{"id":38733,"date":"2017-05-26T00:17:04","date_gmt":"2017-05-25T23:17:04","guid":{"rendered":"https:\/\/manipogo.de\/?p=38733"},"modified":"2024-11-11T22:19:40","modified_gmt":"2024-11-11T21:19:40","slug":"das-jahrhundertrennen-9-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/manipogo.de\/?p=38733","title":{"rendered":"Das Jahrhundertrennen (9)"},"content":{"rendered":"<p>Ja, die Museumsbesuche! Sieben Jahre sp\u00e4ter sah ich eher zuf\u00e4llig auf mein Epos und fand, dass die Museumsbesuche fehlten! Auch die Hauptversammmlung gab&#8217;s nicht, die schicke ich (f\u00fcr) morgen. Ich habe sie also nachgereicht. Anscheinend hat kaum jemand das Werk gelsesen, es war zu bef\u00fcrchten. Trotzdem hat die Arbeit daran Spa\u00df gemacht. <!--more--><\/p>\n<p><em>Landesmuseum<\/em><\/p>\n<p>Im Schlosspark sieht es aus wie in einem Heereslager,<br \/>\nvielleicht wie damals vor der b\u00fcrgerlichen Revolution<br \/>\nanno achtzehnhundertachtundvierzig; Karlsruhe war bedroht, mager<br \/>\nfiel aus das Resultat, doch eine Warnung f\u00fcr den Adel war es schon!<br \/>\nDie Hochr\u00e4der, die an den R\u00e4ndern gr\u00fcner Wiesen aufgerichtet,<br \/>\nund auch an wei\u00dfen Statuen lehnen, geben historisches Gepr\u00e4ge.<br \/>\nAls dann Franzosen gegen Preussen standen, wurden sie bereits gesichtet,<br \/>\nindessen nie in einer Schlacht, zum Man\u00f6vrieren viel zu tr\u00e4ge!<\/p>\n<p>Was reden wir dauernd vom Krieg! Hier herrscht der tiefste Frieden.<br \/>\nDie ungest\u00fcm sonst fahren, jetzt rasten, ruhen oder schnarchen,<br \/>\nreden im Schlaf und l\u00e4cheln, da ihnen grad ein sch\u00f6ner Traum beschieden.<br \/>\nZwar sieht es wild aus auf den Fl\u00e4chen, wie bei den Chaoten, den Anarchen,<br \/>\nindessen sie die Sonne aus der Ferne stumm bel\u00e4chelt,<br \/>\nder Kies unter den Schritten wen\u2018ger G\u00e4ste leise knirscht,<br \/>\nein Wind, kaum wahrnehmbar, sie sanft bef\u00e4chelt<br \/>\nund um die abgestellten R\u00e4der der Trupp Polizisten pirscht.<\/p>\n<p>Um f\u00fcnf vor vier steht auf der Treppe Gottlieb Stellmach mit seinem Akkordeon.<br \/>\nSpielt flott und un\u00fcberh\u00f6rbar den Radetzkymarsch,<br \/>\ndass es Karl Wilhelm, wenn er noch lebte, werfen w\u00fcrde von dem Thron.<br \/>\nEs ruft der Musikant: \u201eSteht auf, ihre Leute, hebt nun euren Arsch!\u201c<br \/>\n(Das ist vulg\u00e4r, zum Gl\u00fcck versteh\u2019n\u2018s nicht alle.)<br \/>\nAls ging es zum Gericht, dem J\u00fcngsten, springen viele Schl\u00e4fer auf<br \/>\nUnd andere erheben sich verschlafen zu des Engels Schalle,<br \/>\nergreifen ihr Gep\u00e4ck, klopfen die Kleider aus, setzen die M\u00fctze auf.<br \/>\nVor dem Treppenaufgang, pr\u00e4zise an der ersten Stufe Kante,<br \/>\nhaben sich drei M\u00e4nner aufgebaut, Standschilder in H\u00e4nden,<br \/>\nund drauf steht statt \u201eH\u00f6lle\u201c, \u201eFegefeuer\u201c, \u201eParadies\u201c wie bei Herrn Dante,<br \/>\n\u201eFriedhof\u201c, \u201eVerkehrsmuseum\u201c, \u201eZKM\u201c, damit hat\u2019s sein Bewenden,<br \/>\ndenn Nummer vier, sagte man sich, erspar ich mir, das ist ja hier!<\/p>\n<p>Die Radler holen brav ihre Ger\u00e4te und schieben sie zu ihrem Schild.