Identität

Jean Charon sei mit seinem Werk sogar von esoterischen Kreisen rezipiert worden, heißt es. Er erfuhr ein Echo. Den »esoterischen« Gedanken von der Welt als großer Familie umzusetzen, könnte jedoch, wie der Physiker Michio Kaku meint (und nicht nur er), unabdingbar sein, wenn unsere Spezies auf dieser Erde weiterleben will.

Zunächst Charon. Meine individuelle Seele sei räumlich und zeitlich nicht an meinen existenziellen Rahmen gebunden. Dieser sei begrenzt, was meine individuelle Seele nicht sei. »Diese Seele ist auch diejenige jeder anderen gegenwärtigen Existenz … diese Seele ist auch jene der vergangenen und der künftigen Existenzen. Diese Seele ist so groß wie alles Ausgedehnte, ebenso permanent wie die ganze Dauer. Meine individuelle Seele ist die universelle Seele, ist die Seele des Seins, ist das Ich des Seins.«

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Das ist auch ein wichtiger Gedanke im Judentum. Die höchste Seele des Menschen, Yechida, ist laut Adin Steinsaltz »ein Punkt, der alle Seelen in einer zentralen Einheit zusammenschließt, der Knesset Israel genannt wird, aber auch als Schechina und als das Königreich (Malkut) Gottes auf Erden bekannt ist, ein Zusammenkommen aller Dinge.« (In the Beginning, S. 115)

So sehr unterscheidet sich dieser Gedanke nicht von physikalischen Theorien mit dem Hyperraum aus vielen Dimensionen und Wurmlöchern zu anderen Universen. Wir alle sind Nachfahren der ersten Menschen, bestehen aus Elektronen, die niemals sterben und schon zu Beginn des Universums herumflogen, und die »Fähigkeiten« der Seele (oder des Bewusstseins), durch zahlreiche wahre Geschichten belegt, legen nahe, dass wir einen göttlichen Kern besitzen, der uns allen gemeinsam ist. Die Parapsychologie, die sich diesem Thema auch widmete, ist nicht weniger streng und »verrückt« als die Physik. Jean Charon, der Physiker und Metaphysiker, fährt fort:

Dieses individelle Ich auf dem Grund unseres Denkens ist das universelle Ich. Ich bin mein Nachbar, ich bin der, der gewesen ist, ich bin der, der sein wird; ich bin auch das Tier, ich bin die Pflanze, ich bin der Kieselstein auf dem Weg. Es ist meine eigene individuelle Seele, die mit der individuellen Seele aller anderen Existenzen zusammenfällt, wir haben alle dieselbe Seele gemeinsam, wir sind alle diese universelle Seele, die unveränderlich bleibt und nicht einer Evolution unterworfen ist.

Sein Kollege Michio Kaku, 1947 geboren, schreibt 30 Jahre später (1998) über den Zustand der Welt, das Problem liege darin, dass »die Technik der gesellschaftlichen Entwicklung davongelaufen ist. Solange die Umweltverschmutzung von einzelnen Nationalstaaten verursacht wird, die Maßnahmen, die zur Abhilfe erforderlich sind, aber globaler Art sein müssen, wird sich an dem fatalen Missverhältnis nichts ändern, das Katastrophen heraufbeschwört. … Sobald eine Zivilisation jedoch über das Typ-0-Stadium hinausgelangt ist, besteht wesentlich mehr Anlass zur Hoffnung. Um das Typ-1-Stadium zu erreichen, ist ein erhebliches Maß an weltweiter gesellschaftlicher Kooperation erforderlich. … Es liegt in der Natur der Typ-1-Zivilisation, dass sie eine planetarische Zivilisation ist; in kleinerem Maßstab wäre sie nicht funktionsfähig.«

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Kaku gibt uns aber Hoffnung:

Unter Umständen zeigt sich, dass das Schlimmste überwunden ist, sobald die Zivilisation ein politisches System entwickelt hat, das den ganzen Planeten umspannt.

Das scheint uns derzeit genauso unmöglich, wie Menschen davon zu überzeugen, dass wir eine gemeinsame höhere Seele haben. Doch beide Gedanken stützen einander; erst ist da der Überlebenswille, und dann wird sich, wenn ein gutes Klima der Zusammenarbeit herrscht, auch der Geist ändern; wo Zuneigung und Hilfsbereitschaft herrschen, verändert sich die Atmosphäre und wird – spirituell.

(Jean Charon, L‘Être et le Verbe, Paris 1965, S. 266/268; Michio Kaku, Im Hyperraum, Reinbek 1998, S. 352. Illustrationen: Roger Waters, The Wall, 2014, Foto: Giovanni Gallina; Arena, Foto: H. K.) 

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