{"id":43768,"date":"2026-02-04T00:06:06","date_gmt":"2026-02-03T23:06:06","guid":{"rendered":"https:\/\/manipogo.de\/?p=43768"},"modified":"2026-02-03T23:00:01","modified_gmt":"2026-02-03T22:00:01","slug":"der-fremde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/manipogo.de\/?p=43768","title":{"rendered":"Der Fremde"},"content":{"rendered":"<p>Schwierig, von den paranormalen Telefonanrufen wieder in die normale Welt hinunterzukommen. Sprechen wir mal wieder von einem Film. Anfang Januar sah ich in M\u00fcnchen <em>Der Fremde<\/em> von Fran\u00e7ois Ozon, der die Vorlage von Albert Camus neu inszeniert hat. Visconti hat das 1967 bereits gemacht, mit Marcello Mastroianni. Das ist die Messlatte. <!--more--><\/p>\n<p>Ozon hat gl\u00e4nzend bestanden. Die beiden Verfilmungen sind in Szenenfolge und Dialogen fast identisch, weil beide Regisseure getreu der Vorlage folgten. Luchino Visconti (1906-1976) drehte in Farbe, die unterlegte Musik ist deutlich und beredt, und da ist Marcello Mastroianni, dessen treuherziger Blick und fr\u00f6hlicher Gestus dem finsteren Meursault nicht ganz gerecht werden. Und wir haben zudem aus dem <em>Off<\/em> seine Stimme mit Erl\u00e4uterungen, die ihn den Zuschauern nahebringen.<\/p>\n<p>Fran\u00e7ois Ozon hat hingegen in Schwarz-Wei\u00df gedreht, der Film wirkt wie ein historisches Dokument. Nichts wird aus dem Off erkl\u00e4rt, Benjamin Voisin spielt den Meursault hart und wortkarg, und so ist Ozon mit seinem d\u00fcsteren Film vielleicht n\u00e4her an der Intention des Autors Camus.<\/p>\n<div id=\"attachment_43784\" style=\"width: 550px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/service-pnp-pcrd-1b00000-1b00000-1b00000-1b00048r.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-43784\" class=\"size-full wp-image-43784\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/service-pnp-pcrd-1b00000-1b00000-1b00000-1b00048r.jpg\" alt=\"\" width=\"540\" height=\"359\" srcset=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/service-pnp-pcrd-1b00000-1b00000-1b00000-1b00048r.jpg 540w, https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/service-pnp-pcrd-1b00000-1b00000-1b00000-1b00048r-300x199.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-43784\" class=\"wp-caption-text\">Algier, Les Rampes (zwischen 1900 und 1940, Library of Congress, Wash. D. C., danke.)<\/p><\/div>\n<p>Algerien 1940. Da gibt es anscheinend nur Franzosen, die Araber sind Nebendarsteller. Der junge Mann arbeitet f\u00fcr eine Versicherung, hat eine Freundin und auch Sex mit ihr, und wenn sie ihn fragt, ob sie heiraten wollen, sagt er: \u00bbWenn du meinst.\u00ab Er wirkt, als sei ihm alles egal. Nichts hat Bedeutung. An Gott glaubt er nicht. Dann, am Strand, hat er zuf\u00e4llig eine Pistole bei sich, und da liegt ein Araber, der ihn zu bedrohen scheint, und er feuert f\u00fcnf Sch\u00fcsse auf ihn ab. Vor Gericht zeigt er keine Emotionen. Es sei zuf\u00e4llig passiert, vielleicht die Sonne, sie habe ihn geblendet &#8230; Er wird zum Tod verurteilt.<\/p>\n<p>Vor Gericht wirft man ihm vor, er habe seine Mutter ins Altenheim geschickt, bei ihrer Beerdigung nicht geweint und am Tag darauf eine Beziehung angefangen. Als sei er dadurch schuldig. Die Tat ist bei Camus zuf\u00e4llig geschehen, wie er die Hauptfigur sagen l\u00e4sst, und auch das Opfer ist zuf\u00e4llig, und nur bei Ozon wird kurz seiner gedacht. Als ginge es nur um die Enttarnung b\u00fcrgerlichen Denkens; aber ist die Ermordung eines Mitmenschen schon Ausdruck von Freiheit und ein gelebter Protest? Eine solche Tat ist immer ein Tabubruch, Dostojewski l\u00e4sst in <em>Schuld und S\u00fchne<\/em> (oder <em>Verbrechen und Strafe<\/em>, ein neuerer Titel) Raskolnikow eine Pfandleiherin und ihre Assistentin umbringen, immerhin sp\u00fcrt er Gewissensbisse.