Das Jahrhundertrennen (8)

Zum ersten Mal wird von Geistern gesprochen. Und am Ende dieses Abschnitts gehen Rudi und Sue noch gemeinsam zum Hauptfriedhof, darum ist das ganz schön lang. Die Gespräche zwischen beiden sind immer lehrreich und unterhaltsam. Schauen wir weiter.

Geister

Die Bürgermeisterin geht ab. Von links kommt eine neue Stimme, laut.
„Könnt bitte ihr noch einmal stehenbleiben, zehn Minuten?“
Rudi ist es, muss was tun, die Truppe hat das von vorhin noch nicht verdaut.
Er sagt: „Das wollten wir doch nicht, ihr könnt es schon vermuten.
Ich weiß, diese Skelett-Affäre hat euch nicht erfreut.
Die Sache ist nun ausgestanden, und wir haben sie bereut.
Die Sache ist aber auch die: Hier neben mir ist die Miranda, kommt aus Portugal.
Sie ist medial begabt, kann Geister sehn, und was sie sieht, ist ihr ne Qual.“
Da steht sie neben Rudi, weiß gekleidet, dünn und mit verwirrtem Blick.
Sie tut gleich allen leid, und Geister, hier, in ihrer Mitte,
das wirkt verquer, doch neugierig sind alle, und ein Trick
wird es nicht sein, was sollt‘ es auch, soll sie doch schauen, bitte!
„Ein neues Defilée“, wirbt Rudi, „danach geht es bestimmt zum Essen.
Miranda geht mit mir, und man kann wohl ermessen,
was es bedeutet, wenn ein böser Geist sich hängt an so ein altes Rad,
von dem er sich nicht trennen kann, nicht mal, wenn man ihn nett drum bat.“

Er legt den Arm um Miranda Graciosa de Campos, führt sie den Halbkreis entlang.
Es folgen ihnen Blicke aller Radler, bitterböse aber ist der Blick von Sue,
die findet, Rudi sei mit der Kollegin allzu freundlich, „niemand zwang
ihn, seinen Arm um sie zu legen. Ich weiß nicht, was ich mit ihm tu!“
Die beiden gehen, Miranda nimmt die Radler ins Visier,
schaut scheu, doch auch genau, und dann hebt sie die Hand
und deutet auf die zweite Reihe: „Ja, ich sehe hier,
eine Gestalt, am Rahmen“, flüstert sie, „dorthin gebannt.“
Der Hüne Leszek mit dem alten Ogar-Rad wird sichtlich rot.
„Ich? Hier? An meinem Rad? Das wär mir neu.
Der Vorbesitzer starb im Lager, armer Kerl, bei meiner Treu.
Er war Ukrainer, starb im Krieg, ist schon sehr lange tot.“
Sie gehen einfach weiter. Wieder bleibt sie stehn, wie angewurzelt.
Die erste Reihe: das alte Göricke vom fast gleich alten Ernstl Wunder,
dem in dem ersten Schreck die Mütze runterpurzelt.
„Ich hör manchmal Geräusche“, sagt er, „der alte Plunder,
er hat sein Eigenleben, denk ich, doch was … soll man tun?“
Das nächste Rad, das die Miranda zeigt, ist das von Cranston Loggle,
dem Hochradfahrer, der sie einfach ignoriert und nun
breit und spöttisch lacht, der stolze ungerührte Gockel.

