{"id":42827,"date":"2026-01-27T01:11:19","date_gmt":"2026-01-27T00:11:19","guid":{"rendered":"https:\/\/manipogo.de\/?p=42827"},"modified":"2026-01-14T22:59:15","modified_gmt":"2026-01-14T21:59:15","slug":"sonderbehandlung-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/manipogo.de\/?p=42827","title":{"rendered":"Gedenken an die &#8222;Sonderbehandlung&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em>Sonderbehandlung<\/em> hei\u00dft das Buch, das Filip M\u00fcller geschrieben hat und das 1979 ver\u00f6ffentlicht wurde. Dieses Wort bekam einen furchtbaren Klang, seit die Nationalsozialisten es als Umschreibung der T\u00f6tung von Juden im Gas verwendeten. Einmal hatte M\u00fcller, der f\u00fcr das Krematorium in Auschwitz-Birkenau zust\u00e4ndig war, keine Lust mehr und schleuste sich mit den anderen in die Gaskammer ein. Er wollte sterben. <!--more--><\/p>\n<p>Filip M\u00fcller l\u00e4sst uns an seinen Gedanken teilhaben. Der Slowake war damals 23 Jahre alt (gestorben ist er dann am 9. November 2013 in Mannheim); aber w\u00fcrde er jemals wieder heimkommen? Wie w\u00e4re das?<\/p>\n<p><em>Was f\u00fcr eine Heimat w\u00fcrde ich denn vorfinden? Solche Gedanken lie\u00dfen mein zuk\u00fcnftiges Leben leer, sinn- und nutzlos erscheinen. Es war eigenartig, ich f\u00fchlte mich in diesem Augenblick v\u00f6llig frei von dem sonst so qu\u00e4lenden Gef\u00fchl der Todesangst, die ich schon so oft empfunden hatte. Obwohl ich noch nie den Gedanken an mich hatte herankommen lassen, freiwillig in den Tod zu gehen, war ich jetzt entschlossen, mein Schicksal mit dem meiner Landsleute zu teilen.<\/em><\/p>\n<p><em>Bei dem heillosen Durcheinander, das an der T\u00fcr zur Gaskammer herrschte, gelang es mir, mich unter die dr\u00e4ngende und schiebende Menge zu mischen, die in die Gaskammer getrieben wurde.\u00a0Ich lief schnell nach hinten und stellte mich dort hinter eine der Betons\u00e4ulen. Hier, so dachte ich, w\u00fcrde ich unentdeckt bleiben, bis der Raum voller Menschen war und zugeriegelt w\u00fcrde. Bis es so weit war, wollte ich auf keinen Fall auffallen. Ein Gef\u00fchl der Gleichg\u00fcltigkeit beschlich mich jetzt. Alles verlor seine Bedeutung, auch der Gedanke an das qualvolle Sterben durch das Zyklon-B-Gas, dessen Wirkung ich ja schon oft, wenn wir in die Gaskammer getrieben wurden, um die Leichen herauszuschaffen, f\u00fcr kurze Zeit zu sp\u00fcren bekommen hatte, vermochte mir keine Angst und keinen Schrecken mehr einzujagen. Gefa\u00dft sah ich meinem Schicksal entgegen.<\/em><\/p>\n<p><em>Inzwischen war der Massengesang verstummt. An seine Stelle war kl\u00e4gliches Weinen und dumpfes St\u00f6hnen getreten, die sich zu einem einzigen, wehm\u00fctigen Klagelied vereinigten. Ich sah zerschlagene und blutige Gesichter, die die Menschen fast bis zur Unkenntlichkeit ver\u00e4ndert hatten. Angetrieben von Schl\u00e4gen und b\u00f6sen Hunden, dr\u00e4ngten und quetschten sich immer noch Leute durch die T\u00fcr. Verzweifelte Kinder, die ihre Eltern verloren hatten, liefen in diesem w\u00fcsten Chaos herum, riefen mit weinerlichen Stimmen nach ihren Besch\u00fctzern und versuchten, sie wiederzufinden. (&#8230;)<\/em><\/p>\n<p><em>&#8230; bemerkte dabei, da\u00df sich eine Gruppe von vielleicht 15 Menschen um mich scharte. Einige waren schon ausgezogen, ein paar andere hatten noch ihre Kleider an. Mit traurigen Augen, in denen sich Furcht, Verzweiflung und Angst spiegelten, sahen sie mich forschend an. Einer von ihnen sprach mich zu meiner \u00dcberraschung mit meinem Vornamen an. Als ich n\u00e4her hinsah, erkannte ich den Blockschreiber Hugo Braun und den stellvertretenden Block\u00e4ltesten Dr. Otto Heller. Ich hatte die beiden kennengelernt, als mich das Schlosserkommando einmal in das Familienlager mitgenommen hatte.