Träume von Frau Braun

Völlig überraschend fand ich in meinem 20 Jahre alten Ufo-Ordner ein paar Kopien aus dem Freiburger Bender-Institut: Träume von zeitgeschichtlichem Interesse! Ilse Braun, die Schwester von Eva Braun (Hitlers kurzzeitige Gattin und Todesgefährtin), träumte von deren Ende und vom Attentat auf Hitler. Ich war elektrisiert.

Auf den Blättern steht: »Nur zu Ihrer Information!« Die Autorin hatte ihre Träume aus ihrem Wohnort Heidelberg im Januar 1954 dem Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg geschickt und wollte sie nicht veröffentlicht sehen. Dem steht jedoch, da Frau Fucke-Michels 1979 gestorben ist, nun wohl nichts mehr im Wege.

Bei meiner Recherche fühlte ich mich jedoch persönlich berührt. Ilse Braun wurde 1908 in München geboren und im März 1937 Sekretärin im Berliner Büro von Albrecht Speer, Hitlers Leibarchitekten. Dessen Adjutant und Verbindungsoffizier war 1944 und 1945 Oberstleutnant Manfred von Poser, über dessen Biografie man im Internet nichts findet. Speer erwähnt ihn vielleicht in den Verhören  bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen. Und dann taucht in dem Roman Germania: a novel von Brendon McNally (2009) auch ein Manni, auf, Manni Loerber, der mit von Poser und Speer im Umkreis des Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944 Abenteuer erlebt. Aber nun zu dem Traum, besser: den Träumen. Es sind fünf, und drei drucke ich ab. Nun der erste (so, wie er geschrieben ist, mit allen Fehlern):

Ich war durch die Ereignisse 1945 im April in ein kleines württembergisches Dorf unbeabsichtigt gekommen. Vollkommen fremd wohnte ich bei Kleinbauern. Um mich nützlich zu machen, um Beschäftigung zu haben, versuchte ich zu helfen wo es ging. Und so notierte ich am 29. April – die französische Besatzung war bereits eingezogen – ›Blutrote Erlenscheite sortiert und aufgeschichtet.‹ Weiter nichts.
Nachts erwachte ich plötzlich, wusste aber nicht weswegen. Nur eine Unruhe liess mich ankleiden und in die Bauernstube hinunter gehen, aus der noch Stimmen drangen. Olana die ukrainische Bauernmagd unterhielt sich mit zwei Männern französischer Besatzung, die im Haus untergebracht waren. Um mein Erscheinen zu rechtfertigen ging ich an den Wandschrank um Lesbares zu suchen. Zigarettenrauch stieg mir aufreizend in die Nase, mir der Nikotinsüchtigen die sich an Pfefferminztee gewöhnt hatte! Irgendwie nahm der Elsässer mein Begehren wahr, denn er rief Hallo und warf mir im selben Augenblick eine Schachtel Zigaretten zu, die auf den Boden fiel. Während des  Bückenwollens aber hielt ich in der Bewegung inne und sagte: Franzosen gelten bei uns als die höflichsten und galantesten Männer, aber das muss ein Irrtum sein. Der Franzose nahm eine neue Schachtel vom Tisch, reichte sie mir stehend und entschuldigte sich.
Die  Bemerkung geschah von mir vollkommen unüberlegt, vielmehr aus dem Bann einer Kombination, denn als ich mich bückte, sah ich mich visionär im Abendkleid und dabei erinnerte ich mich des eben gehabten Traumes, aus dessen unbewusster Befangenheit heraus ich wohl höflische Manieren forderte.
Ich war im Abendkleid, so hatte mir geträumt, ich ging viele Stufen hinunter (Verwundern im Traum) anstatt wie oft üblich zu Gesellschaftsräumen hinauf, ich hatte also keine Übung im Halten des schleppenden Kleides (klare, deutliche Feststellung im Traum!). Unten angekommen, sah ich eine Tafel mit silbernen Leuchtern. Auf der Breitseite saß Adolf Hitler. Meine Schwester Eva empfing mich und sagte entschuldigend: Sei nicht böse, es ist mein letztes Fest, schau alles wird gut!« Dabei zeigte sie mir etwas, was sie in Händen hielt, was ich aber nicht erkennen konnte. Ich sah ihr fragend ins Gesicht, da wurde dieses unscharf, sie zog wie eine Nonne von rechts und links graue Schleier davor, bis ich nur noch Nebel sah.
Ich schrieb den Traum in dieser Nacht zum 30. April auf, ohne darüber nachzudenken.
Erst Anfang Juni 1945 hörte ich – bislang von allen Nachrichten abgeschlossen – über die Heirat und den Freitod meiner Schwester im Bunker der Reichskanzlei.

