Das Jahrhundertrennen (7)

Schön, dass es nun elf Teile werden. Wir befinden uns vor dem Karlsruher Schloss, die Bürgermeisterin ist da, und das alles wird ganz schön verwickelt.

Karlsruhe, Schloss

Die Stadt Karlsruhe wurde erst einhundert Jahr‘
vor dem badischen Patent für den Erfinder Drais gegründet,
und ist die „Fächerstadt“, weil von dem Schlosse geometrisch-klar
ein Netz von vielen Straßen – zweiunddreißig sind’s – wegmündet.
Der Gründer war Markgraf Karl der Dritte Wilhelm, der regierte
dreißig Jahre absolut die Grafschaft Baden-Durlach.
Er war der Karl, der hier auf seine Ruhe spekulierte,
und sie auch kriegte, seinen Ruhm mit „Karlsruhe“ noch hintennach.
Es war die Zeit der Aufklärung, die noch des Sonnenkönigs von Versailles,
Louis Quatorze, der Festungen ließ baun und seine Soldaten
in Nachbarländern wüten, an dessen Hof jedoch, o wei,
es gab kein Klo, dafür zuhauf gepuderte Perücken, Stiefeletten, Golddukaten.
Von oben so betrachtet, zieht sich der Adenauerring
schön rund herum ums Schloss, die prunkvolle Zentrale
der Stadt, und weite Gärten, breite Avenuen geben Raum dem Ding
mit seinen beiden Flügeln, und so scheint das Schloss die ideale
Verkörperung der Leere, die die Fülle ist der Macht
wie in der Kaiserstadt Kyoto, Japan, wo des Tennos Großpalast
verborgen ist im Nichts der Stadt, in ihrer leeren Mitte, und so ausgedacht,
damit das Jenseitige der Kaisermacht man ahnt und niemals sie erfasst.
Das klingt sehr schön; nur ist die Leere nicht bloß Zeichen.
Sie überwinden musste, wer den König fangen wollte.
Die freien Plätze konnte mit Kanonen man bequem bestreichen,
und Truppen sahen jeden, griffen jeden an, der nicht am Schloss sein sollte.

Die dritte Radlergruppe bremst derweil, die Ampel steht auf Rot.
Rudi neben Sue, dann Nur, Bellaire, Frau Tillingham.
„Da schaut mal, wie sie fahren, wie sie rasen, ohne Not!“
ruft Rudi. „Froh wär ich, wenn ein Polizist nun käm.
Und überhaupt, Frau Funktionärin, hier ist eine Wüste,
Häuser und Parks sind von der Stadt die Küste,
wir sind so abgedrängt im Campingplatz am See,
als wären wir entrechtet, ausgestoßen, abgeschoben in den Klee.
Sie waren vielleicht ja nicht in Dänemark, zwotausendzehn,
in Ungarn, Frankreich, Schweden, Tschechien,
wo überall wir in nem Dorf abseits der Welt uns trafen,
in Gegenden, die öde waren und verschlafen.
Haben wir das verdient, wir Radler mit den edlen Rössern,
die reiten und die kämpfen, statt zu sitzen auf zugigen Schlössern.
Man muss uns sehn, wir müssen da sein, erst die kritische Masse
von Rädern führt den Autofahrer zum Respekt; die Rasse
Rad, man muss sie pflegen, soll denn die Zivilisation
nicht untergehn, denn auf dem Weg dorthin ist sie ja schon.“
Zum Glück wird’s grün, so kann die Antwort Dorothys noch warten,
weil fünfzig Radler mühsam und in Zeitlupe über die Straße rollen
vorbei an Mietskasernen, dann Parks, es gibt auch manchen Minigarten,
in dem die Katzen müde zuschaun und sich dann auch trollen.
Sue meint im Fahren: „Diese Welt lässt sich nicht umgestalten,
nur langsam, mit Magie, doch meistens bleibt’s beim Alten.
Die kritische Masse der kritischen Bürger mit Zivilcourage
ist nirgendwo erreicht, es ist eine große Blamage.
Hab Spaß, wir fahren doch, die Sonne scheint, ich freu mich schon
auf unsre nächste Nacht, karibisch, explosiv, im Purpurton!“
Sie fährt auch gleich ein wenig schneller,
und von dort oben leuchtet unsre Sonne einen Ton noch heller.

