{"id":47717,"date":"2026-11-05T01:18:00","date_gmt":"2026-11-05T00:18:00","guid":{"rendered":"https:\/\/manipogo.de\/?p=47717"},"modified":"2026-11-04T22:16:47","modified_gmt":"2026-11-04T21:16:47","slug":"kafka-im-flow","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/manipogo.de\/?p=47717","title":{"rendered":"Kafka im Flow"},"content":{"rendered":"<p>Kurzfristig das Programm ge\u00e4ndert. Ich hatte vorher einen alten Prosa-Beitrag aus Italien drin, doch dann befeuerte\u00a0 mich doch (wie andere) das triumphale Ergebnis der Demokraten in den USA. Das Ende des Albtraums Trump ist abzusehen. Was f\u00fcr eine Nacht! \u2013 Auch Franz Kafka hatte einmal eine triumphale Nacht.\u00a0 <!--more--><\/p>\n<p>Franz Kafka erlebte eine Art <em>satori<\/em>. Er hatte ein Erweckungserlebnis. Eine Nacht lang befand er sich im <em>Flow<\/em> \u2013 und schrieb die Erz\u00e4hlung <em>Das<\/em> <em>Urteil<\/em>. Dann war er drin, danach glaubte er an sich. Das fand ich in dem Buch <em>Auf der Schwelle des Gl\u00fccks<\/em>, der neuen Kafka-Biografie von Alois Prinz. Gut zu lesen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/2026-10-27-0002.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-47720\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/2026-10-27-0002-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/2026-10-27-0002-212x300.jpg 212w, https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/2026-10-27-0002.jpg 540w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a>Am ersten Tag des (mittlerweile ganz sch\u00f6n gealterten) Jahres besuchten wir das Franz-Kafka-Museum in Prag. Nat\u00fcrlich hatte ich nach Prag seine s\u00e4mtlichen Erz\u00e4hlungen mitgenommen, die ich dann im Flieger liegenlie\u00df. Ich gab sie schon verloren; doch die Stewardessen standen m\u00fc\u00dfig herum, also rannte ich zur\u00fcck und rettete den Band. Es ist ein\u00a0 altes abgegriffenes fast 50 Jahre altes Taschenbuch. Vor ein paar Wochen suchte ich es wieder; doch es stand in einem Regal. Jetzt bleibt es aber auf dem Schreibtisch neben dem Buch \u00fcber Kafka.<\/p>\n<p>Prinz schildert das ja sch\u00f6n. Es war der 16. September 1911 am Morgen. Das Dienstm\u00e4dchen sah den jungen Herrn Kafka bereits angezogen; er habe bis jetzt geschrieben.<\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/2026-10-27-0003.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-47721\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/2026-10-27-0003-217x300.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/2026-10-27-0003-217x300.jpg 217w, https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/2026-10-27-0003.jpg 540w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a>Tats\u00e4chlich hat Kafka die ganze Nacht, acht Stunden lang, ununterbrochen am Schreibtisch verbracht. Und es war f\u00fcr ihn eine gro\u00dfartige Nacht, auch wenn es eine f\u00fcrchterliche Anstrengung war. Zum ersten Mal ist ihm ein Schreiben gegl\u00fcckt, wie er es sich immer erhofft hat. Und jetzt ist er sich absolut sicher, dass alles, was er bisher geschrieben hat, nur wertlose Pseudo-Literatur ist im Vergleich zu dieser Geschichte, die er wie in einer \u00bbGeburt\u00ab hervorgebracht hat, \u00bbmit Schmutz und Schleim bedeckt. Nur so kann geschrieben werden\u00ab, schreibt er in sein Tagebuch, \u00bbnur in einem solchen Zusammenhang und solcher vollst\u00e4ndigen \u00d6ffnung des Leibes und der Seele\u00ab.