{"id":35676,"date":"2024-04-14T01:42:30","date_gmt":"2024-04-14T00:42:30","guid":{"rendered":"http:\/\/manipogo.de\/?p=35676"},"modified":"2024-04-12T23:06:36","modified_gmt":"2024-04-12T21:06:36","slug":"ecstasy","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/manipogo.de\/?p=35676","title":{"rendered":"Ecstasy"},"content":{"rendered":"<p>Auf eine ganz wilde Geschichte lie\u00df ich mich ein &#8230; nat\u00fcrlich in einem Buch. Lesen statt leben. Kann auch anstrengend sein. <em>Ecstasy<\/em> ist 1993 erschienen, ein Roman des Japaners Murakami Ry\u00fb, und es geht um Drogen und Sex, Unterwerfung und \u00dcberwindung: Sado-maso in K\u00fcrze. War ins Franz\u00f6sische \u00fcbersetzt. In zehn Tagen hatte ich es durch; war jeden Morgen gespannt auf die Fortsetzung. <!--more--><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/Ryu_Murakami-1.jpg\" rel=\"attachment wp-att-35719\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-35719\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/Ryu_Murakami-1.jpg\" alt=\"Ryu_Murakami\" width=\"259\" height=\"245\" \/><\/a>Drogen, Sex und Luxusleben, vielleicht war das vor 30 Jahren der Lebensstil. Wenn ein Japaner sowas schreibt, kann man sicher sein, dass es ans Limit geht. Murakami Ry\u00fb (geboren 1952), das \u00bbEnfant terrible\u00ab der Literatur Japans, darf nicht mit <a href=\"https:\/\/manipogo.de\/?p=7351\" target=\"_blank\">Murakami Haruki<\/a> (1949 geboren) verwechselt werden, der oft schon als Kandidat f\u00fcr den Literatur-Nobelpreis gehandelt wurde. Zu dessen Autobiografie von 2007 wird erw\u00e4hnt: \u00bbSeine Ehefrau erw\u00e4hnt er nur knapp als die Person, die ihm das Essen zubereitet und meist im Zieleinlauf auf ihn wartet.\u00ab<\/p>\n<p>Bei Ry\u00fb wartet auch eine Frau auf den Erz\u00e4hler, den jungen Herrn Miyashita. F\u00e4ngt an wie ein Krimi. Er trifft in der Bowery in New York einen obdachlosen Japaner, der ihm eine Telefonnummer zusteckt. Da solle er in Tokio mal anrufen, es sei eine Frau. Ihre Stimme klingt gefasst, neutral. Er solle erst bei einer Adresse \u00bbein Produkt\u00ab abholen und es mit einer lieben Freundin ausprobieren. Dann k\u00f6nne man sich treffen. Miyashita hat Akemi lang nicht gesehen, man geht aus, dann in ein Hotelzimmer, nimmt das Produkt (Ecstasy-Tabletten) und erlebt eine ekstatische Liebesnacht.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/2024-03-21-0001.jpg\" rel=\"attachment wp-att-35678\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-35678\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/2024-03-21-0001-185x300.jpg\" alt=\"2024-03-21-0001\" width=\"222\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/2024-03-21-0001-185x300.jpg 185w, https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/2024-03-21-0001.jpg 540w\" sizes=\"auto, (max-width: 222px) 100vw, 222px\" \/><\/a>Ein Hotelzimmer im Ginza-Viertel. Da sitzt also eine junge Frau, sch\u00f6n, langbeinig, elegant gekleidet und irgendwie unnahbar. Sie sagt: \u00bbIch bin Keiko, Keiko Kataoka. \u2014 Wie war das Produkt?\u00ab Miyashita sitzt ihr gegen\u00fcber, sieht die Lichter der Gro\u00dfstadt und soll ihr zuh\u00f6ren. Sie wolle ihm ihre Geschichte erz\u00e4hlen. (<em>Das wird sich \u00fcber 100 Seiten hinziehen, ein Drittel des Romans.<\/em>) Das ist ja gro\u00dfe Romantradition: Jemand erz\u00e4hlt seine Geschichte.<\/p>\n<p>Keiko Kataoka lernte Yazaki kennen (so hei\u00dft der Obdachlose aus New York), der als Produzent von Muscials reich und ber\u00fchmt wurde. Er ist eine verwandte Seele: dominant, zielstrebig, gewissenlos. Sie fliegen von Venedig nach Barcelona, von Paris nach New York, mieten sich in den teuersten Hotels ein, trinken Champagner zu 1000 Dollar die Flasche, ziehen sich viele Linien Koks in die Nase und treiben es die ganze Nacht hindurch erotisch. Das ganze Programm, Richtung Sadomaso. Sie geht auf allen Vieren vor ihm, wird von ihm von hinten befriedigt und mehr: alles, wie es der Marquis (de Sade) 200 Jahre zuvor uns ausgemalt hatte. Sie erz\u00e4hlt das, scheinbar teilnahmslos. Miyashita h\u00f6rt zu und bemerkt:<\/p>\n<p><em>Ein unnormal starker Magnetismus ging von