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Eva Braun starb durch Zyankali, Hitlers Leiche wies einen Einschuss im Kopf auf, den ihm vielleicht auf Verlangen ein Mitarbeiter beibrachte, der seinen Körper dann auch außerhalb der Reichskanzlei verbrennen hatte sollen. Man fand seine Überreste in einer Grube.

Nun ein Traum vom 20. Juli 1944, dem Tag des Attentats auf Hitler:

Ich hatte die Angewohnheit bei schönem Wetter auf der gedeckten Glasveranda nach dem Mittagessen auf dem Liegebett zu schlafen. Am 20. Juli 44 war es in Breslau sehr heiss. Gegen einhalb fünf Uhr nachmittags weckte mich mein Mann dort, weil eigentlich schon Kaffeezeit war. Ich war furchtbar benommen und erzählte meinem Mann stotternd: Stell Dir vor, was ich geträumt habe. Ich war blind und da waren furchtbar viele Glasscherben. Man hat mich hindurchgeführt, ich war ja blind, deshalb habe ich nicht gesehen was es für Leute waren. Ich hab‘ nur eine Stimme gehört die zu mir gesagt hat, der Führer ist tot, gehen sie mal hin und schauen sie ob es wahr ist. Tastend schritt ich voran, befühlte einen menschlichen Körper und sagte dann, das ist ja gar nicht wahr, der lebt! Mein Mann hatte desinteressiert zugehört und mir geantwortet: Kein Wunder, Du liegst in der prallen Sonne und bist vollkommen nass, steh‘ jetzt auf! Ich wollte nun Kaffee machen, da fiel mir ein, dass ich erst um Zucker gehen müsse. Ich ging also in ein Delikatessengeschäft dessen Filialleiterin mich gut kannte. Das erste was sie mir mitteilte waren ihre aufgeregten Worte: Wissen Sie schon ein Attentat auf den Führer. Ich sagte vollkommen benommen noch vom Schlaf und der Hitze und dem Gewecktwerden das ich immer schlecht vertragen kann: Ja, ja ich weiss. Sonst nichts. Als ich nach Hause kam, hörte ich dieselbe Mitteilung von meinem Mann. Mein Mann sah mich nur komisch an, wir sprachen darüber nichts.    

Und noch ein letzter Traum von Frau Braun, der dritte:

Vor der Niederlage träumte mir, meine Schwester Eva und ich fuhren im schwarzen Wagen die Windungen zum Obersalzberg hinauf. Ehe wir das Haus sehen konnten, kamen wir an einen Hang der mit Hortensien bewachsen war. Meine Schwester war überrascht und erfreut von dem neuen Bild am alten Platz und forderte mich zum Aussteigen und Blumenpflücken auf, Sie war schon mitten in dem Feld, aber ich konnte nicht gehen und zog mir deshalb die Schuhe aus. Als ich mich nach den ersten Blüten bücken wollte, spürte ich wie kalt es unter meinen blossen Sohlen war. Ich schob die Büsche auseinander und sah, dass ich auf lauter eingelassenen Marmortafeln schwarz mit goldener Schrift stand. Erschrocken suchte mein Blick meine Schwester, doch die war nicht mehr da. Ích wollte zum ehemaligen Führerhaus hinauf, aber das war auch nicht mehr da, sondern ein Riesengebäude mit Nummern an den Türen, niemand kannte mich und ich wollte wissen wo eigentlich mein Zimmer und das meiner Schwester sei.
In diesem fremden Haus bewegten und bewegen sich noch oft meine Träume.   

 

 

 

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