{"id":27338,"date":"2022-09-09T00:17:35","date_gmt":"2022-09-08T22:17:35","guid":{"rendered":"http:\/\/manipogo.de\/?p=27338"},"modified":"2022-08-29T23:19:05","modified_gmt":"2022-08-29T21:19:05","slug":"die-zwei-seiten-der-medaille","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/manipogo.de\/?p=27338","title":{"rendered":"Die zwei Seiten der Medaille"},"content":{"rendered":"<p>Borges ist fantastisch. Seine Erz\u00e4hlungen sind mit mathematischer Pr\u00e4zision und gleichzeitig mit Feuer geschrieben, und am Ende gibt es eine \u00dcberraschung, bei der sich ein Abgrund auftut. Ich versuche, ein bestimmtes Motiv herauszuarbeiten, das Borges dankenswerterweise selbst erl\u00e4utert hat. Es geht um die von Giordano Bruno ge\u00e4u\u00dferte Erkenntnis, dass sich die Extreme ber\u00fchren. <!--more--><\/p>\n<p>Gehen wir mal induktiv vor \u2014 von der allgemeinen Lehre zu den Einzelf\u00e4llen. <em>Die Geschichte des Kriegers und der Gefangenen<\/em> endet mit einer Einlassung des Autors, die vieles erkl\u00e4rt, aber nicht alles:<\/p>\n<p><em>Die Figur des Barbaren, der sich f\u00fcr die Sache Ravennas einsetzt, und die Figur der europ\u00e4ischen Frau, die sich f\u00fcr die W\u00fcste entscheidet, k\u00f6nnten uns wie Antagonisten vorkommen. Ohne Zweifel beseelte beide ein geheimer Drang, ein Drang, der tiefer war als die Vernunft, und beide folgten jenem Drang, den sie nicht erkl\u00e4ren h\u00e4tten k\u00f6nnen. Vielleicht sind die Geschichten, die ich wiedergegeben habe, nur eine einzige Geschichte. Die Vorderseite und die R\u00fcckseite dieser Medaille sind \u2014 vor Gott \u2014 gleich. \u00a0<\/em><\/p>\n<p>Jorge Luis Borges hat einmal gesagt, dass die ganze Literatur vielleicht von einem einzigen Wesen geschrieben wurde (und dessen ganzer Widerspruch darinsteckt). Gott erw\u00e4hnt er, weil sich ein eigener Blick auch von weit her auf die Personen richtet. Aus der Entfernung verlieren Details ihre Sch\u00e4rfe, und wir sehen klarer.<\/p>\n<p>Der Barbar ist Droctulft, der mit lombardischen Kriegern um das Jahr 600 Ravenna belagert, als ihn irgendetwas ber\u00fchrt; er l\u00e4uft zu den Feinden \u00fcber und verteidigt die Stadt an der Adria, bis er f\u00e4llt. Die Einwohner stifteten ihm eine Statue mit Inschrift. Droctulft sei kein Verr\u00e4ter gewesen, schreibt Borges, sondern ein Erleuchteter, ein Konvertit. (Die erw\u00e4hnte Frau war Engl\u00e4nderin und wollte nicht zur\u00fcck; sie lebte freudig in Australien.)<\/p>\n<p>Tadeo Isidoro Cruz (<em>Biografia de Tadeo Isidoro Cruz, 1829-1874) <\/em>verfolgt mit einer Gruppe von Soldaten den Deserteur Martin Fierro, und dann geschieht etwas:<\/p>\n<p><em>Er begriff sein intimes Schicksal als Wolf und nicht als Jagdhund; er begriff, dass der andere er selbst war.\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Also legte er die Waffen nieder und zog die Uniform aus und k\u00e4mpfte mit Fierro gegen seine fr\u00fcheren Soldaten. Wieder ein Erweckungserlebnis! Wir kennen ja die archetypische Geschichte:<\/p>\n<p><em>Unterwegs aber, als er sich bereits Damaskus n\u00e4herte, geschah es, dass ihn pl\u00f6tzlich ein Licht vom Himmel umstrahlte. Er st\u00fcrzte zu Boden und h\u00f6rte eine Stimme, die sagte:\u00a0\u00bbSaul, Saul, warum verfolgst du mich?\u00ab Er antwortete: \u00bbWer bist du, Herr?\u00ab Dieser sagte: \u00bbIch bin Jesus, den du verfolgst. Steh auf und geh in die Stadt, dort wird dir gesagt werden, was du tun sollst.\u00ab (Apostelgeschichte 9,3-6)<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Die Feinde. Der Gegner. Was wir gl\u00fchend hassen, lebt in einer gewissen Weise (verborgen) auch in uns; wenn nicht, w\u00e4re der Andere uns gleichg\u00fcltig. Der Hass verbindet uns. <em>Liebet eure Feinde!<\/em> ist nicht v\u00f6llig daneben; tats\u00e4chlich h\u00e4ngen verfeindete Menmschen aneinander und sind sich n\u00e4her, als sie wahrhaben wollen. Ein Mann flieht wiederum bei Borges vor seinem Gegner und quartiert sich in einer Pension ein \u2014 unter dem Namen seines Feindes, Villari. Dort wird er erschossen: er, der sein Feind war, der ihn t\u00f6tete und symbolisch damit sich selbst (und die Beziehung).<\/p>\n<p>In dem Borges-St\u00fcck <em>Die Theologen<\/em> bek\u00e4mpfen sich mit der Feder Jahrzehnte lang Aureliano und Juan de Panonia, ohne sich zu kennen. Juan wird hingerichtet, Aureliano assistiert und sieht am Ende zum ersten und letzten Mal das Gesicht des (zu Tode gebrachten) Verhassten.<\/p>\n<p><em>Es erinnerte ihn an jemanden, aber er h\u00e4tte nicht angeben k\u00f6nnen, an wen.<\/em><\/p>\n<p>Das Ende sei nur metaphorisch zu fassen, meint der Autor.<\/p>\n<p><em>Es w\u00e4re m\u00f6glich zu sagen, dass Aureliano sich mit Gott unterhielt und dass dieser sich so wenig f\u00fcr religi\u00f6se Differenzen interessierte, dass er ihn f\u00fcr Juan de Panonia hielt. &#8230; Genauer w\u00e4re es, zu sagen, dass Aureliano im Paradies wusste, dass f\u00fcr die unergr\u00fcndliche Gottheit er und Juan de Panonia (der Orthodoxe und der H\u00e4retiker, der Hassende und der Verhasste, der Ankl\u00e4ger und das Opfer) eine einzige Person darstellten.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Borges ist fantastisch. 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