{"id":6982,"date":"2014-09-10T01:13:58","date_gmt":"2014-09-09T23:13:58","guid":{"rendered":"http:\/\/manipogo.de\/?p=6982"},"modified":"2016-03-21T18:02:58","modified_gmt":"2016-03-21T17:02:58","slug":"die-schichten-eines-textes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/manipogo.de\/?p=6982","title":{"rendered":"Die Schichten eines Textes"},"content":{"rendered":"<p>Religi\u00f6se Texte und gute literarische sind vielschichtig. Sie lassen sich auf verschiedenen Ebenen interpretieren; sie sprechen von mehr als dem, von dem sie sprechen. Man kann von der Oberfl\u00e4che immer weiter in die Tiefe gehen. Da gibt es eine Faustregel im Judentum, und ich gebe sie hier wieder, um nicht immer wieder in zwei Notizb\u00fcchern die entsprechenden Stellen heraussuchen zu m\u00fcssen.<!--more--><\/p>\n<p>Der unvergleichliche Gershom Scholem (1897-1982) hat \u00f6fter die vier Ebenen oder Schl\u00fcssel erw\u00e4hnt, etwa in seinem Aufsatz <em>The Meaning of the Torah in Jewish Mysticism<\/em>. Das Schl\u00fcsselwort ist <em>pardes<\/em> oder <em>Paradies<\/em>, es ist sozusagen das Zauberwort, das die Ebenen ent-schl\u00fcsselt. Auf Hebr\u00e4isch liest man es von rechts nach links, aber das spielt keine Rolle; aber nur die Konsonanten z\u00e4hlen wie im Arabischen.<\/p>\n<p>Das <strong>P<\/strong> steht f\u00fcr <em>pardesch<\/em>, die w\u00f6rtliche Bedeutung, das <strong>R<\/strong> f\u00fcr <em>remes<\/em>, die allegorische Bedeutung, das <strong>D<\/strong> f\u00fcr <em>derascha<\/em>, die talmudische\/agadistische Interpretation und das <strong>S<\/strong> f\u00fcr <em>sod<\/em>, die mystische Bedeutung. Zun\u00e4chst sieht man die Handlung, dann geht man tiefer: zur Allegorie. <em>Boy meets girl<\/em> k\u00f6nnte auf der allegorischen Ebene eine Vervollst\u00e4ndigung eines Menschen bedeuten; die Besteigung des Mont Ventoux, die Petrarca schilderte, war vermutlich eine Allegorie vom Aufstieg der Seele. Sie lie\u00dfe sich noch pointierter religi\u00f6s betrachten, und die mystische Bedeutung ist etwas, das eben verborgen ist und einem unter Umst\u00e4nden enth\u00fcllt wird.<\/p>\n<p>Ernst M\u00fcller schreibt es in dem Buch <em>Der Sohar und seine Lehre<\/em> so: \u00bbAuch kehrt im Sohar die talmudische Vierteilung der Deutungsmethoden wieder, von denen <em>Peschat <\/em>jene nach dem nackten Wortsinn, <em>Remes<\/em> die stereotype Andeutung, <em>Derusch<\/em> die Allegorie, <em>Sod<\/em> das innere Geheimnis bedeuten. Die Anfangsbuchstaben dieser vier W\u00f6rter ergeben den Namen Pardes, das Paradies des tiefen und vollkommenen Verst\u00e4ndnisses.<\/p>\n<p>Berhya ben Asher, Tora-Kommentator (die Tora sind die ersten f\u00fcnf B\u00fccher des Alten Testaments), schrieb das auch schon 1291 in Saragossa, und auch der M\u00f6nch Bede im 8. Jahrhundert erw\u00e4hnte vier Schichten: Geschichte, Allegorie, Tropologie und Anagogie (heilsgeschichtliche Interpretation).<\/p>\n<p>Man darf sich davon nicht irremachen lassen. Die Interpretation von Texten ist gefahrvoll. Dazu gibt es eine (allegorische) Geschichte, die M\u00fcller und Scholem erz\u00e4hlen: Die talmudischen Gelehrten Rabbi Akiba, Ben Zoma, Ben Azzai und Aher betreten das Paradies. Einer sieht und stirbt sofort, die beiden anderen werden verr\u00fcckt, nur Rabbi Akiba (er lebte etwa von 55 bis 135), der angeblich aus H\u00e4kchen im Gesetz Berge von Deutungen ableiten konnte, \u00bbtrat friedlich ein und kam friedlich wieder heraus\u00ab.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Religi\u00f6se Texte und gute literarische sind vielschichtig. Sie lassen sich auf verschiedenen Ebenen interpretieren; sie sprechen von mehr als dem, von dem sie sprechen. Man kann von der Oberfl\u00e4che immer weiter in die Tiefe gehen. 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