Club Caribic

Ich bin immer begeistert, dass meine Beiträge mit Lyrik so gut aufgenommen werden: viele Klicks! Das gibt mir Mut, heute einen Auszug aus einem eigenen Werk zu bringen. Es ist ein Versroman von 110 Seiten, der Das Jahrhundertrennen heißt und bislang bei Verlagen, denen ich es zuschickte, auf Schweigen stieß.

So etwas ist zu verrückt und lässt sich nur schwer verkaufen. Ein Roman in Versen und mit Personen, in dem eine Menge passiert! Man liest ja nicht gern Verse. Aber wenn man einmal anfängt, fängt man Feuer, meine ich. Man liest sich ein, und dann klingt es bald wie rhythmische Prosa, wie eine Geschichte eben, spannend und bunt. Vorgelesen wirkt sie vielleicht am besten.

Es geht im Jahrhundertrennen um ein Treffen der Freunde alter Fahrräder in Karlsruhe im Jahr 2017, 200 Jahre nach der Erfindung des Laufrads von Carl Drais. Da gibt es Fahrradrennen, ein Multi-Kulti-Fest, eine Kostümausfahrt, dann auch eine Geisteraustreibung auf dem Hauptfriedhof, und alles gipfelt im Rennen über 100 Meilen (der Titel), bei dem es auch zu einer Jenseitsreise kommt … Diese Zutaten aus dem Geisterreich schrecken dann auch die ab, die noch Interesse hatten. Muss aber so sein.

Nun der Auszug. Rudi, ein deutscher Radfahrer, hat die haitianische Zauberin Sue kennengelernt, die um Mitternacht die armen Geister, die sich an alte Fahrräder gehängt haben, ins Licht schicken will. Sie reden lang auf dem Friedhof über die Religion Haitis, und dann brechen sie auf in die Innenstadt, zum Club Caribic. Der Chef des Friedhofs, Pluto, hat ihnen das geraten. Sie brauchen ja den Schlüssel zum Friedhof …

 

Der Hauptfriedhof ist indessen lang und breit besichtigt worden
Von Sue und Rudi, denn zum Club geht’s erst um acht.
Es gibt so viele Wege, Gräber, Mausoleen, Eingangspforten,
und in der lauschigen und mondbeglänzten Samstagnacht,
wenn niemand sonst den Toten seine Ehr erweist,
gibt’s fast, meint Rudi, keinen schön‘ren Platz auf Erden.
„Du hast nicht Angst“, fragt sie, „vor einem Geist?“
„Später vielleicht“, sagt er, „nun raus, es muss zum Club gefahren werden.“

 Rudi löst ein Ticket, und er und Sue besteigen eine Straßenbahn.
Er ist als Handwerker gekleidet, seine Begleiterin indessen,
geht ja in Schwarz, behängt mit Totenköpfen … Man glotzt die beiden an.
Ist Fastnacht? Fast hätte manch einer das Aussteigen vergessen.
„Club Caribic?“ fragt Rudi ein paar junge Leute. ― „Grad an der Pyramide,
am Marktplatz, ganz zentral, rechts oben, erster Stock.
Da ists speziell, da trifft sich eher die Elite.
Ob ihr da reindürft? Die kriegen so was von nem Schock.“
In dem Haus dort oben wartet eine Schlange. Der Türsteher sie streng taxiert.
Rudi flüstert Sue zu: „Vielleicht gibt es ein Kennwort?
Ich sage einfach Friedhof. Oder Drais.“ – „Falsch“, meint Sue, fixiert
den Wächter, sagt dann: „Mambo io“. Er lässt sie durch: „Ihr seid an Bord.“
Drinnen ist es heiß und eng. Musik im Hintergrund, nicht laut.
Rudi und Sue kämpfen sich durch zu einer Bar. Leer noch die Bühne.
Das Schlagzeug ist dort aufgebaut.
Zwei Gitarren auf zwei Ständern, und ein Hüne
steckt noch die letzten Stecker ein. Von oben blaues Licht.
Rudi hat ein Bier bestellt, für Sue ne Cola-Rum.

Der Hüne richtet sich nun auf. Ins Mikrofon er spricht:
„Der Hauptact heute, liebe Leute, ist ein Wahn und bringt euch um!
Lang erwartet, weltbekannt, Garant für Drive, Tempo und Kraft.
Aus Norwegen, Karlsruhe, Austin/Texas, endlich hier
im Club Caribic: CL Drais mit Songs von ZZ Top, die kriegen was geschafft!
Bühne frei für unsre Band, Gott Rock, wir danken dir!“
Ein kleiner dicker Mann mit Schnauzbart besetzt flink den Schlagzeugsitz.
Von links betritt die Bühne … Pluto, hängt sich eine Gitarre vor den Bauch.
Von rechts schlendert herbei … Pål Janssen! Rudi denkt, das ist ein Witz!
Pål schnappt sich die zweite Gitarre: zwei Vollbärte, zwei dunkle Brillen auch,
nur hat den Helm der Wikinger Pål auf, den mit Gehörn,
und Pluto einen schwarzen Spitzhut, wie Venezianer ihn sonst tragen
im Karneval, mit Schleier. Röhrt ins Mikrofon: „We turn
you on!“ und spielt die ersten Riffs. Pål Janssens Bass trifft in den Magen.
Sie bringen gleich den „Sharp Dressed Man“ und singen „Yes we can!“
Schwingen synchron nach rechts und links ihre Gitarren:
„Every girl’s crazy bout a sharp dressed man!“
Pluto spielt ein Solo, lässt jaulen seine Saiten, alle starren
beglückt, und Pål spielt stoisch-unergründlich seinen Bass.

