{"id":43805,"date":"2026-02-05T00:51:33","date_gmt":"2026-02-04T23:51:33","guid":{"rendered":"https:\/\/manipogo.de\/?p=43805"},"modified":"2026-01-30T00:32:39","modified_gmt":"2026-01-29T23:32:39","slug":"malheur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/manipogo.de\/?p=43805","title":{"rendered":"Ein Malheur"},"content":{"rendered":"<p>Ungeachtet des Titels, der etwas Ungl\u00fcckliches verhei\u00dft, wollen wir heute Hoffnung spenden. Den genannten Titel gab Anton Tschechow einer kleinen Geschichte, die in dem vergilbten Goldmann-Sammelband <em>Von der Liebe<\/em> zu finden war, und es ist die einzige Geschichte darin, die gut ausgeht. Darum habe ich sie ausgew\u00e4hlt. <!--more--><\/p>\n<p>Gestern hatten wir ja Dostojewski erw\u00e4hnt. Russland hatte und hat so gro\u00dfartige Schriftsteller, die verdienterma\u00dfen geehrt wurden, aber das Land ist ungl\u00fccklich, lebte im 19. Jahrhundert unter der Knute des Zaren, fiel nach der Revolution in die H\u00e4nde des unerbittlichen, paranoiden Stalin, wonach andere Betonk\u00f6pfe kamen (Chrustschow jedoch war ein Guter, meine ich), bis Jelzin und Gorbatschow, der Unvergessene, ein Tauwetter einleiteten, das Putin wieder einfrieren lie\u00df, da er machthungrig ist und der alten Sowjetunion nachtrauert. Doch die russische Literatur wird bleiben.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/images-1-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-43809\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/images-1-1.jpg\" alt=\"\" width=\"186\" height=\"271\" \/><\/a>Anton Pawlowitsch Tschechow ist ja hier in der N\u00e4he, in Badenweiler, Mitte Juli 1904 gestorben, mit 44 Jahren, also etwas \u00e4lter als Kafka und an derselben Krankheit: Tuberkulose. Seine Theaterst\u00fccke werden immer noch aufgef\u00fchrt, und in ihnen zeigt sich der russische Mensch unverf\u00e4lscht: problembeladen, redselig, leidenschaftlich, selbstqu\u00e4lerisch.<\/p>\n<p>Im <em>Malheur<\/em> ist da Ssofja Petrowna Lubjanzew, 25 Jahre alt, verheiratet mit einem Notar und Mutter einer kleinen Tochter. Sie geht spazieren mit dem Rechtsanwalt Iwan Michailowitsch Iljin und fleht ihn an, er m\u00f6ge sie nicht verfolgen. Sie liebe ihren Mann und ihre Tochter, nichts zu machen, ob sie nicht gute Freunde bleiben wollten? Denn Iljin liebt Ssofja Petrowna rasend. Er sagt, er selber halte sein Benehmen f\u00fcr \u00bbverbrecherisch und unmoralisch\u00ab. Doch was kann man tun gegen die Liebe? F\u00fcnf Mal wollte er abreisen, f\u00fcnf Mal trieb es ihn wieder zur\u00fcck, obschon keine Hoffnung ist. Er hasse und verachte sich selbst! Er sagt:<\/p>\n<p><em>Sagen Sie doch, wie soll man gegen den Wahnsinn k\u00e4mpfen?<\/em><\/p>\n<p>Und er wirft ihr vor, sie sei etwas unaufrichtig, ihre Zur\u00fcckweisung nicht \u00fcberzeugend &#8230; Tschechow l\u00e4sst uns auch am Gef\u00fchlsleben der jungen Frau teilhaben, die es nat\u00fcrlich genie\u00dft, bewundert und angebetet zu werden von einem klugen Mann.<\/p>\n<p><em>\u00bbIch liebe Sie!\u00ab stammelte er, seine Augen ihren gro\u00dfen, erschrockenen n\u00e4hernd. \u00bbSie sind so sch\u00f6n! Ich leide jetzt entsetzlich, aber ich schw\u00f6re ihnen: Gern w\u00fcrde ich mein ganzes Leben lang an Ihrer Seite sitzen und dabei leiden, und in Ihre Augen blicken. Aber &#8230; schweigen Sie, ich flehe Sie an!