<br \/>\nUnd je ein Mann steigt auf sein Mountainbike, ruft \u201eFolget mir!\u201c<br \/>\nGem\u00e4chlich setzt sich in Bewegung jeder Zug, gesammelt und nicht wild.<br \/>\nNach links und rechts und hinten, weg vom Schloss, fahrn sie hinfort.<br \/>\nDie Polizisten suchen ihre Autos auf, sie geben sp\u00e4ter das Geleit.<br \/>\nNur f\u00fcnfunddrei\u00dfig, die hier badische Geschichte wollten, sind noch vor Ort<br \/>\nUnd schauen sehns\u00fcchtig den wegrollenden Z\u00fcgen nach, noch lange Zeit.<\/p>\n<p>Dann schaun sie in die S\u00e4le rein, es f\u00fchrt sie gar die Direktorin.<br \/>\nDas Badische Landesmuseum. Hundert Jahre nach dem Drais-Patent,<br \/>\nwar Schluss mit Schloss und Gro\u00dfherzog, der die Gro\u00dfherzogin<br \/>\nmitnahm, und mit der Adelsherrschaft war\u2019s zu End.<br \/>\nUm neunzehnhundertf\u00fcnfzig stimmten alle ab in Baden,<br \/>\ndem stolzen Land am Rhein, politisch zwar ein Zwerg,<br \/>\ndamit es unabh\u00e4ngig bliebe, doch es ging schief, das war ein Schaden<br \/>\n(woran Stuttgart nicht schuldlos war), es kam zu Baden-W\u00fcrttemberg.<br \/>\nIn den hohen Hallen sehen wir die meisten Hochradrecken,<br \/>\ndie sich f\u00fcr Hochkultur begeistern, die Fr\u00fchzeit nicht verschm\u00e4hen,<br \/>\nund dazu viele \u00e4ltere Semester, die neugierig entdecken<br \/>\nGef\u00e4\u00dfe, Werkzeug, Schmuck, Waffen, M\u00f6bel, und sie s\u00e4hen<br \/>\ngern ein Rad, das zwar zur R\u00f6merzeit noch nicht erfunden,<br \/>\ndoch hier sehr sinnvoll w\u00e4re zum Transport,<br \/>\ndenn weit sind alle Wege, und mehr als zwei Stunden<br \/>\nwandern sie, hinauf, hinab, von Saal zu Raum, von hier nach dort.<\/p>\n<p>Die T\u00fcrkenbeute ist ber\u00fchmt. Etrusker, Sizilianer<br \/>\nhaben, ohne es gewollt zu haben, beigesteuert Exponate,<br \/>\nAdelige, B\u00fcrger, Bauern, Reformatoren, Ketzer, Mahner<br \/>\nSind abgebildet, und man sieht Befehle und Traktate.<br \/>\nReitzeug und alles Relevante f\u00fcr die R\u00fcstung<br \/>\ngibt\u2019s reichlich in der Wunderkammer,<br \/>\nWaffen f\u00fcr Feuer, Hieb und Stich, f\u00fcr jegliche Verw\u00fcstung<br \/>\nsowie Dolch, Schwert, Axt, Hellebarde und den guten alten Hammer.<br \/>\nDie Toten trug zu Grabe man, die H\u00e4user wurden wieder aufgestellt,<br \/>\nKirchen gebaut, und zu bewundern ist ein echtes Kirchportal.<br \/>\nMit M\u00f6beln und mit Porzellan garnierte man im Innern diese neue Welt,<br \/>\nInsignien und Bildnisse, und dann kam Karlsruhe \u2013 und noch ein Saal!<\/p>\n<p>Die Direktorin spricht, erkl\u00e4rt, ist frisch wie zu Beginn,<br \/>\nentl\u00e4sst die Radler dann am Haupteingang, man schlie\u00dft,<br \/>\nes ist nun sechs, ach Baden, der Besuch war ein Gewinn!<br \/>\nNun radeln; raus zum Camping, Freude man aus den Gesichtern liest.<\/p>\n<p><em>ZKM<\/em><\/p>\n<p>Trupp zwei ist leicht nach Westen abgeschwenkt,<br \/>\nerreicht das ZKM, das angesiedelt in einer alten Fabrik,<br \/>\nerrichtet wieder hundert Jahre nach dem Drais-Patent, bedenkt:<br \/>\nals Gro\u00dfherzogs das Schloss verlie\u00dfen und zu Ende war der erste Gro\u00dfe Krieg.<br \/>\nDas Zentrum f\u00fcr Kunst und Medientechnologie ist arriviert.