Dokumente

Auf Reisen benutzt man Fahrscheine und braucht Eintrittskarten, bekommt Quittungen und Bons. Papiermüll; weg damit. Doch dann bleibt eine Eintrittskarte in einem Sakko stecken und eine Quittung in einer Tasche – und beide reifen zu einem Dokument heran: Sie beweisen die Vergangenheit.

So passierte mir das öfter dieses Jahr: Ich wollte ein Sakko anziehen, griff in die Brusttasche und fand ein Ticket für die Mozart-Oper Don Giovanni in St. Gallen 2006, und in einem anderen, gelben, steckte ein Ticket für Tosca, Dezember 2005, St. Gallen. Das heißt nicht, dass ich oft in die Oper gehe, eher das Gegenteil: wie selten! Aus einem anderen, alten und grauen Sakko (meines Vaters) zauberte ich einen Essensbon vom Biermeier-Fest in Heiden hervor. Das war 2006. Diese Sakkos hingen anscheinend zehn Jahre unbenützt im Schrank. (Ich trage Sakkos. Werde ich erwachsen?)

Zusammenstellung meiner "Dokumente" in Sakkos und Hosen

Zusammenstellung meiner „Dokumente“ in Sakkos und Hosen

Anders war es mit meiner weißen Sommerhose. Endlich war es warm genug, sie anzuziehen, und in der Seitentasche versteckt lag, halb zerknüllt und etwas ausgebleicht (war wohl mitgewaschen worden), ein kombinierter Stadtplan von Taormina/Nikolosi/Giardini Naxos. Das sagte mir, dass ich die Hose zum letzten Mal Ende September auf Sizilien getragen hatte.

Würde ich in der Brusttasche eines Hemdes eine Einladung zu einer Party am 14. Juni 2019 in San Francisco finden,  müsste ich mich sehr wundern. Nein, es wäre unmöglich. Carl Friedrich von Weizsäcker schrieb in Aufbau der Physik, es gebe zwar Dokumente der Vergangenheit, aber keine Dokumente der Zukunft. Das ist klar; wir haben ja ein Gedächtnis für die Vergangenheit, aber keines für die Zukunft, auch wenn manchmal Eindrücke eintreffen.

Weizsäcker schreibt ferner, die Vergangenheit sei faktisch, aber nicht notwendig. Das bedeutet: Wenn man jemanden (wie mich) sieht, dann muss er nicht unbedingt am 5. Dezember 2005 der Oper Tosca gelauscht haben. Nichts von dem, was ich erlebte, musste in dieser Art sein (notwendig), wie es halt war (faktisch). Man kann im Rückblick sagen: Alle denkbaren Wege waren möglich, die mich zu diesem Zustand führen hätten können, aber nur einer wurde verwirklicht, und dieser eine war Bestandteil einer ganzen Kette. Eine Wolke von Möglichkeiten schwebte um mich.

Aber durch mein Bewusstsein habe ich meinen Lebensweg registriert, und so ist er da. Nun wollen auch Finanzamt und Krankenkasse Dokumente von mir, Dokumente aus der Vergangenheit, die darlegen sollen, wie ich das Wenige, das ich verdient habe, verdient habe. Wer frei sein will in diesem Land, ist verdächtig und muss dafür zahlen. Der Lichtkegel der Behörden ist auf dich gerichtet.

Ein Elektron, das nicht beobachtet wird, lebt unerkannt in seiner Wolke und »lebt« in seiner Wolke: Es hat virtuell alle Wege eingeschlagen, bis es seinen gegenwärtigen Zustand erreichte. Erst wenn wir messen, also hinschauen, wird ein Weg festgelegt. Die Wellenfunktion Schrödingers ist »zusammengebrochen«. Feynman sagte sogar: Das Elektron nimmt alle Pfade, und alle müssen berechnet werden. Was geschehen hätte können, beeinflusst das, was geschieht. Und das, was geschehen wird.

Zeitüberbrückende Wahrnehmung (also Informationen aus der Zukunft) hält Carl Friedrich von Weizsäcker auch für möglich, und er weist auf Nostradamus‘ Prognosen hin. Man muss natürlich wissen, dass eine Information aus der Zukunft kommt. Kommt sie aus meiner Zukunft oder etwa aus der Vergangenheit oder der Zukunft eines anderen? Wir sind alle untereinander verbunden. Also abwarten und aufpassen.

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