Das Jahrhundertrennen (6)

Karlsruhe; der zweite Tag hebt an. Mit sechs neuen Folgen kommen wir durch bis Seite 80. Nun machen sich die Helden auf zur Kostümausfahrt (für die ich auch vorbereitet bin, ich möchte Don Camillo sein und habe mir eine schwarze Priester-Mütze ausgeliehen), die vor dem Karlsruher Schloss ihren Höhepunkt hat.

DER ZWEITE TAG

Nachts gibt’s am Zeltplatz immer ein paar Kandidaten,
die wegen ihres unmässigen Flüssigkeitsgenusses
oft zum Waschhaus müssen, was ihre Nachbarn gleich erraten,
durchs Zirpen deren zeltöffnenden Reißverschlusses.
Wenn dann von einem Wohnmobil die Tür zuschlägt,
weiß man, dass wenn der Ausgetretene dann wieder eintritt,
sie nochmals zufällt; den Hund, der in der Ferne bellt, erträgt
man leicht, das Quaken vieler Frösche nimmt man mit;
man hat ja Glück gehabt, dass keine deutsche Autobahn,
Fabrikanlage, Müllverbrennung und Umgehungsstraße,
Pizzeria, Diskothek nah sind am Radler-Zeltplatz dran.
Kein Biergarten, kein Kindergarten. Keine Industrieabgase!
Fahr los vom Platz mit Rad, bloß sieben Kilometer,
und du stehst schon an einem Fluß, der kaum zu überqueren:
Bundesstraße drei, gefährlich für Pedaletreter.
So ist die Welt, du darfst dich nicht beschweren.
Doch morgen/heute spielen wir die heile Welt
Mit vielen antiquierten Rädern und Kostümen,
was den modernen Bürgern so gefällt.
Lasst uns die alte stille Zeit nur rühmen!
(Die still nur war, weil wir von ihr nicht viel erfuhren.
Die Menschen sind unruhig, die Welt ein Unruh-Herd,
wie eine Uhr, und rastlos sind sie, Uhren wie auch Huren,
gut, blödes Bild, ich hoff‘, dasss keiner sich beschwert.)

Sue schlief sehr tief und wurde auch nicht aufgeweckt
durch Rudi, den der Wein im Körper nachts ins Freie treibt,
ins Waschhaus, klar; zurückgekehrt, er überrascht entdeckt,
dass eine Frau vor ihrem Zelt versonnen steht und stehen bleibt,
auch als sie sich bemerkt fühlt; leicht fächelt der Wind
die weißen Kleider von Miranda, unsrer Wahrsagefrau.
Er geht zu ihr, sagt: „He, geh schlafen, was machst du denn, mein Kind?“
„Ich denke nach“, sagt sie, Miranda Graciosa de Campos, „schau,
ich hatte gestern da einen englischen … Patienten,
und ich nun Stimmen höre, Geister seh an Wänden.
Über den Mann hab ich mich so erschrocken,
er sollt die lang vergessne Gabe mir entlocken.“
Rudi wirbt: „Dann lenk dich ab, bleib nicht in deiner Geisterwelt.
Komm mit in unser Heim, in das Begegnungszelt.
Man sieht erst morgen, ob diese Visionen halten.
Sue kennt sich aus, sie kann den Spirit gut verwalten.“
Miranda lässt sich überreden, folgt ihm dort hinein,
wo alles leise röchelt, atmet, schnarcht und stöhnt.
„Morgen kommst du dann mit uns“, flüstert Rudi, „aber stille sein,
da ist dein Nachtlager, zwar einfach, doch du bist ja nicht verwöhnt.“

Treffpunkt der verkleideten Radgemeinde im Kostüm
Ist um zehn am Campingplatzeingang.
Dann kann man ruhig und nicht ungestüm
Die Truppe ordnen und ihr sagen, wo’s geht lang.
„Die solln in Ruhe erstmal frühstücken“,
sagt oben auf der Terrasse des Hotels T. Twain.
„Der zweite Tag wird uns schon auch noch glücken.
Doch eins“, sagt er zu Staller, „kann ich nicht verstehn:
Warum hat denn gestern keine Dame mich ins Zelt gebeten?
Bin vielleicht nicht der Schönste auf diesem Planeten,
doch gut gewachsen, elegant, und auch der Präsident.
Seit Jahren warte ich auf ein solches Event.
Und dann: der blonde Deutsche, der Chaot,
darf hin, und ich geh leer aus: trocken Brot.“
Staller meint: „Das sind ja fragwürdige Damen,
zwielichtige, halbseidene, für diesen Rahmen
eigentlich unpassend und nicht gemacht für dein Niveau:
die Hexerin, die Wüstenfrau, die Afrikanerin, o oh.“

