{"id":4157,"date":"2013-08-31T01:10:02","date_gmt":"2013-08-30T23:10:02","guid":{"rendered":"http:\/\/manipogo.de\/?p=4157"},"modified":"2016-03-21T21:47:19","modified_gmt":"2016-03-21T20:47:19","slug":"psychologie-und-dichtung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/manipogo.de\/?p=4157","title":{"rendered":"Psychologie und Dichtung"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size: small;\">\u00dcber Dichtung hat der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung (1875-1961) einen Aufsatz geschrieben, <em>Psychologie und Dichtung<\/em>. Das war zwar schon 1929, aber alles, was Jung geschrieben hat, ist lesenswert. Der Dichter, der auch erw\u00e4hnt wird, ist vielleicht nur f\u00fcr mich interessant, und so habe ich etwas \u00fcber mich erfahren. <!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\">Am Anfang schreibt er gleich, die \u00bbpsychologische Wissenschaft\u00ab sei die \u00bbj\u00fcngste aller Wissenschaften\u00ab, und damals war man optimistisch und euphorisch, aber ich denke, heute w\u00fcrde niemand mehr die Psychologie als Wissenschaft bezeichnen. Ich wollte ja auch einmal Psychologie studieren (aber meine Noten waren zu schlecht), doch heute mache ich einen Bogen \/ um jeden Psychologen. Ein sch\u00f6ner Reim. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\"><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/jungolimpiamazzei.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-4158\" title=\"jungolimpiamazzei\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/jungolimpiamazzei-235x300.jpg\" alt=\"\" width=\"235\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/jungolimpiamazzei-235x300.jpg 235w, https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/jungolimpiamazzei.jpg 540w\" sizes=\"auto, (max-width: 235px) 100vw, 235px\" \/><\/a>Jung bemerkt: \u00bb&#8230; das Sch\u00f6pferische aber, das in der Unabsehbarkeit des Unbewussten wurzelt, wird sich menschlicher Erkenntnis auf ewig verschlie\u00dfen.\u00ab (So hat man damals geschrieben, aufgebl\u00e4ht und gro\u00dfartig.) Dann unterscheidet er zwei Arten des Schaffens: die <em>psychologische<\/em> und die <em>vision\u00e4re<\/em>. Psychologisch sind die meisten Romane, in denen Leute miteinander umgehen; das Wort <em>vision\u00e4r<\/em> f\u00fchren zwar viele im Wort, doch echt vision\u00e4r ist wenig. Jung, wieder begeistert, schreibt \u00fcber das Vision\u00e4re, es \u00bbzerreisst den Vorhang, auf den die Bilder des Kosmos gemalt sind, von unten bis oben und er\u00f6ffnet einen Blick in die unbegreiflichen Tiefen des Ungewordenen.\u00ab (Diese Un-Worte gefallen ihm. <em>Illustration: Jung, gezeichnet von Olimpia Mazzei<\/em>.)\u00a0\u00a0<\/span><span style=\"font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\">Was w\u00e4re vision\u00e4r gewesen in der Kunst? Vielleicht der Film <em>2001 \u2013 Odyssee im Weltraum<\/em> von Kubrick. Jung erw\u00e4hnt nat\u00fcrlich oft Goethes Faust, und der gro\u00dfe Meister war damals ja erst 100 Jahre tot, unvorstellbar, wie nah man 1929 (als auch meine Mutter geboren wurde) noch an ihm dran war. Die Vision ist bei C. G. Jung ein echtes Urerlebnis, ein wirkliches Symbol, psychisch real, und wo menschliche Leidenschaft innerhalb der Grenzen des Bewusstseins steht, steht der Gegenstand der Vision jenseits.\u00a0<\/span><span style=\"font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\">Diese Geheimnisse, die die Vision ausdr\u00fcckt, gab es schon immer. \u00bbEs gibt keine primitive Kultur, die nicht ein geradezu erstaunliches System der Geheim- und Weisheitslehre bes\u00e4\u00dfe, n\u00e4mlich einer Lehre einerseits von den dunklen Dingen (&#8230;), andererseits der Weisheit, die menschliches Handeln regeln soll.\u00ab Die Vision ist ein Bild des <em>kollektiven Unbewussten<\/em> (neben dem Archetypus das, f\u00fcr das Jung steht), in dem alle Zust\u00e4nde der Menschheit gespeichert sind.\u00a0<\/span><span style=\"font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\">Das Kunstwerk erhebt sich weit \u00fcber das Pers\u00f6nliche: Je mehr Pers\u00f6nliches in einem Werk steckt, desto weniger Kunst ist es, was aber nicht Ich-Erz\u00e4hlungen verbietet, denn \u00bbder K\u00fcnstler ist in h\u00f6herem Sinne Mensch, er ist Kollektivmensch, ein Tr\u00e4ger und Gestalter der unbewusst-t\u00e4tigen Seele der Menschheit\u00ab. (<em>Da w\u00e4chst man gleich ein paar Zentimeter!<\/em>) Das Privatleben gl\u00fcckt dem K\u00fcnstler jedoch meist nicht, das ist der Preis: \u00bbDas St\u00e4rkste in ihm, eben sein Sch\u00f6pferisches, wird das meiste an Energie an sich rei\u00dfen, wenn er wirklich ein K\u00fcnstler ist, und f\u00fcr den Rest bleibt dann zu wenig \u00fcbrig, als dass noch irgend ein besonderer Wert sich daraus entwickeln k\u00f6nnte.\u00ab<\/span><span style=\"font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\">Das Werk bedeutet nach Jung dem Dichter mehr als sein pers\u00f6nliches Schicksal, und er ist im tiefsten Sinne Instrument. Da ist was dran; mich interessieren nur <em>manipogo<\/em> und meine B\u00fccher und das, was ich noch schreiben kann. S\u00fcchtig! \u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber Dichtung hat der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung (1875-1961) einen Aufsatz geschrieben, Psychologie und Dichtung. 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