{"id":38735,"date":"2017-05-27T00:38:04","date_gmt":"2017-05-26T23:38:04","guid":{"rendered":"https:\/\/manipogo.de\/?p=38735"},"modified":"2024-11-11T22:42:26","modified_gmt":"2024-11-11T21:42:26","slug":"das-jahrhundertrennen-10-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/manipogo.de\/?p=38735","title":{"rendered":"Das Jahrhundertrennen (10)"},"content":{"rendered":"<p>Nun die Hauptversammlung, die f\u00fcr den Fortgang der Handlung ja wichtig ist. Im Sommer 2015 hatte ich dran gearbeitet, und ich erinnere mich noch, wie ich in einem Hotel auf Sizilien an meinen Versen feilte. Die Mutti war dabei, das vergesse ich nie. Wir verpassten in Rom die Maschine nach Z\u00fcrich, flogen nach Paris und sa\u00dfen in Charles de Gaulle rum, und sie maulte: \u00bbJetzt k\u00f6nnten wir mal langsam wieder fliegen.\u00ab <!--more--><\/p>\n<p><em>Hauptversammlung<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann sammeln sich die Spitzen des Vereins, die anderen gehen, wo sie gehen hin.<br \/>\nEs sind geladen Tillingham und Bykow, Loggle, und der D\u00e4ne<br \/>\nMikkelsen, der Norweger P\u00e5l Janssen, Vaclav Terezin,<br \/>\nClaude, W\u00e4lti von den Appenzellern, Nobel (der hat gro\u00dfe Pl\u00e4ne),<br \/>\nAlma von Blankenhorn, der Wouters, Sascha Karmann<br \/>\nplus Terry Twain, sind zw\u00f6lf Apostel und ein Oberboss.<\/p>\n<p>Doch wer wird Petrus? Wer wird verraten Twain und wann?<br \/>\nWir wissen\u2019s gleich, obgleich man nun die T\u00fcre schloss.<br \/>\nCranston Loggle fl\u00fcsterte Bykow zu: \u201eDer Geister-Shit,<br \/>\nder l\u00e4sst mich kalt. Und dennoch geh ich mit<br \/>\num Mitternacht zum Friedhof. Doch wichtiger ist der Verein,<br \/>\ndass er gut lebt, floriert und nicht geht ein.<br \/>\nDas gestern war schon programmatisch,<br \/>\nda kommt noch mehr, der Twain ist schon ziemlich sympathisch.<br \/>\nDoch wer wird ihn ersetzen? Wo ist der mit Niveau, der mit Format,<br \/>\nder Mann von Schrot und Korn, der Mann der Tat?\u201c<br \/>\nDorothy hat mitgeh\u00f6rt: \u201eIch gebe euch den guten Rat,<br \/>\ndenkt auch an Frauen, das w\u00e4re gut und kein Verrat.\u201c<\/p>\n<p>Twain muss nicht verraten werden, will nicht mehr kandidieren.<br \/>\nOder? Der Pr\u00e4sident er\u00f6ffnet den Termin.<br \/>\n\u201eMir ist bewusst geworden\u201c, sagt er, \u201edass wir ja nichts verlieren,<br \/>\nwenn wir den Status quo belassen. Das Neue macht das Alte hin:<br \/>\nwas wir erreichten, uns machte zu dem, was wir jetzt sind.<br \/>\nDie Phase nun ist kritisch, sieht wohl jedes Kind.<br \/>\nIch stelle mich hiermit zur Wiederwahl.<br \/>\nWas davon haltet ihr, ist mir egal.\u201c<br \/>\nEr blickt ringsum, die Blicke gehen nieder,<br \/>\nman macht die Miene starr, sagt jemand was dawider?<br \/>\nNur Dorothy: \u201eIch war&#8217;s schon mal und finde: eine Frau<br \/>\nmuss her. Wie w\u00e4r&#8217;s mit Alma? Sie hat Mut, ihr ich vertrau.\u201c<\/p>\n<p>\u201eGeht&#8217;s hier nur um die Neuwahl?\u201c fragt Nobel. \u201eDenkt, was heut geschah.<br \/>\nMan hat uns blo\u00dfgestellt, wir wankten; das ist&#8217;s, was ich sah.<br \/>\nDie Ausl\u00e4nder, die hatten wir nicht hergerufen.