Nähe

Ich kann nur wiederholen, dass Sir Laurens van der Post (1906-1996) ein wunderbarer Autor war. Ich lese atemlos seine Bücher und schreibe mir Sätze heraus. Er hat sein Leben gemeistert, dabei aber immer eine besondere Sensibilität besessen und nie das Träumen vergessen: Wie unser Leben sein könnte. Ein Beispiel zum heutigen Valentinstag.

Auf einer Expedition, geschildert im Buch Venture to the Interior (1953), war er eines Morgens deprimiert und konnte sich nicht erklären, warum. Dann fiel es ihm ein: Auf den Tag genau sieben Jahre zuvor hatte er etwas Furchtbares erlebt. Etwas in ihm arbeitete daran. Während seiner dreijährigen Gefangenschaft bei den Japanern waren die inhaftierten Engländer plötzlich aufgefordert worden, sich anzukleiden und zu zweien loszumarschieren in den Ort. Van der Post ahnte, sie müssten eine Exekution mitansehen.

Chinese, vor seinem eigenen Grab kniend, kurz vor der Enthauptung durch japanische Soldaten. 1901, Tsingtau, Fotograf unbekannt. (Dank an: Library of Congress, Washington)

Chinese, vor seinem eigenen Grab kniend, kurz vor der Enthauptung durch japanische Soldaten. 1901, Tsingtau, Fotograf unbekannt. (Dank an: Library of Congress, Washington)

Flügelkommandant Nichols, kurz Nick, forderte die Gefangenen auf, als sie sich aufgestellt hatten: »Ich muss euch Jungs (chaps) nicht daran erinnern, wer wir sind und warum wir hier sind. Stand fast!« Zeigt Haltung! Das wurde schwer, denn der erste Gefangene wurde gleich enthauptet. »Stand fast, chaps!« mahnte Nick. Der zweite starb durch zahlreiche Bajonettstiche. Das konnte man kaum ertragen. Der Mann neben Van der Post stöhnte auf und schwankte. Sir Laurens schrieb:

Ich legte den Arm um ihn, und so gelang es mir, ihn während der restlichen Zeit des blutigen Geschehens aufrecht zu halten; und in diesem Moment lag für mich die wahre Bedeutung dieses Nachmittags. Denn als ich meinen Arm um (Ian) Horobin legte, einen Fremden, um ihn zu stützen, fühlte ich zu meinem völligen Erstaunen, wie nah er mir war. Es schien keine Barriere zwischen uns zu geben; wir hätten dieselbe Person in derselben Haut sein können; und trotz der schrecklichen Umstände dieses Moments stieg in mir eine unglaubliche Wärme und Sicherheit wie Wein und Gesang auf. Jedes Gefühl von Isolation, mein ganzes ruheloses, suchendes Selbst, mein verzweifeltes Zwanzigstes-Jahrhundert-Bewusstsein von Isolation und Untergangsstimmung waren verschwunden. Ich war aus dem Ganzen blitzartig heraus und weit drüben in einer Welt untrennbarer Nähe. Dies, so wusste ich, war wahr; diese seine Nähe zu mir und meine zu ihm. Es war das Herz der Wirklichkeit. Das war es, wir wir alle sein könnten, einander nah, wenn wir es uns nur gestatten könnten, so zu sein. Mit einem fast singenden Gefühl von Befreiung aus der Unwirklichkeit, aus dem Gefängnis meiner selbst und meiner Umgebung beschloss ich, dass ich in den folgenden Jahren diesen Augenblick nie vergessen würde. Ich beschloss, dass ich, wenn ich überleben würde ― und damals war mir eigentlich gleichgültig, was geschähe ―, diesen Augenblick in mir bewahren und ihn mitnehmen würde in jede Handlung meines Lebens. Dann streckte Nick seinen Arm aus, um Horobin zu helfen, berührte mich, und ich bemerkte, dass er ebenfalls sich so nah anfühlte.

Sir Laurens führt das sieben Jahre später, als er gerührt auf dem Gipfel des Charo im Njassaland sitzt, weiter aus.

Und dennoch, wenn wir so eng aneinander und nah einander waren, was hielt uns dann so offensichtlich, schmerzhaft und gefährlich voneinander entfernt? Der gebundene Mann, der geköpfte Amboner, Horobin, Nick und ich waren einander, wie man sehen konnte, nah, aber was hätte weiter von jenem Einssein entfernt sein können als die Japananer? An jenem Morgen schien mir das so klar. Der Abstand zwischen ihnen und uns war der Abstand ihrer Unwirklichkeit. (…) Denn diese Unwirklichkeit beginnt mit einem unvollständigen Bewusstsein von uns selbst; es fängt damit an, dass wir einen Teil von uns auf Kosten der anderen Teile erhöhen. Dann — heraus aus diesem dunklen Abgrund, den sich zwischen unseren beiden Hälften zu öffnen wir zugelassen haben, aus dieser Teilung zwischen dem Europäer und dem Afrikaner in uns — steigt die Unwirklichkeit auf, um uns zu überwältigen. Überall sehen wir, dass die große Flut der Unwirklichkeit ungezügelt dahinläuft. Das menschliche Wesen … ist gefangen in Theorien, in erstarrten Religionen und vor allem verstrickt in sein eigenes mangelndes Ich-Bewusstsein. (…)

All das muss nicht sein. Es ist Platz für beide, für Ariel und Caliban, für Kain und Abel, ja für alle ist, ohne dass sie sich umbringen müssten, Platz in der Mitte, im Herzen, das keine Peripherie kennt. Könnten Blond und Dunkel, die Nacht und der Morgen nur die Sprache verstehen, die sie zueinander sprechen, über diese dunkle Kluft des Unbewusstseins hinweg, — sie müssten sich unweigerlich in die Arme fallen und sich umarmen.   

(S. 210 – 214)

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