{"id":873,"date":"2012-10-01T00:55:26","date_gmt":"2012-09-30T22:55:26","guid":{"rendered":"http:\/\/manipogo.de\/?p=873"},"modified":"2020-12-02T21:59:08","modified_gmt":"2020-12-02T20:59:08","slug":"mein-verborgenes-auge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/manipogo.de\/?p=873","title":{"rendered":"Mein verborgenes Auge"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size: small;\"><em>manipogo<\/em> hat nun exakt 100 Abonnenten, wenn \u00bbFeeds\u00ab das bedeutet. Frohlocken! Nun aber ist nichts vorbereitet! Ich muss also <em>bloggen<\/em>, wenn bloggen hei\u00dft: drauflos schreiben. Am besten eine Plauderei \u00fcber eine Veranstaltung, die ich soeben besucht habe: die Vernissage von <em>Kunst auf der Liegewiese<\/em> im Freiburger Fauler-Bad.<!--more--><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\">Vor 30 Jahren schickte man mich bei der <em>Badischen Zeitung<\/em> zuweilen zu kleineren Vernissagen, wie man es mit jungen Praktikanten tut, die dann auch schnell begreifen, was von ihnen verlangt wird, und wenn sie schnell im Begreifen sind, schreiben sie einen Artikel voller Pathos, denn Kunst ist wichtig, und mit dem passenden Foto (K\u00fcnstler, l\u00e4chelnd, neben Werk) kann sich das schon sehen lassen. Die Kollegen nicken (<em>Aus dem wird noch<\/em> was), der K\u00fcnstler ist begl\u00fcckt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\">Nun ward von mir nichts verlangt, und ich stand auf der h\u00fcbsch ausgestatteten Liegewiese, mein Blick fiel auf ein fernes Steinm\u00e4nnlen auf einer B\u00f6schung, und ich sagte: \u00bbNett\u00ab. Ein anwesender K\u00fcnstler kommentierte, dass K\u00fcnstler dieses Adjektiv nicht gern h\u00f6rten. Sie h\u00f6rten auch nicht gern \u00bbDas k\u00f6nnte ich auch\u00ab, jedoch ebenso ungern \u00bbDas k\u00f6nnte ich nicht\u00ab. Welches Adjektiv nun angebracht sei, das konnten wir nur andiskutieren. <\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_878\" style=\"width: 550px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN39891.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-878\" class=\"size-full wp-image-878\" title=\"DSCN3989\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN39891.jpg\" alt=\"\" width=\"540\" height=\"245\" srcset=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN39891.jpg 540w, https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN39891-300x136.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-878\" class=\"wp-caption-text\">Das Steinm\u00e4nnlein rechts fand ich &#8222;nett&#8220;<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\">Zwei Tage vorher hatte meine \u00bbEx\u00ab \u00fcber Arbeiten eines Laufener Bauernmalers, \u00fcber den ich eine Vernissage am Freitag besucht hatte, gesagt, Arbeiten von ihm hingen auch bei ihrer Friseurin, und die seien\u00a0\u00bbwitzig\u201c. Nat\u00fcrlich sind <em>nett<\/em> und <em>witzig<\/em> f\u00fcr Werke Adjektive, die deren Sch\u00f6pfer in eine tagelange Depression st\u00fcrzen k\u00f6nnten. Denn wie alle mit Herzblut arbeitenden K\u00fcnstler hofft er\/sie, dass einer vor ihrem Werk nieders\u00e4nke, die H\u00e4nde vors Gesicht schl\u00fcge und schluchzte: \u00bbO Gott!\u00ab Wir wollten alle einmal Erleuchtung in die Welt bringen und waren nicht zufrieden damit, die Welt nur versch\u00f6nert zu haben.\u00a0<\/span><span style=\"font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\"><a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN3988.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-875\" title=\"DSCN3988\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN3988-219x300.jpg\" alt=\"\" width=\"219\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN3988-219x300.jpg 219w, https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN3988.jpg 540w\" sizes=\"auto, (max-width: 219px) 100vw, 219px\" \/><\/a>Kunst wirkt auf den Einzelnen. Nat\u00fcrlich wird immer versucht, die Werke zu \u00bberkl\u00e4ren\u00ab, und alle h\u00f6ren zu in der Hoffnung, einen Schl\u00fcssel zu deren Verst\u00e4ndnis an die Hand zu bekommen. Doch letztlich geht es um die Begegnung von einem hoffungslos versch\u00fctteten Unterbewusstsein (des Betrachters) mit einem sich als unbewusst gebenden Bewusstsein (des K\u00fcnstlers). Die Surrealisten waren begeistert von den Arbeiten der verr\u00fcckten K\u00fcnstler in der <a href=\"https:\/\/manipogo.de\/?p=691\" target=\"_blank\">Prinzhorn-Sammlung <\/a>in Heidelberg, aber sie begriffen, dass sie verr\u00fcckt sein m\u00fcssten, um so etwas zu schaffen, und das wollten (und konnten) sie dann doch nicht. (<em>Bild: eine Installation von J\u00f6rg Siegle<\/em>.)