<br \/>\nDie bunten Leute st\u00f6rten, irritierten uns und schufen<br \/>\nein Klima der Unsicherheit, das unsre Messe alter R\u00e4der nicht vertr\u00e4gt.<br \/>\nSchuld daran ist Rudi, dessen Handschrift dieses Chaos heute tr\u00e4gt.<br \/>\nEr soll auf Lebenszeit die Veteranentreffen nicht wieder st\u00f6ren.<br \/>\nAusschluss hei\u00dft mein Antrag, eine Antwort will ich h\u00f6ren.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas kenne ich\u201c, sagt Sascha Karmann, \u201eist Stil Seehofer, Stil CSU,<br \/>\nversteht von unsren Freunden keiner, lasst uns damit in Ruh.\u201c<br \/>\n\u201eDas k\u00f6nnen problemlos wir beschlie\u00dfen\u201c,<br \/>\nwirft Wouters ein. \u201eEr wird uns bald nicht mehr verdrie\u00dfen.\u201c<br \/>\n\u201eDas h\u00e4tte wohl\u201c, schimpft Loggle, \u201eviel fr\u00fcher schon geschehen sollen,<br \/>\nnachdem er klaute, einst in Lindau, ein Rad, um damit wegzurollen.\u201c<br \/>\n\u201eDer Antrag gilt. Zur Abstimmung!\u201c Sieben H\u00e4nde gehen hoch,<br \/>\ngegen sechs Neins, Karmann, Janssen, Claude, W\u00e4lti, die beiden Frauen (allesamt),<br \/>\ndie Rudi sch\u00e4tzen. Das Urteil ist eindeutig jedoch:<br \/>\nRudi wird von Veteranenseite auf Lebenszeit verdammt.<\/p>\n<p>Ist schnell vergessen. \u201eWollen wir erst die Punkte abarbeiten,<br \/>\nder Tagesordnung; oder sofort zur Wahl des Pr\u00e4sidenten schreiten?<br \/>\nDer neue leitet dann die Sitzung, ist besser, so d\u00fcnkt mir.<br \/>\nIch frage euch um eure Meinung, sagt es mir.\u201c<br \/>\nUnd alle nicken. Loggle meldet sich und sagt: \u201eDas ist mir viel zu radikal.<br \/>\nEin Mann und eine Frau. Wir brauchen einen dritten f\u00fcr die Wahl,<br \/>\neinen Kandidaten zus\u00e4tzlich.\u201c Nobel murrt: \u201eGut, einen dritten,<br \/>\nmacht dann doch, lasst euch doch bitte nicht so lange bitten!\u201c<br \/>\nP\u00e5l Janssen findet&#8217;s \u00f6de, setzt sich zum Spa\u00df auf den Wikingerhelm.<br \/>\nDa lachen viele. Alma von Blankenhorn hofft, dass man sie nicht w\u00e4hlt.<br \/>\n\u201eHey, P\u00e5l, du bist richtig, immer gut gelaunt, du Schelm!<br \/>\nDu bist der dritte Mann, die bl\u00f6de Wahl uns langsam qu\u00e4lt.\u201c<\/p>\n<p>P\u00e5l grinst und nickt. Warum denn nicht, kann ihm ja nichts passieren.<br \/>\nDie andren sind f\u00fcr Alma oder Twain, er ist ja nur Reserve,<br \/>\nkann ruhig darum mittun und auch kandidieren.<br \/>\nNun Pause. Alle stehen auf, beraten sich, mit Wut und Sch\u00e4rfe.<br \/>\nDie Gegner Twains, die wollen einfach diesmal keine Frau.<br \/>\nDie Dorothy, die war genug. Die Frauen, die f\u00fcr Alma, sind zuwenig.<br \/>\nTwain habe wenig F\u00fchrungsst\u00e4rke, munkeln manche, \u201eschau,<br \/>\nwie dieses Treffen ist, wir br\u00e4uchten einen andren K\u00f6nig.\u201c<br \/>\n\u201eWillst du den Scherzbold aus dem hohen Norden?<br \/>\nSchnell ist aus unserem Verein ein Witz geworden.<br \/>\nWas kann das geben? Twain ist elegant und angesehen.<br \/>\nAn ihm f\u00fchrt hier kein Weg vorbei, das m\u00fcsst ihr doch verstehen.\u201c<br \/>\nKein Weg vorbei f\u00fchrt an der geheimen Wahl.