Rudi ist mit seiner Seherin nun an der Truppe fast vorbei.
Sie bleibt noch einmal stehn, sie deutet auf ein altes Rad, Peugeot,
das der Kanadier Jock Hiller fährt; er stutzt und sagt „Oh my,
wie oft bin ich gestürzt, ich wurde nicht mehr froh.
Der Vorbesitzer wurd nach einem Mord exekutiert.
Ich hörte manchmal Stimmen, hat mich doch sehr irritiert.“
Es ist vorüber. Rudi sagt nun laut: „Miranda meint, es wäre zu bedenken,
wie man die Geister exorziert, sie kann in andre Welten lenken.
Es ist ja ein Besuch am Grab von dem Erfinder Drais geplant,
das wäre der perfekte Ort für die Zeremonie, wie man ja ahnt.“
Der Monsignore hat sich auf dem Dreirad hergerollt.
„Das ist ein Job für mich“, sagt er ganz aufgeregt. „Rituale romanorum,
das ist fünfhundert Jahre alt, gemacht, dass jeder Geist sich trollt,
um Mitternacht am Friedhof, ein paar Leute, ist das ideale Forum.“
Sue läuft hinzu. „Da muss ich schärfstens protestieren.
Das Ritual der Christen ist verfehlt und kann nicht imponieren.
Wir auf Haiti kennen das Problem, wir können das beheben
Mit bestem Resultat für dieses und das andre Leben.“
Rudi lacht. „Wir haben plötzlich eine Konkurrenz,
wie weiland zwischen Fahrrad und Mercedes-Benz!
Es bleibt noch Zeit, wir klären das, die Leute wollen speisen,
und wie das mit den Geistern kommt, das wird sich bald erweisen!“

Da sind nun alle froh. Die Räder werden aneinander angelehnt,
und sieben Polizisten passen auf, dass sie dort unbehelligt bleiben.
Die Menge unsrer Radler strömt, nein tröpfelt hin zum Schloss, sie sehnt
sich nach dem Essen, das übersinnliche und fremde Treiben
hat sie erschöpft, und nach dem vielen Stehn und Lauschen will man Ruhe mal.
Grad hoch die Dutzend Stufen einer Treppe, wo hängt ein Schild:
„Radfahrverein, zum Essen rechts, zum Speisesaal.“
Die Glastüren, sie stehen offen, dahinter Spiegel, Lüster, schönes Bild.

Miranda sieht den Rudi an und hält sich an ihm fest.
„Das war anstrengend, und eins gab mir ja fast den Rest.
Während ich die Geister sah, fuhr auf dem Rennrad ein Pirat,
mit Haube und auch Schwert herum; dass ihr ihn gar nicht saht?
Hin und her fuhr er und sagte in mir drin, als hätt ich es gedacht,
die Worte: Bald sehn wir uns, am Friedhof und um Mitternacht ―
Ich bringe alle meine Freunde mit ―
Es wird uns eine Höllenfahrt, ein Teufelsritt ―
Wir rüsten bald zur Geisterschlacht.‘
Dazu hat er jedoch recht laut gelacht.
Er nennt sich Marco, meint, dass ihr ihn kennt.
Dass niemand seinen Namen ohne große Achtung nennt.“