Die Wartenden haben in dieser Zeit auch was getrunken,
die Kleider abgeklopft, und Sascha ist auch wieder an Deck.
Das Warten hat ihnen schon sehr gestunken,
doch als der Rest um seine letzte Ecke biegt, ist aller Ärger weg.
„Helau!“ ruft Sascha, „Hoi“ ruft Claude, und „Hi“ ruft Larry.
Dorothy entschuldigt sich. Die Rotte scheint nun ganz kompakt,
und alle sind nun froh, unsre Kanadier sind „merry“.
Der Pressereferent meint, es werde Zeit für den Kontakt,
die Bürgermeisterin habe noch einen weiteren Termin.
„Wie schlimm“, sagt Claude, „wir aber kommen von so weit,
mit unsren Rädern, sagen Sie’s der Bürgermeisterin.
Und Radler haben meistens Zeit, sind stets bereit.“

Er hebt die Hand, gibt damit das Signal
Zur Weiterfahrt, und alle sitzen auf und radeln ab.
Das Schloss im Blick, und voll drauf zu, s‘ist ein Fanal
der Vergangenheit, unterwegs im starken Trab ―
wie eine kriegerische entschlossene Schwadron
loszieht auf den Feind, auf die wehenden Fahnen,
angepeilt von gegnerischen Schützen schon,
die atemlos den gleich folgenden Schussbefehl erahnen.
Das sind drei Kamerateams von Fernsehstationen,
links steht der Südwestfunk, rechts da sind noch zweie, die privat,
postiert hinter drei Vans, die umringt von Personen,
bewacht von zehn Bewachern, bewaffnet und parat.
Die Sonne scheint freundlich und arglos, als wolle sie loben
die Helden des Zweirads, die schon haben das Portal durchquert:
zwei hohe Podeste mit halbnackten Engeln ganz dort oben,
von sich duckenden Tieren beschützt, mit Standarten bewehrt.
Die einhundertfünfzig rollen über feinkörnigen Kies,
den ihre groben und harten Räder zermahlen
mit einem Geräusch wie Ketten in einem Verlies,
und hinein geht’s in den Schlosspark, diesen kahlen.
„Jodelidoo!“ jubelt Wälti, ein Mädchen mit rotem Rad winkt ihm zu.
Gehört zu Studenten, die sitzen in Sichtweite müßig im Gras.
Fünf Touristen aus St. Peter Ording brüllen „juhuu“!
Und die Studenten staunen: „Ist schon krass!“

Die erste Kohorte nähert sich stetig einem Rednerpult.
Claude, Wälti, Peter und Elsbeth stoppen fünf Meter davor.
Die andern schwenken ab, gut wird die Truppe abgespult,
als hätte sie’s geübt, eins links, eins rechts, und keins verlor
den Überblick, bis dann ein Halbkreis sich formiert,
bestehend aus drei Reihen, irgendwie perfekt.
Da war nichts geplant, keiner war informiert,
man war ganz spontan, nichts war ausgeheckt.
Da stehn sie nun, die drei Mal fünfzig Radpiloten
und schaun auf das Pult mit seinem kleinen Pulk
aus Funktionären drumherum, die schaun wie die Idioten.
Stille. Pause. Claude steigt nun ab, erlaubt sich einen Ulk.
Tritt vor und macht drei Schritte, salutiert:
„Das Bataillon ist angetreten und entbietet seinen Gruß
Der Kommandeurin, untertänigst, und es bittet, seinen Fuß
rühren zu lassen nach der langen Fahrt, wenn’s kommodiert.“