<\/p>\n<p>Ein jeder schreibt auf einen Zettel einen Namen.<br \/>\nSie werden eingesammelt. Wouters wertet aus. Das Warten wird zur Qual.<br \/>\nUnd alle stehen auf, gehen herum. Das sind die echten Dramen!<br \/>\nP\u00e5l Janssen l\u00e4sst das kalt, den Mann aus Drammen in Norwegen.<br \/>\nSchaut aus dem Fenster. Wouters ruft: \u201eEs ist entschieden!<br \/>\nWir haben einen Pr\u00e4sidenten.\u201c Und er sagt verlegen:<br \/>\n\u201eEs ist sehr knapp, doch nun herrscht endlich Frieden.<br \/>\nVier Stimmen f\u00fcr Frau Alma, vier f\u00fcr Terry Twain,<br \/>\nund f\u00fcnf f\u00fcr Janssen P\u00e5l aus Norwegen, wir nehmen also den!\u201c<\/p>\n<p>P\u00e5l dreht sich um, begreift es nicht, h\u00f6rt das Gemurmel \u201eirre Sache\u201c<br \/>\nund meint: \u201eWenn ihr das wollt, dann ist es klar, dass ich das mache.\u201c<br \/>\nHebt seinen Helm. Man klatscht. Er neigt das Haupt.<br \/>\nAlma von Blankenhorn f\u00e4llt P\u00e5l gleich um den Hals.<br \/>\nTerry Twain sieht aus grad wie ein Kind, dem man das Spielzeug hat geraubt.<br \/>\nDer dritte Kandidat! Das ist ein Ding! Historisch, allenfalls.<\/p>\n<p><em>Am Friedhof <\/em><\/p>\n<p>W\u00e4hrend im Verkehrsmuseum sich Historisches vollzog,<br \/>\nwaren die bunten, fremden Radler l\u00e4ngst am Friedhof angelangt.<br \/>\nPassanten hielten ihren Zug f\u00fcr eine Emigranten-Demo, doch das trog,<br \/>\nkein Radler trug ein Transparent, kein Spruchband prangt.<br \/>\nDie Raga-Meister waren traurig, ihre Instrumente<br \/>\nBlieben in dem Sarg am Schloss, behielt sie doch die Polizei.<br \/>\nAls Trost war auf nem Tandem Gottlieb Stellmach, knapp vor seiner Rente<br \/>\nund spielte auf der Ziehharmonika so manchen Marsch, zwei, drei!<br \/>\nDas gab dem Umzug unsrer sch\u00f6nen Fremden eine irreale Note.<br \/>\nRam, Sapad und Har mussten da leiden. \u201eKlingt ja wie Wurstsalat\u201c,<br \/>\nsagten sie bei sich, \u201eWer ertr\u00e4gt die deutschen M\u00e4rsche, h\u00f6chstens Tote.\u201c<br \/>\nManch einer w\u00fcnschte sich glatt einen Mordanschlag, ein Attentat.<br \/>\nMahindi hatte Geisterseherin Miranda in die Rikscha eingeladen.<br \/>\nBellaire fuhr stolz ihr Blumen-Rad und ignorierte Wladimir.<br \/>\nSteve zeigte seine Muskeln, einge\u00f6lt, und seine starken Waden.<br \/>\nMiranda rief dem Fahrer zu: \u201eRechts, siehst du ihn? Marco ist hier!\u201c<\/p>\n<p>Die Reise dieser drei\u00dfig kam mehrmals zu einem unerw\u00fcnschten Halt.<br \/>\nEs gab nicht Angriffe und Gegendemos, sondern Fahrradpannen.<br \/>\nDrei platte Reifen auf drei Kilometern, ach, es fehlte halt<br \/>\nein guter Schrauber wie Claude, Steisbein oder Terezin. Von dannen<br \/>\nging\u2019s nicht gleich. Es wurde l\u00e4nger und erregt dann diskutiert,<br \/>\nwas nun zu tun sei. Werkzeug fehlte. Zum Gl\u00fcck halfen oft Passanten.<br \/>\nErnst Wunder, Pierre Latigue und Sofia waren enerviert.<br \/>\nDie beiden fingen an zu streiten b\u00f6s, als sie so lange standen.<br \/>\nDann fuhr die Rotte wieder los. Erreicht schlie\u00dflich auch das Portal<br \/>\nDes Hauptfriedhofs, nach scheinbar endlos langer Dauer.<br \/>\nErnst Wunder meint: \u201eIch wusste es, wir schaffen es einmal.