<\/em><\/p>\n<p>Kafka scheint wie verwandelt. Er sei in \u00bbunglaublicher Ekstase\u00ab, schrieb sein Freund Max Brod. Hunderte Seiten des Amerika-Romans hatte K. schon vernichtet, der h\u00f6chste Anspr\u00fcche ans Schreiben hatte. Ein richtiges Buch m\u00fcsse uns wie ein Faustschlag auf den Sch\u00e4del wecken; es \u00bbmuss die Axt sein f\u00fcr das gefrorene Meer in uns\u00ab. Das restlos ausdr\u00fccken zu k\u00f6nnen, was ihn bewegt, w\u00e4re wie eine \u00bbhimmlische Aufl\u00f6sung\u00ab, und danach w\u00fcrde er erst richtig zu leben beginnen. Er sch\u00e4tzt S\u00e4tze, die nur etwas \u00bbzum Schwingen bringen, die etwas Unausgesprochenes, vielleicht Unaussprechbares nur andeuten\u00ab (Prinz). (<em>Oben rechts das Bild auf der R\u00fcckseite der Eintrittskarte des Museums: der Gr\u00fcbler, der Ekstatiker. Unten links der Brave, der verantwortungsvolle Jung-Versicherungsmann<\/em>.)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/2026-10-27-0001.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-47722\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/2026-10-27-0001-188x300.jpg\" alt=\"\" width=\"188\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/2026-10-27-0001-188x300.jpg 188w, https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/2026-10-27-0001.jpg 540w\" sizes=\"auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px\" \/><\/a>\u00dcber Kafkas Prosa und \u00fcber seinen Stil wurden vermutlich schon Hunderte B\u00fccher geschrieben. Auch seine Tagebuch-Eintragungen klingen r\u00e4tselhaft und wie nie geh\u00f6rt, da sind durch ein \u00fcberraschendes Bild, eine ungewohnte Kombination Nuancen ausgedr\u00fcckt. Das liest sich zuweilen wie moderne Lyrik, und man kann sich gut vorstellen, dass Franz Kafka in seinem Flow ES einfach hat schreiben lassen: so, wie es aus ihm kam. Er sp\u00fcrte, wenn es gut war, wenn es authentisch und kraftvoll aufs Papier kam.<\/p>\n<p>Das ist Literatur. \u00dcber schlechte B\u00fccher hat Truman Capote gern gesagt: \u00bbThat&#8217;s typing, not writing.\u00ab Oft wird bieder Handlung geschildert, werden Floskeln aneinandergereiht und Banalit\u00e4ten aufeinanderget\u00fcrmt. Ach, die Sprache ist das Problem. Ohne Verallgemeinerungen und Vergr\u00f6berungen k\u00f6nnten wir nicht kommunizieren, doch ist jedes Einzelwesen auf diesem Planeten einzigartig, jedes Gef\u00fchl ist es und alles, was wir erleben. Manchmal denke ich an den Nominalismus im Mittelalter, der leugnete, dass es Klassen wie \u00bbFahrr\u00e4der\u00ab oder \u00bbSchr\u00e4nke\u00ab gibt. Jedes Ding war einzigartig. Kafka hat zu einem einzigartigen Stil gefunden, und \u00fcber 100 Jahre nach seinem Tod wird er immer noch bewundert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Verwandte Artikel:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/?p=44947\">Wer zum Teufel ist Kafka<\/a>? \u2013 <a href=\"https:\/\/manipogo.de\/?p=43607\">Franz Kafka<\/a> \u2013 <a href=\"https:\/\/manipogo.de\/?p=38825\">Der J\u00e4ger Gracchus<\/a> \u2013\u00a0 <a href=\"https:\/\/manipogo.de\/?p=7360\">K. und Frieda<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kurzfristig das Programm ge\u00e4ndert. Ich hatte vorher einen alten Prosa-Beitrag aus Italien drin, doch dann befeuerte\u00a0 mich doch (wie andere) das triumphale Ergebnis der Demokraten in den USA. Das Ende des Albtraums Trump ist abzusehen. 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