Steisbein geht grad vorbei, lässt ein paar Worte fallen.
„Rudi, ich höre grade ‚Marco‘ … stimmt: dort hinten, hinter allen,
da fuhr er auf und ab; schon gestern war er mir sehr nah.
Er hilft euch, da ist Kraft, ruft ihn nur an, dann ist er da!“
Wieder treffen von Vorbeigehenden böse Blicke Rudi,
ein Deutscher sagt ihm hart „Morgen beim Rennen wirst du nie
dabeisein, denn dafür sorge ich, bei der Versammlung im Verein.
Du bist dann unerwünscht, wir machen dich schon klein!“
Rudi lächelt. „Ach, verpiss dich doch; ich scheiß auf den Verein.
Wer klein ist, der bist du: Wie kann man nur so kleinlich sein?“
Zwei starke Appenzeller treten auf und führn den Deutschen ab.
Nur und Bellaire gehn mit Miranda weg, Sue drängt den Rudi ab.
„Hast dich ja rührend der Miranda angenommen,
wie ein Papa, wie einer von den päpstlich Frommen.
Ich hätte Lust, sogleich dich in ein Schweinchen zu verwandeln.
Wie fährst du dann das Rennen ― oder willst du nun verhandeln?“
„Ach Sue, Miranda ist doch traurig, und sie leidet sehr.
Ein Kunde, dem der Tod droht, und die Geister machen ihr das Leben schwer.
Verzeih, ich wollt ihr Stütze sein, ihr Kraft verleihn.
Hilflose schöne Fraun, du weißt, die machen uns stets klein.
Ich will doch keine Portugiesin, keine Russin, keine Britin,
du, die Zauberin, die Schönste aller, bist doch meine Favoritin!“
„Charmeur!“ grollt Sue. „Ich glaube dir und bin versöhnt.
Ach, bin ich dumm. Von Liebe leider nicht verwöhnt.
Hätt diesen blonden Radler mit den großen Worten ich doch nicht getroffen!
Dann könnt ich diese Nacht gut schlafen, friedlich und besoffen.“
Sie küssen sich. Und wie! Versöhnung ist der Sinn von Streit
Und heizt eine Beziehung an. Es flackert auf die Wut,
die Auseinandersetzung, tätlich, ist nicht weit,
und doch wird manche Wut, wenn beide sich noch lieben, auch zu Liebesglut,
die nun jedoch verdrängt muss werden, denn es ist Essenszeit.

Erst nimmt ein Polizist den Rudi noch beiseite und erklärt:
„Wir prüfen das erst nach, ein Wagen ist grad unterwegs zum See.
Wir nehmen Aussagen von Zeugen auf, und je nachdem, was die Streife erfährt,
kann wohl ein Verhör nötig werden, Sie halten sich bereit, okay?“

Radlerspeisung

Dann hoch zum Schloss. Es erklingt fröhlich ein Akkordeon.
Gottlieb Stellmach steht dort auf der Treppe und spielt unverdrossen
deutsches Liedgut, Polonäsen, Walzer, stets mit hellem Ton
und sich leicht wiegend, hat die Augen hingebend geschlossen.
Als Sue und Rudi ihn passieren, murmelt er, sehr gut verständlich:
„Dies indische Geklimper war ja nicht mehr zu ertragen.
Wir sind doch nicht in Bombay, begreift das endlich!“
Rudi lacht. „Wir sind wohl auch nicht in Kalkutta,
sondern in Karlsruhe, nah bei Mutta.“

Die Tische sind in Weiß gedeckt, umzingelt von graubraunen Stühlen.
Es biegt sich das Buffet, die Lüster glitzern, Spiegel glänzen.
Die Radfahrer ergießen sich in diesen Saal, den kühlen,
und junge Frauen ihnen den Willkommensdrink kredenzen.

Ein Summen hängt über dem Saal. „Zu Ehren unsres stolzen Drais“,
sagt Steisbein bald an einem Ecktisch, mit Bellaire und Nur.
„Und auch zu Ehren Marcos“, fügt der Rudi an, holt sich nen Stuhl und setzt sich leis
mit Sue an deren Tisch. „Wie großartig!“ sagt Steisbein. „Zur Natur
gehören unsichtbare Reiche auch, wie ich in meinem langen Leben oft erfuhr.
Ich möchte euch begleiten heute Nacht
Zu eurer legendären Geisterschlacht.“
Am Tische nebenan, da tafeln Leszek, Loggle, Hiller, Wunder,
die rührend kümmern sich um Frau Miranda, die zwar
französisch spricht, doch etwas englisch kann, ein Wunder,
und dann erschreckt, als sie Teagarden sieht, der wartet an der Bar.
Karl-Heinz Steisbein hat mittlerweile eine Flasche roten Wein
gebracht, entkorkt sie, und gießt nun den Inhalt aus
bei ihnen und auch in die Gläser dort am Nebentisch. „Stimmt ein
Mit mir,“ sagt er, im Steh‘n, „die Flasche geht aufs Haus!
Die Geister sind nicht böse, sind bloß arme, unzufriedne Seelen.
Es macht ihnen nicht Spaß, die Menschen hier zu quälen.
Sie haben ihren Weg ins Licht versäumt; sie reinzuschicken, ist nur gut.
Wir retten sie und uns, und damit ―Prost und ruhig Blut!“

