{"id":805,"date":"2012-09-26T01:18:59","date_gmt":"2012-09-25T23:18:59","guid":{"rendered":"http:\/\/manipogo.de\/?p=805"},"modified":"2016-03-22T18:21:02","modified_gmt":"2016-03-22T17:21:02","slug":"schoenheit-und-trauer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/manipogo.de\/?p=805","title":{"rendered":"Sch\u00f6nheit und Trauer"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size: small;\">Tina Stadlmayer hat in den 1990-er Jahren in Tokio als Korrespondentin f\u00fcr deutsche Tageszeitungen gearbeitet. Sie lebt in Hamburg. In ihrem B\u00fccherregal stehen viele Werke japanischer Autoren; ich griff mir <em>Sch\u00f6nheit und Trauer<\/em> heraus, das letzte Buch des ersten Literatur-Nobelpreistr\u00e4gers (1968) seines Landes: Yasunari Kawabata (Japaner nennen ihn mit dem Nachnamen zuerst: Kawabata Yasunari). <!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\">Das erste Buch des 1899 in Osaka geborenen Autors war <em>Die T\u00e4nzerin von Izu<\/em>. Der Roman <em>Schneeland<\/em> machte ihn 1937 dann ber\u00fchmt. Es folgten <em>Tausend Kraniche<\/em> (1951), <em>Ein Kirschbaum im Winter<\/em>, <em>Kyoto oder die jungen Liebenden in der alten Kaiserstadt<\/em> sowie <em>Sch\u00f6nheit und Trauer <\/em>(1962<em>)<\/em>. Dann schrieb er anscheinend nichts mehr bis zu seinem Tod 1972.\u00a0<\/span><span style=\"font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\">Seine Romane sind nicht sehr umfangreich, aber streng durchkomponiert. W\u00e4hrend ich <em>Sch\u00f6nheit und Trauer <\/em>las, dachte ich an ein anderes Buch aus Japan, in dem ein junger Mann eine Teelehrerin aufsucht, die die Geliebte seines Vaters war &#8230; Es war, wie sich zeigte, exakt <em>Tausend Kraniche<\/em>. In beiden B\u00fcchern meint man, die Beziehung der Figuren zueinander als Diagramm aufzeichnen zu k\u00f6nnen.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/Poser-1909.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-806\" title=\"Poser 1909\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/Poser-1909.jpg\" alt=\"\" width=\"540\" height=\"439\" srcset=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/Poser-1909.jpg 540w, https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/Poser-1909-300x243.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/a><\/p>\n<address class=\"wp-caption-dd\">Illustration: Rolf Hannes<\/address>\n<\/div>\n<p><span style=\"font-size: small;\">Die Teelehrerin stellt dem jungen Mann ein M\u00e4dchen vor und hofft, die beiden zusammenzubringen. Das M\u00e4dchen, Yukiko, tr\u00e4gt einen Kimono mit den Kranichen, in Japan ein Symbol f\u00fcr den Wegflug, also den Tod. Doch da gibt es noch Frau Oota, eine weitere fr\u00fchere Geliebte des Vaters, von diesem mehr geliebt. Sie geht mit dem Sohn (in Erinnerung an fr\u00fcher) eine Aff\u00e4re ein, nimmt sich danach das Leben, und der Sohn neigt sich ihrer Tochter Fusako zu, weil sie ihn an Frau Oota erinnert &#8230;\u00a0<\/span><span style=\"font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\">In <em>Sch\u00f6nheit und Trauer<\/em> dagegen erinnert sich ein Schriftsteller an seine Liebe zu einem jungen M\u00e4dchen. Das liegt ein Vierteljahrhundert zur\u00fcck, und er war 30 Jahre alt. Das M\u00e4dchen ist zu einer K\u00fcnstlerin geworden und mag ihn noch, obwohl er sie verlassen hatte und ihr gemeinsames Kind starb. Keiko, die junge impulsive Freundin der K\u00fcnstlerin, ist eifers\u00fcchtig und will diese \u00bbr\u00e4chen\u00ab. Sie kokettiert mit Vater und Sohn. Das Ende ist nat\u00fcrlich tragisch. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\">Vater und Mutter haben sich \u00bbreproduziert\u00ab, sagt man. Strukturen bleiben erhalten, innerhalb derer neue Figuren auf alte Art wirken, und bei Kawabata f\u00fchlt man sich wie in der Teezeremonie oder beim Blumenstecken; es wird eine Geschichte ausgespielt, die bereits in Umrissen dasteht, \u2014 jeder Schritt ist logisch, es gibt es kein Entrinnen. Personen wiederholen fr\u00fchere Muster, und stets gibt es ein \u00bbb\u00f6ses\u00ab Element, das besitzen und zerst\u00f6ren will.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\">Die Literatur des Japans im vergangenen Jahrhundert bezog sich noch stark auf die Tradition, und das trifft auch noch auf den Literatur-Nobelpreistr\u00e4ger von 1994 zu,\u00a0Kenzaburo Oe (geboren 1935). Banana Yoshimoto (geboren 1964) und Haruki Murakami (1949), der lange in den USA lebte,\u00a0schrieben \u00bbwestlichere\u00ab B\u00fccher und hatten damit weltweit Erfolg.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/span><span style=\"font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\">Yasunari Kawabata\u00a0nahm sich im April 1972 das Leben. Im Klappentext eines Buches hei\u00dft es, die Tat bleibe r\u00e4tselhaft; woanders steht, auf dem Tisch habe ein Gedicht gelegen, das das Leben pries. Aber das ist unwichtig; wenn man Kawabatas B\u00fccher liest, wei\u00df man, wie sehr er das Leben liebte.\u00a0 <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tina Stadlmayer hat in den 1990-er Jahren in Tokio als Korrespondentin f\u00fcr deutsche Tageszeitungen gearbeitet. Sie lebt in Hamburg. 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