<\/em><\/p>\n<p><em>Mein Entschlu\u00df, heute zu sterben, lie\u00df sich jetzt nicht mehr so realisieren, wie ich gedacht hatte. Die Menschen, die um mich herumstanden, gaben keine Ruhe, bis ich ihnen die Gr\u00fcnde, die mich veranla\u00dft hatten, mit ihnen zu sterben, erkl\u00e4rt hatte. Ich flehte sie an, mit niemandem hier dar\u00fcber zu reden; denn ich wusste, dass es sicher noch einige Zeit dauern w\u00fcrde, bis die Gaskammer voll war und verriegelt wurde. So lange wollte ich auf jeden Fall unentdeckt bleiben.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Zeit schien ins Stocken geraten zu sein. Nur schleppend vergingen die Minuten, das Ende, die Erl\u00f6sung von aller Qual war immer noch nicht abzusehen. Drau\u00dfen, vor den T\u00fcren der Gaskammer, standen einige SS-Unterf\u00fchrer, hinter ihnen bewaffnete SS-Posten mit Hunden, die unabl\u00e4ssig bellten. Wahrscheinlich warteten sie auf die n\u00e4chste Lastwagenkolonne, die noch mehr Menschen hierherbringen sollte. Durch die offene T\u00fcr erkannte ich Schwarzhuber und Dr. Mengele, die sich reckten und \u00fcber die Schultern der Posten neugierig in die Gaskammer blickten. Als man sie erkannte, erhob sich erneut Geschrei und Geschimpfe: \u00bbIhr habt uns betrogen! Aber euer Hitler wird doch den Krieg verlieren! Dann kommt die Stunde der Rache. Eines Tages m\u00fc\u00dft ihr f\u00fcr alles b\u00fc\u00dfen, ihr M\u00f6rder.\u00ab Solche Anklagen und Zornesausbr\u00fcche wurden den SS-Leuten leidenschaftlich entgegengeschleudert. Die Henker r\u00fchrte das freilich nicht; sie blieben stumm.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich war w\u00fctend, da\u00df ich in dieser Schicksalsstunde nicht eine der drei Handgranaten, die wir besa\u00dfen, bei mir hatte. Aber die Entscheidung, meinem Leben ein Ende zu machen, hatte ich ganz pl\u00f6tzlich und spontan getroffen. Alles war so schnell und \u00fcberraschend gekommen, da\u00df keine Zeit und keine M\u00f6glichkeit mehr bestand, noch besondere Vorkehrungen zu treffen.<\/em><\/p>\n<p><em>In der sp\u00e4rlich beleuchteten Gaskammer herrschte eine bedr\u00fcckende und gespannte Atmosph\u00e4re. Der Tod, das wussten alle, war in bedrohliche N\u00e4he ger\u00fcckt. Es waren sicher nur noch Minuten, die jeden hier drinnen von seinem Ende trennten. Keine Erinnerung an irgendeinen w\u00fcrde \u00fcbrig bleiben. Dieses Schicksal hatten die Menschen vor Augen, als sie sich umarmten. Eltern dr\u00fcckten ihre Kinder so heftig und leidenschaftlich an sich, da\u00df ich von Wehmut und Schmerz ergriffen wurde.<\/em><\/p>\n<p><em>Von den Menschen, die um mich herumstanden, erfuhr ich auch, da\u00df der junge Fredi Hirsch, der sich so aufopfernd und selbstlos um die Jugend im Familienlager gek\u00fcmmert hatte, in den Freitod gegangen war. Pl\u00f6tzlich dr\u00e4ngten sich einige entbl\u00f6\u00dfte M\u00e4dchen um mich, alle in bl\u00fchendem Alter. Sie standen eine Zeitlang vor mir, ohne ein Wort zu sagen, und schauten mich an, in Gedanken versunken. Einige sch\u00fcttelten den Kopf und starrten mich verst\u00e4ndnislos an.