\u201c<br \/>\nDer Polizeiwagen rast weg. Ein Mord? Die Insassen sind einfach sauer.<\/p>\n<p>Die Tore stehn weit offen. Pluto auf dem Cruiser, mit dem langen Bart<br \/>\nnebst Sue und Rudi, stehn bereit, die Angekommenen gut zu empfangen.<br \/>\n\u201eWie sch\u00f6n, euch hier zu sehen. Hattet ihr auch eine gute Fahrt?\u201c<br \/>\nfragt Rudi. \u201eWir dachten schon, ihr w\u00fcrdet nie hierher gelangen.\u201c<br \/>\nErnst Wunder sagt: \u201eDa fehlt es an der deutschen Effizienz.\u201c<br \/>\nNun l\u00e4utet Pluto, schreit: \u201eThe Dead are waiting. Follow me!\u201c<br \/>\nBeim Drais bekommen Moslems, Hindus, Christen nun eine Audienz.<br \/>\nEr hat ja Zeit, bewegt sich fort von seiner Stele nie.<br \/>\n\u201eDas Radfahren ist auf dem Hauptfriedhof leider verboten.<br \/>\nJedoch ist das ne Ausnahme; und Pluto nimmts auf seine Kappe.<br \/>\nDie Seelen sind nicht hier auf diesem Spielplatz, alles ist Attrappe.<br \/>\nUnd \u00fcberhaupt, das Radeln hier nehmen nicht \u00fcbel meine Toten.\u201c<\/p>\n<p>Zu fahren sind blo\u00df f\u00fcnfzig Meter, gerechnet von dem Tor.<br \/>\nVerzweigen sich zwei Wege, es \u00f6ffnet sich ein Rasenst\u00fcck.<br \/>\nDa sehen sie das Kunstwerk aufgerichtet, parken schon davor<br \/>\nUnd scharen sich darum herum. Herr Pluto f\u00e4hrt zur\u00fcck.<br \/>\nKarl-Heinz Steisbein steht ganz unauff\u00e4llig hinten in der Reihe.<br \/>\nKeiner macht Anstalten, zu einer Rede auszuholen,<br \/>\nwo ist der junge Monsignore, f\u00fcr die Stelenweihe?<br \/>\nStreitet sich wohl mit Peppone oder betet mit dem Polen.<br \/>\nDer Historiker, den nun das Schweigen st\u00f6rt, tritt vor<br \/>\nUnd sagt auf Englisch, ohne diesen deutschen \u201ebaron\u201c<br \/>\ng\u00e4b es vielleicht das Fahrrad nicht. Der gute Mann, der reine Tor<br \/>\n(er nennt ihn \u201ethe good-hearted fool\u201c) geh\u00f6re zu den gro\u00dfen Herren.<br \/>\n\u201eEr hatte Mut und zeigte sich mit seinem h\u00f6lzernen Ger\u00e4t<br \/>\nAuf allen Stra\u00dfen hier, alle lachten, als er kam, vom Wind gebl\u00e4ht<br \/>\nsein Kleid, er fuhr von Mannheim in das heutige Rheinau,<br \/>\nweit schneller als ein Wanderer, wie die gesengte Sau.<br \/>\nEin \u201abaron\u2018 wollte er nicht sein, erfand auch viele andere Ger\u00e4te,<br \/>\nein Fahrzeug, das auf Schienen f\u00e4hrt, und ja, was t\u00e4te<br \/>\nman ohne ihn. Er hatte wenig Gl\u00fcck, starb arm.<br \/>\nWir denken seiner; dass ihm Gott erbarm!\u201c<\/p>\n<p>Nun senken alle ihre Blicke, schweigen alle wieder.<br \/>\nDie Raga-Meister treten auf die gr\u00fcne Wiese dann<br \/>\nund summen, singen ein paar indische Lieder.<br \/>\nHassan stimmt danach ein kehlig-raues Lied der W\u00fcste an.<br \/>\nNie hat an solcher Stelle man solches geh\u00f6rt.<br \/>\nEs stehen manchen Tr\u00e4nen in den Augen,<br \/>\nso sehr hat sie die fremde Melodie bet\u00f6rt.<br \/>\nRudi fl\u00fcstert Karl-Heinz zu \u201eDas k\u00f6nnte taugen<br \/>\nals H\u00f6hepunkt des ganzen Festes.\u201c Nun wieder Stille,<br \/>\nintensiv wie ein lautes Gebet. Ein Vogel langsam n\u00e4hert sich<br \/>\nund setzt sich oben auf die Stele, als w\u00e4r es der Wille<br \/>\neiner g\u00f6ttlichen Instanz: Der Dank von Drais ist\u2019s sicherlich.