{"id":45270,"date":"2026-06-28T01:41:15","date_gmt":"2026-06-27T23:41:15","guid":{"rendered":"https:\/\/manipogo.de\/?p=45270"},"modified":"2026-06-27T23:25:01","modified_gmt":"2026-06-27T21:25:01","slug":"der-atem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/manipogo.de\/?p=45270","title":{"rendered":"R\u00fcckkehr ins Leben (28): Im Sterbezimmer"},"content":{"rendered":"<p><em>Der Atem<\/em> ist eine 120-seitige Erz\u00e4hlung von Thomas Bernhard, die 1981 erschien, aber auf das Jahr 1949 zur\u00fcckgeht, als der 18-J\u00e4hrige todkrank war und im Krankensaal\u00a0 (\u00bbSterbezimmer\u00ab) eines konfessionellen Krankenhauses untergebracht war mit zwei Dutzend Todeskandidaten hohen Alters. Und da beschloss er: Ich will leben! Es war die Entscheidung einer Minute. <!--more--><\/p>\n<p>Der \u00d6sterreicher Thomas Bernhard (1931-1989) hat da wieder ein furioses Ding hingelegt: Erinnerungen aus seiner Jugend. Pl\u00f6tzlich dachte ich bei diesen langen, pr\u00e4zisen S\u00e4tzen an W. G. Sebald (er war 13 Jahre j\u00fcnger). Bernhard hat diesen mitleidlosen Blick und eine bildkr\u00e4ftige Sprache; er schildert, wie er das damals sah, und gewiss hat er nicht viel \u00fcbertrieben dabei.<\/p>\n<p>Da standen in der Klinik bei Salzburg 30 Betten, die von alten, hinf\u00e4lligen Menschen belegt waren, die nach und nach starben; und gleich danach lag wieder ein neuer Todkranker dort. Die Patienten waren an Infusionen angeh\u00e4ngt, und es kam ihm wie Theater vor, \u00bbwenn auch ein schreckliches und erb\u00e4rmliches\u00ab. Er, der 18-J\u00e4hrige, d\u00e4mmerte so dahin und schien auch sterben zu m\u00fcssen und so bald, dass man ihn in das Badezimmer schob. Er wusste, was das bedeutete. Eine Schwester kam, denn ein Nachbar des Jungen hatte seinen letzten Atemzug getan.<\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/PNJan2023-3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-45274\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/PNJan2023-3.jpg\" alt=\"\" width=\"245\" height=\"260\" \/><\/a>Sie wirft das Bettzeug auf den Boden und hebt, wie wenn sie jetzt auf meinen Tod wartete, meine Hand auf. Dann b\u00fcckt sie sich, nimmt das Bettzeug und geht mit dem Bettzeug hinaus. <\/em>Jetzt<em> will ich leben. &#8230; Ich will nicht sterben, denke ich. Jetzt nicht.\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Um f\u00fcnf Uhr fr\u00fch bringen sie den Kranken wieder in den Saal, in dem gestorben wird. Der dickliche Krankenhauspfarrer gibt ihm die Letzte \u00d6lung. Er nahm das Zeremoniell kaum wahr.<\/p>\n<p><em>Ich wollte <\/em>leben<em>, alles andere bedeutete nichts. Leben, und zwar <\/em>mein<em> Leben, <\/em>wie und solange ich es will<em>. Das war kein Schwur, das hatte sich der, der schon aufgegeben gewesen war, in dem Augenblick, in welchem der andere vor ihm zu atmen aufgeh\u00f6rt hatte, vorgenommen. Von zwei m\u00f6glichen Wegen hatte ich mich in dieser Nacht in dem entscheidenden Augenblick f\u00fcr den des Lebens entschieden.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/derseher-5.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-45272\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/derseher-5-300x203.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"203\" srcset=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/derseher-5-300x203.jpg 300w, https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/derseher-5.jpg 540w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Er entschied sich f\u00fcr den Atem, den g\u00f6ttlichen. Gegen Ende kommt Bernhard noch einmal darauf zur\u00fcck:<\/p>\n<p><em>Diese Entscheidung hatte ich ganz allein gef\u00e4llt, und sie hatte in der k\u00fcrzesten Zeit gef\u00e4llt werden m\u00fcssen, in einem einzigen Augenblick.\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Thomas Bernhards Gro\u00dfvater, Johannes Freumbichler, war ihm Vorbild und f\u00fchrte ihn an Philosophie und Literatur heran. (<em>Er war 1881 geboren und starb kurz nach Bernhards Genesung 1949.<\/em>) \u00dcber ihn:<\/p>\n<p><em>Aber die Seele und der Geist beherrschen den K\u00f6rper, so mein Gro\u00dfvater. Der geschw\u00e4chteste K\u00f6rper kann von einem starken Geist oder von einer starken Seele oder von diesen beiden zusammen gerettet werden, so er. &#8230; Von Zeit zu Zeit seien solche Krankheiten &#8230; notwendig, um sich jene Gedanken machen zu k\u00f6nnen, zu welchen der Mensch ohne eine solche zeitweise Krankheit nicht komme.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN1875-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-45275\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN1875-2-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN1875-2-300x225.jpg 300w, https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN1875-2.jpg 540w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Das ist ein interessanter Gedanke. Wir gingen in gewisse \u00bbDenkbezirke\u00ab, um zu einem gewissen Bewusstsein zu kommen, und diese Denkbezirke k\u00f6nnten Krankenh\u00e4user, Gef\u00e4ngnisse und Kl\u00f6ster sein. Wir sind in der Krise und fl\u00fcchten uns in einen Leerraum, den auch ein Urlaub am Meer b\u00f6te. Wir suchen das unbewusst. Wir suchen etwas. Um ins Krankenhaus zu kommen, brauchen wir eine Krankheit, f\u00fcrs Gef\u00e4ngnis eine Tat, f\u00fcrs Kloster einen Schwur. Weiter gedacht:<\/p>\n<p><em>Es w\u00e4re durchaus m\u00f6glich, dass es \u00fcberhaupt nur erfundene Krankheiten gibt, so mein Gro\u00dfvater, die als tats\u00e4chliche Krankheiten erscheinen, weil sie die Wirkung von tats\u00e4chlichen Krankheiten haben.\u00a0\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Ein guter Autor provoziert und wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Verwandte Beitr\u00e4ge:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/?p=8341\">Schauspielernde Arbeiter<\/a> \u2013 <a href=\"https:\/\/manipogo.de\/?p=33969\">Im Literaturmuseum<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Atem ist eine 120-seitige Erz\u00e4hlung von Thomas Bernhard, die 1981 erschien, aber auf das Jahr 1949 zur\u00fcckgeht, als der 18-J\u00e4hrige todkrank war und im Krankensaal\u00a0 (\u00bbSterbezimmer\u00ab) eines konfessionellen Krankenhauses untergebracht war mit zwei Dutzend Todeskandidaten hohen Alters. 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