The Revenant

Schon Anfang März standen uns zwei Filme zur Wahl: The Revenant und The Hateful Eight. Tarantino, klar. Auch, weil Giovanna den ersten Film mit den Worten angekündigt hatte, Leo Di Caprio spiele einen Vater, der seinen Sohn sucht. Das klang langweilig. Hätte sie gesagt González Iñárritu, es hätte gereicht. Aber jetzt haben wir den Film über den Rückkehrer gesehen.

Es ist viel geschrieben worden über die epischen Qualen, die den Schauspielern bei den Dreharbeiten auferlegt wurden, bei minus 30 Grad in Alberta, Kanada. Es gibt auch einen Dokumentarfilm darüber. Man kann aber sagen, dass das Leiden auf den Zuschauer überspringt. Überhaupt wird bei Alejandro González Iñárritu viel gelitten, er mutet uns immer viel zu.

Nach der letzten Einstellung war ich plötzlich wie gelähmt und hatte Tränen in den Augen, obwohl ich das gar nicht wollte. Es kam einfach und war stärker als ich. Mein Gesichtsausdruck sagte wohl alles, und Giovanna lachte laut und meinte: »Ist doch bloß ein Film!« ― Ich finde trotzdem Biutiful den stärksten seiner Filme, die Eingangsszenen sind unvergesslich mit Javier Bardem in dem Winterwald, der tot ist und es nicht weiß. Die Protagonisten müssen bei dem Mexikaner immer sterben.

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Rache treibt Hugh Glass an. Ein Bär hat ihn überfallen und schrecklich zugerichtet, eigentlich kann man so etwas nicht überleben. Doch wer ein Ziel hat, wächst über sich hinaus. Auch Rache ist wichtig; das Böse muss niedergezwungen werden, bevor es weiterwüten kann. So schleppt sich der zerquälte Glass durch die Gegend. Ein Indianer baut ihm im rasenden Sturm eine Schwitzhütte; später baumelt sein Retter an einem Baum, gehängt von Weißen. Die Natur ist nie so gnadenlos, wie es Menschen sein können. Der Film spielt zur Pionierzeit vor 200 Jahren, als Truppen von Weißen in Indianergebiet einfielen, Tiere töteten und ihre Felle verkauften. Man muss einmal im Leben den Wildtöter von James Fenimore Cooper lesen, das ist die Zeit!

Ist bei Biutiful die Stadt (Barcelona) der Dschungel, der die Menschen verschlingt, so ist es bei The Revenant die Natur mit ihrer Kälte, die sie niederzwingt. Der Überfall der Indianer ist dargestellt wie ein Naturereignis, wie ein fürchterliches Gewitter, dem man nicht entrinnt. Aus dem Nichts zischen Pfeile herbei und schlagen in Körper ein. Panik und Flucht.

Ich musste an den Partisanen Johnny von Beppe Fenoglio denken, diesen Roman, in dem die Kämpfer tagelang in einer Eiswüste unterwegs sind. Auch im Revenant sind wir hineingeworfen in eine feindselige, kalte Welt, in der die Zeit angehalten erscheint und hinter jeder Biegung der Tod warten könnte. Die Blicke hoch in die weit entfernten Baumkronen, die sich im eiskalten Wind wiegen, sind voll von einer eigentümlichen Hoffnung. Weitermachen oder sich ergeben?

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Solche Filme geben immer Hoffnung. Jemand bäumt sich auf gegen den wahrscheinlichen Untergang, Die Kraft kommt immer aus den menschlichen Bindungen, die bereits zerschnitten sein mögen wie im Revenant; doch die Verpflichtung bleibt, die Rache ist ein Ausdruck von Liebe für die Gestorbenen, für die man tut, was man zu Lebzeiten nicht tun konnte.

Hugh Glass sagt, er sei eigentlich schon tot (auch Uxbal in Biutiful ist zum Tod verurteilt), er habe alles verloren, aber wer im Leben tot ist, kann sich authentisch geben und kämpferisch, er hat nichts mehr zu verlieren und ist bei sich. Darum sind González Iñárritus Filme immer auch Jenseitsfilme. Sie bannen einen in eine ungeheuer lastende Gegenwart, hinter der aber schon der neblige Wald zu erahnen ist.

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