<br \/>\nDie Versammlung l\u00f6st sich auf, f\u00e4hrt langsam und benommen<br \/>\nhinfort, begegnet einem aufgeregten Monsignore auf dem alten Rad,<br \/>\nder sich beeilt, dann doch etwas zu sp\u00e4t gekommen<br \/>\nund f\u00fcr den Drais an seinem Denkmal noch ein paar Segensw\u00fcnsche hat.<\/p>\n<p>Dann f\u00e4hrt auch er; und vor dem Denkmal stehn nur noch<br \/>\nRudi und Karl-Heinz, Sue h\u00e4lt sich im Hintergrund.<br \/>\nObgleich schon vieles wurd gesagt, dr\u00e4ngt es die beiden doch,<br \/>\nsich auszutauschen, zu gehn den Dingen auf den Grund.<br \/>\n\u201eEr war ein guter Mann\u201c, sinniert Herr Steisbein, \u201eErfinder<br \/>\nwie er sind reine Seelen, sind oft reine Kinder.<br \/>\nGab freiwillig den Freiherrn-Titel auf, die Preussen zwangen<br \/>\nihn, ihn wieder anzunehmen, und man muss sagen, ihm gelangen<br \/>\nganz gro\u00dfe W\u00fcrfe: mit der vierr\u00e4drigen Draisine,<br \/>\ndie nat\u00fcrlich, wie man wei\u00df, lief auf der Schiene,<br \/>\nwar er, denk ich, dem Auto schon ganz nah gekommen.<br \/>\nSein gro\u00dfes Werk: das Laufrad, das er selbst unter die Bein\u2018 genommen<br \/>\nund fuhr, obwohl die Leute grinsten, von Mannheim nach Schwetzingen hin,<br \/>\nf\u00fcr ihn war\u2019s kurz, doch f\u00fcr die Menschheit war\u2019s ein Hauptgewinn.\u201c<\/p>\n<p>Rudi denkt nach: \u201eSchon komisch, dieses badische Patent,<br \/>\ndas er im Januar achtzehn-achtzehn kriegt am End.<br \/>\nAch ja, wei\u00dft du, dass ein Jahr sp\u00e4ter Goethe schrieb, es t\u00e4ten<br \/>\nsich Burschen um im \u201aParadies\u2018 von Jena mit den Laufger\u00e4ten?<br \/>\nDas Paradies, es war ein Park, und Goethe hat es miterlebt,<br \/>\nden Fortschritt sah er schon, die b\u00fcrgerliche Welt, die strebt\u2018<br \/>\nnach immer mehr Macht, Reichtum, Schnelligkeit,<br \/>\nwie wahr, es kam so und ist so bis heut, in unsrer Zeit.<br \/>\nDas \u201eVeloziferische\u201c war sein Begriff daf\u00fcr mitunter,<br \/>\nvelox f\u00fcr schnell, verbunden mit dem Luzifer, worunter<br \/>\nman den b\u00f6sen Engel sieht, der gegen Gottes Herrschaft rebellierte.<br \/>\nEr kam mit lux, dem Licht, zum Menschen, den er so emanzipierte<br \/>\nwof\u00fcr die Strafe kam, wie f\u00fcr Prometheus, der dem Menschen Feuer brachte<br \/>\nUnd damit, sinnbildlich, Bewusstsein drin in ihm entfachte,<br \/>\nund Drais erging es \u00e4hnlich: Er wollte B\u00fcrger sein, nicht Freiherr Drais,<br \/>\nwof\u00fcr die Preu\u00dfen ihn bestraften, Drais, der sein Ger\u00e4t setzte aufs Gleis.<\/p>\n<p>Doch bleiben wir bei achtzehnachtzehn, da war er im Jesus-Alter,<br \/>\nin voller Kraft, ein nichtsahnender Welt-Beweger und -Gestalter.<br \/>\nDu rechne mal: die Quersumme der Jahreszahl ist: neun.<br \/>\nDahinter steckt was, und davor ist nicht zur\u00fcckzuscheu&#8217;n.<br \/>\nDie neunte Karte im Tarot, das ist der weise Mann, der Eremit,<br \/>\nmit der Laterne, einsam, auf dem Rad, das er stets f\u00e4hrt im Schritt.