{"id":25760,"date":"2022-04-20T00:53:20","date_gmt":"2022-04-19T22:53:20","guid":{"rendered":"http:\/\/manipogo.de\/?p=25760"},"modified":"2022-04-01T20:00:30","modified_gmt":"2022-04-01T18:00:30","slug":"meine-schuld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/manipogo.de\/?p=25760","title":{"rendered":"Meine Schuld"},"content":{"rendered":"<p>Die Geschichte von gestern ging weiter. (<em>Es war vor drei Wochen, aber es war so<\/em>.) Vier B\u00fccher von Annelieses Stapel legte ich beiseite, das f\u00fcnfte fing ich an. Meine G\u00fcte! Da ging es schon wieder um Verzeihung! Aber da es ein schwedisches Buch war (<em>Anna, das M\u00e4dchen aus Dalarne<\/em> von Selma Lagerl\u00f6f, 1929), geht es katastrophal aus. Schuld entstand, und der Christ betet: Vergib mir &#8230; meine Schuld.\u00a0 <!--more--><\/p>\n<p>Also sprechen wir heute \u00fcber Schuldgef\u00fchle. Jeder kennt sie, sie geh\u00f6ren zum Menschsein dazu. Schon immer. Man hat gefehlt, man hat etwas Falsches gemacht oder gesagt, und h\u00e4ufig geschah es un\u00fcberlegt oder spontan. Man hat jemandem Unrecht getan. Dann ist man ungl\u00fccklich. Das Gewissen regt sich. Reue tritt auf. Es mag schon Jahre her sein oder in einer dramatischen Situation geschehen sein, in der man sich nicht unter Kontrolle hatte &#8230; Den Menschen, der man seinerzeit war, kennt man nicht mehr, man hat es ja nicht bewusst getan, gleichwohl: Reue. Man m\u00f6chte es r\u00fcckg\u00e4ngig machen, kann es aber nicht; nur durch eine Aussprache, ein Schuldbekenntnis und eine Verzeihung ist das m\u00f6glich. (Sch\u00f6n ist der Spruch der Italiener: <em>come non detto!<\/em> Als h\u00e4ttest du&#8217;s nicht gesagt. Die Schuld ist ausgel\u00f6scht.)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN2366-3.jpg\" rel=\"attachment wp-att-25764\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-25764\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN2366-3-300x173.jpg\" alt=\"DSCN2366\" width=\"300\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN2366-3-300x173.jpg 300w, https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN2366-3.jpg 540w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Die katholische Ohrenbeichte hat ihre Vorz\u00fcge. Du gestehst, und der Priester als Mittelsmann Gottes spricht dich von deiner Schuld frei: Ego te absolvo. Vergebung von oben. Eine Bu\u00dfe oder S\u00fchne als Ausgleich ist n\u00f6tig: zehn Vaterunser sprechen. Vergebung muss immer etwas kosten, sonst ist sie nichts wert. Der Schuldige tr\u00e4gt seine Schuld durch eine Aufgabe ab: eine Pilgerwanderung oder eine Dem\u00fctigung. Der chilenische Heiler und Regisseur Alejandro Jodorowsky hat viele F\u00e4lle psychosomatischer Beschwerden im Gespr\u00e4ch einer Kl\u00e4rung n\u00e4hergebracht und von seinem Klienten dann verlangt, eine bestimmte Aufgabe zu erf\u00fcllen. Die reine Erkenntnis w\u00fcrde nicht gen\u00fcgen, meinte er (im Gegensatz zu Freud).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN0775-3.jpg\" rel=\"attachment wp-att-25771\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-25771 size-medium\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN0775-3-288x300.jpg\" alt=\"DSCN0775\" width=\"288\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN0775-3-288x300.jpg 288w, https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN0775-3.jpg 359w\" sizes=\"auto, (max-width: 288px) 100vw, 288px\" \/><\/a>Mir fiel noch ein: Was war fr\u00fcher, die menschliche Schuld oder die Schulden gegen\u00fcber einem Gl\u00e4ubigen? Vermutlich die Schuld. Nietzsche sagte ja, aus konkreten W\u00f6rtern seien erst abstrakte Begriffe abgeleitet worden, doch machte sich das Geld erst sp\u00e4t in der menschlichen Gesellschaft breit, Schuld gab es schon fr\u00fcher, die altgriechischen Dramen sind voll davon. Jemand vers\u00fcndigte sich an einem g\u00f6ttlichen Gesetz, er fehlte, und worin er fehlte, muss er zur\u00fcckzahlen, damit das Gleichgewicht wiederhergestellt ist. Der Gl\u00e4ubiger (die Gottheit) verlangt es. In den vom Christentum gepr\u00e4gten Gesellschaften konnte man viele Gr\u00fcnde finden, um sich schuldig zu f\u00fchlen. Mit der Erbs\u00fcnde waren wir ohnehin belastet, sie hat uns angeblich mit der Entfernung von Gott und mit dem Tod bestraft. So sei der Tod in die Welt gekommen. Die Todesstrafe also f\u00fcr die Erbs\u00fcnde.