Ein Grinsen kommt übers Gesicht der Bürgermeisterin,
der schmalen blassen Frau mit kurzem Haar und Brille.
„Ja, das war imposant und brav. Ich bitte Ihn,
die Truppe sich nun rühren zu lassen, dieses ist mein Wille.“
„Rührt euch!“ ruft Claude, Entspannung tritt nun ein: verdient.
Die Bürgermeisterin entspannt sich auch, greift zu ihrem Manuskript.
Sie weiß ja hinter sich das Schloss, das als Museum Badens dient.
Die Fahnen wehn. Sie rückt die Brille grad und liest, was steht getippt.
„Zweihundert Jahre sind’s, dass hier in unsrer Mitte, unsrer Stadt,
ein stiller Mann uns ein famoses Fahrgerät erfunden hat,
das seither Fantasie und Muskeln wild bewegt,
und Professoren und Studenten, Hausfrauen und Ingenieure trägt,
Ihr seid aus allen Ecken dieser Welt nach Karlsruhe gereist,
um hochzuhalten diesen alten schönen Fahrradgeist.
Ihr vom Veteranenradverein trefft euch seit vierzig Jahren
Je in nem anderen Land, und diese Länder tut ihr euch erfahren.
Das Herz geht einem auf, wenn man euch Heldinnen und Recken
so sieht, stilvoll gekleidet, wenn man die feinen alten Räder kann entdecken.
Ihr seid die Botschafter des Zweirads, wie es einmal war!
Historisch hier am Schloss steht eure stolze Schar.
Die Stadt heißt euch willkommen! Ihr sollt es schön hier haben,
euch an Kultur und Küche in unsrem Nordbaden laben!
Es ist ein Mittagessen euch bereitet, in den Räumen hinter mir,
und dann besichtigt ihr eines von vier Museen (von vielen, die sind hier).
Am Abend gibt es auch Vorträge, Ausstellungen, Konzerte,
die ich, verantwortlich dafür, mit Höchstniveau bewerte.
Mehr bleibt mir nicht zu sagen: schöne Karlsruher Tage!
Damit das Wort dem Präsidenten, damit er auch was sage.“

Vom Halbkreis brandet Beifall auf. Claude ruft: „Respekt!
Das Bataillon ist sehr entzückt, das haben Sie bezweckt.
Das ‚Zweirad, wie es einmal war‘ – das war einfach genial.
Vielleicht auch vierfach. Sie sind phänomenal.“
Eine Liebeserklärung, ganz öffentlich, oder nur fast?
Ans Podium tritt Terry Twain, im Smoking und mit Fliege.
Was Claude sagte, das hat ihm nicht gepasst.
Er ist der Präsident. Erst Rudi, dann der Claude, riecht nach Intrige.
Man achtet ihn nicht mehr. Lame Duck? „Ich bin der Präsident“,
sagt er. „Claude ist der Chef des Bataillons, ich der vom Regiment.“
Das ist nun klar. „Der Veteranenradverband, er dankt.
Die Organisation hat allen sehr viel abverlangt.
Sie ist grandios, das ist der weltbekannte deutsche Stil,
wo alles klappt. Hat Hand und Fuß und hat ein Ziel.
Wir haben Karlsruhe schon in dieses unser Herz geschlossen,
haben die ersten beiden Tage bereits sehr genossen.
Wir danken nochmals für die Gastfreundschaft,
für diese unsrem Zweirad ganz gewidmete Städte-Patenschaft.
Vor unsrem Mittagessen rate ich zu einem kleinen Defilée
Vor dieser Truppe, damit man schöne Räder, schöne Fahrer seh.“
Verneigt sich gütig Twain. Kommt Beifall auf, nicht stark und auch nicht gleich.
Das Defilée indes … muss warten, es wird erstmal viel gestört.
Zwei Polizisten gehen zur Bürgermeisterin, man flüstert, sie wird bleich.
Sie sagt, und alle hören es: „Das ist doch unerhört.“