<\/em><\/p>\n<p><em>Schlie\u00dflich fasste eines der M\u00e4dchen sich ein Herz und sprach mich an: \u00bbWir haben erfahren, dass du mit uns zusammen in den Tod gehen willst. Dein Entschluss ist vielleicht verst\u00e4ndlich, aber er ist nutzlos, denn er hilft keinem. Oder, wem glaubst du, da\u00df er helfen k\u00f6nnte?\u00ab fragte sie zweifelnd und fuhr dann fort: \u00bbWir m\u00fcssen sterben, aber du hast noch eine Chance, dein Leben zu retten. Du musst ins Lager zur\u00fcck und dort allen von unseren letzten Stunden berichten\u00ab, herrschte sie mich in einem geradezu befehlenden Ton an. \u00bbDu musst allen klarmachen, da\u00df sie sich von jeder Illusion freimachen m\u00fcssen. Sie sollten k\u00e4mpfen, denn das ist besser, als hier ohnm\u00e4chtig zu sterben. F\u00fcr sie ist es auch leichter. Sie haben ja keine Kinder. Und du, wenn du vielleicht die Trag\u00f6die hier \u00fcberlebst, erz\u00e4hle allen, jedem, dem du begegnest, wie es uns ergangen ist. Und noch etwas\u00ab, sagte sie, \u00bbnoch einen Wunsch kannst du mir erf\u00fcllen: die goldene Kette an meinem Hals, die nimm \u2013 wenn ich tot bin \u2013 ab und gib sie meinem Freund Sascha! Er arbeitet in der Brotkammer. Bestell ihm einen letzten Gru\u00df von seiner Jana. Wenn alles vorbei ist, wirst du mich hier finden.\u00ab<\/em><\/p>\n<p><em>Das waren ihre letzten Worte, bei denen sie auf eine Stelle neben der Betons\u00e4ule deutete, wo ich gerade stand.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich war seltsam ber\u00fchrt und \u00fcberrascht von der harten und n\u00fcchternen Sachlichkeit, aber auch von der Anmut, mit der das junge M\u00e4dchen auf die Todesvision reagierte und sie in ihrer Phantasie verarbeitete. Bevor ich noch weiter dar\u00fcber nachdenken konnte, was ich ihr antworten sollte, hatten mich die \u00fcbrigen M\u00e4dchen \u00fcberw\u00e4ltigt. Sie packten mich an meinen Armen und Beinen und schleppten mich trotz meiner Gegenwehr bis zur T\u00fcr der Gaskammer. Dort lie\u00dfen sie mich los und dr\u00e4ngten und schubsten mich mit vereinten Kr\u00e4ften hinaus. Ich landete mitten unter den SS-M\u00e4nnern, die dort herumstanden. Kurschu\u00df erkannte mich als erster und schlug sofort mit einem Kn\u00fcppel auf mich ein. Ich fiel zu Boden, und wurde, als ich aufsprang, mit einem Fausthieb erneut niedergeschlagen. Das wiederholte sich noch einige Male.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich fing wieder an zu denken. Seltsam, der Wille zu leben, durchstr\u00f6mte mich wieder. Als ich zum dritten oder vierten Mal auf die F\u00fc\u00dfe kam, schrie Kurschu\u00df: \u00bbDu Arschloch, du verdammtes, merk dir eines: wie lange du lebst und wann du verreckst, das entscheiden wir und nicht du. Hau schleunigst ab, zu den \u00d6fen!\u00ab<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(Aus: Filip M\u00fcller, Sonderbehandlung, S. 177-181)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Verwandte Artikel:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/?p=21932\">\u00bbFunktionierte tadellos\u00ab<\/a> \u2013 <a href=\"https:\/\/manipogo.de\/?p=21996\">Erst mal duschen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sonderbehandlung hei\u00dft das Buch, das Filip M\u00fcller geschrieben hat und das 1979 ver\u00f6ffentlicht wurde. Dieses Wort bekam einen furchtbaren Klang, seit die Nationalsozialisten es als Umschreibung der T\u00f6tung von Juden im Gas verwendeten. 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