Weit hinten in einer entfernten Ecke, verdoppelt von zwei Spiegeln
Ist es bunt und auch bewegt. Nur steht auf und winkt hinüber.
Die Helden ferner Kontinente wirken dort wie abgeriegelt
Von hundert andern Essern, drum stehn sie auf und stehen drüber.
An einem Tisch die Raga-Meister Ram, Sapad und Har
neben Mahmud und Steve, flankiert vom Russen Wladimir,
Mahindi, Hassan und Chatur, und offenbar
vermissen sie Bellaire und Nur und woll’n sie hier.
Nur schüttelt ihren Kopf, Bellaire macht eine Geste mit der Hand.
Heißt: später, erst wir hier sind; essen, habt Geduld.
Dann geht sie los, durchquert das ganze Speiseland
Und plaudert dort, schenkt andern Männern ihre Huld.

Rudi und Karl-Heinz gehn zum Bufett, um Essen beizubringen.
Die Schlangen überall sind lang. Die anderen machen beiden Platz.
Doch will manchem verbohrten Veteran es nicht gelingen,
Steisbein und Rudi zuzunicken, zuzulächeln, ihnen sagen einen Satz.
Die Frauen, die sind anders! Elsbeth grinst und sagt: „Die Geister
Bei uns im Appenzellischen sind gleichfalls klebrig fast wie Kleister.
Sie heften sich schon mal an Häuser, oft an Leute,
Es ist mir neu, dass sie an Rädern kleben, wie wir erfuhren heute!“
Alma von Blankenhorn erzählt, sie kenne wohl Geschichten
aus englischen Büchern der Parapsychologie, und Jock
aus Kanada wusste ihr letztes Jahr wohl zu berichten,
er habe an dem eignen Rad nen Geist gesehen, das war ein Schock!
Anne Savognin reiht sich ein, sie sieht das soziologisch.
„Der Ahnenkult war immer groß, man sucht‘ im Unsichtbaren
Erklärung für das, was man nicht begriff, das ist doch logisch.
Der Mensch ist doch irrational, Opfer des Wunderbaren.“

Dann sind sie vorgedrungen zu den Wundern der badischen Küche:
Schäufele und Sauerkraut, mit Knöpfle, Spätzle und Salaten;
es wabern appetit-treibend herum die artigsten Gerüche
nach rotem Kohl, Grünkohl, nach Brokkoli und Rinderbraten.
Da gibt es Wurst im Weck, Haxe vom Schwein und Schinken satt,
Pommes frites, Häufen von Gnocchi und Kartoffelstock,
Pasta mit Pesto, „Pesce“ mit Polenta, Pizza mit Rucolablatt,
Forelle Müllerin, Forelle blau, und Würstchen im Schlafrock.

Pål Janssens Augen leuchten, und er streicht sich den Wikingerbart.
„Das ist was andres als der Geitost, Ziegenkäse, den ich täglich kauf‘,
und den Norwegerlachs geb ich her für diese Speisen, o wie zart!“
„Macht Platz dem Pål!“ ruft Rudi, „sonst frisst er uns gleich auf!“
Die Raga-Meister sind mit leerem Teller da vor Ort und fragen:
„Wo ist Reis? Und wo ist Huhn?“ Von Reis kein Korn,
von Huhn kein Knöchelchen, niemand kann ihnen sagen,
Wälti rät: „War das nicht Kous-Kous rechts da vorn?“

Man zieht dann ab, den Teller tüchtig aufgehäuft,
dass man ihn achtsam vor den andern wegbalancieren muss
bis hin zum Platz. Und dann tritt Stille ein, niemand mehr läuft.
Das Klappern von Bestecken. Kauen, Schmatzen. Der Genuss.