<\/p>\n<p>Bei den Naturv\u00f6lker waren es die Tabus, die zahlreich waren. Mit einem Opfer konnte man einen Versto\u00df s\u00fchnen. Sp\u00e4ter entstand Schuld auch ohne Schuld. Etwas Schlimmes passierte in einem Dorf; jemand musste schuld sein, man wollte eine Erkl\u00e4rung, und da man ungebildet war, kam vielleicht eine Au\u00dfenseiterin in Frage, die sicher eine Hexe war. In unseren Zeiten sucht man bei einem Ungl\u00fcck den Verantwortlichen; etwas ist schiefgegangen, aber jemand muss die Schuld daran tragen. Ihn findet und verurteilt man.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/baselflug2-1.jpg\" rel=\"attachment wp-att-25766\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-25766\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/baselflug2-1-300x170.jpg\" alt=\"baselflug2\" width=\"300\" height=\"170\" srcset=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/baselflug2-1-300x170.jpg 300w, https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/baselflug2-1.jpg 540w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Lassen wir die Vergangenheit ruhen! Fliegen wir uns frei! Nur wenn uns etwas andauernd qu\u00e4lt, muss es gutgemacht werden. Wir sind perfekt in unserem Nicht-perfekt-Sein, wir lernen nur durch Fehler, und lernen m\u00fcssen wir. Stellen wir uns vor, wir machen immer alles richtig. Wir leben gedankenlos dahin und sterben selbstgerecht und zufrieden. Das ist es nicht. Also: Es ist geschehen, Schwamm dr\u00fcber, und weiter!<\/p>\n<p>Bei Selma Lagerl\u00f6f l\u00e4sst sich der Pastor Karl Artur einreden, seine Mutter wolle ihm verzeihen. Seine Eltern stellten sich gegen seine Heirat mit Anna aus Dalarne. Karl Artur setzt sich ans Krankenbett seiner Mutter und erkl\u00e4rt drei Mal, er habe nie wieder hierherkommen wollen, und ob sie ihm nicht etwas zu sagen h\u00e4tte? Er bringt seine Mutter so in Wut, dass sie auff\u00e4hrt und mit der Hand ihm droht; dann f\u00e4llt sie zur\u00fcck. Schlaganfall und sofortiger Tod. Karl Artur weint, als ihn sein Vater packt und in den Flur schleudert. Das ist gnadenloses schwedisches Drama.<\/p>\n<p>Es erinnerte mich an eine Szene in <em>La coscienza di Zeno<\/em> des italienischen Satirikers Italo Svevo. Der Erz\u00e4hler sitzt am Sterbebett seines Vaters. Der Kranke m\u00fcsse ruhen, hat ihm der Arzt eingesch\u00e4rft, also dr\u00fcckt er ihn nieder, als der Vater sich erheben will. Schlie\u00dflich steht der Vater auf, der Sohn verdeckt ihm die Sonne; der Vater holt aus und versetzt ihm mit letzter Kraft eine Ohrfeige. Vater f\u00e4llt um und ist tot. Das ist schon eine herbe Schuld, den Tod der Mutter oder des Vaters verursacht zu haben, auch wenn es bei Svevo \u00fcberspitzt daherkommt. (Literatur konfrontiert uns mit dem Schlimmsten und dem Sch\u00f6nsten.) Doch auch das kann und muss verarbeitet werden, und danach sind wir bessere Menschen, und darum geht es: um die Reinigung.<\/p>\n<p>Das <em>Dhammapada<\/em>, eine Zusammenfassung der Lehren des Buddha bald nach seinem Tod, lehrt:<\/p>\n<p><em>Wenn du anderen Menschen gegen\u00fcber weder materielle Schulden noch moralische Schuld hast und ohne Angst frei umherwandern kannst, bist du wahrlich heilig.\u00a0 <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Geschichte von gestern ging weiter. (Es war vor drei Wochen, aber es war so.) Vier B\u00fccher von Annelieses Stapel legte ich beiseite, das f\u00fcnfte fing ich an. Meine G\u00fcte! Da ging es schon wieder um Verzeihung! 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