<br \/>\nDie Neun ist zudem jene Zahl, die einen Kreis beschreibt,<br \/>\nin esoterischen okkulten Lehren, und sie bleibt<br \/>\ndie Zahl, die alle vorherigen in sich schlie\u00dft;<br \/>\ndie Zehn f\u00e4ngt einen neuen Zyklus an, hier haben im Tarot<br \/>\nwir unser Gl\u00fccksrad, Sinnbild der Fortuna, ebenso<br \/>\nbei den \u00c4gyptern Zeichen f\u00fcr Reinkarnation,<br \/>\ndas Rad der Wiedergeburt bei den Hindus; auf dem Thron<br \/>\ninmitten dieses Rads: die Sonne. Das Leben spielt uns viele Tricks,<br \/>\ndas Gl\u00fccksrad steht darum f\u00fcr alle Wechself\u00e4lle des Geschicks.<\/p>\n<p>Noch was: Du kennst die Namen Gottes, diese zehn, die Sefiroth<br \/>\nVon Krone Kether oben geht es \u00fcber Hod und auch Yesod<br \/>\nHinunter zu dem irdischen, geerdeten Malkuth,<br \/>\nin dem unsre gesamte Sch\u00f6pfung ruht.<br \/>\nDer Lebensbaum der Kabbala ist auch ein Zyklus,<br \/>\nder als ein Rad die Sch\u00f6pfung abbildet, den ganzen Rhythmus,<br \/>\nund alle Wege zwischen jeder Sefira und ihrer Nachbarin<br \/>\nsind wie die Speichen eines Rads: Wieviel Bedeutung ist darin!<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zur Neun: Wir wissen, dass wir in einer neunten Offenbarung stehen,<br \/>\nim Wassermann-Zeitalter, und einem Sieg des Geists entgegensehen.<br \/>\nDie Neun, der Kreis: der ist nat\u00fcrlich auch das Rad,<br \/>\ndas uns nach vorne tr\u00e4gt und als Symbol uns stets zur Seite trat.<br \/>\nDer Kreis ist unser Rad, der Fortschritt, die Vollkommenheit,<br \/>\ndoch auch das Zyklische der Zeit, die weitergeht in Ewigkeit,<br \/>\nbis alles endet und dann wird erneut geboren,<br \/>\ndenn, so kam mir aus einem Buch zu Ohren,<br \/>\nzu leben hei\u00dft, in Ewigkeit zu leben,<br \/>\nnicht jetzt, in neuen K\u00f6rpern, und dem Geiste zuzustreben.<br \/>\nDas Leben ist entz\u00fcckend, doch auch Lug und Trug,<br \/>\nvor allem ist es kurz: Es ist ein einz\u2018ger Atemzug<br \/>\nzwischen zwei langen N\u00e4chten, die aber wach wir dann verbringen,<br \/>\nin denen Seligkeit nur herrscht: Wir lachen und wir singen.\u201c<\/p>\n<p>Steisbein l\u00e4chelt fein und sagt: \u201eAch Rudi, mag&#8217;s so sein!<br \/>\nDas sind riesige Entw\u00fcrfe, daf\u00fcr bin ich zu klein.\u201c<br \/>\n\u201eDas Kleine siegt!\u201c ruft Rudi. \u201eSchau den Drais! Ein Mann,<br \/>\nder seinen Traum verfolgte, gl\u00fccklich, wer das kann!<br \/>\nEin paar mehr wollen wir von diesen sch\u00f6nen Exemplaren,<br \/>\nund wir werden Rad und noch was und viel besser fahren.\u201c<\/p>\n<p>Sie reichen sich ger\u00fchrt die H\u00e4nde.<br \/>\nDer Vogel fliegt nun auch davon. Und Sue ist auch ger\u00fchrt.<br \/>\nSteisbein geht, die Zeremonie ist nun zu Ende.<br \/>\nRudi geht zu Sue, die seine Hand ergreift und weg ihn f\u00fchrt.<\/p>\n<p><em>Nun sind wir wieder \u00e0 jour. Es folgt die Veteranenspeisung<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun die Hauptversammlung, die f\u00fcr den Fortgang der Handlung ja wichtig ist. Im Sommer 2015 hatte ich dran gearbeitet, und ich erinnere mich noch, wie ich in einem Hotel auf Sizilien an meinen Versen feilte. Die Mutti war dabei, das vergesse ich nie. 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