Der irgendwann mal enden muss.
Der Sturm nun zum Dessert. Eisbombe, Apfelkuchen,
Tiramisu, Crème Caramel, Fürst Pückler, Mousse
au Chocolat, Schwarzwälder Kirsch kann man versuchen.
Kaffee? Natürlich, einen kleinen Espresso,
er möglich auch mit einem Schuss.
Und immer möglich ist der Sahne-Cappuccino
Oder gleich Grappa? Einen Kirsch? Mit einem Negerkuss?

Mahindi, dessen Haut sehr dunkel ist, bekommt die Leckerei.
Bellaire setzt sie ihm hin. Und er verschlingt das schaumige Gebäck,
und reißt die Augen auf: „Delicious, like a Mumbai pie!“
Das war’s mit seinem Kuss, denn Bellaire ist schon wieder weg.
Sie legt auch Karl-Heinz Steisbein einen hin, sie findet ihn charmant,
ihn, der nach Kräften um die junge Frau sich hat bemüht,
nun seinen süßen Kuss verschlingt und sagt: „Ein Unterpfand
für einen echten Negerkuss!“ Er kriegt ihn. Auf den Mund. Erglüht.
Gewandt zu Rudi, sagt er: „Ach, dass ich sowas darf erleben.
Man sieht sie mir nicht an, meine zweihundertnochwas Jahre Leben,
Mehr als ein Jahrhundert hab ich sowas nicht gefühlt.
Nur wird’s mit der Potenz allmählich schwierig, ist leicht abgekühlt.“
„Maestro“, erwidert Rudi, „Sie wirken wie mein größrer Bruder.
Erwarten wir die Nacht, und mancher steht dann auf, läuft aus dem Ruder.
Die Leistungen, die wir uns abverlangen, können rasch erwachen,
denn zwei Glas Badenwein können viel Glut entfachen.“
Sie stoßen an. „Jean Paul, der hätte dir gefallen“,
sagt Steisbein, neigt sich zu Bellaire. „Noch einen letzten, hier, vor allen!“
Er kriegt den Kuss. Und küsst zurück, um sich recht artig zu bedanken.
„Ach ja, Jean Paul. Trank aber Bier, das literweis: das gute Bier aus Franken.“

Pause

Die Stimmen im dem Saal werden allmählich schwächer.
Die Teller sind fast alle leer, die Radler haben sich zurückgelehnt.
Den letzten Schnaps leeren die letzten Mittagszecher.
Nun wär ein Schläfchen recht, im Schlosspark, gern auch ausgedehnt.
Der Präsident steht auf und sagt: „Dank an die Organisatoren
Für dieses Mahl. Pompös! Grandios! Wir haben auserkoren
aus all den Musentempeln dieser Stadt grad vier Museen.
Welche sie sind, könnt aus den Listen ihr ersehen,
die liegen am Bankett. Tragt euch doch bitte sorgsam ein.
Dann ruht gern eine Weile. Zu der Bildung Schrein
geht es erst später, in dann vier Gruppen und exakt um vier.
Auf jede Liste passen vierzig, tragt euch ein, allhier!
Museum eins, das Zet-Ka-Emm für Medientechnologie,
Museum zwei ist hier, die badische Geschichte, sie veraltet nie.
Die drei entfällt auf das Verkehrsmuseum, unsre Sparte,
in der man Autos und auch Räder sieht und wo ich auch erwarte
die leitenden Mitglieder unsres Vereins. Wer Tote gerne ehrt,
kann auch zum Hauptfriedhof . Ich fänd es nicht verkehrt,
wenn eine Abordnung von uns sich neigte vor Herrn Drais,
dem Laufgerät-Erfinder, ihm schenkte Achtung und auch Preis.
Der Friedhof dürfte offen sein, denk ich, bis Sonnenuntergang,
Wer ein Museum aufsucht, hat drum hinterher noch Zeit, sehr lang,
vorm Abendessen unserm Drais einen Besuch dort abzustatten,
da nun, im Juni, unser Sonnenuntergang geht spät vonstatten.“

