten! Wie gut, wenn man zur Mutter gehen und sich von ihr umarmen lassen kann! Dieser Roman schenkt Vertrauen. Wir sind nicht alleine. Alles kann man regeln.<\/p>\n<p>Auch die Trennung von den Eltern, um in Conakry die Techniker-Schule zu besuchen, ist eine schmerzhafte Inititation, also ein Neubeginn, eine Abnabelung: ein Schritt, um die Selbstst\u00e4ndigkeit zu erringen. Wer mehr dar\u00fcber wissen will, kann den Artikel <a href=\"http:\/\/www.journal-ethnologie.de\/Deutsch\/Schwerpunktthemen\/Schwerpunktthemen_2008\/Ethnologische_Theorien\/Vaeter_der_Ritualtheorie\/index.phtml\" target=\"_blank\">einer Ethnologin \u00fcber Schwellenrituale<\/a> lesen, die Arnold van Gennep und der erw\u00e4hnte Victor Turner analysiert haben. \u00dcberall auf der Welt sind die \u00dcberg\u00e4nge in neue Lebensphasen festgelegt: bei uns durch die Firmung, den F\u00fchrerschein, die Heirat. Beim Junggesellenabschied wird Geschirr zertr\u00fcmmert: Das alte Leben wird lautstark verabschiedet.<\/p>\n<p>Gegen Ende des Romans trifft Laye mit seinem Zertifikat aus Conakry wieder zu Hause ein. <em>Das schrieb ich am Vorabend des Tages, an dem ich in Freiburg mein Alltagsbegleiter-Zertifikat in H\u00e4nden halten sollte. &#8230; Und am Nachmittag, als ich nach Freiburg unterwegs war, hockte vor mir auf der Stra\u00dfe eine Tier, das ich nich nie gesehen hatte, und starrte mich an, bevor es ins Geb\u00fcsch schl\u00fcpfte und einen langen Schwanz sehen lie\u00df. Es war fuchs\u00e4hnlich, aber mit sehr langen Ohren, und am n\u00e4chsten kam ihm der L\u00f6ffelhund, der aber nur in Afrika vorkommt, in dessen Osten und S\u00fcden. Vermutlich gibt es eine ganz banale Erkl\u00e4rung, vielleicht aber auch war es ein irreales Tier, mein Totemtier, das mir Gl\u00fcck w\u00fcnschen wollte &#8230;<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Laye ist stolz auf seine Ausbildung. Doch der Direktor will ihm erm\u00f6glichen, nach Frankreich zu gehen, nach Argenteuil. Layes Mutter will davon nichts wissen; der Vater schweigt und stimmt zu. Es sei zu seinem Besten. Der Junge verspricht: Er werde zur\u00fcckkommen.<\/p>\n<p>Dann steht er im Flughafen und besteigt die Maschine nach Paris-Orly. Welche Abenteuer werden auf ihn warten! Er wei\u00df noch nicht, wie er es schaffen soll, umzusteigen und nach Argenteuil zu kommen. Laye macht es sich nicht leicht. Wie schreibt er nach dem Tod des Freundes Check? \u00a0Wir w\u00fcrden alle eines Tages diesen Weg gehen, und er sei auch nicht erschreckender als jener andere Weg, der des Lebens, der nur der \u00bbaugenblickliche Weg unseres Exils\u00ab sei. Bedenken wir auch, dass die \u00bbEinweihungen\u00ab immer auch Neugeburten sind: Der alte Mensch stirbt und tritt wie neugeboren in einen neuen Umkreis mit andersartigen Pflichten ein. Auch Camara ben\u00fctzt \u00f6fter das Verb <em>rena\u00eetre<\/em>: wiedergeboren werden. Schon in diesem Leben h\u00e4uten wir uns viele Male\u00a0\u2212 wie die Schlange.<\/p>\n<p>Wie ging es mit ihm weiter? Auch hier tritt (wie k\u00fcrzlich angedeutet) eine Brechung auf, eine Verschlingung der Zeitebenen. Was mit Laye Camara geschehen ist, wusste ich nicht. Wie ging es weiter? Was l\u00e4ngst hinter ihm lag, lag in meiner unmittelbaren Zukunft. Ich <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Laye_Camara\" target=\"_blank\">konsultierte Wikipedia<\/a>. Laye, 1928 geboren, ging 1947 als 19-J\u00e4hriger nach Argenteuil, wurde Automechaniker und begann, bei Simca zu arbeiten. 1953 erschien sein erster Roman <em>L\u2019enfant noir<\/em>, im selben Jahr heiratete er (die im Buch erw\u00e4hnte geliebte) Marie.<\/p>\n<p>1956 kehrte er, wie versprochen, in sein Heimatland zur\u00fcck und arbeitete im Informationsministerium von Diktator S\u00e9kou Tour\u00e9, \u00bbdessen Gewaltherrschaft er in seinem Roman <em>Dramouss<\/em> (1966) anprangerte. 1963 emigrierte er nach Dakar, wo er (am 4. Februar) 1980 an einer Niereninfektion starb.\u00ab <em>Dramouss<\/em> will ich auch noch lesen und <em>Le Regard du Roi<\/em> (1954) sowie <em>Le Ma\u00eetre de la Parole<\/em> (1978). Zum Ma\u00eetre de la Parole, dem Meister des Worts, wurde er, Laye Camara, der einstmals kleine Junge von Kouroussa in Guinea.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>L\u2019enfant noir (Das schwarze Kind) ist ein Roman des Guineers Laye Camara und erschien 1953. Er beschreibt, wie Laye (er selbst) in Koroussa heranw\u00e4chst, die h\u00f6here Schule in Conakry besucht und beschlie\u00dft, nach Frankreich zu gehen. 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