Faserland

Zögernd hatte ich angefangen, aber dann folgte ich zunehmend erregt der Reise von Christian Kracht durch Deutschland, die er in Faserland beschreibt. Er schreibt über die Menschen in unserem Land (Wort der Kanzlerin) im Jahr 1995. Es geht viel um Drogen, und das Buch selber ist eine Droge. Am 24. September ist Bundestagswahl.  

Dieses Buch holt einen heraus aus seinem Schneckenhaus und lockt einen in eine Außenposition. Kracht fährt als junger, begüterter Mann von Sylt nach Süden, besucht Parties in Hamburg, Heidelberg, München und Meersburg, meist hineingezerrt von Freunden, und da werden Koks und Valium und unendliche Mengen Alkohols konsumiert (man muss sich zügeln, um nicht auch ein Bier aus dem Kühlschrank zu holen), der Ich-Erzähler ist meistens betrunken oder auf dem Weg dorthin, und es wird oft gekotzt in diesem 150 Seiten langen Buch. Es führt uns von der Nordsee über den Bodensee zum Zürisee, wo die Odyssee endet.

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Dann verschwindet er immer im Auto des ( begüterten) Freundes und reist weiter, steigt in Hotels ab, tut sich in Clubs um, und das alles ist ziemlich freudlos und lustlos. Junge schöne Menschen machen sich groß, plappern herum, produzieren sich, und hinter der Oberfläche ahnt man Leere und Verzweiflung. Plötzlich kommt einem, was man gerade für wichtig im eigenen Leben gehalten hat, schal und bedeutungslos vor. So eine Wirkung hat dieses Buch. Da wird kurz ein Vorhang aufgerissen, und man schaut hinein ins menschliche Theater: all die Ideologien, die Lebensentwürfe, die großen Worte, die schnellen sexuellen Begegnungen.

Langsam kann man die 1990-er Jahre betrachten, im Rückblick, und neben Kracht gehört natürlich Benjamin von Stuckrad-Barre dazu. Wie sagt man: den Nerv einer Generation treffen, den Zeitgeist ausdrücken. Zwanzig Jahre danach gehört es zur deutschen Literaturgeschichte.

D D Deutschland

Und heute? Ja, heute: aufgeregte Debatten, Politik, Statements und Kritik, das betuliche, nölende Fernsehen, der Qualitätsjournalismus (der Zeit), Feiern und Konzerte, die ganze Maschine des Amüsements; ach, es ist entsetzlich öde geworden in den vergangenen zwanzig Jahren: Die Jungen studieren und lernen die Nacht durch, statt Party zu machen, und wie schon immer: Sag das Richtige, tu das Richtige, hab die richtigen Klamotten an (da, wo das Geld winkt).

In den vergangenen 20 Jahren haben die Großkonzerne sich das Geschäft untereinander aufgeteilt, sogar das Verlagswesen ist konzentriert, es wird das Tempo erhöht und blendend verdient. Man fährt aufgequollene schwere Autos, hat zudem einen Oldtimer in der Garage, kann sich jederzeit äußern, mit vielen Weltbürgern plaudern und alles durch Internet erfahren, und man kann zum Preis von zwei Büchern nach Mallorca fliegen und zurück. Das Weltklima ist versaut, doch die Kamine qualmen, die Fabriken laufen auf Hochtouren, und Deutschland ist Weltspitze, es geht uns super, das gibt man nicht einfach so auf, und kauf ich mir halt ein Elektroauto und flieg nur nach Rom, nicht nach Thailand.

Ich dachte an unser (Erichs und meins) Kultbuch noch einmal 20 Jahre vor Faserland, Von Hier nach Dort von Peter Rosei (1978), schmales Buch, auch er reist durchs Land, mit dem Motorrad (Easy Rider war noch nicht lange her) und schreibt lapidar (aber wie Handke mit einer beladenen Schlichtheit, wo man hinter der Oberfläche Fülle spüren soll). »Fürchten Sie sich nicht, so allein da draußen, fragte ich. – Sie sind doch da, antwortete sie und lachte. – Aber ich fahre bald wieder. – Müssen Sie denn, fragte sie. Wir gingen dann hinter die Bude und fickten.«
Das Buch endet mit Ich ging dann weiter.

Faserland ist ein Blick auf unser Land, in dem man laut unsere Kanzlerin gut und gerne leben solle, und die beschriebenen jungen Helden sind heute zwanzig Jahre älter, sitzen in Reihenhäusern und Villen und schauen aufs Tablet, sorgen sich um ihre Gesundheit oder ihre Finanzen.

Faserland ist ein deprimierendes Buch. Christian Kracht nimmt die Rolle des Pikaro ein, der sarkastisch die Welt als großes Theater beschreibt, und er registriert alles, gehört aber nie zur Party, ist ein hineingeschneiter Gast (wie alle Autoren), ist immer einsam, verlässt dann die Szene, und ganz folgerichtig ist, dass er in Zürich landet, wo er auf dem Kilchberg Thomas Manns Grab sucht (sein Hochstapler Felix Krull ist auch so ein Pikaro). Von jenseits der Grenze, am See. schaut der Erzähler auf Deutschland. Was ist das für ein Land?

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Den Kindern würde er

von Deutschland erzählen, von dem großen Land im Norden, von der großen Maschine, die sich selbst baut, da unten im Flachland. Und von den Menschen würde ich erzählen, von den Auserwählten, die im Inneren der Maschine leben, die gute Autos fahren müssen und gute Drogen nehmen und guten Alkohol trinken und gute Musik hören müssen, während um sie herum alle dasselbe tun, nur eben ein ganz klein bißchen schlechter. … Ich würde auch erzählen von den Männern, die nach Thailand fliegen, weil sie so gerne mächtig und geliebt wären, und von den Frauen, die nach Jamaica fliegen, weil sie ebenfalls mächtig und geliebt sein wollen. Von den Kellnern würde ich erzählen, von den Studenten, den Taxifahrern, den Nazis, den Rentnern, den Schwulen, den Bausparvertrags-Abschließern, von den Werbern, den DJs, den Ecstasy-Dealern, den Obdachlosen, den Fußballspielern und den Rechsanwälten.    

Im Buch Faserland erzählt er aber von den happy few mit vielzimmrigen Villen, vom Hotel Baur au Lac in Zürich, von reichen Eltern und Porschefahrern, aber das ist okay. Und die Drogen. Sich wegballern in eine schönere Welt. Auf Mykonos ahnt er was, als ein Schiff vorbeigleitet, und

es ist ein bißchen so, als finde man seinen Platz in der Welt. Es ist kein Sog mehr, kein Ohnmächtigwerden angesichts des Lebens, das neben einem so abläuft, sondern ein Stillsein. Ein Stillsein. Die Stille.  

 

 

 

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