Ein unverkennbares Geräusch: der Motor eines Zwo Zevau
Vor dem Hotel, und Peter Rogoff lenkt den Schritt
an den Anwesenden vorbei zur Theke hinten in dem Bau
und sagt Sibylle guten Morgen: „Kommst du mit
spaziergehn, ich habe dich vermisst, die Arbeit sehr verflucht,
wütend gewesen, meine Aufzeichnungen lang gesucht,
viel Schnaps getrunken, viel Musik gehört,
und dann gemerkt, dass du mich hast betört.“
Na gut, da sind wohl wieder zwei,
die sich gefunden haben, und sie gehn ins Freie.
Es kommt ein Anruf von der deutschen Polizei ,
die die genaue Strecke wissen will; man leihe
der Ausfahrt zwanzig kräftige Beamte.
Das sei ja fast ein kleiner Großeinsatz,
den man am Anfang nahezu verdammte:
Ein Wagen kommt jetzt gleich zum Campingplatz.
Twain erwidert: „Wir vertrauen ganz der deutschen Polizei.
Wir treffen bloß die Bürgermeisterin, dann ist‘s vorbei.
Sind eine friedliche Versammlung, die sich bald zerstreut,
Niemand hat das Veteranentreffen weltweit je bereut.“
Man zieht sich an und fährt mit Rädern runter
Halb zehn, zum Platz, auf Wegen durch dieAuen
und wird beim Fahren wieder etwas munter.
Man kann der Polizei, doch auch dem eignen Plan vertrauen.

Das Bild, das sich ihnen dort bietet: äußerst imposant.
Die erste Gruppe steht wie eine römische Kohorte,
fünf Mann (mit Frau), zehn Reihen, scharf der Rand,
die zweite Gruppe steht … noch vorne dünn, wie ein Stück Torte,
und hinten drängelt alles, und es wird noch kommandiert,
noch weiter hinten, Gruppe drei: ein Sauhaufen,
da sind die Hochradfahrer, die Dreiräder, die dirigiert
oder noch besser, dirigieren will die der Frank Wouters, laufen
muss er von dem einen zu dem andern, doch nichts bringt‘s,
es bleibt ein instabiles, wirres, anfälliges System,
und nicht einmal dem Präsidenten, der eingreift, gelingt‘s,
etwas zu schaffen, das nach Ordnung riecht; und unterdem
ist einer eingetroffen, den alle beachten,
mit einem Nieder-Dreirad, sitzend auf der Erde fast;
ihn, der in eine Lücke stösst, müssen wir zuerst betrachten,
bevor der Blick die imposante erste Gruppe näher fasst.

Der Fahrer ist ein langbeiniger, junger Monsignore,
schwarzes Barett auf seinem klugen Kopf, schwarzes Ornat
des Priesters, dem im Vatikan sich öffnen alle Tore.
Nun steht sein Rad da und er auf ihm, im Sonntagsstaat,
schaut provozierend, gibt gleich mit der Hand den Segen jedem Christ,
und das ist witzig, denkt man schon, das müsste Don Camillo sein,
dem nur Peppone fehlt, der Dicke, Bürgermeister, Kommunist,
mit dem er sich in der Poebene stets duellierte … nein!
Fehlt nicht. Kommt einer an, sieht aus wie’n Anarchist,
auf altem Rad, mit Schnurrbart, in der Jacke eine Flasche Wein,
im Mundwinkel die Zigarette, die Gauloise, das ist
ein Franzose; ja, in der Bretagne kann diese Geschichte auch geschehen sein.

„Räder für alle, Räder für das ganze Volk!“ ruft Peppone (oder der Bretone).
„Erst gebt dem Körper was zu essen, dann dem Geist die Nahrung“,
erwidert Don Camillo, „und Räder nur bedingt, und Autos nie, denn ohne
lebten wir gut, wir wissen, was dann kam, wir haben ja Erfahrung.“
„Ausreden!“ schimpft Peppone. „Wir wissen, für Autonomie
und für die Freiheit ihrer Gläubigen war eure Kirche nie.
Angst sollen sie haben vor der Hölle, vorm letzten Gericht,
die Sünder, beten sollen sie und büßen, und radfahren auch nicht.
Nur ihre Priester sollen sich bewegen
zum Begräbnis und zur Taufe, spenden den Segen.“
Don Camillo lächelt, sagt: „Das alles ist nicht richtig;
das Radfahren verbietet nicht die Bibel, und es ist schon wichtig.
Der Vatikan hat’s mit erlaubt, ich darf so dreirädrig rumfahren,
aber in Belgien vor achtzig Jahren,
da fragt‘ man sich, ob ein verschwitzter Kirchenmann,
der so zu dem Begräbnis kommt, noch Würde zeigen kann.
Der Papst, er überließ das Urteil drüber dann dem Bischof,
und Gläubige, die dürfen radeln, anders wäre das ja doof.“