„She’s got legs, she’s alright“ … nun stehen sie Rücken an Rücken,
und feuern Energie ins Publikum, das ist gebannt, und manche werden blass.
Die ersten tanzen, fallen in Ekstase, Haare fliegen im Entzücken.
Dann steht Pluto ganz rechts zum „Tube Snake Boogie“, Pål wirkt links.
Das ist der Texas-Sound, und alles schwirrt und schwingt und flirrt.
Pluto spielt sich um sein Leben, Pål zupft den Bass, und so gelingt’s,
dass man fast meint, man hätt‘ in eine Bar in Austin, Texas, sich verirrt.
„El Loco“, „Sleeping Bag“, „Concrete and Steel“,
Sie geben weiter Dampf, und es wird immer wüster.
Pål schaut Rudi an und singt: „I am the president, wir sind am Ziel!“
dann „Planet of Women“. Plötzlich wird Påls Stimme düster.

 „I’m shuffling through the texas sand, but my head’s in Mississippi,
I’m shuffling through the texas sand, but my head’s in Mississippi,
the blues has got a hold on me, I believe, I’m getting dizzy!
I keep thinking bout this night in Memphis, Lord I thought I was in heaven
I keep thinking bout this night in Memphis, Lord I thought I was in heaven
When I was stumbling through the parking log I felt like an invisible seven-eleven.“
Die Gitarre klingt gedehnt, gequält, die schrillen Töne schrauben sich empor …
alle tanzen, rocken, ballen Fäuste, die Arme wie die Schlangen sich verdrehen.
Pluto weist auf Sue und Rudi, wirft zwei Objekte hoch in Richtung Ausgangstor,
die langsam, silbern blinkend, in der Luft rotieren und auf die beiden niedergehen.
Es sind zwei Schlüssel. Rudi fängt den einen, Sue schnappt sich den zweiten.
Das alles, während CL Drais sie weiterpeitscht, alles ist voll Adrenalin,
die Tänzer rufen „Yeah“, wollen weiter auf der Tempowoge reiten,
die Musik ist ja unglaublich und wirkt stärker als Amphetamin,
besser als Haschisch, Whisky, Starkbier, Morphium,
mächtiger als Testosteron und das schlimme Erythropoi-etin:
Und alle, alle fallen ins Delirium.

„Delirious“ fegt los, hinter Sues und Rudis Rücken. Sie kriegens nicht mehr mit.
Sie wühlen sich hindurch, umkurven jene Zonen, wo tanzend wird gekämpft,
bis sie zum Ausgang kommen, wo auch sinnig steht „Exit“.
Rudi winkt noch Pluto zu, der grinst. Dann draußen. Alles klingt gedämpft.
Dann unten. „Puh“, schnauft Rudi. „Uff. Du liebe Zeit. O Mann.“
Sue atmet schwer, verdreht die Augen, wischt sich ab den Schweiß.
Rudi sieht erst sie, dann in der Hand den Schlüssel an.
Sue hält den ihren hoch: „Meiner für den Friedhof, deiner … na, wer weiß?“
Im selben Augenblick fällt ihrer beider Augen Blick
auf zwei bildschöne Räder, die links an einer Säule stehn wie drangepresst.
Rudi: „Siehst du das auch? Ist’s eine Täuschung, ist’s ein Trick?“
Ein weißer Cruiser, das sind fast Räder-Straßenkreuzer, amerikanische Gefährte
mit dicken Reifen, großem Radstand, Harley-Lenker,
superbequem zum „Cruisen“ durch die Stadt, stets auf der Fährte
der nächsten Whisky-Bar, für Künstler und für Denker.
Am weißen stecken auf dem Lenkerschaft drei Federn.
Der schwarze, dicht an ihn gelehnt, hat einen Totenkopf an selber Stelle.
Die Sättel, die gefedert, sind von Brooks, natürlich ledern.
Es gibt ein Täschlein für Reparaturen, eine Luftpumpe, für alle Fälle.
Der Schlüssel nähert sich dem Schloss des Schlosses. Und er passt.
Die beiden Helme, die dran hängen, passen auch. Sue sieht: „Mit Nabendynamo.“
„Und Scheibenbremsen“, würdigt Rudi. Sie bestimmt: „Ich fahre weiß
und tue Buße. Du fährst nun schwarz. Weiße Magie für CL Drais!
Die Totenköpfe leg ich ab, und Uropa wird bald bestattet. Ich bin froh.“
Sie winken fröhlich den Passanten zu und klingeln übermütig.
Von irgendeinem Kirchturm her schlägt mehrmals eine Glocke.
Zehn Uhr. „Da ist jemand zu uns über alle Maßen gütig!“
ruft Rudi rüber zur Begleiterin.  „Herz, was willst du mehr, frohlocke!“

Die Räder bleiben vor dem Friedhof, gesichert durch die Kette.
Man weiß ja nicht, ob vor der Geisterschlacht
ein Körperloser das Verlangen hätte,
mit einem Cruiser auszureiten, durch die Nacht!
Es ist noch Zeit, das Klima mild,
die beiden lagern sich in Sichtweite der Draisschen Stele
unter einem Baum, fast ein bukolisch‘ Bild.
„Du musst noch etwas wissen“, sagt Sue, „lass zu, dass ich es dir erzähle.“

 

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