Rudi und Sue haben sich während Twains Rede leise weggestohlen.
Sie haben sich ein Event überlegt, um die Geladnen aufzurütteln.
Mahindi, Mahmud und Bellaire und Steve wollten erst die anderen holen
und sehr schnell fahren, um die Polizisten abzuschütteln.
Da nähert sich schon ihre bunte internationale Garnitur:
wehende Saris, grelle Röcke, hellblaue Turbane, Leinenhosen,
von Leuten, die auf alten, angerosteten Rädern sitzen nur
und nun anhalten, lachen, scherzen, sich liebkosen.
Sogar die Raga-Meister aus Mumbai haben wieder Mut gefasst
Und sich drei Kinderräder, rosa, organisiert
Und eins zieht noch den Sarg von Sue Germaine als Last,
in den sind Tabla, Sitar und die Tampura reinplatziert,
(dieweil der vorherige Insasse sitzt auf einer Bank am See,
wir hoffen, dass durch ihn niemand seinen Verstand verliert!)
nun raus mit ihnen, frisch ans Werk, ohe!
Ein Mittags-Raga wird zur Einstimmung gleich absolviert.
Andächtig lauschen alle, die Gespräche sind verstummt,
die Töne drehen sich gen Himmel wie in Serpentinen,
die Bürgermeisterin und auch mancher Radler leis mitsummt,
bis dann Bellaire die Hand hebt und Einhalt gebietet ihnen.

Unterbrechung

Sie tritt nun vor und sagt: „Wir sind die Armen dieser Welt,
im Alltags-Outfit, ist bequem und kostet wenig Geld.
Nicht sind wir so wie ihr herausgeputzt,
der Kampf ums Überleben ist schon schwer, es nutzt
uns dabei unser Rad, ein Auto können wir uns gar nicht leisten.
Das Fortkommen mit Muskelkraft ist Alltag bei den meisten.“
Rudi ergänzt: „Das Rad, das wir hier feiern, bedeutet Freisein
für Milliarden Erdbewohner, es heisst Dabeisein,
wo man dabei sein will, darum erneut ein Hoch auf Drais!
Ein Hoch auf Karlsruhe, auf diese Einladung, das Fest; ich weiß,
wir wurden nicht erwartet, doch wir bitten,
mit euch heute zusammen sein zu dürfen als die Dritten,
neben den Stadtvätern und unsrer Polizei,
das Rad ist international, ein Heiligtum, und stets dabei.“

Der Bürgermeisterin, verwirrt: „Ihr seid nicht ausgeschlossen,
wir haben die Musik und, wie man sagt, ein Fest, das gestrige, genossen.
Das Rad, da sind wir einig, ist international und gehört allen,
auch wenn das Chaos und der Trubel allen nicht gefallen.
Was euch bewegt, klärt ihr am besten doch vereinsintern.
Ihr könnt ja mit uns essen und die Museen sehen, gern.
Was war nun unser nächster Punkt? Einen Augenblick,
ich frage den Kommunikationsassessor … War es das Picknick?“

Claude löst sich aus dem Halbkreis und spricht Rudi an.
„Da stehst du, mutig, wie ein Appenzeller Mann.
Dein Rad, die Stella Veneta, hast du von uns bekommen.
Damit ist neunzehneinundsechzig ein Giuseppe in die Schweiz gekommen
aus Norditalien, zur Arbeit; er blieb vierzig Jahre.
Als er dann starb, blieb nur die Frage, wer sein Rad nun fahre.
Ich habe immer klar gesagt: Das Rad half stets den Armen,
war sinnvoller als Almosen und Beten und Erbarmen.
Wenn ich hier für alle andern sprechen darf,
so heiß ich euch willkommen; ich seh, dass scharf
sind manche Blicke, dennoch sag ich: Reiht euch ein,
wir gehen Mittagessen, wir sind Freunde, wir sind ein Verein.“
Terry Twain runzelt die Stirn. Der Appenzeller tut das kund!
Ihm hätt es angestanden, präsidentielle Sätze anzubringen.
Nimmt ihm doch dieser Appenzeller seine Worte aus dem Mund!
Er lächelt höflich. Die Einigung wär trotzdem gut, so kann man sie vollbringen.