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN0959-5.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-43775\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN0959-5.jpg\" alt=\"\" width=\"540\" height=\"405\" srcset=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN0959-5.jpg 540w, https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN0959-5-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/a><\/p>\n<p>\u00bbMamma \u00e8 morta\u00ab h\u00f6ren wir bei Visconti die Stimme des Protagonisten. Seine Mutter ist gestorben. Er f\u00e4hrt also mit dem Bus zur Bestattung. \u2013 Beim Herumlesen in der <em>Sydney Review of Books<\/em> fand ich einen \u00e4lteren Essay (April 2020) von Annamaria Jagose und Lee Wallace, der <em>Mother<\/em> <em>Courage<\/em> hie\u00df, nach dem Brecht-St\u00fcck. Es ging um Pflege im Altenheim, interessierte mich, und pl\u00f6tzlich war das Fremde da.<\/p>\n<p><em>Was wir an unseren M\u00fcttern beobachteten und was sie vielleicht auch bemerkten, war, dass sie, w\u00e4hrend man sie in ihrer Intimit\u00e4t und gleichzeitig unpers\u00f6nlich pflegte, sich selbst zu Fremden wurden. Dieser Prozess f\u00fchrte sie immer weiter weg vom Famili\u00e4ren, also von dem Familienstatus, den sie uns und unseren Zwillingen auferlegten, die nun sich selbst einen Sinn abgewinnen m\u00fcssen in einer Welt ohne sie. Dieser unertr\u00e4gliche Zustand wird nur m\u00f6glich, weil unsere M\u00fctter in eine Welt von Fremden gebracht wurden und in dieser Situation gepflegt werden, die keine kommunikative oder gegenseitige Enth\u00fcllung des Selbst verlangt. Wir betreten diese Welt und verlassen sie als Fremde. Vielleicht ist es diese Wahrheit, die die Familie maskiert.\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Der Literatur-Nobelpreistr\u00e4ger von 1957 hatte als junger Mann das Buch <em>Der gl\u00fcckliche Tod<\/em> verfasst, der ihn zu dem <em>Fremden<\/em> inspirierte. Da hei\u00dft der Held genauso, Meursault (<em>Meer und Sonne, Mer\/sol<\/em>), und er t\u00f6tet am Anfang einen Mann, der nicht mehr leben wollte und stirbt am Ende selbst, seinen Tod akzeptierend. Wie am Ende des <em>Fremden<\/em> leuchtet durch alles eine Freude am Leben hindurch, diesem Geschenk, das uns gl\u00fccklich machen kann, trotz allem.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN5239-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-43782\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN5239-2.jpg\" alt=\"\" width=\"540\" height=\"321\" srcset=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN5239-2.jpg 540w, https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN5239-2-300x178.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Warum verfilmt jemand heute den <em>Fremden<\/em>? Gibt es Menschen, die emotionslos und routiniert ihr Leben abspulen, als bedeute es nichts? Es gibt freilich viel stille Verzweiflung inmitten des Wahnsinns der <em>Social Media<\/em>, viel Isolation, und wir h\u00f6ren zudem fast st\u00fcndlich, wie Machthaber ihre Untertanen t\u00f6ten und andere ihr Land neu positionieren, um ihre Macht auf andere L\u00e4nder auszudehnen. Andere (in Iran) t\u00f6ten wahllos Studentinnen und Studenten, um ihre Macht zu sichern. Alles sinnlos und auch irgendwie zuf\u00e4llig. Warum tun sie das? Wo liegt der Sinn? Manchmal f\u00fchlt man sich allem entfremdet, doch die Welt k\u00fcmmert es nicht, sie zeigt uns ihre \u00bbz\u00e4rtliche Gleichg\u00fcltigkeit\u00ab, wie Camus schrieb.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schwierig, von den paranormalen Telefonanrufen wieder in die normale Welt hinunterzukommen. Sprechen wir mal wieder von einem Film. Anfang Januar sah ich in M\u00fcnchen Der Fremde von Fran\u00e7ois Ozon, der die Vorlage von Albert Camus neu inszeniert hat. 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