\u00ab<\/em><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/stanislawski-4.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-43810\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/stanislawski-4-223x300.jpg\" alt=\"\" width=\"223\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/stanislawski-4-223x300.jpg 223w, https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/stanislawski-4.jpg 627w\" sizes=\"auto, (max-width: 223px) 100vw, 223px\" \/><\/a>Er umschlang ihre Knie und sprach leidenschaftlich und sch\u00f6n. Ssofja rei\u00dft sich los, der Zug kommt, sie muss ihrem Andrej das Essen richten, und im Haus sp\u00fcrt sie einen Wirrwarr von Gef\u00fchlen, freut sich nicht \u00fcber den Gatten und denkt, warum er nur so schmatzen muss beim Essen. Dann, sp\u00e4ter, kommen G\u00e4ste, unter ihnen auch Iwan Michailowitsch, der sie in einem unbeobachteten Augenblick anschw\u00e4rmt:<\/p>\n<p><em>\u00bbSsofia, Ssofotschka &#8230; Liebste &#8230; Meine Liebe, meine Gute!\u00ab Vor Z\u00e4rtlichkeit \u00fcberflie\u00dfend, warf er mit tr\u00e4nenerstickter Stimme die Liebesworte, eines z\u00e4rtlicher als das andere, nur so hin.\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Sie solle aufrichtig sein und zu ihm kommen, heute oder morgen! Ssofja Petrowna rei\u00dft sich los und sagt, er sei wohl verr\u00fcckt. Stimmt wohl. Sp\u00e4ter ist sie unruhig, geht nach drau\u00dfen und beschlie\u00dft, fortzureisen. Sie bittet ihren Mann, doch mitzukommen; der sagt: \u00bbReise allein!\u00ab Dann das Gest\u00e4ndnis:<\/p>\n<p><em>Wenn du mit mir nicht mitkommst, riskierst du, mich zu verlieren! Ich glaube, ich bin schon verliebt!<\/em><\/p>\n<p>In wen? fragt der Gatte. Das k\u00f6nne ihm wohl gleich sein, erwidert sie. Ihr Mann spricht etwas matt \u00fcber Ehebruch, zehn Minuten, dann wird er m\u00fcde. Es ist sp\u00e4t, Ssofja wirft sich einen leichten Umhang um. Dann die Entscheidung:<\/p>\n<p><em>\u00bbSchl\u00e4fst du schon? Ich gehe noch etwas an die Luft &#8230; Kommst du mit?\u00ab\u00a0<\/em><br \/>\n<em>Das war ihre letzte Hoffnung. Sie bekam von ihm keine Antwort und ging hinaus. Drau\u00dfen war es windig und k\u00fchl. Sie f\u00fchlte aber weder den Wind noch die Dunkelheit und ging, ging &#8230; Eine un\u00fcberwindliche Macht trieb sie vorw\u00e4rts, und w\u00e4re sie stehengeblieben, so h\u00e4tte sie wohl einen Sto\u00df in den R\u00fccken versp\u00fcrt.\u00a0<\/em><br \/>\n<em>\u00bbVerworfene!\u00ab murmelte sie mechanisch: \u00bbElende!\u00ab<\/em><br \/>\n<em>Der Atem stockte ihr, sie verbrannte vor Scham und h\u00f6rte ihre eigenen Schritte nicht, aber das, was sie vorw\u00e4rts stie\u00df, war m\u00e4chtiger als Scham, als Vernunft, als Angst &#8230;\u00a0<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Verwandte Artikel:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/?p=36392\">Neue Formen<\/a> \u2013 .<a href=\"https:\/\/manipogo.de\/?p=21404\">.. nun fahren sie auch noch Veloziped!<\/a> \u2013 <a href=\"https:\/\/manipogo.de\/?p=19308\">Krankensaal sechs<\/a> \u2013 <a href=\"https:\/\/manipogo.de\/?p=19168\">Der Mond schaut zu<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ungeachtet des Titels, der etwas Ungl\u00fcckliches verhei\u00dft, wollen wir heute Hoffnung spenden. 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