<br \/>\nMan spricht dortselbst von raumbasierten K\u00fcnsten: Fotografie und Malerei,<br \/>\nund zeitbasierten \u2015 Tanz, Musik \u2015 und gibt sich h\u00f6chst ambitioniert,<br \/>\nhat Institute und Labors und denkt, dass Kunst entsteht aus digitalem Datenbrei.<br \/>\nDas elektronische und digitale Bauhaus, das \u201eMekka der Medienk\u00fcnste\u201c<br \/>\nhat man die Institution genannt, so wolkig-\u00fcberirdisch gibt sich die Moderne,<br \/>\ndoch irgendwie mit Inhalten muss f\u00fcllen man verbale D\u00fcnste,<br \/>\nund raus kommt Kunst, die einen anblickt aus abstrakt-modernen Ferne.<br \/>\nUnter den Besuchern ist nat\u00fcrlich Anne Savognin<br \/>\nsowie sind es die j\u00fcngeren, die mit ihren Kost\u00fcmen<br \/>\ndie anderen Museumsg\u00e4ste rei\u00dfen zu Begeisterung hin.<\/p>\n<p>Ist Karneval? Ist es gar Kunst? Toll ist das ZKM, man kann es r\u00fchmen.<br \/>\nHier geht es nicht um alte R\u00e4der: \u201eEs geht um die Innovation\u201c,<br \/>\ndie ja das Laufrad vor zweihundert Jahren einmal war, und<br \/>\n\u201eForschung, Produktion, Vermittlung, Dokumentation\u201c,<br \/>\ndie Worte kommen grad wie Kugeln aus des Leiters Mund.<br \/>\n\u201eWir k\u00f6nnen so auf die schnellen Entwicklungen<br \/>\nder Informationstechnologien und auch den Wandel der Sozialstruktur<br \/>\nreagieren ad\u00e4quat, doch gibt\u2018s \u2026 im Kognitiven auch Verwicklungen,<br \/>\nso st\u00f6rt das nicht, es eher befruchtet, geh\u00f6rt wohl zur Kultur.\u201c<br \/>\nDarauf gibt\u2019s schwerlich was zu sagen. Die Veteranenradler schweigen.<br \/>\nKlar, dass in diesem Tempel der Moderne man sie nicht durch alle Hallen<br \/>\nf\u00fchrt; der einzelne ist frei, dem Weg zu folgen, der ihm eigen,<br \/>\nmag stromern, schlendern, ausprobieren, was ihm will gefallen,<br \/>\n\u201eWir treffen uns dann wieder, nicht sp\u00e4ter als um sechs\u201c, das sagt<br \/>\nder Referent, der sich verabschiedet und schleunigst dann entschwindet.<\/p>\n<p>Die vierzig Teilnehmer zerstreuen sich, gehen auf Abenteuerjagd<br \/>\nin virtuellen-digitalen Realit\u00e4ten, und warten, was man da empfindet.<br \/>\nDas lassen wir sie alles tun, es ist individuell und fast beliebig.<br \/>\nInstallationen \u00f6ffnen sich nicht jedem, manches braucht Gew\u00f6hnung,<br \/>\nwie einst das Laufrad von Carl Drais, dem Innovator, der, umtriebig<br \/>\ndamit herumfuhr. Er erntete viel Spott und Wut, doch sp\u00e4ter ward Vers\u00f6hnung.<\/p>\n<p><em>Verkehrsmuseum<\/em><\/p>\n<p>Wie man im Verkehrsmuseum gut erkennt, wohin die zweite Gruppe strebt.<br \/>\nPeter Rogoff hat auf einem Mountain-Bike die F\u00fchrung \u00fcbernommen,<br \/>\ndazu hat ihn Sibylle \u00fcberredet. \u201eIch will, dass ihr nun was erlebt!\u201c<br \/>\nruft er nach hinten, zu den Veteranen, die M\u00fche haben, nachzukommen.<br \/>\nSie fahren, wie sie hergelangt, und auf der Bahnhofstra\u00dfe geht es links<br \/>\n\u00fcber eine \u00dcberf\u00fchrung, wo es wieder kr\u00e4ftig riecht,<br \/>\nund wirklich: unten eine Rotte Elefanten, B\u00fcffel, rings,<br \/>\nwohin man schaut, ist Tier um Tier, und manches stakst und manches kriecht.