\u00a0<\/span><span style=\"font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\">Man besucht tausend Ausstellungen in tausend Museen, und: nichts. Dass einen ein Kunstwerk ber\u00fchrt oder lebenslang verfolgt, geschieht so selten wie eine Erleuchtung nach jahrelanger Meditation. So ist das eben. Wir k\u00f6nnen aber Kunstwerke interpretieren, sie sozusagen selbst mit Inhalt f\u00fcllen, doch dazu wird ein gewisses R\u00fcstzeug verlangt. Man muss \u00fcber ein Instrumentarium kultureller Zeichen verf\u00fcgen, Assoziationen herstellen und in die Tiefe denken, dann kommt etwas heraus.\u00a0<\/span><span style=\"font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\">Nehmen wir einmal die kleine Installation von Rolf Hannes, den ich ja gut kenne. (Mein Foto ist leider so unscharf, dass es unbrauchbar ist.) Rolf hat in einer Umkleidekabine des Fauler-Bads in Kopfh\u00f6he auf einem K\u00e4stchen ein Auge (einer Puppe) angebracht, das einen anschaut. Unheimlich. Ich dachte an die US-Serie <em>Twilight Zone<\/em>, in der am Beginn Augen \u00fcber die Leinwand purzeln, zu nervt\u00f6tender Musik. Da ging es um paranormale Erlebnisse. Das Auge steht in der Mythologie f\u00fcr Bewusstheit; manche G\u00f6tter werden mit vielen Augen abgebildet<a href=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN1298.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-876\" title=\"DSCN1298\" src=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN1298.jpg\" alt=\"\" width=\"540\" height=\"275\" srcset=\"https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN1298.jpg 540w, https:\/\/manipogo.de\/wp-content\/uploads\/DSCN1298-300x152.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/a> und der christliche Gott nur mit einem. <\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\">Aber das Auge h\u00e4ngt ja in der Umkleidekammer, ist also wom\u00f6glich das Auge des Unterbewussten, das mehr wei\u00df als das Auge des Bewussten, aber gerne im verborgenen bleibt. Es sieht vieles, aber dann klappt die Kammer wieder zu. Der Begriff <em>private eye<\/em> f\u00fcr den Privatdetektiv kommt einem in den Sinn, der verdeckt operiert, untreuen Ehem\u00e4nnern und\u00a0Million\u00e4rst\u00f6chterlein nachsp\u00e4ht. In Umkleidekammern oder Spinden weden immer Fotos von\u00a0nackten M\u00e4dels aufgeh\u00e4ngt, auf Latrinenw\u00e4nde schreibt man zotige S\u00e4tze, das ist der Platz f\u00fcr das Unterbewusstsein.\u00a0<\/span><span style=\"font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\">Aber vielleicht fiel mir das nur ein, weil ich am selben Tag\u00a0das Buch <em>Antwort auf Hiob<\/em> des Schweizer Tiefenpsychologen Carl Gustav Jung (1875\u20131961) zu Ende gelesen hatte, des Experten f\u00fcr das Unterbewusstsein. Er hat es 1952 geschrieben\u00a0und auch einen Seitenhieb auf die Kunst angebracht. Nachdem die s\u00fcndige Stadt Babylon, die \u00bbHure Babylon\u00ab zerst\u00f6rt wurde, ruft Johannes in seiner <em>Apokalypse<\/em> ihr nach: \u00bbKein K\u00fcnstler in irgend einer Kunst wird mehr in dir gefunden werden.\u00ab<\/span><span style=\"font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\">Dazu Jungs Kommentar: Man k\u00f6nne nicht umhin, \u00bbdes Verh\u00e4ngnisses, das unsere moderne Kunst erreicht hat, zu gedenken\u00ab. Das ist hart formuliert, und man k\u00f6nnte es als das Verdikt eines alternden weltfernen Konservativen abtun. Da trauert einer \u00fcber Verluste. Aber Kunst ist heute eben\u00a0gegenst\u00e4ndlich, wie diese Welt es ist; sie ist abstrakt, \u00bbwie die Beziehungen der Menschen zueinander abstrakt geworden sind\u00ab (Adorno); sie ist neutral und unpers\u00f6nlich, was es dem Betrachter schwer macht, einen pers\u00f6nlichen Bezug herzustellen. Es ist die Kunst dieser Welt. Aber irgendwo ist er, der g\u00f6ttliche Funke; irgendwo muss es sein, das Kunstwerk, das in mir z\u00fcndet.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>manipogo hat nun exakt 100 Abonnenten, wenn \u00bbFeeds\u00ab das bedeutet. Frohlocken! Nun aber ist nichts vorbereitet! Ich muss also bloggen, wenn bloggen hei\u00dft: drauflos schreiben. 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