Hypatia

Drei Mal stand ich (an einem Bücherregal in Staufen) vor dem Roman Hypatia, beim vierten Mal nahm ich ihn mit, gegen einen kleinen Obulus. Es ist ein leicht lesbarer Roman; der Autor Arnulf Zitelmann (geboren 1929), der das Buch 1988 schrieb, hat viele Jugendbücher verfasst. Jetzt weiß ich mehr über Hypatia, eine bemerkenswerte Frau, die vor 1600 Jahren starb.

004Es muss um die Osterzeit 416 gewesen sein, dass die beliebte und kluge Philosophin Hypatia in Alexandria einem Komplott zum Opfer fiel und von einer christlichen Menschenmenge ermordet wurde. Im Buch wird sie (dem Erzähler, dem jungen Schreiber Thonis, wird es so berichtet) lebend zerstückelt; bei Wikipedia zerstückelte man ihren Leichnam. (Nicht, dass es noch einen großen Unterschied machte nach so langer Zeit.) Darum steht Hypatia für die Frauenfeindlichkeit und die Intoleranz der Christen.

Der Autor zitiert in einem Nachwort Mircea Eliade: »Sehr wahrscheinlich hat keine Gesellschaft in der Geschichte … eine gleich große Egalität, Caritas und Bruderliebe gekannt, wie sie in den christlichen Gemeinden der ersten vier Jahrhunderte gelebt wurden.« Zitelmann kommentiert: »Doch diese Einschätzung trifft nur die Hälfte der Wahrheit. Die christliche Solidarität übersprang nämlich nicht die Schranken des Geschlechts. Man übte ›Bruderliebe‹, doch praktizierte keine Geschwisterlichkeit. Hypatia, die Tochter Theons, war das erste Blutopfer jenes Frauenhasses, der sich später in den Hexenverfolgungen zum Blutrausch steigerte. Hypatia steht für Hunderttausende von Namenlosen. Ihr Name darf darum nicht in der Geschichte verschwinden.« Auf manipogo wurde sie hier bereits erwähnt.

Anders waren die Gnostiker, die von den Christen ebenfalls bekämpft (und niedergekämpft) wurden. Bei ihnen hatten die Frauen etwas zu sagen. Hypatia war dennoch ein Wunder. Wie sie sich in der Männergesellschaft Platz schuf und gut besuchte Vorlesungen über den Neuplatonismus hielt, wie sie in der Politik mitmischte, wie sie ihren Weg ging, unverheiratet und nur dem Wissen verpflichtet, das weckt Hochachtung. Das passte Bischof Kyrill nicht und konnte auch anderen Männern nicht gefallen. Die Christen hatten um 400 bereits die Juden vertrieben, und nun waren die Griechen dran, die mit ihrem Götterhimmel ja als Heiden galten. Und die Ägypter wollten sowieso ihr Land für sich.

Wir werden schon nicht vergessen, mit welcher Wut die Christen Andersdenkende verfolgten (wie heute der dschihadistische Islam), als Ketzer brandmarkten, sie folterten und hinrichteten. Wie sie Missionare ausschickten, die Heiligtümer niederbrannten und Kinder in Missionsschulen indoktrinierten. Für eine Religion der Liebe ist die Blutspur, die das Christentum hinter sich herzog, eine Schande.

Wikipedia erzählt uns von Christenverfolgungen unter den Kaisern Decdius und Valerian, von der Zerstörung des Heiligtum des Gottes Serapis in Alexandria durch die Christen, nachdem ihr Glaube zur Staatsreligion ausgerufen worden war und von dem prominenten Opfer, der »heidnischen Philosophin und Wissenschaftlerin Hypatia«. Eine Heidin? Blödsinn. Sie war eben Griechin und glaubte an Zeus, Aphrodite und Hermes wie ihre Landsleute seit über 1000 Jahren. Doch das Griechentum war am Ende. Hypatias Tod markiert sozusagen das Ende der Antike.

Alexandria am Mittelmeer hat heute 4,3 Millionen Einwohner und ist die zweitgrößte Stadt Ägyptens. Der italienische Dichter Giuseppe Ungaretti, der dort geboren wurde, schrieb über sie (am Beginn des Gedichts 1914-1915):

kutschfahrtTi vidi, Alessandria
Friabile sulle tue basi spettrali
Diventarmi ricordo
In un abbracio sospeso di lumi.

Da poco eri fuggita e non rimpiansi
L’alga che blando vomita il tuo mare,
Che ai sessi smanie d’inferno tramanda.
Né l’infinito e sordo plenilunio
Delle aride sere che t’assediano,
Né, in mezzo ai cani urlanti,
Sotto una cupa tenda
Amori e sonni lunghi sui tappeti.

(…)

Ich sah dich, Alessandria,
bröckelnd auf deinen gespensterhaften Fundamenten,
und du wurdest mir Erinnerung
in einer Umarmung, aufgehoben im Licht.

Vor kurzem war ich geflüchtet und beklagte nicht
die Alge, die dein Meer gelinde ausspuckt,
die Geschlechtern mörderischen Irrsinn schickt,
weder das Unendliche noch den tauben Vollmond
der kahlen Abende, die dich belagern,
auch nicht, inmitten heulender Hunde,
unter einem düsteren Zelt,
die langen Liebesakte und verträumten Stunden auf Teppichen.

 

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