Ich werde neu

Was ist das am häufigsten verwendete Wort in der Werbung? So fragte mich vor langer Zeit ein Kollege. Ich erriet es: neu! Heute wollen sogar Menschen neu werden und anders, wollen ihr inneres Potenzial befreien, und nette geniale Mitmenschen aus Amerika helfen ihnen dabei, allerdings nicht ganz uneigennützig. Ihre Seminare sind teuer. Neu werden kostet.

Schon vor fünf Jahren brachte Dr. Joe Dispenza ein Buch mit dem Titel Ein neues Ich: Wie Sie Ihre gewohnte Persönlichkeit in vier Wochen wandeln. Der Autor ist schon in 32 Ländern aufgetreten und auch durch sein Buch Du bist das Placebo bekannt geworden, das ein halbes Jahr vor meinem Placebo-Effekt erschien und bei Amazon Rang 770 einnimmt (meines: 190.000). Angekündigt wird er als Neurowissenschaftler, aber studiert hat er Chiropraktik.

En anderer Autor ist Bruce Lipton. Du bist größer, als du gemeint hast, lehrt er. Meistere dein Unbewusstes! Große Versprechungen. Werde übernatürlich heißt ein weiteres Buch von Dispenza, der wirklich nichts auslässt. Es gibt Hoffnung und Glauben auf die Modellierbarkeit des Geistes, nachdem man die Sitzungen beim Schönheitschirurgen schon hinter sich hat. Viele wollen durch Ratgeberbücher und Seminare in Stand gesetzt werden, ihre Bedürfnisse zu erfüllen, reich zu werden, seine Träume zu leben, was immer. Das ist ja legitim. Wir leben ja in der Selfie-Welt. Das dicke Ego.

Es ist ein Trend in der Gesellschaft. Je gleicher alles wird, desto mehr wollen sich die Leute voneinander abheben. Die Firmen wollen alle anders sein und Neues bieten. Anders ist besser hieß schon 2006 ein Buch des damaligen Porsche-Bosses Wendelin Wiedeking, der im Jahr danach 100 Millionen Euro verdiente, bis es zu seinem Absturz kam-

Was in den 1970-er Jahren die Parapsychologie schüchtern vertrat, die Kraft des Geistes, wird derzeit großmäulig und ungeniert vertreten und in den Dienst eines ego-istischen Ichs gestellt. So haben wir (Parapsychologen) das nicht gewollt; unser Streben richtete sich immer auf mehr Bewusstsein im Dienste einer guten Sache. Eine neue Welt, ja, das wäre schön. Neue Menschen auch. Hat auch der Kommunismus gewollt. Ist schiefgegangen.

Ein Kommentator zu den Dispenza-Büchern fragt auf Amazon entgeistert: Warum man ein neues Ich wolle, statt am alten weiterzuarbeiten? – Sollten wir uns nicht lieben? Warum das Alte wegfegen, das uns ja wohl ausmacht? Das passt zu dieser Gesellschaft, die die Vergangenheit verleugnet und nur in die Zukunft schaut. Auch ich habe als junger Mann das Buch Selbstbewusstsein lässt sich lernen von Peter Lauster studiert. Hat nichts gebracht. Auch die Neuwerdung eines Ichs durch Lipton und Dispenza wird nichts bringen. Nach anfänglichen Erfolgen wird man in alte Muster zurückfallen.

Ist das schlimm? Eine Neuprogrammierung von Jahrzehnte alten »Schaltungen«, was sich die Neurojunkies erträumen, wäre wirklich ein Wunder. Die Versprechungen der Neuro-Gurus sind unsittlich und fast kriminell. Da wird irgendwie von der Quantenwelt gefaselt, es werden dubiose Studien herangezogen und damit Hoffnungen geweckt. Es ist der Traum von der Machbarkeit, die Utopie von einem glücklichen Leben, indem man Barrieren wegsprengt und Festungen im Handstreich nimmt. Das muss zu Überforderung führen, und am Ende ist der Katzenjammer groß. Die Autoren werden immer sagen: Du hast nicht stark genug geglaubt; du hast einen Fehler gemacht.

Schauen wir in die Vergangenheit, was heute niemand mehr tut. Dale Carnegie (1888-1955) kam 1937 mit Wie man Freunde gewinnt heraus und legte 1948 Sorge dich nicht – lebe! Nach. 50 Millionen Bücher verkaufte der Mann. Vom Tellerwäscher zum Millionär, diesen Spruch kannten in der Nachkriegszeit alle. Der amerikanische Traum. Heute muss man ihn mit Neurologie und Esoterik verkaufen, aber das Ziel bleibt dasselbe: beliebt sein, glücklich, reich und einflussreich.Und wer das will, wird verführbar.

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