Bericht über eine Konferenz

Wochenlang hatte mich dieser Vortrag bei der Konferenz Heilendes Bewusstsein beschäftigt, und nun muss ich das noch auf manipogo abschließen. Mein Hirn ist wieder frei, und ich kann mich einem Roman, einer Übersetzung, der arabischen Sprache und weiteren Recherchen widmen.

Mir war klar geworden, dass ich den Vortrag ausführlich und zur Gänze niederschreiben müsste. Das waren dann neun eng mit Bleistift und Tinte beschriebene Seiten. Nun stand ich vor meinen 25 Zuhörern und fing an. Natürlich kam alles anders. Wie vor einem Jahr bei meinem Vortrag in Singen stürzte ich mich hinein … und fühlte mich wie ein lebendes Placebo, das nichts ist und nichts weiß.

Dennoch wusste ich eine ganze Menge. Und dann ― das war interessant ― gestaltete sich der Vortrag anders. Er nahm sich mir aus der Hand und machte, was er wollte. Ich kam schon zu Beginn auf eine Episode, die erst für Seite acht geplant war, erzählte sie auch, und immer wieder berichtete ich von etwas, das eigentlich noch nicht »dran« war. Schließlich ergab ich mich und machte es frisch von der Leber weg. Es wurde zwar etwas konfus, aber irgendwie inspirierend für die Zuhörer, die (wie mein Auditorium letztes Jahr) mit mir mitlitten, ob ich die Kurve kriegen würde …

Es dauerte 80 Minuten. Bei einem Fußballspiel ist man einer von vielen, doch bei einem Vortrag steht man im Mittelpunkt und jongliert und argumentiert, spürt, während man spricht, dass das jetzt nicht überzeugend klingt, spricht weiter, bekommt wieder festen Boden unter die Füße, denkt, während man spricht, wie es weitergehen soll, und so wühlt man sich durch und vergisst die Zeit, schaut umher und zwei, drei Zuhörer an, die einem Kraft geben, und einer lächelt, der andere döst vor sich hin, nicht schlimm, und am Ende haben meine Leute sogar drei Mal gelacht. Ach, ich war glücklich, während ich sprach (und noch mehr, als es vorbei war).

Bei Peter Michel kaufte ich dann das Buch One Mind von Larry Dossey, in dem es darum geht, dass wir alle aus demselben Quell entstammen, dass wir alle verbunden sind. Am Pfingstmontag fuhr ich mit dem Rennrad um den Thunersee, am Abend fing es an zu regnen, und da ich Hunger hatte, packte ich meinen Regenschirm und ging hinunter ins Dorf. Das Restaurant Heimat war voll und sprach mich nicht an, aber im Pub Wydi gab es Chili con Carne, da kehrte ich ein. Erst ein großes Bier!

Wir sind alle verbunden. In der Theorie. Ich grübelte vor mich hin, war auch etwas verdrossen und schaute so die wenigen Leute an. Was sind das für Leute, dachte ich mir. Der Besitzer Ruedi redete mit den Besuchern am Nebentisch, am Tresen saßen zwei alte Männer, dann kam einer, der wie ein Arbeiter wirkte, und bestellte sich ein Bier. Er sah aus wie ein Bär, mahlte mit seinem Unterkiefer und sprach kurz mit anderen Besuchern, ich hörte nur das Wort Vespa. Ich dachte mir: Ach, sie interessieren sich nur für Motorräder. Ja, was sind das wohl für Leute, dachte ich mir, haben sie was mit mir zu tun?

Aber: Wir sind alle verbunden. Als hätte jemand meine Gedanken gelesen, kam Ruedi zu mir und setzte sich, fragte, woher ich käme, erzählte, er fahre Harley-Davidson, kenne sich aus in Freiburg, habe da Musiker organisiert für seine Diskotheken. An der Theke spendierte er mir noch einen Weißwein. Und so kam ich auch wundersamerweise mit dem Biertrinker ins Gespräch, der immer zwischendurch verschwand, um eine Zigarette zu rauchen, hustete, und dann wieder bei seinem Bier saß.

Wir redeten über Krimis. Er sagte, seine Muttersprache sei Französisch; das hörte man, es klang richtig nett. Er mochte Derrick und den Alten, wie er früher war. Kürzlich habe er seine Vespa verkauft, Baujahr 1958, er hätte viel dafür kriegen können, aber dann traf er einen Mechaniker, der richtig begeistert war, und er habe ihm die Vespa praktisch geschenkt, weil er gedacht habe, das sei der Richtige. Er habe sich nun ein Auto gekauft, und im Sommer wolle er viel wandern, mit dem Halbtax den Zug nehmen, im Restaurant einkehren, da lerne man Leute kennen, aber er sei auch gern alleine. Als er so redete, schloss ich ihn in mein Herz.

Wir verabschiedeten uns auch herzlich, er wünschte mir viel Glück mit dem nächsten Buch, ich gab ihm die Hand. Auch als ich bei der Rückfahrt im Auto saß, dachte ich mit Zärtlichkeit an ihn. Ein einfacher Mensch, vermutlich alleine, ohne Partnerin, aber so ein wunderbarer, herzlicher Mensch. Ich wünsche ihm alles Gute. Wenn man so herumsitzt, ist man weit weg von allen. Aber wenn man den Menschen nahekommt, muss man sie (manchmal) lieben. Plötzlich hatte ich das Gefühl, dieser Mann, dessen Namen ich gar nicht kannte, sei mein Bruder. Ich liebe ihn.

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