Und beide nicken rechts und links, der Dialog geschlossen,
es wird jedoch mehr Dialoge der zwei beim Treffen geben,
Franzosen immer gern mit Worten aufeinander schossen,
und weiter geht’s dann später, in dem andren Leben.
Der Priester bringt die Gruppe drei mit sanften Worten schnell in Form.
Da hinten fehlen noch ein paar; man sagt, dass ein paar Kinder
austreten noch einmal mussten, sie sich stritten: Ist die Norm,
und einige Erwachsene fehlen nicht minder,
der eine, ausgerechnet Ludwik Stich, hatte ne Reifenpanne,
und sein Versuch, sie zu beheben, wollt ihm nicht glücken.
Der grad geflickte Schlauch liess Luft hindurch und volle Kanne,
das Aufkleben des Flickens will geübt sein und hat Tücken.
An einem alten Holzrad brach eine der Speichen,
die man mit Klebeband notdürftig noch fixierte, und dann
zeigte sich eine Sattelstütze brüchig, Bergier aus Brügge muss erbleichen,
weil das für seine Potenz sehr folgenreich sein kann.

Die Zeit, sie drängt; die Nachhut muss den Weg alleine finden.
Ist kein Problem, da stehen Polizisten, deren Hände
die Richtung weisen, sodass man sich gut kann winden
wenn’s sein muss, auch durch Gassen und durch Wohngebiete, geht behende!
Die erste Gruppe, so perfekt, setzt sich schon in Bewegung,
fünf Appenzeller vorn mit weißen Hemden, roten Tüchern,
leichten Westen, Frauen gleich dahinter, stolz und ohne Regung,
mit weiten Röcken, Rüschenblusen, und einer Haltung wie aus Büchern.
Das vorn sind Claude, Louis, Wälti, Peter und der Hell Riccardo,
dahinter Elsbeth, Anne Savognin und drei, die Schweizerinnen spielen.
Fünf Belgier, dann fünf Franzosen und noch andere, die auch so
schön gekleidet sind, es sind nur dreißig von so vielen.

Zum Schloss

Es drängt die Zeit, es muss gefahren werden.
Die Rotte schiebt sich langsam hoch zu dem Hotel,
Sibylle sieht’s, als seien es Insekten, die kommen aus der Erden,
vom nicht zu fernen See; sie kämen, sagt ihr Peter, aus dem Quell,
dem Ursprung, hoch ans Licht. Die alten Räder mit
den schönen (auch recht alten) Menschen, die sie lenken,
die fröhlich sind und Spaß vermitteln mit ein jedem Tritt:
Wie sehr sie uns beglücken und beschenken!

Schon unterwegs ist unsre zweite Rotte,
und auch die dritte Gruppe löst sich schweren Herzens von der Camping-Rezeption
dort unten, während oben steht ein Polizist, gleich einem Gotte,
und mit der Hand zum Radweg weist, und hundert Meter weiter steht da schon
der nächste Mann in Uniform. Die Masse macht sich dünn und zieht sich lang
und fährt in Zweierreihen, notgedrungen; weg ist die Magie.
Entlang der Bundesstraße sechsunddreißig, die geht unten durch
unter der Straße Nummer zehn, und Alma sagt, tut uns nicht weh,
sind fünf Kilometer nur zum Schloss. Die Schlange oder auch „der Lurch“
der Radler schiebt sich hin, schon sind sie auf der Kaiserallee.

Plötzlich sind da ihre schönen Räder eine Reihe alter ungepflegter Kisten,
sie selber unansehnlich, gesehen von den Leuten in den weißen Limousinen,
die groß und dick beanspruchen die breiten Pisten
und deren Insassen nicht einmal groß Notiz nehmen von ihnen.
Sie sitzen in ihrem Gehäuse fast wie festgelötet,
und wie Metallfiguren eines Spiels, so gleiten sie voran,
und drehen automatisch nur den Kopf: wie abgetötet
scheint da der Lebenswille, doch es gibt den Plan,
schnell anzukommen irgendwo, und jede Störung stört,
der vorn fährt blöd, die Ampelschaltung ist verzerrt,
so viele Radler, ist das Veteranentreffen, wie man hört,
zum Glück hat man die Straße ihnen nicht gesperrt.

„Die Autos dürfen immer fahren, um die Uhr,
da vorn geht’s Richtung Bahnhof, und rechts läuft die Spur!“
Claude ist begeistert, hinter ihm sind hundert Radler,
und einer nach dem andern biegt nun keck ums Eck,
stößt und stürzt sich in die Gasse, als wären alle Adler,
die Beute jagen, nur nicht die Dreiräder, die kommen kaum vom Fleck.

