Fern funkelnde Adria

Apulien ist eine vielfältige, nicht übertrieben bekannte Gegend. 2011 bin ich einmal die atemberaubende Küstenstraße nach Otranto entlanggefahren und habe viele glückliche Rennradler getroffen. Ich las im DuMont Kunst-Reiseführer über die Terra di Otranto nach – und war ebenfalls glücklich. Über die Sprache.

Heute sind die Reiseführer eher Bilderbücher. Konfus das Layout, viele praktische Tipps; Dinge eben, die keiner braucht. Der Kunst-Reiseführer Apulien (Kathedrale und Kastelle lautet der Untertitel) ist von 1971, als es noch kunstbeflissene Menschen gab, die gezielt Kirchen und Museen aufsuchten. Der Autor ist C. A. Willemsen. Über ihn erfährt man nichts. Der Führer ist ganz der Sache gewidmet.

Und wie präzise und poetisch man damals geschrieben hat! Das Vokabular des Kunsthistorikers ordnet sich unter, die Sätze sind wohlgesetzt und haben einen guten Rhythmus. Der schönste Satz ist fast schon übertrieben gestaltet. Wir lesen:

Denn die silbergrüne sanfthüglige Ebene ringsum gehörte ehedem Tankred, die blauen Fluten der von fern funkelnden Adria durchfurchte er oft mit seiner siegreichen Flotte, und die Gestade, die an klaren Tagen aus den Dunstschleiern über ihrem Horizont autauchen und herübergrüßen, sind die Küsten Griechenlands, wo für ihn durch die Beschäftigung mit den Wissenschaften und der Musik selbst die Jahre der Verbannung reich und fruchtbar wurden.

Die »blauen Fluten der von fern funkelnden Adria durchfurchte er oft mit seiner siegreichen Flotte« … das ist Poesie. Oder auch:

Das Innere, in drei schmale, hochaufgereckte Schiffe gegliedert, in die aus der schlanken Vierungskuppel gedämpftes Licht so schön einfällt, atmet vor allem den herben Geist zisterziensicher Frühgotik französischer Prägung.

Tempi passati! Schau dich in einer Buchhandlung von heute um, und du meinst, du bist im Kindergarten. Hunderte Romane warten auf einen, in denen es meist um die Liebe geht. Die Titel sind wichtig. Man hat das Gefühl, manche Bücher wurden erst geschrieben, nachdem man den Titel hatte, der immer lässig klingen und einen Hauch Romantik durchblicken lassen muss. Im Klappentext wird gern und auch penetrant erwähnt, dass die Autorin bereits große Erfolge hatte; das Verlagswesen ist eine perfekt instrumentierte Gefühlsindustrie.

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Diese Romane sind oft dick, weil ausufernd und breit erzählt wird. Andauernd passiert etwas. Die Sprache liefert bloß noch Informationen. Der echte Dichter ist davon abgestoßen. Er kann es nicht ertragen, dass seine Geliebte, die Sprache, sich derart prostituieren muss. Sie, die Schöne, soll glänzen und Eleganz verbreiten. Sie ist die wahre Heldin des Romans.

 

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