{"id":21004,"date":"2021-02-19T00:57:13","date_gmt":"2021-02-18T23:57:13","guid":{"rendered":"http:\/\/manipogo.de\/?p=21004"},"modified":"2021-01-24T19:21:34","modified_gmt":"2021-01-24T18:21:34","slug":"die-glueckbringende-glocke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/manipogo.de\/?p=21004","title":{"rendered":"Die gl\u00fcckbringende Glocke"},"content":{"rendered":"<p>Das <em>Bodenseebuch 1943<\/em> ist f\u00fcr <em>manipogo<\/em> magisch. Ich fand eine Geschichte, die ich anlas und die ein (weibliches) Morgenland-Element enthielt und so auf wundersame Weise zu einem Thema \u00fcberleitet, das sich mir anbot, denn manches Ding dr\u00e4ngt sich auf, taucht in vielen Varianten auf und appelliert: Schreib mich! Dann folge ich nur zu gern. Folgt also mir, hoffentlich auch gern.<!--more--><\/p>\n<p>Gottlieb Heinrich Heer (1903-1967) aus R\u00fcschlikon hatte im <em>Bodenseebuch<\/em> die lange Erz\u00e4hlung <em>Der schwarze Garten<\/em>, eine \u00bbZ\u00fcrcher Legende\u00ab. Ich will sie gerafft nacherz\u00e4hlen. Der blonde Felix lebt allein in der Z\u00fcrcher Altstadt und ist Glockengie\u00dfer. Er ist in seine Arbeit vertieft und k\u00fcmmert sich nicht um die Au\u00dfenwelt. Frauen interessieren ihn nicht. Als er eine neue, gro\u00dfe Glocke anschl\u00e4gt, verzaubert ihn ein schwingender heller Beiklang, und Felix wacht auf. Er legt seine R\u00fcstung an und schlie\u00dft sich einem Kreuzzug an, vielleicht war es der sechste, der 1248 begann.<\/p>\n<p>Nach harten K\u00e4mpfen erreicht er die geweihten St\u00e4tten und tritt dann den R\u00fcckweg an. Dabei st\u00f6\u00dft er auf eine zerst\u00f6rte Ansiedlung und erlebt eine Begegnung.<\/p>\n<p><em>An einem Mauerst\u00fcck sa\u00df, den Kopf auf einen der nackten Arme gest\u00fctzt, ein junges, morgenl\u00e4ndisches M\u00e4dchen. Schwarzes, leicht welliges Haar umkr\u00e4uselte in kummervoller Aufgel\u00f6stheit die Wangen und Schultern; die Fahlheit der Verzweiflung lag um die vollen Lippen, und \u00fcber das dunkelh\u00e4utige, aber spiegelklare Antlitz zuckten die Schatten des Schmerzes.<\/em><\/p>\n<p>Das verlassene M\u00e4dchen hei\u00dft Sulamith, und Felix nimmt sie mit nach Z\u00fcrich, und auf dem Weg l\u00e4sst sie sich als Christin taufen. Die Z\u00fcrcher sind verbl\u00fcfft und ver\u00e4rgert. Sulamith waltet in Haus und im schwarzen Garten zum Wohle des Mannes und war es zufrieden, \u00bbder gemeinsamen Liebe zu leben\u00ab. Die Stadtbewohner nannten die Araberin nur \u00bbdie Schwarze\u00ab. Zu jener Zeit, wohl um das Jahr 1250, wurde das Fraum\u00fcnster neu gebaut,\u00a0 und die \u00c4btissin erwarb die majest\u00e4tische Glocke, an der Felix so lange gearbeitet hatte. Kaum war die Einweihungsfeier vor\u00fcber, brach ein junges M\u00e4dchen zusammen und starb, und ein Schrei verbreitete sich:\u00a0\u00bbDie Pest! Die schwarze Pest!\u00ab (Z\u00fcrich wurde 1347 und dann wieder 1519 von der Pest betroffen und dezimiert, der Autor verlegte das Geschehen vor: Es ist ja eine Legende.)<\/p>\n<p><em>Als unaufhaltsam schleichendes Verh\u00e4ngnis, das unverfolgbare Wege ersp\u00fcrte, umfingerte das Gespenst der Pest Haus um Haus, drang es von Stcokwerk zu Stockwerk, von einer Kammer zur andern, wo die Bewohner versteckt in ihrer hilflosen Bangigkeit selbst Hunger und Liebe verga\u00dfen und kaum mehr etwas anderes unternahmen, als unabl\u00e4ssig aus vor Angst tr\u00e4nenlosen Augen ihre Glieder mit hei\u00dfen Blicken zu umsp\u00e4hn, ob die Haut fleckig sich verdunkle, oder ob ihnen, da die Seelen sich des Gebets und des Flehens um Gnade entsannen, die Pr\u00fcfung erspart bleibe.\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Die H\u00e4lfte der Einwohner starb. Nun kam die Frage nach Schuld und Verursachung auf, und man bemerkte, dass des Glockners Haus von der Pest verschont geblieben war, und bald entstanden Ger\u00fcchte, die in der \u00dcberzeugung m\u00fcndeten, die \u00bbSchwarze\u00ab sei schuld an der Pest, und der Glockner habe seine Glocke verhext. Der K\u00fcster berichtete, sie habe nicht mehr schlagen wollen, nur noch ger\u00f6chelt. Die Volkswut brach sich Bahn; Horden rotteten sich vor dem Haus des Glockners zusammen und warfen Steine, und endlich wurden Felix und Sulamith mit einer formellen Anklage vcor den Reichsvogt geschleppt.