Applaus bricht los von allen Seiten; Vertreter
der Stadt klatschen nach kurzem Zögern ebenfalls,
und viele Fotos macht der Rogoff Peter,
Chronist des Treffens, springt fröhlich dort umher, als
auch der Präsident bedeutend nickt und zu sich winkt
die zwanzig aus Arabien, aus Afrika und Asien;
Essensgutscheine hat er in der Hand, und es gelingt
ihm, sie zu verteilen, als wären es Mercedes-Aktien.

Ein Kriminalfall

Die bunte Truppe links vom Halbkreis steht,
vom Podium und den Funktionären aus gesehn.
Erneut ein hoher Polizist zu unserer Bürgermeistrin geht
Und redet auf sie ein, man hört ihn beinah flehn.
Plötzlich sagt laut ins Mikrofon die Bürgermeisterin: „Nun halt!
Ich habe hier Informationen von unsrer Staatsgewalt,
der Polizei, wie traurig, ich muss es verkünden:
Das Rad verhindert nicht jedwede Sünden.
Man hat auf einer Bank am See einen Toten gefunden,
schon skelettiert, seit Jahren, nicht erst tot seit Stunden.“
Der Polizist sagt eifrig: „Wer etwas weiß, der spreche nun!
Die Aufklärung hat Vorrang, und wir müssen etwas tun.“

Rudi hat da mitgehört, und er tritt vor die Menge.
„Das ist nun unsre Schuld, seid nicht mit uns zu strenge.
Die ganze Sache ist recht einfach euch erklärt
Und nicht die Aufregung in höchsten Kreisen wert.
Sue Germaine wurde ins Zaubern und ins Heilen eingeweiht
Von ihrem Großvater, grösster Schamane weit und breit.
Der Urgroßvater war vielleicht noch wirkungsvoller,
und als er starb, da sagte er zu seinem Sohn ‚Soll er
und später seine Tochter meine Knochen ehren;
sie werden helfen, euch Magie und Glück zu lehren.‘
Sue kam mit dem Skelett von Papa Dibangwe Kalumanin her,
in ihrem Sarg. Kein Zollbeamter wollte wissen, wo ein Beleg denn dafür wär.
Der Uropa, der hundert Jahre tot, lebt längst in einer andren Welt.
Die Knochen haben auf der Bank wir lässig abgestellt.
Es ist ein ‚Cold Case‘, passend vielleicht für ein Tatort-Team
aus Karlsruhe, und gibt es das? Wir sagen ihm,
was es da wissen muss. Warum? Wir brauchten Platz
für die Instrumente unsrer Freunde, und noch ein Satz:
Darunter haben wir ein paar automatische Gewehre.
Warum? Sie hatten ein paar Revolutionäre,
die bei dem gestrigen Fest ein Attentat versuchten,
die Islamisten, diese Gottverfluchten.
Sie liegen nun gebunden im Begegnungszelt.
Es kann sie holen, wem das nun gefällt.“