Er setzt sich. Und wieder bilden sich – leicht schläfrig – Schlangen,
vor den vier Listen am Bankett, man schreibt hin seinen Namen,
das dauert seine Zeit, bis alle, sachte trottend, hingelangen
und sich entscheiden, doch vergessen sind nun alle Dramen.
Die Teilnehmer am bunten Tisch, die Fahrer fremder Kontinente, sie sind ratlos:
Gehören sie dazu? Wie werden diesen Nachmittag verbringen sie?
Sue geht zu ihnen, sagt: „Ihr bindet wie die anderen um vier Uhr euer Rad los
Und folgt dem Schild mit „Friedhof“, da gibt‘s eine Zeremonie,
da dürft ihr doch nicht fehlen. Die Sammlungen in den Museen
sind deutsch erklärt, darum nicht einfach zu verstehen.
Wir bleiben doch im Freien, lassen diese Welt uns etwas lehren,
und widmen unsre Zeit dem Friedhof, Carl Freiherr von Drais zu Ehren.“

Der Präsident verkündet bald: „Die Eintragung ist nun geschlossen.
Es merkt sich jeder das Museum, für das er sich entschlossen
und geht um vier zum jeweiligen Schild. Ein Führer bringt euch hin.
Ich sehe mit Freude: Disziplin. Die Zahlen stimmen. Es hat alles Sinn.“
Zerstreuter Beifall. Die satten Radler trotten schläfrig raus
Und gehen die Treppe runter, suchen sich gleich einen netten Platz
Im Schlosspark, und im Schatten, und schlafen sich erst einmal aus.

Rudi und Sue

 

Und Rudi sagt zu Sue nur einen Satz:
„Du wusstest gleich: der Friedhof, wir können uns ja dort hinlegen.“
Während nun alle sorgsam sich zur vorläufigen Mittags-Ruhe betten,
sucht Rudi auf dem Stadtplan, wo man die, die ihrer letzten Ruhe pflegen,
findet, und sieht: Im Osten liegen ihre steinernen geschmückten Ruhebetten.
Den Sarg lässt Sue einfach stehen, begnügt sich mit ihrem rosa Damenrad.
Rudi besteigt die Stella Veneta, die Gute, und fährt Sue voran.
Sie radeln um den Park herum, folgen der Engesserstraße Pfad
zum Adenauerring, ein Kilometer. Rechts, und sofort links dann,
Karl-Wilhelm-Straße, Haid-und-Neu-Straße , nur noch ein kleiner Rest
von einem knappen Kilometer. Links Bauten, eine Mauer, ein Portal:
der Hauptfriedhof. Am großen Eingang machen sie die Räder fest.
„Da wären wir, mein Schatz. Die Toten ruhn. Wir tun es auch, zwei Stunden mal.
Ach, halt, wir fragen noch, wo steht die Draissche Stele,
damit man nicht den Weg verfehle.“

Da ist schon die „Friedhofsverwaltung“, da ist leicht einzutreten.
Davor ein eleganter schwarzer oberbequemer Cruiser lehnt,
mit einem schwarzen Helm auf seinem Sattel. Totenköpfe aller Art
hängen am Lenker. „Scheint mir ein Kollege“, sagt Sue leicht gedehnt.
Sie treten ein. Ein Tresen. Und ein Mann, mit weißem Vollbart.
„Entschuldigung, die Statue für Drais, wo ist die denn zu finden?“
Der Mann im schwarzen Anzug meint: „Ah, viele suchen das.
Hier ist ein Plan mit Kreuzchen, auf den Weg, viel Spaß.
Die Stele auf Quadrat fünf A wird nicht so schnell verschwinden.“

