{"id":29445,"date":"2023-02-26T00:07:40","date_gmt":"2023-02-25T23:07:40","guid":{"rendered":"http:\/\/manipogo.de\/?p=29445"},"modified":"2023-02-17T23:18:54","modified_gmt":"2023-02-17T22:18:54","slug":"der-tangospieler-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/manipogo.de\/?p=29445","title":{"rendered":"Der Tangospieler"},"content":{"rendered":"<p>Am 18. Mai 1989 wurde in einer Buchhandlung in der Spandauer Stra\u00dfe in Berlin der Roman <em>Der Tangospieler<\/em> von Christoph Hein vorgestellt. Es war die Endphase der Deutschen Demokratischen Republik, was man noch nicht ahnen konnte. Erst am 4. September fand in Leipzig die erste Montagsdemonstration statt, und am 9. November ging die Mauer auf. Der Tangospieler ist ein literarischer Schlusspunkt und auch ein Denkmal f\u00fcr diesen seltsamen, ungl\u00fccklichen (ungl\u00fccklich machenden) deutschen Staat, der 40 Jahre hielt. <!--more--><\/p>\n<p>Ich muss mich mal wieder \u00fcber Wikipedia am\u00fcsieren. Der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_Tangospieler\" target=\"_blank\">Beitrag \u00fcber das Buch l<\/a>eiert brav die Handlung herunter und lobt:<\/p>\n<p><em>Lesevergn\u00fcgen wird von Hein garantiert. Die Lekt\u00fcre erscheint durchweg als simpel strukturiert und kurzweilig. So kommt der Leser auf seine Kosten.<\/em><\/p>\n<p>Das ist geschrieben wie im Schulaufsatz. Da hat der Autor wohl ein anderes Buch gelesen als ich. Der Luchterhand Literaturverlag in Frankfurt erhielt vom Aufbau-Verlag in der DDR die Rechte und brachte das Buch im selben Jahr heraus, 1989. Auf die R\u00fcckseite druckten die Frankfurter ein Zitat:<\/p>\n<p><em>\u00bbKein Autor der DDR hat binnen weniger Jahre die Literatur seines Landes so schlagend und nachhaltig ver\u00e4ndert wie Christoph Hein.\u00ab<\/em><br \/>\n<em>Wolfgang Emmerich<\/em><\/p>\n<p>Damals schon nachhaltig! Da hat jemand vielleicht die Literatur beeinflusst, doch wen k\u00fcmmert das? Literatur ist ein Seismograph ihrer Zeit und bildet Leben ab, und wer gut ist als Autor, trifft den Zeitgeist und schafft ein Portr\u00e4t einer Gesellschaft, in dem sich alle wiederfinden. Literatur ist nur ein Vehikel, eine Technik; sie ist so, wie die Welt ist, in der die erfundenen Gestalten agieren. Es gibt bessere und schlechtere Autorinnen und Autoren, aber alle arbeiten an einem Gesamtwerk \u00fcber die Welt und ihre Menschen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN5113-1.jpg\" rel=\"attachment wp-att-29446\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-29446\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN5113-1-300x203.jpg\" alt=\"DSCN5113\" width=\"300\" height=\"203\" srcset=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN5113-1-300x203.jpg 300w, https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN5113-1.jpg 540w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Heins Roman beginnt im Februar 1968, als Hans-Peter Dallow nach 21 Monaten aus einer Haftanstalt entlassen wird (<em>rechts ein Gefangenentransporter aus der DDR)<\/em>, und er endet im August 1968, als die Russen die Tschechoslowakei \u00fcberfallen und Alexander Dub\u010dek entmachten. Der Ex-Wissenschaftler Dallow bekommt am Ende wieder eine Dozentur, na ja, ein unglaubw\u00fcrdiges Happy-end und vielleicht ein Zugest\u00e4ndnis an die Machthaber, damit das Buch durch die Zensur kam.<\/p>\n<p>Ich fand das Buch sch\u00f6n existentialistisch, weil der gute Dallow sich in der Welt so fremd f\u00fchlt und durch sein Wesen die Sinn-und Inhaltslosigkeit der Welt spiegelt. Die Helden in B\u00fcchern sind oft Au\u00dfenseiter, durch deren Augen wir erkennen, dass unsere Interaktionen und Routine-Handlungen manchmal fragw\u00fcrdig und lachhaft sind.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN2154-1.jpg\" rel=\"attachment wp-att-29448\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-29448\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN2154-1-300x178.jpg\" alt=\"DSCN2154\" width=\"300\" height=\"178\" srcset=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN2154-1-300x178.jpg 300w, https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN2154-1.jpg 540w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Dallow, 36 Jahre alt, kommt aus dem Gef\u00e4ngnis und l\u00e4sst sich treiben. Er hat keine Lust zu arbeiten, aber viel Lust auf Sex, und irgendwie ist er ein Wanderer, ein Reisender. Wir denken an Joseph von Eichendorff, der \u00fcber sehns\u00fcchtigen Gesellen schrieb, die bei Vollmond gern in der Kutsche unterwegs sind, und 1826 schrieb er <em>Aus dem Leben eines Taugenichts<\/em>, und das war reine Fantasie und v\u00f6llig \u00fcberdreht, und der gl\u00fcckliche Schluss wirkt v\u00f6llig irreal und aufgesetzt, als w\u00e4r&#8217;s die romantische Ironie Heines. Dann, 150 Jahre sp\u00e4ter und nach zwei weltvernichtenden Kriegen, war sie wieder da, die Sinnlosigkeit: <em>Der<\/em> <em>Fremde<\/em> von Albert Camus, die Werke von Beckett und Ionesco.