Omar Khayyam und sein Rubayyat

Das Wort Samarkand schmeckt nach Orient, und die Stadt, die so heißt, liegt heute in Usbekistan. Samarcande heißt ein Buch von Amin Maalouf, und ich nahm es mit, um mich überraschen zu lassen.

Fing gut an: Es gehe um eines der mysteriösesten Bücher der Geschichte, dessen Original beim Untergang der Titanic im April 1912 verlorengegangen sei.

Das Buch, von dem die Rede ist, heißt Rubayyat, sein Autor Omar Khayyam. Das Werk besteht aus 1200 bis 2000 (genau weiß man es nicht) geheimnisvollen Vierzeilern und soll von 1070 bis 1130 entstanden sein. Omar Khayyam war schon als junger Mann belesen und ein berühmter Gelehrter, der in Mathematik und Astronomie/Astrologie Außerordentliches leistete.

Freilich ist Maaloufs Buch Fiktion; wir wissen nicht einmal, ob Khayyam wirklich das Buch verfasste. Zu Beginn hält er sich in Samarkand auf, wird als Alchemist beschimpft und kommt vor den Kadi. Er lernt den Sultan und seinen Wesir kennen, erhält eine Anstellung am Hofe, wo er die attraktive, ehrgeizige Dichterin Djahane kennenlernt und heiratet. Sie werden zehn Jahre unzertrennlich sein.

Omar Khayyam war 1048 geboren, und schon in Samarkand lernt er einen Geistesverwandten kennen, der sein ganzes Leben ihm Freund sein wird: Hassan Sabbah. Die beiden sind grundverschieden. Omar studiert, erstellt Horoskope für Würdenträger und lehnt Gewalt ab. Hassan will in der Verwaltung Karriere machen, scheitert an einer Intrige und überlebt nur dank des Eingreifens seines Freundes Omar. Als Sufi-Derwisch verkleidet, schleicht Hassan Sabbah durch die Lande, bis er die Bergfestung Alamut entdeckt, die er zu einem perfekten Zufluchtsort ausbaut.

Er wird sie nie mehr verlassen, wird kaum aus dem Haus gehen und einen Geheimorden gründen: die berüchtigten Assassinen. Es herrscht totale Askese auf Alamut. Die Jünger verüben Auftragsmorde, schnell und präzise tun sie das, und dann lassen sie sich töten: die Vorläufer der schrecklichen Selbstmordattentäter. So sät Hassan von seinem Bergort aus Terror, Omar Khayyam lebt derweil in Isfahan.

Jahrzehnte schreibt Khayyam in winziger Schrift in ein Buch, das ihm wichtiger ist als sein Leben und in das nur zwei Menschen blicken durften. Es stehen erleuchtete Verse darin, aber auch kritische und rätselhafte, und als Volksbuch taugt es nicht, zumal man weiß, dass Omar Khayyam gern Wein trinkt. Doch die Größe seiner Dichtung ist unbestritten. Durch den Rubayyat gehört er zu den drei großen frühen orientalischen Autoren, und die beiden anderen sind Ibn Arabi (1165-1240) und Rumi (1207-1273), die ebenso produktiv waren. Ibn Arabi hinterließ 800 Werke, und das Matnavi von Rumi umfasst 24.000 Verse.

Bei einem Putsch wird Djahane ermordet, und Omar zieht weiter. Er stirbt mit 84 Jahren, ohne die Einladung von Hassan nach Alamut wahrgenommen zu haben. Sein Freund, der ihm das Buch gestohlen hat, um es in Alamut sicher unterzubringen, segnet mit knapp 80 das Zeitliche. Bei einem Überfall der Mongolen geht die große, wunderbare Bibliothek Hassans in Flammen auf … doch irgendwie wurde der Rubayyat gerettet. Edward Fitzgerald übersetzte 1861 etwa 90 Vierzeiler (quatrains), doch das wären nur 5 Prozent des Gesamtwerks. Ich bin gespannt: Der zweite Teil von Samarcande behandelt das Auffinden des alten Manuskripts in Paris um 1900 …

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