Große Augen überall. Der Polizist muss alles erst begreifen,
die Bürgermeisterin denkt nach, der Präsident ist ganz entsetzt.
Ein paar der Radfahrer fangen nun an zu keifen,
sogar die sanfte Dorothy Tillingham fühlt sich verletzt.
„Gut“, sagt der Polizist, „ich schicke einen Wagen an den Ort.
Sie halten sich nun in Bereitschaft, gehen Sie nicht fort!“
Dann haben alle sich gefasst. Claude sagt: „Vergesst den See,
wir sind nun hier, was warten wir, denkt an das Defilée!“
„Da haben wir ja einen Sumpf des Bösen, zehn Delikte!“
Ruft aus der Polizist. „Die Radfahrer der Teufel zu uns schickte!“
Da fährt der Monsignore mit dem Dreirad vor den halben Kreis
Und fährt ihn ab und segnet alle, die die Häupter neigen.
Der Polizist, er dreht halb durch: „Das macht mir keiner weis,
dass das ein echter Priester; ob er es ist, das wird sich zeigen!
Vielleicht noch Blasphemie, wir sind in Teufels Küche.
Ich glaube nichts mehr, geb nichts mehr auf eure Sprüche.“
Des Monsignores Gegner, der Bretone, sekundiert:
„Ja, richtig“, schreit er, „Meister, überprüfen Sie,
der Gottesmann ist nicht real, und sein Ornat nur Alibi!“
Der Polizist winkt ab: „Ich geb am besten gleich um meine Rente ein.
Macht ihr doch, überprüft es selber, ich bin ein armes Schwein.“

Bellaire springt gleich hinzu, sie sieht des Polizisten tiefe Depression
und hängt ihm um den altbekannten Blütenkranz
und küsst ihn zwei Mal auf den Mund wie einstmals Nobel schon
und zwingt ihn, da da zaghaft eine Raga läuft, zu einem kleinen Tanz.
Wogegen aus dem Halbkreis böse Blicke sich auf Rudi heften,
der vor dem Podium. Man sieht erregt den Bachleitner nach vorne springen.
„Wo steckst du drin, Chaot, in welchen undurchsichtigen Geschäften?
Schickt ihn nach Haus, das muss ich mir nun ausbedingen!“
Pål Janssen legt ihm ruhig auf die Schulter eine Hand.
„Warum denn? Chaos ist doch Leben, läuft nicht alles immer klar.
Er hat die wilde Welt hereingeholt in unsre Welt, in dieses Land,
was uns belebt, auch wenn es für Probleme sorgt ganz offenbar.“
Bachleitner tobt: „Dem Ruf des Veteranenhauptverbands hat er geschadet.
Wer seid ihr denn, dass solche Leute ihr einladet,
Rudi hat uns hier vor aller Welt gründlich blamiert.
Wenn er nicht geht, geh ich. Auf diese Weise alles man verliert.“
Nun sieht der Präsident die Chance, sich endlich zu beweisen.
„Wir sprechen drüber bei der Hauptversammlung später.
Wir haben Hunger, starten nun das Defilée, denn schöne Räder
zu präsentiern, das tut dem Ruf des Veteranenklubs nur gut.
Man sorge hier nicht öffentlich für böses Blut.“

Die Bürgermeisterin schien ungeduldig, schaute auf die Uhr.
Jetzt folgt sie Terry Twain, von links marschieren sie entlang der Formation.
„De ‚Groene Leeuw‘, der grüne Löwe, der in Belgien fuhr
seit schon fast hundert Jahren, gehört Freddy Wouters, und schon
seit achtzehnfünfundachtzig gibt es das Rudge Ordinary, gelenkt
von Ken Herliffe, ein Hochrad wie dort hinten jener alte „Star“,
Amerika … Twains Hand geht nun wild umher, er denkt,
der Bürgermeisterin die Fahrradwelt zu zeigen, wie sie war:
„Mesitschek, Lutetia, Victoria, De Muynck, Comet, Sunbeam,
ein Hercules, ein Singer Ordinary, Willan, Clement und Micheaux,
sehr alt, von achtzehnzweiundsechzig, it’s a dream!
Ein Wanderer, ein Adler, und ein Singer Ladies Tricycle, oho!“
Die Bürgermeisterin lächelt, aber es wirkt sehr gequält.
Ihr Referent gibt Zeichen, und sie fällt dem Präsidenten in den Arm.
„Das war sehr instruktiv, es war sehr schön, die Räder, doch was zählt,
ist, dass es Essen gibt. Ich sage Ihnen Dank.“ Das war’s, mit Charme.

Und morgen dann: die Geister. Haben sich doch welche an die Räder geheftet!

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