Er schiebt den Zettel rüber, fasst Sue in den Blick
und zögert leicht. Er sagt: “Nun seh ich euch, ich weiß.
Ihr seid erwählt, euch sandte das Geschick,
das mit nem Flash mir gab den Überblick.
Ihr habt Bedeutung für Karlsruhe und für Drais.“
Er sagt zu Sue: „Man nennt mich Pluto, Kenner der Mythologie
Sind nicht erstaunt. Ein Pseudonym. Der Chef der Unterwelt,
von Zeus ― wie von der Stadtverwaltung ich ― bestellt.
Ich wuchs hier auf und hab mich fortbeweget nie
von hier. Mein Vater tat den Job, und ich bereits in jungen
Jahren beschloss, ihm eines Tags es gleichzutun.
Ein Job mit Zukunft! Ich werde hier auch einmal ruhn,
hab mir ein schönes Grab am Hügel ausbedungen.“

Rudi nickt. „Wir danken sehr. Froh, Sie gekannt zu haben.“
Sue ergänzt: „Mit Ihnen sei die Kraft. Baron Simitjé wird Sie schätzen.“
Pluto erstarrt. Sein Blick wird leer. „Ich weiß euer Vorhaben.“
Die Stimme klingt nun anders. „Jedoch braucht ihr vom Jenseits gute Gaben.
Es ist sehr wichtig, keinen Geist je zu verletzen.
Ich neige mich, kommt gegen acht zur Innenstadt, zum Club Caribic.
Simitjé sagt mir, dass die hohe Ordnung euer Planen unterstützt.
Ihr werdet Hilfe haben“, sagt er und verneigt sich. „Was ihr tut, das nützt.
Pluto gibt euch Zugang, ihr seid frei, könnt handeln, ganz beliebig.“

Rudi und Sue verlassen leicht verstört die Räume.
Man weiß es höhern Orts, Sue drückt ihm leicht die Hand.
„Wir suchen uns ein Mausoleum, haben da schöne Träume.
Und dann um Mitternacht betreten wir das Geisterland.“

