{"id":21068,"date":"2021-03-28T00:17:58","date_gmt":"2021-03-27T23:17:58","guid":{"rendered":"http:\/\/manipogo.de\/?p=21068"},"modified":"2021-03-21T18:57:48","modified_gmt":"2021-03-21T17:57:48","slug":"drei-utopien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/manipogo.de\/?p=21068","title":{"rendered":"Drei Utopien"},"content":{"rendered":"<p>Im <em>Bodenseebuch 1943<\/em> stehen drei Texte von Robert Walser (1878-1956), die zu sch\u00f6n sind, um dort eingeschlossen zu bleiben. Die Szenerien wirken derart irreal, dass es sich um Erfahrungen in einer anderen Welt handeln k\u00f6nnte. Und doch ist alles innig und intim geschildert, herzerw\u00e4rmend: Das war Walsers Kunst.<!--more--><\/p>\n<p><em>Die erste Erz\u00e4hlung, die Einladung, ist die Utopie einer Liebesnacht, wie sie Walser sich ertr\u00e4umte und sie vermutlich nie erlebte. Beim Lesen denkt man unwillk\u00fcrlich an Kitsch, doch das ist die falsche F\u00e4hrte. Es geht um die Utopie eines intensiven engen Beisammenseins, einer Vereinigung, die Walser sich als einzigen, langen Kuss denkt; denn im Kuss, bei dem unser Lebenshauch sich mit dem des Partners vermischt, wird eine Vereinigung vollzogen, die idealerweise lange anhalten k\u00f6nnt, anders als im Geschlechtsakt, der auf einen H\u00f6hepunkt zusteuert, schnell endet und einen Kater zur Folge hat, wie man h\u00f6rt. <\/em><\/p>\n<p><em>Nein, Robert Walser will alles, will zwei Seelen verm\u00e4hlen, ohne dass ein Wort f\u00e4llt und ohne dass etwas oder jemand das Idyll st\u00f6rt. Das w\u00e4re reine Liebe. Vielleicht ist sie nur im Jenseits m\u00f6glich oder in einer Traumwelt. (Heute mal umgekehrt: Meine Hinf\u00fchrung kursiv, den Walser-Text normal. Er ist zu edel, um kursiv gesetzt zu werden. Und: das Aquarell zu den Beitr\u00e4gen ist jeweils von mir. Habt Nachsicht.)<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><strong>Die Einladung<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/2021-01-29-0001.jpg\" rel=\"attachment wp-att-21090\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-21090\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/2021-01-29-0001-230x300.jpg\" alt=\"2021-01-29-0001\" width=\"230\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/2021-01-29-0001-230x300.jpg 230w, https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/2021-01-29-0001.jpg 540w\" sizes=\"auto, (max-width: 230px) 100vw, 230px\" \/><\/a>Ich habe dir ein himmlisch sch\u00f6nes Pl\u00e4tzchen zu zeigen, Himmlische. Der Ort liegt ganz im stillen, bescheidenen, gr\u00fcnen Wald verborgen, wie ein Gedanke in einem Gedanken. Es ist eine weiche, milde Schlucht, die von niemand besucht wird. Sie liegt in den B\u00e4umen so warm begraben, o so s\u00fc\u00df versteckt, dort, bilde ich mir ein, m\u00f6chte ich dich k\u00fcssen, mit innigen, sanften, s\u00fc\u00dfen und langen K\u00fcssen, mit K\u00fcssen, die alles Reden, selbst das sch\u00f6nste und beste, verbieten. Der Ort, so zart und so abgelegen, wie er ist, steht in keinem Reisebuch als Sehensw\u00fcrdigkeit verzeichnet. Ein kleiner, durch dichtes Geb\u00fcsch sich windender Fu\u00dfpfad f\u00fchrt zu der Schlucht, zu dem Wunderort, wo ich dir zeigen m\u00f6chte, Wunderbare, wie ich dich liebe, wo ich dir zeigen m\u00f6chte, Engel, wie ich dich verg\u00f6ttere. Dort umschlingt und umhalst man sich wie von selber, und wie von selber ber\u00fchren sich die Lippen. Du wei\u00dft noch nicht, wie ich k\u00fcssen kann. So komm an den Ort, wo nichts ist als das liebliche Rauschen der hohen B\u00e4ume, dort wirst du es erfahren. Ich werde kein Wort reden, wir werden beide schweigen, nur die Bl\u00e4tter werden leise fl\u00fcstern, und der s\u00fc\u00dfe Sonnenschein wird durch das zierliche Ge\u00e4ste brechen. O wie still, wie still wird es sein, wenn wir uns k\u00fcssen, wie sch\u00f6n wird es sein, wenn unsere Lippen liebesdurstig und \u2013hungrig aneinanderh\u00e4ngen, wie s\u00fc\u00df wird es sein, wenn wir in der stillen, lieben Schlucht uns lieben. Wir wollen uns liebkosen und k\u00fcssen in einem fort, bis der Abend kommt und mit ihm die silbern blitzenden Sterne und der Mond, der g\u00f6ttliche. Zu sagen werden wir uns nichts haben, denn es soll alles nur ein Kuss sein, ein unaufh\u00f6rlicher, ununterbrochener, stunden-stundenlanger entz\u00fcckender Kuss sein. Wer lieben will, will nicht mehr sprechen, denn wer sprechen will, will nicht mehr lieben. O komm an den heilig entr\u00fcckten Ort der Tat, an den Ort der Aus\u00fcbung, wo alles sich verliert in Erf\u00fcllung, und wo alles ertrinkt und erstirbt in Liebe. Die V\u00f6gel werden uns mit ihrem fr\u00f6hlichen Gesang umzwitschern, und in der Nacht wird eine himmlische Stille um uns sein. Was man Welt nennt, wird hinter uns liegen, und gefangen gehalten von dem Entz\u00fccken, werden wir beide Kinder der Erde sein und f\u00fchlen, was Leben hei\u00dft, empfinden, was Dasein hei\u00dft. Wer nicht liebt, hat kein Dasein, ist nicht da, ist gestorben. Wer Lust zu lieben hat, steht von den Toten auf, und nur wer liebt, ist lebendig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Bodenseebuch 1943 stehen drei Texte von Robert Walser (1878-1956), die zu sch\u00f6n sind, um dort eingeschlossen zu bleiben. Die Szenerien wirken derart irreal, dass es sich um Erfahrungen in einer anderen Welt handeln k\u00f6nnte. 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