<\/p>\n<p>Da staunt die Creme des Vereins, weniger staunen die Appenzeller,<br \/>\ndie K\u00fche oder Gei\u00dfen sind gew\u00f6hnt, wenn sie durch Gonten<br \/>\nradeln oder durch Rehetobel, und sie h\u00f6ren dort auch viele Beller<br \/>\nvon Hofhunden, und hoch am Himmel manchen Adler sie ersp\u00e4hen konnten.<br \/>\nSch\u00f6n geschlossen wirkt der Zug der Radler, klappernd und begleitet<br \/>\nvom blauem Blinklicht unsrer Polizei und sp\u00e4rlichem Applaus.<br \/>\nVorn Rogoff, dem es sichtlich Spa\u00df macht, und der reitet<br \/>\nstolz in die Werderstra\u00dfe ein. Klinkerbauten, B\u00e4nke. Ein Patrizierhaus.<br \/>\nB\u00e4ume. Wirkt wie ein Viertel von Studenten, Assistenten und Dozenten,<br \/>\nmit kleinen Superm\u00e4rkten und gem\u00fctlichen Caf\u00e9s. Die breite Stra\u00dfe<br \/>\nerlaubt ein Fahren nebenher, ein Plaudern mit den Residenten.<br \/>\nDer F\u00fchrer macht sich\u2018s einfach, folgt stets seiner Nase,<br \/>\nbiegt links scharf dann in einen Hofeingang hinein.<\/p>\n<p>Absitzen! Auch hier erwartet unsre Recken ein Museumsleiter.<br \/>\nEr sagt: \u201eIch bin geehrt. Museum ist recht klein,<br \/>\ndie Treppe hoch, dann links. Im Keller geht es weiter.\u201c<br \/>\nIn einem Saal mit abgeschabtem Boden, bescheint von Neonr\u00f6hren,<br \/>\ngest\u00fctzt von vielen S\u00e4ulen, war wohl eine Fabrik, stehn rechts Automobile,<br \/>\nvorz\u00fcglich schwarz, die Fahrradfreunde auch bet\u00f6ren.<br \/>\nSie stehen dicht an dicht, es sind sehr viele:<br \/>\nEin neuerer Mercedes-Benz, mit dem ein B\u00fcrgermeister fuhr einmal;<br \/>\nein Opel Admiral, rot, bullig, sichtlich Vorkriegskleid;<br \/>\ndas Modell T von Ford, gebaut f\u00fcnfzehn Millionen Mal;<br \/>\nder BMW f\u00fcnfhundertzwo, Barockengel aus Nachkriegszeit.<\/p>\n<p>In einem Raum dahinter endlich Bilder, Transparente<br \/>\nZum Fahrrad: Drais und seine Zeitgenossen, ein sch\u00f6nes NSU-Modell,<br \/>\nim Keller kleine Autos, drunter selbstverst\u00e4ndlich eine Ente,<br \/>\nein DKW F elf, der Auto Union tausend, Borgward Isabell\u2018,<br \/>\nder Messerschmitt Kabinenroller, und der Wankel, legend\u00e4r.<br \/>\nIm ersten Stock das, worauf gewartet worden war:<br \/>\ndas Laufrad des Herrn Drais. Hat als Bewacher hundert Motorr\u00e4der.<br \/>\nDa steht das Ding, mit Bildern sch\u00f6n erkl\u00e4rt, zum Anfassen. Ach, wunderbar!<br \/>\nMan pilgert, kommentiert und staunt, man paradiert ergriffen<br \/>\nund endet oben, bei den Eisenbahnen, im Modell.<br \/>\n\u201eDie Sammlung scheint mir h\u00f6chst geschliffen\u201c,<br \/>\nsagt,, oben angekommen, der Veteranenpr\u00e4sident recht schnell.<\/p>\n<p>\u201eMir liegt nun ob, den Rundgang abzuschlie\u00dfen.<br \/>\nWir danken, und die Spitzen des Vereins ziehn sich zur\u00fcck<br \/>\nIn den Versammlungssaal, wie abgemacht, Statuten zu beschlie\u00dfen<br \/>\nUnd Wahlen abzuhalten. W\u00fcnscht uns dazu viel Gl\u00fcck!\u201c<\/p>\n<p>Also die Hauptversammlung, das wird Teil 10.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ja, die Museumsbesuche! Sieben Jahre sp\u00e4ter sah ich eher zuf\u00e4llig auf mein Epos und fand, dass die Museumsbesuche fehlten! 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