Erst jedoch betreten sie die Totenzone, auf breiten, ebnen Wegen.
Der Hauptfriedhof ist groß. Die Welt der Toten hat scheinbar kein Ende.
Man geht nach rechts, nach links, sieht hier ein Grabmal, dort, entlegen,
die Ecke mit den Weltkriegsgräbern, ferner Kindergräber, Urnenwände,
niedriges Gehölz vor leeren Wiesenflächen, da und dort erglimmt
ein rotes Lichtlein, das jemand auf dem Grab für eine arme Seele hat entzündet,
und diese Treue einen traurig und gleichzeitig fröhlich stimmt,
da es von Andenken und Hoffung auf die Auferstehung kündet.
„Den Glauben an das ewige Leben haben wir ja auch“,
sagt Sue, „und dann Anfang November ist das Totenfest, ein schöner Brauch.“
Sie gehen Arm in Arm so planlos weiter, suchen eine Ruhestätte
nicht für die Ewigkeit, nur für ein paar Stunden.
„Wenn man ein schickes Mausoleum hätte“,
sagt Rudi, „könnten wir schlafen“, sagt er unumwunden.
Eine alte Frau im grauen Mantel kommt ihnen entgegen.
Sie lüftet ihren schwarzen Hut und lächelt unergründlich.
„Entschuldigung“, sagt Rudi, und verwegen
fragt er: „Wo kann man sich denn ausruhn, nicht so gründlich
wie die Verstorbenen, nur für eine kurze Zeit?“
„Ich habe euch erwartet“, sagt sie, „und ihr seid genehm.
Ihr ruht euch aus, ich kenne einen Ort, der ist bequem.
Das dritte Mausoleum hinter mir steht euch bereit.“
Die beiden sind verblüfft und folgen ihrem Vorschlag bald.
Es ist die Grabstätte einer Familie des Adels, Krauss-Contini
Steht mit großen Lettern oberhalb des Eingangs. Drinnen ist es kalt,
es geht vier Stufen runter, flache Ruhebänke, Kissen, die nie
vielleicht Häupter fanden, die auf ihnen ruhten. Das ist perfekt.
„Ich hätte mir das nie getraut“, sagt Rudi, „man hat Pietät.“
Er legt sich hin, Sue kuschelt sich ihm an. „Entdeckt“,
sagt sie, „hat das wohl diese Frau, die, wie man wohl errät,
nicht war von dieser Welt. Sie will, dass ich dir hier berichte,
was ich in Wahrheit treibe und was Voodoo ist, dessen Geschichte
in Afrika beginnt, wo man, um Sklaven zu bekommen, Menschen fing,
die man ins mittlere Amerika verschiffte, um Hals und Knöchel einen Eisenring.
Der Zauberglaube, den die Yoruba in Dahomey befolgten, war tief in ihnen drin
Kam nach Dominikanien, Haiti, auch nach Ghana und Benin.
Das Christentum verfolgte grausam deren Priester, ließ sie oft ermorden,
so gründete im Untergrund man die geheimen Voodoo-Orden.
Und die vermischten sich mit Lehren des Katholizismus;
Drum liest man aus dem Voodoo fast wie aus dem Katechismus.
Wir glauben an Bondyè, das allerhöchste Wesen,
und unsre Engel, Lua, sind uns das, was eure Heiligen gewesen.
Wir glauben an ein Leben nach dem Tod, das den begünstigt, der das Gute tut.
Wir haben Rituale, spenden Opfer und verzehren Fleisch und Blut.
Der Glaube ist fast gleichbedeutend mit dem Heilen,
mit Hilfe füreinander, mit dem Teilen
der Güter. Ist unser Dasein nicht ein schwerer Gang?
Wir wollen es erleichtern durch den Glauben, unser Leben lang.
Bondyè hat uns geholfen, unsre Revolution der Sklaven
gelang, wir sind nun frei und können ruhig schlafen.
Wir glauben auch an unsichtbare Geister und Dämonen,
die unerkannt in unsrer Mitte wohnen,
Dambala kennen wir als Schlangengeist, Ogou Balanjo heilt,
Yemanja ist der Wassergeist, rein weiblich, Erinle in den Wäldern weilt,
und Ezilie ist zuständig für Liebe, wieder ein weiblicher Geist,
der sich am liebsten durch die … Tat beweist.“
Und damit küsst sie Rudi; inniglich. Umarmung; und sie wollen fast vergehn,
doch bremst die Steinbank, weil sie hart und schmal ist, jedes weitere Vorgehn.

„Entschuldige“, sagt Sue, „und auch dafür, dass ich hatte die unselige Idee,
in Schwarz hier aufzutreten, mit Skelett und Totenkopf, wie im Voodoo-Klischee.
Das sei mir fern! Ich hasse die schwarze Magie, diejenige der linken Hand,
die Böses will und Böses zeugt, sie sei von unser Welt verbannt!
In meinem Kreis gelt ich als Heilerin und als Schamanin,
als Nachfolgerin von meinem Urgroßvater, Papa Dibangwe Kalumanin.
Ich bin wohl eine Mambo, der gute Zauberer ist ein Houngan.
Und heilig ist uns alles, was da lebt, es steht in Bondyès Plan.
Rudi versetzt: „Ich habe nie als Schwarzmagierin dich betrachtet,
und schon nach eurem Rennen zu erobern dich getrachtet.“
„Es war noch nicht die Zeit“, sagt Sue, „ich wusst‘ es jedoch sehr genau.
Nun lass uns ruhn; und für die Nacht auf Hilfe meiner Luas ich vertrau.“

Das musste noch rein, und so haben wir in der nächsten Ausgabe die Museumsbesuche und den Wahl des neuen Vorsitzenden.

 

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