{"id":21063,"date":"2021-02-24T00:34:09","date_gmt":"2021-02-23T23:34:09","guid":{"rendered":"http:\/\/manipogo.de\/?p=21063"},"modified":"2021-01-28T20:38:22","modified_gmt":"2021-01-28T19:38:22","slug":"letzter-blick-ins-heptameron","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/manipogo.de\/?p=21063","title":{"rendered":"Letzter Blick ins Heptameron"},"content":{"rendered":"<p>Nachdem ich in <em>Heptameron<\/em> fast 400 Seiten mit Liebesget\u00e4ndel, Listen und Tricks und Bettgeschichten hinter mir hatte, beschloss ich, dass drei Tage auch gen\u00fcgen, der Rest bis zum siebten Tag w\u00e4re Wiederholung. Au\u00dferdem stie\u00dfen mich zwei Passagen richtig ab: die Meinung der Adeligen \u00fcber die \u00bbeinfachen Leute\u00ab und eine krasse Inzestgeschichte. Zur Erinnerung: Das Buch erschien 1558. <!--more--><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/2021-01-28-0004.jpg\" rel=\"attachment wp-att-21076\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-21076\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/2021-01-28-0004-201x300.jpg\" alt=\"2021-01-28-0004\" width=\"201\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/2021-01-28-0004-201x300.jpg 201w, https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/2021-01-28-0004.jpg 540w\" sizes=\"auto, (max-width: 201px) 100vw, 201px\" \/><\/a>Wir erfahren ja vieles \u00fcber wohlerzogene Edelleute und K\u00f6nige und Herz\u00f6ge und deren Verwandte, alles spielt in h\u00f6hren Gefilden der Gesellschaft, in Schl\u00f6ssern und auf Landsitzen, abgestrennt von den Niederungen der sumpfigen D\u00f6rfer und dreckigen St\u00e4dte. Als von einem Pfarrer erz\u00e4hlt wird, der die Frau eines Bauern beehrt, weist Geburon auf die \u00bbDiebe, M\u00f6rder, Hexenmeister, Falschm\u00fcnzer und dergleichen Gesindel\u00ab hin, die alle arme Leuite und Handwerker seien.<\/p>\n<p><em>Parlamente<\/em>, als die sich Margarete von Navarra verkleidet, sagt etwas dazu:<\/p>\n<p><em>Ich finde es nicht sonderbar, dass sie t\u00fcckischer sind als andere. Mich nimmt aber wunder, dass sie bei aller Plackerei auch noch von der Liebe gequ\u00e4lt werden und dass sich in einem niedrig geborenen Herzen eine so edle Leidenschaft einnisten kann.\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Die 29 Geschichten bis dahin zeigen die Liebe durchaus nicht als edle Leidenschaft. Die Handelnden leiden zwar oft unter ihr, die jedoch, denkt man sich, manchmal pflichtschuldig ausge\u00fcbt wird, als Kovention, um sich problemlos einem anderen Objekt zuzuwenden. Au\u00dferdem spielt in den Liebesdingen viel Verstand mit: Da wird, was Parlamente den einfachen Leuten vorwirft, mit T\u00fccke und R\u00e4nke gearbeitet und mit allen Mitteln der Diplomatie. Viel Kalk\u00fcl ist beteiligt, wir stehen am Beginn der Epoche des Rationalismus. Die Liebe wird zur privaten Politik.<\/p>\n<p>Dann erkl\u00e4rt uns Saffredent mit der \u00fcblichen Herablassung der Adeligen die Lebensweise der einfachen Leute:<\/p>\n<p><em>Denn wenngleich die armen Leute G\u00fcter und Ehren nicht besitzen, so stehen ihnen daf\u00fcr die Bequemlichkeiten der Natur zur Verf\u00fcgung, soviel sie m\u00f6gen und wollen, in weit gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe jedenfalls als uns. Ihre Kost ist nicht so lecker, aber sie haben gr\u00f6\u00dferen Appetit und n\u00e4hren sich von grobem Schwarzbrot besser als wir von unsern Leckerbissen. Sie haben keine so molligen Betten, wie es die unseren sind, daf\u00fcr haben sie einen ges\u00fcnderen Schlaf, und ihre Ruhe schl\u00e4gt ihnen besser an. Sie haben keine sch\u00f6n angemalten und aufgeputzten Frauen, die wir abg\u00f6ttisch lieben, aber sie genie\u00dfen ihre Freuden \u00f6fter als wir und ohne Furcht der \u00fcblen Nachrede, es sei denn, die Tiere und V\u00f6gel, die ihnen zusehen, br\u00e4chten es aus. Was wir haben, das mangelt ihnen, und was wir nicht haeb, das besitzen sie im \u00dcberfluss.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/2021-01-28-0003.jpg\" rel=\"attachment wp-att-21077\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-21077\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/2021-01-28-0003-223x300.jpg\" alt=\"2021-01-28-0003\" width=\"223\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/2021-01-28-0003-223x300.jpg 223w, https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/2021-01-28-0003.jpg 540w\" sizes=\"auto, (max-width: 223px) 100vw, 223px\" \/><\/a>Saffredent wei\u00df anscheinend nichts vom Dorfleben, in dem \u00fcble Nachrede bl\u00fcht wie sonst nirgends. Das Schloss ist ja nichts anderes als ein kleines Dorf. Nach diesem g\u00f6nnerhaften Monolog l\u00e4sst er noch eine Geschichte vom Stapel, die drei\u00dfigste, die wirklich absto\u00dfend ist. Ein 15-j\u00e4hriger Edelmann stellt der Zofe nach, und die ehrenhafte Mutter legt sich an deren Stelle ins Bett, wonach der Sohn Verkehr mit ihr hat. Die Mutter schickt ihn in die Fremde, bekommt eine Tochter, die als Pflegetochter der K\u00f6nigin von Navarra \u00fcberstellt wird. Dort sieht der\u00a0 zur\u00fcckgekehrte junge Mann die reizende 13-J\u00e4hrige, verliebt sich in sie und heiratet sie.<\/p>\n<p><em>Die beiden liebten sich mit solcher Leidenschaft, dass niemals Mann und Frau gr\u00f6\u00dfere Liebe zueinander hatten, noch sahen sich die Eheleute so \u00e4hnlich, denn sie war ja seine Tochter, seine Schwester und seine Gattin, und er war ihr Vater, Bruder und Gatte.<\/em><\/p>\n<p>Da Margerete ja die K\u00f6nigin von Navarra war, ist zu bef\u00fcrchten, dass die Geschichte auf einer wahren Begebenheit beruht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Illustrationen: von Dunker und Freudenberg aus der Ausgabe aus der Ausgabe Bern 1780\/81<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem ich in Heptameron fast 400 Seiten mit Liebesget\u00e4ndel, Listen und Tricks und Bettgeschichten hinter mir hatte, beschloss ich, dass drei Tage auch gen\u00fcgen, der Rest bis zum siebten Tag w\u00e4re Wiederholung. 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