ihr aus, der mich l\u00e4hmte. &#8230; \u00bbSie haben die Gabe der Konversation\u00ab (sagt sie lobend). Ihr Kompliment erzeugte in mir eine Art Ekstase. Ich bin nichts als ein Hund, dachte ich. Ein Hund, murmelte ich, und in dem Augenblick, als ich das wiederholte, wurde mir pl\u00f6tzlich bewusst, dass ich am Rand eines Abgrunds stand. &#8230; Ich sp\u00fcrte pl\u00f6tzlich das Verlangen, mich vor ihr niederzuwerfen. &#8230; Dieser Wunsch ergriff von mir Besitz. &#8230; Eine Linie Koks, dachte ich. Ich h\u00e4tte mich vor dieser Frau nackt ausziehen m\u00f6gen, mich vor sie hinknien und die Spitze ihrer Schuhe k\u00fcssen. &#8230; Ihre Gegenwart war dabei, mich auszul\u00f6schen, und in dieser Verzweiflung \u00fcberlegte ich, was mich retten k\u00f6nnte. &#8230;<\/em><\/p>\n<p>Der Erz\u00e4hler im Roman, der sich das Leben anderer erz\u00e4hlen l\u00e4sst, ist in der Tradition meist passiv. Hier ist das v\u00f6llig \u00fcberzeichnet und geht in Masochismus \u00fcber. Miyashita ist nicht der souver\u00e4ne Erz\u00e4hler \u00e0 la Thomas Mann, der \u00fcber den Dingen steht; er liegt sozusagen unter den Dingen, halb zerquetscht schon, zu Keiko Kataoka aufblickend (<em>Schon wegen dieses Namens will man das Buch lesen!<\/em>).<\/p>\n<p>Keiko erz\u00e4hlt von einer neuen Frau, Reiko. (<em>Klingt \u00e4hnlich, ist nat\u00fcrlich Absicht; die beiden sind austauschbar.<\/em>) Keiko und Yazaki hatten die Gipfel der Lust erklommen, doch das Paradies ist nicht f\u00fcr ewig, erkennen sie. Was nun? Sie ziehen Reiko mit in ihren Kreis, eine 20-J\u00e4hrige, begabt und willensstark. N\u00e4chte zu dritt. Manchmal auch zu viert oder zu f\u00fcnft. Reiko begleitet bald Yazaki, Keiko ist abgemeldet.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/service-pnp-cph-3g00000-3g08000-3g08600-3g08658r-1.jpg\" rel=\"attachment wp-att-35720\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-35720\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/service-pnp-cph-3g00000-3g08000-3g08600-3g08658r-1-237x300.jpg\" alt=\"service-pnp-cph-3g00000-3g08000-3g08600-3g08658r\" width=\"237\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/service-pnp-cph-3g00000-3g08000-3g08600-3g08658r-1-237x300.jpg 237w, https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/service-pnp-cph-3g00000-3g08000-3g08600-3g08658r-1.jpg 313w\" sizes=\"auto, (max-width: 237px) 100vw, 237px\" \/><\/a>Was passiert dann? Keiko befiehlt Miyashita, er solle wieder nach New York reisen und Yazaki treffen. Sie gibt ihm Geld mit, Yazaki tritt \u00e4hnlich auf wie Keiko: sarkastisch, machtverliebt, wegwerfend, nur den eigenen Genuss im Kopf. Warum er obdachlos ist, wei\u00df man nicht. Angeblich will er einen Roman schreiben. Reiko lebt in Paris. Auch mit magnetischer Ausstrahlung, aber leer, als habe sie ihre Pers\u00f6nlichkeit verloren. Miyashita ist auch nicht mehr richtig bei sich. Er saugt so viel Koks in sich auf, dass jeder andere daran gestorben w\u00e4re. Kann nicht mehr schlafen. Ein paar Aspirin, um das Herz zu schonen. Ein paar Bier.<\/p>\n<p>Es geht auch irgendwie zu Ende, und Miyashita scheint \u00fcberlebt zu haben. Was wei\u00df er nun, was wissen wir? Wir haben drei unangenehme Menschen kennengelernt (und noch ein paar ziemlich unangenehme Randfiguren), und das Brillante an dem Roman ist die Atmosph\u00e4re, die er erzeugt, die seltsame Welt, in die er einen katapultiert &#8230; und nicht zuletzt wirft dies Ding um Drogen und Sado-Maso Fragen auf nach Macht und Liebe, Trieb und Sinn. Das ist aber etwas f\u00fcr morgen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Bild unten rechts: Ronin in Doorway, von Taiso Yoshitoshi (1839-1892), Dank an die Library of Congress, Washington D. C.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf eine ganz wilde Geschichte lie\u00df ich mich ein &#8230; nat\u00fcrlich in einem Buch. Lesen statt leben. Kann auch anstrengend sein. Ecstasy ist 1993 erschienen, ein Roman des Japaners Murakami Ry\u00fb, und es geht um Drogen und Sex, Unterwerfung und \u00dcberwindung: Sado-maso in K\u00fcrze. War ins Franz\u00f6sische \u00fcbersetzt. 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