Nun schließen alle wieder auf, da die ersten auf die Bremse treten.
Die Bahnhofstraße ist zwar klein, doch völlig frei, bis auf geparkte Wagen.
„Das kommt ja gut“, so freut sich Claude, „wir müssen nicht mehr beten.“
Von hinten klappert’s, pfeifts, man hört viel Stimmen und auch manche fragen,
ob denn der Weg auch stimmt. Rechts schlagen Vögel an und keckern,
da ist ein Zaun mit Dickicht, und dahinter sieht man doch … Flamingos!
„Mein Arsch tut weh!“ hört man Louis Dreher meckern,
doch keiner reagiert, denn alle schauen rechts, und manche sehen Dingos,
und Känguruhs und Antilopen und auch Krokodile,
vielleicht Restalkohol? „Der Zoo“, sagt Wälti, „hurenschön!“
„Wir sind ja auch ein Zoo, bewegt, mit einem Schloss als Ziele“,
bemerkt die Anne Savognin, „begleitet von dem Tiergestöhn.“
Es riecht auch streng nach wilden Tieren, und ein Löwe brüllt.
Die Kinder jubeln. Am liebsten würden sie abzweigen.
Nichts da. Ein Polizist zeigt links, die nächste Straße sich enthüllt
Und weiter nördlich schleppt sich hin der Radlerreigen,
den auch Passanten mit genug Applaus bedenken.

„Oh la la, c’est le vélo!” ruft ganz begeistert ein Franzose,
ein Russe keucht „welosipäd!“, und Fahrer und Fahrerinnen lenken
und winken zu den Seiten, Elsbeth kriegt auch eine Rose
von einem Karlsruher Rentner. Weiter auf der Ritterstraße,
„nun noch ein Kilometer!“ ruft freudig ihnen nun ein Wachmann zu.
Über die Trasse der Straßenbahn klappert und schleift die Fahrradblase,
die Bibliothek des Landes, Sankt Stephan, und „juhuu!“
entfährt es allen Appenzellern an der Spitze, das macht Spaß,
Bankhof und dann über den Zirkel, hinter ihnen nichts als Räder
In dieser Stadt, wo Drais das Fahrrad schuf, das ist doch was!
Begeisterung. Der Peter schleudert seinen Hut, und später,
hinter ihnen, treibt Vaclav Terezin, uniformiert, sein Laufrad an,

Pål Janssen mit dem Minirad wird sehr belacht,
Wunder, Teagarden, Wouters, Bykow stehen ihren Mann
Und dann die Hochradtruppe: die beiden Bayern in der Tracht,
Wanton und drei andere Kanadier, Loggle, dieser Feuerkopf,
Sandor Derty, Pierre Latigue, wie edel sie da paradieren!
Alma von Blankenhorn trägt schrilles Blau und einen Zopf,
die Leute klatschen laut, scheinen sich sehr zu amüsieren.

Nun gilt es, eine Kurve zu vollführen zwischen hohen Bauten
Nach rechts, nur hundert Meter, und schon sieht man links das Schloss.
Doch nun ist eine Lücke da, die Appenzeller sehen die gestauten
und die blockierten Hinterleute, leicht zerrissen ist der Tross.
Sascha Karmann ist an Jacques Dutronc geraten, alles verkeilt,
der alte Wunder ist von hinten draufgeprallt, und Natalie Petit
macht es ihm nach. Die Truppe rings herum macht Platz, verteilt
sich, kriecht vorbei an dem Salat, ganz langsam, wie im Schritt.

„Das ist wie das ― nicht ganz gelungene ― Manöver einer Truppe!“
Staunt eine Touristin aus Italien und macht viele Bilder.
Die Soldateska findet sich wieder zusammen und macht halt,
in der Fußgängerzone, Blick aufs Schloss; da sind auch Schilder,
mit Aufschriften von Philosophen, von Künstlern draufgemalt.
Nun können alle Atem schöpfen, sich ein Lächeln schenken
und die Aufstellung verbessern. Doch, wo ist denn Gruppe drei?
Man schaut sich um. Sie werden gleich einschwenken.
Vielleicht weiß was der Mann da vorn, der von der Polizei?
Er holt sein Funkgerät und spricht sehr laut hinein.
„Kommen von Osten, sind noch nicht am Hauptbahnhof vorbei.“
Der Präsident steht da: „Die Nachzügler, die Penner, nein,
die Bürgermeisterin muss warten, geht nicht ohne die Gruppe drei.“
Zum Glück erscheint ein junger Pressereferent
Und stellt sich vor und spricht ein wenig über seine Stadt
auf deutsch, während sie warten, und man übersetzt behend,
alles sind still, und das ist, was man erfahren tat.

Das erfahren wir dann morgen in Teil sieben.

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