{"id":20967,"date":"2021-02-23T00:58:53","date_gmt":"2021-02-22T23:58:53","guid":{"rendered":"http:\/\/manipogo.de\/?p=20967"},"modified":"2021-01-18T21:59:07","modified_gmt":"2021-01-18T20:59:07","slug":"gemischtes-doppel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/manipogo.de\/?p=20967","title":{"rendered":"Gemischtes Doppel"},"content":{"rendered":"<p>Die Vierer-Beziehung bei Casanova vorgestern war zu sch\u00f6n. Und da ich im <em>Heptameron<\/em> der Margarete von Navarra (1558) eine noch sch\u00f6nere fand, muss <em>manipogo<\/em> daran ankn\u00fcpfen und auch an Goethes <em>Wahlverwandtschaften<\/em> erinnern. Aber zun\u00e4chst eine gekungene Vierer-Beziehung, ein gegl\u00fccktes Arrangement &#8230; ja, mehr gute, erfreuliche Geschichten wollen wir h\u00f6ren! <!--more--><\/p>\n<p>Margarete von Navarra (1492-1549) war eine au\u00dferordentliche Frau: tolerant, k\u00e4mpferisch, an Kultur und Literatur interessiert. Durch eine Ehe wurde sie K\u00f6nigin von Navarra und arbeitete einen Geschichtenband aus, der sich an Boccaccios <em>Dekameron<\/em> anlehnt. In der Rahmenhandlung treffen sich einige Adelige (M\u00e4nner und Frauen) jeden Tag und erz\u00e4hlen sich Geschichten, um sich die Zeit zu vertreiben, da das Hochwasser ihre Weiterreise unm\u00f6glich macht. In den Geschichten, die auf wahre Episoden zur\u00fcckgehen sollen, geht es um Mann und Frau.<\/p>\n<p>Saffredent f\u00e4ngt mit einer idealen Ehe an. Ein ehrenhafter und liebenswerter Junker hatte eine sch\u00f6ne und begabte Frau bekommen, und die beiden waren ein perfektes Paar. Sie liebten einander. Als sie bei einer Feier sang, bezauberte sie den anwesenden K\u00f6nig Arnolph aus Neapel, der \u00fcberlegte, wie er ihr Herz gewinnen k\u00f6nnte. Als erstes schickte er ihren Mann auf eine dreiw\u00f6chige Reise nach Rom, dann \u00fcberh\u00e4ufte er seine Angebetete mit Aufmerksamkeiten, und nach drei Wochen war sie in den K\u00f6nig verliebt.<\/p>\n<p>Dem zur\u00fcckgekehrten Edelmann kamen Ger\u00fcchte zu Ohren, die sich ihm bald zur Gewissheit verdichteten. Er sagte nichts, wollte es dem K\u00f6nig aber heimzahlen. Also ging er zur K\u00f6nigin und sagte, sie tue ihm leid, sie werde vernachl\u00e4ssigt &#8230; und so redete er herum und sie redete dagegen, und bald wurde ihr klar, dass der Edelmann sie umwarb. Er war ja immer traurig, ach, vermutlich liebte er sie wirklich! Auch die K\u00f6nigin wollte sich r\u00e4chen. Das traf sich ja gut. Sie seufzte: Werde sie jetzt aus Rache lieben? Und der Bewerber:\u00a0\u00bbHerrin, s\u00fc\u00df ist die Rache, die, anstatt dem Feinde den Tod zu bringen, einem aufrichtigen Freunde Leben spendet.\u00ab Sonst m\u00fcsse er wohl an Liebe sterben.<\/p>\n<p>Im 16. und 17. Jahrhundert redete man nicht gro\u00df herum, wenn es ums Erotische ging. Dire K\u00f6nigin war verwirrt, st\u00fctzte sich auf seinen Arm,\u00a0 ging auf und ab und dachte nach.<\/p>\n<p><em>Doch als der Edelmann sie halbwegs bezwungen sah, bewies er ihr am Ende eines Laubenganges, wo niemand sie sehen konnte, durch die Tat jene Liebe, die er ihr so lange verborgen gehalten hatte; und da sie beide eines Sinnes waren, vollzogen sie die Rache f\u00fcr alle die unertr\u00e4glichen Leiden, die sie ausgestanden hatten.<\/em><\/p>\n<p>Dort verabredeten sie auch, die Betr\u00fcger zu betr\u00fcgen, und so<\/p>\n<p><em>k\u00f6nnten sich alle vier in die Liebeslust teilen, die sonst zwei allein zu genie\u00dfen meinten.<\/em><\/p>\n<p>Wenn also der Edelmann seine Stadtresidenz verlie\u00df, um sein Heimatdorf aufzusuchen, begab sich der K\u00f6nig gleich vom Schloss in die Stadt zur Edelfrau. Der Edelmann wartete den Einbruch der Nacht ab und schlich sich dann ins Schloss zur K\u00f6nigin. Der K\u00f6nig w\u00e4re nie auf den Gedanken gekommen, dass seine Frau eine Aff\u00e4re h\u00e4tte, denn sie stellte sich immer betr\u00fcbt dar\u00fcber, dass er ihr so viel Kummer antat. Sch\u00f6n der letzte Satz:<\/p>\n<p><em>So lebten die beiden Paare noch lange in trauter Liebe zusammen, bis sie alterten und alles wieder ins rechte Gleis kam.<\/em><\/p>\n<p>Johann Wolfgang von Goethe gestaltete 1809 in seinen <em>Wahlverwandtschaften<\/em> ebenfalls eine Vierer-Beziehung. Charlotte und Eduard leben verheiratet auf dessen Landgut. Eduard l\u00e4dt den Hauptmann Otto ein, Charlotte ihre Nichte Ottilie, und das Schicksal nimmt seinen Lauf: Ottilie und Eduard verlieben sich ebenso ineinander wie Charlotte und der Hauptmann. Bei Goethe endet alles tragisch und t\u00f6dlich. Im b\u00fcrgerlichen Zeitalter lag die Moral schwer und lastend auf allem. Das war in Barock und Renaissance anders. Der Adel vergn\u00fcgte sich, doch lag seine Hand schwer auf den \u00e4rmeren Schichten, die jedoch in Liebesleben jede Freiheit genossen, und der Klerus war dabei nicht ausgenommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Vierer-Beziehung bei Casanova vorgestern war zu sch\u00f6n. Und da ich im Heptameron der Margarete von Navarra (1558) eine noch sch\u00f6nere fand, muss manipogo daran ankn\u00fcpfen und auch an Goethes Wahlverwandtschaften erinnern. 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