<\/p>\n<p>Die Verhandlung fand unter freiem Himmel statt und zog sich hin. Die Angeklagten gestanden nicht, Felix beteuerte immerzu ihre Unschuld und rief endlich aus:\u00a0\u00bbSo rufe ich Gott selbst zum Zeugen auf, dass mein Weib und ich unschuldig sind!\u00ab Die Richter berieten sich und beschlossen: Gottesurteil! Man w\u00fcrde beiden H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe locker binden und sie in den Fluss werfen; k\u00e4men sie an die Oberfl\u00e4che, seien sie schuldig, s\u00e4nken sie in die reine Tiefe des Wassers, w\u00e4re ihre Unschuld bewiesen, und k\u00e4men sie danach noch hoch, w\u00e4ren sie frei. Alle beteten ein Vaterunser.<\/p>\n<p><em>In diesem Augenblick trug auch der Wind ein leises Singen und Summen \u00fcber die D\u00e4cher, ein ferner Chor himmlicher Heerscharen schien verhalten ein Danklied anzustimmen &#8230; Im Geb\u00e4lk des Kirchturms hatte die Glocke langsam zu schwingen begonnen, als versetzten ihr unfassbare H\u00e4nde erst leichte, dann immer kr\u00e4ftigere St\u00f6\u00dfe, und sie ert\u00f6nte von selber und l\u00e4utete dann rasch, dass es wie eine unaufhaltsam eindringlicher werdende Mahnung zu allerh\u00f6chstem Gewicht auf den Platz und in alle Gassen schallte. &#8230; Aller Blicke starrten fassungslos empor zum Turm. Als sei ihren Zungen das Wort und den Kehlen die Stimme geraubt, staunten sie auf das Schwingen der Glocke und in das machtvolle L\u00e4uten, das sich nicht beruhigen wollte.<\/em><\/p>\n<p>Dann wirft sich der K\u00fcster zu F\u00fc\u00dfen des Reichsvogts: Seine Magd sei das erste Opfer gewesen, sie habe Umgang mit einem reisenden Gesellen gehabt &#8230; Und es n\u00e4hern sich die \u00c4btissin mit ihren Schwestern, und sie hebt das goldene Kreuz und ruft: \u00bbDie Unschuld wandle frei! Ein Wunder! &#8230; Ein Wunder!\u00ab Felix darf Sulamith heimw\u00e4rts tragen, sie sind frei.<\/p>\n<p><em>Von Stunde an verlief das Leben der beiden Gatten in ungetr\u00fcbtem Segen. Die Nachbarn und das Volk der Stadt betrachteten ihr stilles Dasein jetzt mit einer ehrf\u00fcrchtigen Scheu; die ehmals Geschm\u00e4hten genossen als vom Wunder Erh\u00f6hte eine besondere Achtung und Verehrung, die auch darin ihren Ausdruck fand, dass jene, die fr\u00fcher an b\u00f6se M\u00e4chte glaubten, sp\u00e4ter von ausgesprochen guten Kr\u00e4ften der Fremden Vielerlei zu berichten wussten und in mancher Anfechtung und Bedr\u00e4ngnis bei ihr Rat und Hilfe suchten.<\/em><\/p>\n<p>\u2660 \u2665 \u2660<\/p>\n<p>Gottlieb Heinrich Heer blickt weiter. \u00bbDie Jahrhunderte entsanken, und die Geschlechter starben dahin.\u00ab Eine heilkundige Gesellschaft quartierte sich im alten Haus von Felix und Sulamith ein. Doch der Geist war verschwunden:<\/p>\n<p><em>Aber es war schon zu viel des n\u00fcchternen Marktens und des gelehrten Geredes in der Welt geschehen, als dass die Heiligen sich sich zeigen und vernehmen lassen mochten, und im lieblichen Gel\u00e4ute der Becher h\u00f6rten die Zechenden h\u00f6chstens die Mahnung des Lebens, der Zeit das Ihre zu geben und das Irdische wie das Ewige als ein Geschenk des g\u00f6ttlichen Schicksals aufrecht und dem\u00fctig zugleich zu empfangen.<\/em><\/p>\n<p>So ist das. Aus unserer Welt sind das R\u00e4tsel, das Wunder und die \u00dcberraschung verschwunden. Fernsehen bietet uns als d\u00fcnnen Ersatz Krimis und Fu\u00dfballspiele, die eine Aufl\u00f6sung bieten. Ansonsten wird geschachert oder gekocht. Unsere Welt ist geheimnislos geworden, wir wissen scheinbar alles, aber halten Wunder und Gottes Werke nicht mehr f\u00fcr m\u00f6glich, und also geschehen sie nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Bodenseebuch 1943 ist f\u00fcr manipogo magisch. Ich fand eine Geschichte, die ich anlas und die ein (weibliches) Morgenland-Element enthielt und so auf wundersame Weise zu einem Thema \u00fcberleitet, das sich mir anbot, denn manches Ding dr\u00e4ngt sich auf, taucht in vielen Varianten auf und appelliert: Schreib mich! Dann folge ich nur zu gern. 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