{"id":34141,"date":"2024-11-08T01:28:42","date_gmt":"2024-11-07T23:28:42","guid":{"rendered":"http:\/\/manipogo.de\/?p=34141"},"modified":"2024-11-07T22:51:22","modified_gmt":"2024-11-07T21:51:22","slug":"arzt-und-patient","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/manipogo.de\/?p=34141","title":{"rendered":"Der geheilte Patient"},"content":{"rendered":"<p>Johann Peter Hebel, der badische Volksdichter, hat mit seinem <em>Schatzk\u00e4stlein des Rheinischen Hausfreunds<\/em> eine unsterbliche Sammlung von moralischen und heiteren Anekdoten vorgelegt, und erst k\u00fcrzlich habe ich alle gelesen, die ich noch nicht kannte. Das Buch erschien erstmals 1811, und das <a href=\"https:\/\/www.deutschestextarchiv.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Deutsche Textarchiv<\/a>, das 5124 deutsche B\u00fccher und Aufs\u00e4tze anbietet, gestattet die Verwendung.\u00a0 <!--more--><\/p>\n<p>Die folgende Geschichte, in der es um einen listigen Arzt geht, hat mir besonders gefallen. Die alte Rechtschreibung zeigt uns, wie damals, zu Goethes Zeiten, in Deutschland geschrieben und geredet wurde.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><em><strong>Der geheilte Patient<\/strong> <\/em><\/p>\n<p><em>Reiche Leute haben trotz ihrer gelben V\u00f6gel doch manchmal auch allerlei Lasten und Krankheiten auszustehen, von denen Gottlob der arme Mann nichts wei\u00df, denn es giebt Krankheiten, die nicht in der Luft stecken, sondern in den vollen Sch\u00fcsseln und Gl\u00e4sern, und in den weichen Sesseln und seidenen Bettern, wie jener reiche Amsterdamer ein Wort davon reden kann. Den ganzen Vormittag sa\u00df er im Lehnsessel und rauchte Tabak, wenn er nicht zu tr\u00e4ge war, oder hatte Maulaffen feil zum Fenster hinaus, a\u00df aber zu Mittag doch wie ein Drescher, und die Nachbarn sagten manchmal: Windet\u2019s drau\u00dfen, oder schnauft der Nachbar so? \u2013 Den ganzen Nachmittag a\u00df und trank er ebenfalls bald etwas Kaltes bald etwas Warmes, ohne Hunger und ohne Appetit, aus lauter langer Weile bis an den Abend, also, dass man bei ihm nie recht sagen konnte, wo das Mittagessen aufh\u00f6rte und wo das Nachtessen anfieng. Nach dem Nachtessen legte er sich ins Bett, und war so m\u00fcd, als wenn er den ganzen Tag Steine abgeladen, oder Holz gespalten h\u00e4tte. Davon bekam er zuletzt einen dicken Leib, der so unbeholfen war, wie ein Maltersack. <\/em><\/p>\n<div id=\"attachment_38602\" style=\"width: 550px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/IMG_20241102_220150.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-38602\" class=\"wp-image-38602 size-full\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/IMG_20241102_220150.jpg\" alt=\"\" width=\"540\" height=\"330\" srcset=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/IMG_20241102_220150.jpg 540w, https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/IMG_20241102_220150-300x183.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-38602\" class=\"wp-caption-text\">Aus meinem Buch mit Grimms M\u00e4rchen von 1937. K\u00fcnstlerin: Ruth Koser-Michaels, 1896-1968<\/p><\/div>\n<p><em>Essen und Schlaf wollte ihm nimmer schmecken, und er war lange Zeit, wie es manchmal geht, nicht recht gesund und nicht recht krank; wenn man aber ihn selber h\u00f6rte, so hatte er 365 Krankheiten, n\u00e4mlich alle Tage eine andere. Alle Aerzte, die in Amsterdam sind, mu\u00dften ihm rathen. Er verschluckte ganze Feuereymer voll Mixturen, und ganze Schaufeln voll Pulver, und Pillen wie Enten-Eyer so gro\u00df, und man nannte ihn zuletzt scherzweise nur die zweibeinige Apotheke. Aber alle Arzneyen halfen ihm nichts, denn er folgte nicht, was ihm die Aerzte befahlen, sondern sagte: Fouder, wof\u00fcr bin ich ein reicher Mann, wenn ich soll leben, wie ein Hund, und der Doktor will mich nicht gesund machen f\u00fcr mein Geld? <\/em><\/p>\n<p><em>Endlich h\u00f6rte er von einem Arzt, der 100 Stund weit wegwohnte, der sei so geschickt, da\u00df die Kranken gesund werden, wenn er sie nur recht anschaue, und der Tod geh\u2019 ihm aus dem Weg, wo er sich sehen lasse. Zu dem Arzt fa\u00dfte der Mann ein Zutrauen, und schrieb ihm seinen Umstand. Der Arzt merkte bald was ihm fehle, n\u00e4mlich nicht