<\/p>\n<p>Handke schrieb 1975 <em>Die Angst des Tormanns beim Elfmeter<\/em>: Der Torwart Josef Bloch versteht einen Satz falsch und geht mitten in der Partie davon. Die Worte bedeuten nichts mehr oder f\u00fchren in die Irre. Brinkmann erledigte die Poesie, w\u00e4hrend Peter Rosei in <em>Von Hier nach Dort<\/em> 1981 die Desillusionierung verkl\u00e4rt und verr\u00e4t, weil er schon die \u00c4sthetisierung der 1980-er Jahre im Kopf hat. Die Literatur wird den Zeitgeist nicht los, und nur die ganz Gro\u00dfen k\u00f6nnen zeitlose Monumente schreiben.<\/p>\n<p><em>Der Tangospieler<\/em> zeigt uns die Zeit der freien Liebe (1968) und die t\u00e4glichen Verrichtungen in ihrer Banalit\u00e4t. Das Buch wirkt, als sei es in den 1970-er Jahren entstanden, aber mag sein, dass erst gegen Ende der DDR die Desillusionierung \u00fcberm\u00e4chtig und ausdr\u00fcckbar wurde, dass erst dann deren Ausdruck gestattet war. \u00bbNegative\u00ab B\u00fccher waren immer verworfen worden.<\/p>\n<p>Nun noch ein paar Zitate zum Zwecke des \u00bbLesevergn\u00fcgens\u00ab, das Hein angeblich garantiert:<\/p>\n<p><em>Sie l\u00e4chelte, und Dallow betrachtete sie eingehend. Er wollte sofort mit Sylvia schlafen.<\/em><\/p>\n<p><em>Es gab f\u00fcr ihn nichts zu tun; er genoss es, die Zeit zu vergeuden ohne verpflichtende Auflagen und als Befehle vorgetragene Ermahnungen. Bei den fl\u00fcchtigen Frauenbekanntschaften hatte er darauf geachtet, dass man sich trennte, ohne \u00fcber ein Wiedersehen zu sprechen oder es auch nur gru\u00dfweise anzudeuten. <\/em><\/p>\n<p><em>Ihn \u00fcberrraschte, dass diese fr\u00fcheren Jahre, sein fr\u00fcheres Leben f\u00fcr ihn unerreichbar waren und keine Ankn\u00fcpfung zulie\u00dfen.\u00a0 <\/em><\/p>\n<p><em>Dallow kniff die Augen leicht zusammen und sagte rasch und ohne weiter zu \u00fcberlegen:\u00a0\u00bbEin Lichtspiel. Die Welt ist ein Lichtspiel. &#8230; Wenn das gro\u00dfe Licht ausgeschaltet wird, ist hier nichts mehr. Alle Existenz ist an das Licht gebunden und existiert insofern nicht wirklich. Ist nur ein Lichtspiel, ein Ph\u00e4nomen der Optik, wie das Kino.\u00ab<\/em><\/p>\n<p><em>Als eine Stra\u00dfenbahn kam, stieg er ein und \u00fcberlegte, nachdem die Bahn abgefahren war, weshalb er eingestiegen sei, wohin er fahren wolle. Er konnte sich selbst keine Antwort geben, blieb aber in der fast leeren Bahn sitzen &#8230; <\/em><\/p>\n<p><em>Die Spielzeuglokomotive, die kleine Modelleisenbahn mit dem Namen Hans-Peter Dallow w\u00fcrde unaufh\u00f6rlich ihr geradliniges und dennoch kreisf\u00f6rmiges Gleis abfahren. <\/em><\/p>\n<p><em>Er wartete, ohne zu wissen, worauf. Vor langer Zeit hatte er die Erfahrung gemacht, dass die einfachste und ertr\u00e4glichste Form des Wartens darin bestand, sich in ein Caf\u00e9 zu setzen: Die Stunden verrannen und irgendwann mit ihnen dieses l\u00e4hmende, unbestimmbare und qu\u00e4lende Gef\u00fchl, etwas zu erwarten, was nie eintreffen kann, weil es nicht existiert.\u00a0 \u00a0<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vielleicht noch ein paar Links zum Stichwort Gef\u00e4ngnis:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/?p=25868\" target=\"_blank\">Das Gef\u00e4ngnis<\/a> \u2014 <a href=\"https:\/\/manipogo.de\/?p=28392\" target=\"_blank\">Die Engel der S\u00fcnde<\/a> \u2014 <a href=\"https:\/\/manipogo.de\/?p=27344\" target=\"_blank\">Warten auf Antwort <\/a>\u2014 <a href=\"https:\/\/manipogo.de\/?p=26808\" target=\"_blank\">Ein guter Mensch<\/a> \u2014 <a href=\"https:\/\/manipogo.de\/?p=25497\" target=\"_blank\">Die Schattenfrauen von Zelle 52<\/a> \u2014 <a href=\"https:\/\/manipogo.de\/?p=20831\" target=\"_blank\">Bautzen II <\/a>\u2014 <a href=\"https:\/\/manipogo.de\/?p=15279\" target=\"_blank\">Die Passion der Teresa <\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 18. 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