{"id":37280,"date":"2024-09-30T00:39:08","date_gmt":"2024-09-29T22:39:08","guid":{"rendered":"https:\/\/manipogo.de\/?p=37280"},"modified":"2024-09-19T23:38:34","modified_gmt":"2024-09-19T21:38:34","slug":"winckelmann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/manipogo.de\/?p=37280","title":{"rendered":"Winckelmanns letzter Brief"},"content":{"rendered":"<p>Winckelmann war in <a href=\"https:\/\/manipogo.de\/?p=36922\"><em>Verfall und Nachleben<\/em> <\/a>erw\u00e4hnt worden, Johann Joachim Winckelmann (1717-1768), und als meine Blicke \u00fcber meine kleine Bibliothek schweiften, blieben sie an <em>Briefe aus Rom<\/em> h\u00e4ngen. Sein letzter Brief ist vielsagend, er hatte solche Sehnsucht nach der Ewigen Stadt. Doch waren ihm noch wichtiger als die alten R\u00f6mer die alten Griechen.\u00a0 <!--more--><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/Johann_Joachim_Winckelmann_Anton_von_Maron_1768.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-37281\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/Johann_Joachim_Winckelmann_Anton_von_Maron_1768.jpg\" alt=\"\" width=\"250\" height=\"258\" \/><\/a>Winckelmann l\u00f6ste mit seinen Nachforschungen und Formulierungen eine Liebe zu den antiken Kunstwerken aus, der auch Goethe und Schiller erlagen. Dabei waren die Statuen der Griechen ja schon \u00fcber 2000 Jahre alt. Der Mensch braucht manchmal ein Ziel, auf das er seine Begeisterungsf\u00e4higkeit richten kann, und so wurde das Griechentum zum Ideal im 18. Jahrhundert.<\/p>\n<p>Winckelmann verlie\u00df Anfang 1768 Rom (<em>rechts ein Portr\u00e4t von Anton von Maron aus jenem Jahr<\/em>), wohin er 1755 gezogen war. Er wollte Freunde in Deutschland aufsuchen. Der letzte seiner 200 erhaltenen Briefe, durchweg Meisterwerke, richtete sich an Wilhelm Muzell Baron Stosch, 1725 geboren, den der Gelehrte sehr mochte; Winckelmann liebte \u00fcberhaupt M\u00e4nner. Und wie er, wie <em>man<\/em> damals Briefe schrieb!<\/p>\n<p><em>Wien den 14. May 1768. <\/em><\/p>\n<p><em>Mein edler liebster Freund<\/em><\/p>\n<p><em>Ich bin endlich nach einer h\u00f6chst beschwerlichen Reise vorgestern Abend in Wien und zwar nach 5 Wochen unserer Abreise aus Rom, angekommen, und Ihr geliebtestes Scheiben ist mir von dem Hrn. von Wallmoden eingeh\u00e4ndiget worden. Diese Reise aber, anstatt da\u00df sie mich h\u00e4tte belustigen sollen, hat mich au\u00dferordentlich schwerm\u00fctig gemacht, und da es nicht m\u00f6glich ist, mit der ben\u00f6thigten Bequemlichkeit dieselbe zu machen und fortzusetzen, folglich kein Genu\u00df ist, so ist f\u00fcr mich kein Mittel mein Gem\u00fcth zu befriedigen und die Schwermuth zu verbannen, als nach Rom zur\u00fcck <a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN1853-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-37282\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN1853-2-300x121.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"121\" srcset=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN1853-2-300x121.jpg 300w, https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN1853-2.jpg 540w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>zu gehen. Ich habe mir von Augspurg an die gr\u00f6\u00dfte Gewalt angethan, vergn\u00fcgt zu seyn; aber mein Herz spricht Nein und der Wiederwillen gegen diese weite Reise ist nicht zu \u00fcberw\u00e4ltigen. Der Genu\u00df der Ruhe w\u00fcrde bey Ihnen, mein Herz, nur von kurzer Dauer seyn, und ich m\u00fc\u00dfte auf meiner R\u00fcckreise in hundert St\u00e4dten anhalten, und eben so oft von neuen zu leben anfangen. Haben Sie Geduld mit mir, mein Freund. <\/em><\/p>\n<p><em>Da mir dieser mein sehnlicher Wunsch verg\u00e4llet worden, so bin ich \u00fcberzeuget, da\u00df f\u00fcr mich au\u00dfer Rom kein wahres Vergn\u00fcgen zu hoffen ist, da ich es mit tausend Beschwerlichkeiten erkaufen mu\u00df. Mein Gef\u00e4hrte Cavaceppi begreift die Nothwendigkeit dieses meines Entschlu\u00dfes, will aber dem ohngeachtet seine Reise \u00fcber Dessau bei Berlin fortsetzen, wo er sich nur ein paar Tage aufzuhalten gedenket, und sich Ihren Beystand ausbittet. (&#8230;) <\/em><\/p>\n<p><em>Mein Herz! viel mehr wollte ich schreiben, aber ich bin nicht wie ich zu seyn w\u00fcnsche, und suche in wenigen Tagen mit der Land-Kutsche auf Triest, und von da zu Wasser nach Ancona \u00fcberzugehen. Ich k\u00fc\u00dfe Ihnen mit der innigsten Wehmuth die H\u00e4nde<\/em><\/p>\n<p><em>Ihr ewiger W.<\/em><\/p>\n<p>Winckelmann fuhr nach Triest und damit, was er nicht wissen konnte, dem Tod entgegen. In Hotel <em>Locanda Grande<\/em> hatte er als Zimmernachbarn Francesco Arcangeli, was auf Deutsch Erzengel hei\u00dft. Ihm zeigte er die wertvollen M\u00fcnzen, die ihm Kaiserin Maria Theresia geschenkt hatte. Am Morgen des 8. Juni 1768 versuchte Arcangeli Winckelmann zu berauben und stach mit dem Messer auf ihn ein. Sein Opfer verblutete, konnte aber noch seine Aussage machen. Der \u00bbErzengel\u00ab wurde verhaftet, vor Gericht gebracht und durch R\u00e4dern hingerichtet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Winckelmann war in Verfall und Nachleben erw\u00e4hnt worden, Johann Joachim Winckelmann (1717-1768), und als meine Blicke \u00fcber meine kleine Bibliothek schweiften, blieben sie an Briefe aus Rom h\u00e4ngen. Sein letzter Brief ist vielsagend, er hatte solche Sehnsucht nach der Ewigen Stadt. 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