Arzney, sondern M\u00e4\u00dfigkeit und Bewegung und sagte: Wart dich will ich bald kurirt haben. <\/em><\/p>\n<p><em>Deswegen schrieb er ihm ein Brieflein folgenden Inhalts: \u00bbGuter Freund, ihr habt einen schlimmen Umstand, doch wird euch zu helfen seyn, wenn ihr folgen wollt. Ihr habt ein b\u00f6s Thier im Bauch, einen Lindwurm mit sieben M\u00e4ulern. Mit dem Lindwurm mu\u00df ich selber reden, und Ihr m\u00fc\u00dft zu mir kommen. Aber f\u00fcrs erste so d\u00fcrft ihr nicht fahren oder auf dem R\u00f6\u00dflein reiten, sondern auf des Schuhmachers Rappen, sonst sch\u00fcttelt ihr den Lindwurm und er bei\u00dft euch die Eingeweide ab, sieben D\u00e4rme auf einmal ganz entzwei. F\u00fcrs andere d\u00fcrft Ihr nicht mehr essen, als zweimal des Tages einen Teller voll Gem\u00fc\u00df, Mittags ein Bratw\u00fcrstlein dazu, und Nachts ein Ey, und am Morgen ein Fleischs\u00fcpplein mit Schnittlauch drauf. Was ihr mehr esset, davon wird nur der Lindwurm gr\u00f6\u00dfer, also da\u00df er euch die Leber erdr\u00fcckt, und der Schneider hat euch nimmer viel anzumessen, aber der Schreiner. Die\u00df ist mein Rath, und wenn ihr mir nicht folgt, so h\u00f6rt ihr im andern Fr\u00fchjahr den Gukuk nimmer schreyen. Thut was ihr wollt!\u00ab <\/em><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/003-25.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-38603\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/003-25.jpg\" alt=\"\" width=\"540\" height=\"405\" srcset=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/003-25.jpg 540w, https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/003-25-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/a><\/p>\n<p><em>Als der Patient so mit ihm reden h\u00f6rte, lie\u00df er sich sogleich den andern Morgen die Stiefel salben und machte sich auf den Weg, wie ihm der Doktor befohlen hatte. Den ersten Tag gieng es so langsam, da\u00df wohl eine Schnecke h\u00e4tte k\u00f6nnen sein Vorreiter seyn, und wer <span class=\"dta-corr\" title=\"Schreibfehler: in\">ihn<\/span> gr\u00fc\u00dfte, dem dankte er nicht, und wo ein W\u00fcrmlein auf der Erde kroch, das zertrat er. Aber schon am zweiten und am dritten Morgen kam es ihm vor, als wenn die V\u00f6gel schon lange nimmer so lieblich gesungen h\u00e4tten wie heut, und der Thau schien ihm so frisch und die Kornrosen im Feld so roth, und alle Leute, die ihm begegneten sahen so freundlich aus, und er auch, und alle Morgen, wenn er aus der Herberge aus gieng, wars sch\u00f6ner, und er gieng leichter und munterer dahin, und als er am 18ten Tage in der Stadt des Arztes ankam, und den andern Morgen aufstand, war es ihm so wohl, da\u00df er sagte: \u201eIch h\u00e4tte zu keiner ungeschicktern Zeit k\u00f6nnen gesund werden als jetzt, wo ich zum Doctor soll.Wenn\u2019s mir doch nur ein wenig in den Ohren brauste, oder das Herzwasser lief mir.\u201c <\/em><\/p>\n<p><em>Als er zum Doktor kam, nahm ihn der Doktor bei der Hand, und sagte ihm: Jetzt erz\u00e4hlt mir denn noch einmal von Grund aus, was euch fehlt. Da sagte er: Herr Doctor, mir fehlt Gottlob nichts, und wenn ihr so gesund seid wie ich, so solls mich freuen. Der Doctor sagte: \u00bbDas hat euch ein guter Geist gerathen, da\u00df ihr meinem Rath gefolgt habt. Der Lindwurm ist jezt abgestanden. Aber ihr habt noch Eyer im Leib, deswegen m\u00fc\u00dft ihr wieder zu Fu\u00df heimgehen, und daheim flei\u00dfig Holz s\u00e4gen, da\u00df niemand sieht, und nicht mehr essen, als euch der Hunger ermahnt, damit die Eyer nicht ausschlupfen, so k\u00f6nnt ihr ein alter Mann werden\u00ab, und l\u00e4chelte dazu. Aber der reiche Fremdling sagte: \u00bbHerr Doctor, ihr seid ein feiner Kautz, und ich versteh euch wohl\u00ab, und hat nachher dem Rath gefolgt, und 87 Jahre, 4 Monate 10 Tage gelebt, wie ein Fisch im Wasser so gesund, und hat alle Neujahr dem Arzt 20 Dublonen zum Gru\u00df geschickt.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Johann Peter Hebel, der badische Volksdichter, hat mit seinem Schatzk\u00e4stlein des Rheinischen Hausfreunds eine unsterbliche Sammlung von moralischen und heiteren Anekdoten vorgelegt, und erst k\u00fcrzlich habe ich alle gelesen, die ich noch nicht kannte. 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